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15.7.2010 | Von:
Thorsten Eitz

Zehn Stigmavokabeln

Gleichschaltung

Propoganda-Plakat der Nationalsozialisten zur "Gleichschaltung" der Länder. Foto: BundesarchivPropoganda-Plakat der Nationalsozialisten zur "Gleichschaltung" der Länder. (© Bundesarchiv, Plak 003-003-026, Grafiker Werner Beucke)
Der ursprünglich aus dem Fachwortschatz der Elektrotechnik stammende Ausdruck Gleichschaltung bezeichnet die unmittelbar nach der "Machtergreifung" und dem Erlass des Ermächtigungsgesetzes eingeleiteten administrativen Maßnahmen der Nationalsozialisten, um ihre Alleinherrschaft zu sichern. Alle Institutionen und Organisationen des Deutschen Reiches sollten an die nationalsozialistische Ideologie angepasst und an ihre Strukturen angegliedert werden. In dieser Bedeutung taucht das Wort zuerst im am 31.3.1933 erlassenen "Vorläufigen Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich" und im "Zweiten Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich" vom 7.4.1933 auf. Mit dem Erlass dieser beiden Gesetze wurde es im allgemeinen politischen Sprachgebrauch üblich und schnell zu einem oft verwendeten Schlagwort.

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs verfügte das Gesetz Nr. 2 des Alliierten Kontrollrates am 10.10.1945 die Auflösung der NSDAP und aller ihr angeschlossenen, d.h. gleichgeschalteten Organisationen und Verbände. Der Ausdruck Gleichschaltung galt – nicht zuletzt wegen seiner Verwendung in der Anklageschrift im Nürnberger Prozess – als belastete Geschichtsvokabel, die nicht selten durch den Gebrauch von Distanzmarkern wie Anführungszeichen oder sogenannt als solche kenntlich gemacht wurde. In dieser Bedeutung ist der Ausdruck bis heute im Diskurs über die Vergangenheitsbewältigung gebräuchlich. Daneben wird er seitdem in den vielfältigsten Kontexten zwar negativ im Sinne von "unter Zwang auf eine einheitliche Linie bringen", aber auch ohne NS-Belastung gebraucht.

Bemerkenswert ist, dass der Ausdruck Gleichschaltung – anders als andere zentrale Vokabeln des Nationalsozialismus – bis heute nicht sprachlich thematisiert und nur selten warnend bzw. in impliziten wie expliziten NS-Vergleichen verwendet wurde.


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