Obama

15.10.2010 | Von:
Ekkehard Felder

Einstieg

Ideologiefreie Sprache?

Wenn man unter Ideologie eine uneinheitlich gebrauchte "Bezeichnung für politische Ideengebäude unter Berücksichtigung ihres Ursprungs, ihrer Struktur, Wahrhaftigkeit oder Fehlerhaftigkeit und ihres Zusammenhangs mit politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen" (Kröner Wörterbuch der Politik 2004, S. 307) versteht, dann ist die Frage nach der Möglichkeit von ideologie-freien Positionen mit Sicherheit zu verneinen. Denn jeder Staatsform lagen und liegen Ideen zugrunde. Jede Positionierung in dieser Frage lässt also die politische und weltanschauliche Verankerung des jeweiligen Sprechers mit deutlich werden. Dies gilt auch für viele gesellschaftliche Debatten der Gegenwart. So erscheint zum Beispiel die Vokabel "Leitkultur" als ein Erkennungszeichen für ein konservativ geprägtes Weltbild (was immer dies genau bedeuten mag). Wer sich dieses Ausdrucks bedienen möchte, muss sich dessen bewusst sein und dem verbreiteten Sprachgebrauch entsprechend verhalten, um die gewünschte politisch-inhaltliche Positionierung vornehmen zu können. Auch dieses Beispiel zeigt: Die Worte, die Sprache sind kein neutrales Medium.

Aus sprachlicher Sicht stellt sich das Problem der Wahrheit oder Richtigkeit von daher unter dem Gesichtspunkt der Angemessenheit: ob also sprachliche Formulierungen dem referierten Sachverhalt, "der Sache" gerecht werden oder nicht. Neben inhaltlichen oder moralischen Aspekten (die hier keine Rolle spielen) geht es um die Frage, ob die Bezeichnungsweise angemessen ist. Und damit sind wir bei dem Phänomen, dass politische Wirklichkeit durch Sprache hergestellt wird, und bei der nicht unproblematischen Verwobenheit von Sprachgebrauch und Wirklichkeitsherstellung. Die Beurteilung des Sachverhalts selbst lässt sich nicht trennen von seiner Benennung (zumindest bei Abstrakta, selbst bei Konkreta wie der Berliner Mauer war dies – solange sie existierte – nicht möglich). Mit der Bezeichnung des Sachverhalts wird dieser gleichzeitig und unweigerlich in bestehende Denkschemata eingeordnet. Aus diesem Grunde können Wörter neben ihrer Funktion, Dinge und Sachverhalte der Welt zu benennen, auch als Erkennungszeichen für bestimmte Denk- und Wertehaltungen, Ideengebäude oder eben Ideologien erscheinen.

Dies ist aus kommunikativer und demokratietheoretischer Sicht kein grundlegendes Problem, sofern die Auseinandersetzung durch möglichst herrschaftsfreie Interaktion und Kommunikation gewährleistet ist (wie dies Habermas als kommunikativen Idealzustand postuliert, der so in der politischen Praxis allerdings nicht gegeben ist). Etwas vereinfacht – und außersprachliche Machtverhältnisse außer Acht lassend – könnte man formulieren: Wer die besten Argumente hat, wird sich im Diskurs schon durchsetzen. Und wenn sich keine Gruppierung durchzusetzen vermag, dann scheint es sich um einen Themenkreis zu handeln, der intersubjektiv nicht einheitlich beantwortet werden kann, weil die beteiligten Individuen bzw. Diskursteilnehmer beim jeweils anderen Standpunkt die eigenen Interessen und Ansichten nicht gebührend berücksichtigt sehen.

Fazit

Somit lassen sich die folgenden Schlussfolgerungen ziehen:

  1. In einer politisch strittigen Angelegenheit kann es keine letztinstanzliche Wahrheit geben. Jede inhaltliche Position ist in einem weltanschaulichen und kulturellen Ideengebäude verortet. Ob man dieses Ideengebäude als Ideologie bezeichnet oder nicht, ist dem individuellen Sprachgebrauch anheim gestellt (man muss allerdings um das negative Konnotationspotential des Wortes wissen, um Missverstehen zu vermeiden) und wird im Sprachgebrauch nach wir vor unterschiedlich gehandhabt. Fest steht nur: Sprache ist kein neutrales Medium! Eine politisch-inhaltliche Auseinandersetzung korrespondiert oft mit einem Streit um Worte, also um angemessene Bezeichnungen für die Sache.
  2. Wer von einer bestimmten Position überzeugt ist (und sie gegebenenfalls für die Wahrheit hält), muss seine Mitbürger davon überzeugen. Dabei ist zu beachten, dass schon die Wortwahl zur Bezeichnung dessen, worüber man spricht, eine bestimmte politische Verortung signalisieren kann. Das ist insofern kein Problem, als die Ausdrucksweise lediglich angemessen, die Argumentation jedoch plausibel sein muss. Ob dies der Fall ist, entscheiden die Zuhörer oder Leser.
  3. Es stellt sich nun die gesellschaftliche Aufgabe, Kommunikationsformen zu finden, an denen möglichst viele Diskursteilnehmer gleichberechtigt teilnehmen können. Das ist ein Ideal, das auf Grund unterschiedlicher Bildungsvoraussetzungen nicht zu realisieren ist. Wenn sich Bürger allerdings zu Interessengruppen zusammenschließen und dort rhetorisch begabte Mitstreiter finden, erhöhen sich die Chancen, gesamtgesellschaftlich (d.h. zum Beispiel in Medien) Gehör zu finden, also die eigene Position darlegen zu können.
  4. Ideologie und Sprache sind heute nicht mehr getrennt zu denken. Ideologiekritik sollte nicht länger die Illusion kultivieren, dass ein ideologie-unabhängiger Standpunkt möglich sei. Damit geht aber nicht die Forderung einher, dass Individuen in Gesellschaften nicht nach Wahrheiten streben sollten. Das Streben nach Wahrheit als unerreichbare Utopie ist Voraussetzung für ein Gemeinwesen, in welchem das zoon politikon (politische Lebewesen) sich für "seine Wahrheit" (d.h. Überzeugung) einsetzt. Viele Streiter für Wahrheiten sind Gewähr dafür, dass die Menschen ständig um das Bestmögliche bzw. höchste Gut (summum bonum) und die besten (Lebens-)Verhältnisse ringen. Wenn es diese Streiter für eine gute Sache nicht mehr gäbe, wäre eine Gesellschaft ideologie-frei und damit ohne Weltanschauung, Werte und Orientierung. Ideologien sind Sammelbecken für Ideen, die eine bessere Realität versprechen. Sie sind die Luft, ohne die wir nicht leben können. Wie "rein" die Luft ist, bleibt allerdings Verhandlungssache und der individuellen Beurteilung überlassen.
  5. Salopp formuliert heißt es oft: "An der Sprache erkennst Du die Denke." Diese Sentenz verweist darauf, dass ein bestimmter Sprachgebrauch Erkennungszeichen für eine bestimmte Denkhaltung sein kann. Im Kontext politischer Auseinandersetzung hat sich im öffentlichen Diskurs beispielsweise herausgeschält, dass Gentechnik-Befürworter den Ausdruck "Genveränderung" vorziehen, während Gentechnik-Gegner von "Genmanipulation" sprechen. Die Gegner wollen die abwertende Konnotation des Manipulationsbegriffs zur klaren Herausstellung ihrer Position nutzbar machen, während die Befürworter das gemeinsprachlich nicht vorbelastete Wort "Veränderung" gebrauchen. Somit kann ein Streit um die Sache auch eine Auseinandersetzung um die angemessene Benennung beinhalten (manchmal nur implizit, mitunter aber auch explizit). Und die Sprache selbst ist kein neutrales Medium, sondern "spricht" – metaphorisch ausgedrückt – in der Realitätsherstellung ihre je eigene Sprache.


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