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15.7.2010 | Von:
Thorsten Eitz

Zehn Stigmavokabeln

Patriotismus

Deutsche Flaggen bei einem Sport-EventSchwarz-Rot-Goldenes Fahnenmeer: Spätestens seit der Fußball-WM 2006 gilt Patriotismus wieder als Hochwertvokabel. (© AP)
Der Ausdruck Patriotismus bezeichnet eine positive, manchmal auch unkritische und übertrieben stolze emotionale Einstellung dem eigenen Land (Vaterlandsliebe, Nationalgefühl, vaterländische Gesinnung), dessen Geschichte, Werten, Sprache und Traditionen gegenüber.

Während der NS-Zeit wurde die Verwendung des Wortes Patriotismus vermieden und durch das für die nationalsozialistische Ideologie zentrale Schlagwort Volksgemeinschaft abgelöst. Da die mit Patriotismus bezeichnete Gesinnung aber als ursächlich für das NS-Regime und den Krieg galt, wurde der Ausdruck nach 1945 in der Bundesrepublik und mit Bezug auf Deutsche eine belastete, mit Nationalismus gleichgesetzte und weitgehend tabuisierte Stigmavokabel. Frühe Versuche einer Rehabilitierung bzw. Neudefinition konnten sich zunächst nicht durchsetzen, da es die geschichtliche Erfahrung unmöglich machte, an eine ältere, vermeintlich neutrale Verwendungstradition des Ausdrucks Patriotismus anzuknüpfen. Er wurde sie bis in die fünfziger Jahre parteiübergreifend als Vorwurfsvokabel verwendet, um der Befürchtung Ausdruck zu verleihen, Deutschland könne erneut zu einer Bedrohung werden. Ab Mitte der fünfziger Jahre begann sich im Kontext mit den Auseinandersetzungen um den Widerstand gegen den Nationalsozialismus allmählich ein positiveres Verständnis sowohl der politischen Haltung als auch der Bezeichnung Patriotismus herauszubilden. In den sechziger Jahren war die Vokabel vor allem deshalb brisant und umstritten, da die NPD den Ausdruck Patriotismus als Fahnenwort verwendete.

Von zentraler Bedeutung ist der Ausdruck Patriotismus wie auch Verfassungspatriotismus seit den achtziger Jahren in den bis heute andauernden gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen um das bundesdeutsche Selbst- und Geschichtsverständnis, vor allem nach dem Regierungswechsel 1982, im Historikerstreit 1986/87, im Kontext der Wiedervereinigung 1989/1990, in der Auseinandersetzung über die Zuwanderungs- und Integrationspolitik, der sogenannten Leitkulturdebatte ab 2000 und nicht zuletzt in den Patriotismus-Debatten im Wahlkampf 2004 und anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Spätestens seit Ende der achtziger Jahre wurde der Ausdruck als politisches Schlagwort inflationär und teilweise neutral verwendet. Seit Mitte der neunziger Jahre wird er zunehmend als Fahnenwort, seit 2006 als Hochwertvokabel verwendet.


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