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15.7.2010 | Von:
Thorsten Eitz

Zehn Stigmavokabeln

Endlösung (der Judenfrage)

Endlösung der Judenfrage ist eine Intensivbildung des seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts gebräuchlichen politischen Schlagwortes Lösung der Judenfrage. Sie war eine verschleiernde Tarnbezeichnung für den von den Nationalsozialisten systematisch geplanten und vollzogenen Genozid an den Juden Europas. Im amtlichen Schriftverkehr der Nationalsozialisten wurde Endlösung ab Frühjahr 1941 gebräuchlich – zunächst als Umschreibung für die zwangsweise Umsiedlung, dann für die Vernichtung des jüdischen Volkes.

Nach 1945 wurde der organisationsinterne Terminus Endlösung (der Judenfrage) durch die Nürnberger Prozesse öffentlich bekannt und etablierte sich in den kommenden Jahrzehnten in der Folge der Berichterstattung über die NS-Prozesse als Chiffre für den nationalsozialistischen Völkermord. Dennoch wurde der Ausdruck Endlösung auch "neutral" verwendet. Er knüpfte dann an ältere Verwendungstraditionen in anderen Kontexten an ohne seinen spezifischen geschichtlichen Verweischarakter – wie z.B. Mitte der fünfziger Jahre in der Diskussion über die Saarfrage.

Ab Mitte der fünfziger und dann intensiv ab Ende der siebziger Jahre bis in die Gegenwart wird der Ausdruck Endlösung als eine den Genozid instrumentalisierende Vorwurfsvokabel in verschiedenen Kontexten zunehmend inflationär eingesetzt - etwa in der Debatte um die Oder-Neiße-Grenze ["Oder-Neiße-Linie eine 'Endlösung' der Nationalitätenfrage in Europa", DIE ZEIT, 16.8.1956], in der Übertragung auf andere aktuelle Völkermorde ["Endlösung für das Kosovo-Problem", TAZ, 13.4.1999], in der Auseinandersetzung um die Atomkraft ["Endlösung von tödlichem Abfall", DER SPIEGEL, 13, 26.3.1979], in den Diskussionen um die Wiedergutmachung an Fremdarbeitern ["biologischen Endlösung", TAZ, 29.11.1986] oder im Aidsdiskurs ["Endlösung für AIDS-Betroffene", TAZ, 21.5.1987].


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