Obama

15.7.2010 | Von:
Thorsten Eitz

Zehn Stigmavokabeln

Gestapo

Im Berliner Erinnerungsort "Topographie des Terrors" sind Bilder der Opfer von Gestapo und SS zu sehen. Foto: APIm Berliner Erinnerungsort "Topographie des Terrors" sind Bilder der Opfer von Gestapo und SS zu sehen. (© AP)

Das Abkürzungswort Gestapo (aus Geheime Staatspolizei gebildet) bezeichnet die 1933 zunächst in Preußen, später im ganzen Deutschen Reich eingerichtete politische Polizei der Nationalsozialisten. Ihre Aufgabe war es, alle Bestrebungen, die auf einen Umsturz zielten, zu untersuchen und zu bekämpfen. Hierzu führte sie ohne richterliche Kontrolle Hausdurchsuchungen durch, nahm Menschen in "Schutzhaft", wies sie in Konzentrationslager ein, folterte und mordete. In den Konzentrationslagern war sie für die Vernehmung der Inhaftierten zuständig, stellte Personal für die Einsatzgruppen und war an der Deportation der Juden beteiligt.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Gestapo im Nürnberger Prozess als verbrecherische Organisation wegen ihrer Beteiligung am Holocaust verurteilt und damit verboten. Spätestens seit 1945 gilt die Bezeichnung Gestapo als belastete Vokabel und steht als Chiffre für das totalitäre Terrorsystem der Nationalsozialisten. Nach 1945 wurde das negative semantische Potenzial des Ausdrucks in Vergleichen mit der Institution Gestapo, ihren Methoden oder ihrem Personal ausgenutzt. Als Vorwurfsvokabel wurden Gestapo-Vergleiche zum einen im Kalten Krieg gegenüber der SBZ/DDR und dem ehemaligen Ostblock, zum anderen ab den fünfziger Jahren vorwiegend innenpolitisch in verschiedenen Diskursen instrumentalisiert und ab den fünfziger Jahren kritisch diskutiert.

Die innenpolitische Vergleichspraxis hatte ihre Intensitätsphasen insbesondere während Auseinandersetzungen über den Verfassungsschutz in den fünfziger Jahren, in den öffentlichen Kontroversen während und nach der sogenannten SPIEGEL-Affäre Anfang der sechziger Jahre, der Terrorismusdebatte der siebziger Jahre und ab 1989 in den Debatten über die Vergleichbarkeit von Stasi und Gestapo. Während es hierbei wenigstens teilweise inhaltlich um warnende Institutionenvergleiche ging, wird ab den achtziger Jahren Gestapo inflationär als polemische Vorwurfsvokabel und Schimpfwort verwendet, und dies wird öffentlich als eine die NS-Verbrechen relativierende und verharmlosende Vergleichspraxis kritisiert.


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