Prolog
„Natürlich sind sie in meiner Klasse auch wahlberechtigt – aber ich weiß echt nicht, wo ich bei diesem Thema mit ihnen anfangen soll...“ - ein Dilemma, in dem sich Lehrkräfte zum Beispiel an der Förderschule mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung häufig dann wiederfinden, wenn Wahlen anstehen. Was wissen meine Schülerinnen und Schüler schon über Politik? Wo erleben sie die Demokratie? Warum ist es nicht zu erwarten, dass sie das Konzept von demokratischen Wahlen verstehen lernen, wenn sie nur einmal im Jahr ihre Klassensprecherinnen und Klassensprecher wählen?
Die hier vorgestellten Unterrichtsvorschläge bieten einen Weg, Wahlen im Unterricht zu thematisieren und Demokratie lebendig und verstehbar werden zu lassen.
„Kann ich das Thema mit meiner Klasse überhaupt angehen...?“ – Das ist keine fiktiv gestellte Frage, wenn sich Lehrkräfte an Förderschulen mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung mit Themenfeldern aus dem Bereich der politischen Bildung konfrontiert sehen. Es ist vielmehr erlebte Realität.
Die meist intuitive Zurückhaltung und Skepsis lässt sich in der Regel auf zwei Ebenen erklären:
Zum einen kann eine Hürde darin bestehen, dass Lehrkräfte zwar im Rahmen von Projektarbeiten oder Themenwochen Inhalte politischen Lernens aufgreifen, sie aber darüber hinaus vor einer (ggf. fachfremden) fachlich fundierten und nachhaltig angelegten Aufbereitung im Unterricht eher absehen.
Zum anderen besteht ggf. eine Schwierigkeit in der Identifikation geeigneter Anknüpfungspunkte, welche ihren Schülerinnen und Schülern elementarisierte Lernzugänge zu politischen Fragen, Perspektiven der Teilhabe und Selbstbestimmung bieten können.
Letztere Aspekte stellen in Verschränkung mit einem inklusiven Lern- und Bildungsverständnis allerdings wichtige Leitziele dar, die neben einem mehrdimensionalen, bio-psycho-sozialen Verständnis von Behinderung der ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit der WHO) insbesondere in der Schule verwirklicht werden sollen (vgl. Fischer 2022, S.7).
Dem gegenüber steht die Gefahr einer vorgreifenden Bewertung von Fachbezügen und Inhalten, die als „zu komplex oder gar als inhaltlich unbedeutsam beschrieben“ werden (Schäfer 2022, 111f.).
Es hängt stark davon ab, wie weit Inhaltsfelder des politischen Lernens systematisiert und nachhaltig angeboten werden, damit die Lernenden im Prozess der Orientierung und Befähigung innerhalb ihrer Rolle als Akteure im politischen Raum adäquate Lernbegleitung erfahren.
Ein Beispiel: während Lehrkräfte grundsätzlich etablierte und erprobte Inhalte aus dem Bereich der Demokratiepädagogik (z.B. Wahl der Klassensprecherinnen und Klassensprecher, Thematisierung von Wahlen zu relevanten Zeitpunkten) im Unterricht verankern, liegt die Etablierung eines regelmäßig stattfindenden Klassenrates in der Verantwortung eines Klassenteams in Abhängigkeit von dessen demokratiepädagogischer Haltung (vgl. Schäfer 2022, 113).
Die Verantwortung umfasst auch die Auswahl von Themenfeldern, welche wichtige Grundlagen bilden und die Entwicklung von Teilkompetenzen fördern. Ein bloßes Bekenntnis zu demokratischen Strukturen oder die Behandlung politischer Lernfelder als „tagesaktuelle Randthemen“ führt nicht automatisch zu Kompetenzaufbau im Bereich politischen Lernens.
Die Tendenz zur Stärkung fachlicher Bezüge, wie Jöhnck sie am Beispiel des Stellenwertes politischer Bildung im Schwerpunkt Geistige Entwicklung darstellt (vgl. Jöhnck 2022, 76), ist auf der Grundlage implementierter Curricula der Bundesländer an den Schulen geebnet wie gebahnt und bietet wertvolle Ansätze zur unterrichtlichen Arbeit mit konkreten Lernideen für die einzelnen Fachzusammenhänge.
Die Lernmaterialien der Reihe einfach POLITIK bilden in diesem Zusammenhang einen sehr passenden Zugang, um Unterricht für Schülerinnen und Schüler mit besonderen Lernbedürfnissen mutig, fachlich fundiert und kreativ planen zu können.
Die beschriebene Verortung an der Förderschule mit Schwerpunkt Geistige Entwicklung mag auf den ersten Blick einen „Sonderfall“ darstellen, doch lässt sich eine grundlegende Frage aus einem inklusiven politischen Bildungsverständnis heraus auf andere Schulformen und Lernende übertragen: