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Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus

12.9.2007 | Von:
Elmar Theveßen

Virtueller Jihad

Die Bedrohung durch den islamistischen Terror in Deutschland und Europa

Absehbare Bedrohung

Seitdem halten Islamisten quer über den Kontinent auch Anschläge in Europa für gerechtfertigt. Es war und ist deshalb nur eine Frage der Zeit, bis auch in Deutschland Bomben explodieren. Die fehlgeschlagenen Attacken der Kofferbomber 2006 und die vereitelten Pläne der Terrorzelle aus Ulm und Saarbrücken 2007 sind deutliche Warnungen. So wie das Video, das im Juni 2007 im Internet auftauchte. Eine Aussendungsfeier von Absolventen der Terrorlager in Pakistan. Eine der Abteilungen sollte – das geht aus dem Band hervor – den Auftrag haben, nach Deutschland einzusickern, um dort Anschläge zu verüben. Die Sicherheitsbehörden waren alarmiert, weil immer mehr junge Muslime, unter ihnen viele Konvertiten, aus Deutschland in die Trainingslager reisen. Im ersten Halbjahr 2007 wurden in der Region 13 Terrorverdächtige mit deutschem Pass oder anderem Deutschlandbezug festgenommen, ein Teil von ihnen war auf dem Rückweg nach Europa.

Die Propaganda richtet sich immer stärker gegen die Bundesrepublik und das deutsche Engagement in Afghanistan. Die Medienkampagne von Taliban und Al-Qaida wird sogar in deutscher Sprache per Internet verbreitet. Wie eine Nachrichtensendung wandte sie sich an junge Männer in Deutschland selbst, um sie aufzustacheln. Zunächst zielten die Attacken noch auf deutsche Interessen in Afghanistan – zuletzt mit dem Selbstmordanschlag gegen Bundeswehrsoldaten in Kunduz, den Entführungen deutscher Staatsbürger und dem feigen Attentat auf die deutschen Polizeibeamten in Kabul.

Internet: Werkzeug und Propaganda-Medium

Das Internet ist zum wichtigsten Werkzeug der Al-Qaida für ihren heiligen Krieg geworden, denn es ist den Terroristen gelungen, die Funktion der Trainingslager in die virtuelle Welt zu übertragen. Durch das Internet wird bereits das Idealbild vorweggenommen, dass die selbsternannten Gotteskrieger in der Wirklichkeit mit Gewalt durchsetzen wollen: Eine virtuelle Ummah, eine weltumspannende islamische Idealgemeinschaft, an der jeder teilhaben kann, solange er Allah als seinen Gott anerkennt und gleichzeitig ein wenig Ahnung hat von Chatrooms, Modems und Message-Boards. Die Flut der Terrorpropaganda schwillt weiter an, dafür hat insbesondere der Irakkrieg gesorgt. In den vergangenen acht Jahren ist die Zahl der Internetseiten islamistischer Extremisten nach Angaben des Simon-Wiesenthal-Centers in Los Angeles von 12 auf 4.500 gestiegen.

Die Terroristen im Irak und in Afghanistan dokumentieren täglich dutzende ihrer Anschläge und stellen die Bilder ins World Wide Web: Ein Militärfahrzeug mit US-Soldaten fährt eine Straße entlang. Es folgt eine Explosion und das Fahrzeug wird zerrissen. Ein Panzer rollt auf eine Gasbombe. Explosion.. Ein US-Soldat steht am Straßenrand. Explosion.. Eine Rakete ist neben ihm eingeschlagen. Manchmal filmen die Terroristen hinterher noch die zerfetzten Körper und die herumliegenden Gliedmaße. Manchmal zeigen sie uns, wie einer von ihnen mit einem sprengstoffgefüllten Auto in einen Checkpoint rast.. Manchmal drehen sie Überfälle auf Häuser, Massenerschießungen von irakischen Polizisten, Enthauptungen ausländischer Geiseln. Und alle paar Wochen schneiden sie das grausame Material zu einem "Best of" zusammen, die Highlights des selbsternannten Widerstands im Irak.

Die Filme sollen jungen Muslimen weltweit wieder die doppelte Botschaft vermitteln: Wir tun was – in diesem Fall gegen die angebliche Unterdrückung von Muslimen im Irak. Und: Es ist cool mitzumachen, weil man der Supermacht Amerika endlich mal zeigen kann, wo es langgeht. Die Videos werden auf den sogenannten Dschihad- Webseiten oder in Chatrooms geparkt, so dass sie sich jeder Interessierte herunterladen kann. Mit im Angebot sind auch immer die passenden Lehrvideos für den heiligen Krieg: Man nehme zwei dünne, flexible Sprengstoffmatten, belege eine davon mit hunderten kleiner Metallkugeln. Dann wird die zweite Matte darauf gelegt und das Ganze an den Kanten rundherum säuberlich zugenäht. Man schiebe diese Sprengstoffplatte in eine Weste aus weißem Leinen. Dann wird noch der Zünder montiert. Auf dem Video sind sogar ein paar Probesprengungen mit der selbstgebastelten Weste für Selbstmordattentäter zu sehen. Ähnliche Anleitungen gibt es für den Bau von Rucksackbomben, Sprengfallen aller Art und auch für die Herstellung von chemischen und biologischen Kampfstoffen. Natürlich lassen sich die Baupläne als Schriftdatei herunterladen, z.B. für TATP, den Sprengstoff, den die Attentäter von London benutzten. Das Internet ist zu einer Art "Universität des Jihad" geworden.

Osama bin Laden, der sich in seiner Videobotschaft zum 9/11-Jahrestag im September 2007 im Internet als Globalisierungskritiker inszeniert, dürfte an dieser Entwicklung seine helle Freude haben. Das Internet mit seinem fehlenden Respekt vor Grenzen und ethnischen Unterschieden ist zu einem Sammelplatz für eine "Regenbogenkoalition von Jihadisten" geworden. Das klingt harmlos, aber in Wirklichkeit formiert sich da ja eine neue Generation von Mördern und Terroristen, die die Dynamik der Bewegung im Internet vorantreibt, aber gleichzeitig auch von ihr getrieben wird – weil die Jihad- begeisterte Masse nach neuen Heldentaten zum Herunterladen giert. Die Terrorverdächtigen aus Deutschland, die zum Islam konvertierten, sich per Internet radikalisierten und ihre Anschläge planten, sind nur das jüngste Beispiel dafür.

Literatur

Dieser Artikel basiert zum großen Teil auf bisherigen Veröffentlichungen des Autors. Vgl. Theveßen, Elmar: Terroralarm. Deutschland und die islamistische Bedrohung. Rowohlt 2005.

Vgl. Theveßen, Elmar: Schläfer mitten unter uns. Das Netzwerk des Terrors in Deutschland. Droemer 2004.

Vgl. Chivers, C.J. und David Rohde: Al Qaeda´s grocery lists and manuals of killing. In: New York Times vom 17.03.2002.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 2.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Deutschland" veröffentlicht.
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