Obama

15.7.2010 | Von:
Thorsten Eitz

Zehn Stigmavokabeln

Ausmerze

Der ursprünglich von Schafzüchtern im Sinne von "zur Zucht untaugliche Schafe aus einer Herde aussondern" gebrauchte Ausdruck Ausmerze erscheint um 1900 in Debatten über die Rassenhygiene als Gegensatzwort zu Auslese.

Die Bezeichnung Ausmerze als sozialdarwinistisches Programm (d.h. in der Übertragung des Prinzips der "natürlichen Zuchtwahl" auf menschliche Gesellschaften) sollte die gesetzlichen Maßnahmen der nationalsozialistischen Rassenpflege (d.h. die Eliminierung der sogenannten "rassenbiologisch minderwertigen Elemente") legitimieren. Sie ist wegen ihrer Funktion als zentrales Konzeptwort der NS-Ideologie und dem mit ihm verbundenen NS-Programm der Zwangssterilisationen und der "Ausrottung Minderwertiger" – anders als z.B. Euthanasie oder Auslese – eine nach 1945 tabuisierte und damit gemiedene Bezeichnung. In dieser speziellen historischen Bedeutung wurde und wird sie bis in die Gegenwart nur sehr selten, und wenn überhaupt dann nahezu immer in zitierender Weise verwendet.

Die Ausdrücke ausmerzen und Ausmerzung dagegen wurden nach 1945 durchweg als nicht belastet wahrgenommen und in ihrer früheren Bedeutung "tilgen, ausrotten, eliminieren" problemlos weiterverwendet. Dies führte wohl auch dazu, dass die NS-Bedeutungsfacette in deutschen Wörterbüchern nicht belegt ist. Bis heute finden sich lediglich – anders als z.B. bei lebensunwertes Leben – punktuelle Thematisierungen bzw. Instrumentalisierungen des nationalsozialistischen Sprachgebrauchs in den verschiedensten gesellschaftspolitischen Kontexten.


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