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"Ein Korsett für Schwache"

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"Ein Korsett für Schwache" Interview mit Herfried Münkler

Prof. Herfried Münkler

/ 2 Minuten zu lesen

Wo liegt der Unterschied zwischen herkömmlichen und transnationalen Terrorismus und wer fühlt sich vom Islamismus angezogen? Herfried Münkler im Interview.

Prof. Herfried Münkler. (© Herfried Münkler)

Was ist das Charakteristische am transnationalen Terrorismus? Wie unterscheidet sich herkömmlicher Terrorismus vom transnationalen Terrorismus?

Die jüngeren Formen des Terrorismus werden meist als islamistischer Terrorismus bezeichnet – ich nenne diesen Terrorismus transnational. Transnationaler Terrorismus unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von den klassischen Formen des Terrorismus, also dem sozialrevolutionären, ethno-separatistischen oder nationalrevolutionären Terrorismus. Es gibt keinen spezifischen Adressaten mehr, der durch den Terrorismus dazu aufgerufen werden soll, sich der Terrorgruppe anzuschließen. Ziel der Terrorakte war die Mobilisierung von Anhängern und Sympathisanten. Die Strategie war, den Terrorismus in einen Massenaufstand in den Städten oder eine Guerillakriegsführung auf dem Land zu überführen. Ich habe diesen Adressaten früher einmal den zu "interessierenden Dritten" genannt, das können dann die Basken sein, oder die katholischen Iren, oder das Proletariat oder die Marginalisierten.

Dieser Dritte ist darum wichtig, weil seine Existenz zur Folge hat, dass nicht unspezifisch gebombt werden kann, aus dessen Kreisen darf ja keiner zu Schaden kommen. Das heißt, es gibt einen hohen Selektivitätszwang bei der Zielauswahl und darin unterscheidet sich der neue Terrorismus, der diese Selektivität nicht kennt. Wenn wir uns das überlegen, dann wäre ein Anschlag, wie der auf das World Trade Center, oder die Madrider Züge nicht denkbar. Das ist die fundamentale Differenz, das Verschwinden oder jedenfalls die Marginalisierung des Dritten.

Wer fühlt sich besonders vom Islamismus angezogen?

Gesellschaften, die auf der einen Seite zwar viel Sicherheit bieten, auf der anderen Seite aber nur geringe Gewissheiten - zumal im Glauben - sind gekennzeichnet durch Langeweile. Sie haben nichts Prickelndes zu bieten. Menschen, die diese Langeweile in besonderer Weise verspüren oder auf der Suche nach starken Glaubensgewissheiten sind, fühlen sich dann von Gruppierungen angezogen, die eine besonders fundamentale Religionsausübung verfolgen. Von Gruppierungen also, in denen das Element der Toleranz nicht so hoch gefahren ist, wie etwa im deutschen Protestantismus. Die Gewissheit des Glaubens erzeugt auch eine appellative Dimension des Handelns: Sie bietet so etwas wie ein Korsett für Schwache. Da hat der Islam zweifellos sehr viel mehr zu bieten als andere Religionen.

Wie nutzen Islamisten die Medien? Auf welche Wirkung setzen Islamisten?

Es gibt zum einen den Adressatenkreis der Menschen in den postheroischen Gesellschaften. Bei diesen soll vor allem Angst und Schrecken erzeugt werden, damit die Menschen Druck auf ihre Regierungen ausüben, bestimmte Entscheidungen zu treffen. Es gibt aber auch die Botschaft an reiche Personen in der islamischen Welt, die dadurch zu Spendenbereitschaft motiviert werden. Und es gibt sicherlich die Herausstellung der Organisation als einer, die etwas tut: Während viele nichts zu Stande bringen, schaffen wir es, unserem Hauptfeind – den Amerikanern – mal so richtig auf die Füße zu treten. Auch das ist eine bestimmte Botschaft mit entsprechenden Effekten.

Das Interview führte Hanna Huhtasaari beim Medienseminar "Terrorismus und Medien" der bpb am 20.09.2007 in Berlin. Sie ist Volontärin in der Online-Redaktion der bpb.

Fussnoten

Prof. Herfried Münkler lehrt Politische Theorie an der Humboldt-Universität in Berlin.