Obama

15.7.2010 | Von:
Thorsten Eitz

Zehn Stigmavokabeln

Selektion/selektieren

Der Ausdruck Selektion/selektieren steht – neben seiner "traditionellen" Gebrauchsweise als Fachsprachenterminus der Biologie und Pädagogik im Sinne von "Zuchtwahl/Auswahl" bzw. als alltagsprachlicher Ausdruck mit der allgemeinen Bedeutung "Auswahl" – seit Mitte der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts auch (oft mit dem Zusatz an/auf der Rampe) für die von den Nationalsozialisten in den Konzentrations- bzw. Vernichtungslagern durchgeführte "Absonderung" der Häftlinge. Selektion an/auf der Rampe bedeutete, dass die Häftlinge nach ihrer Ankunft in den Lagern vom Lagerpersonal – vorwiegend KZ-Ärzten – nach ihrer "Arbeitsfähigkeit" aufgeteilt wurden. Die "nicht-arbeitsfähigen" Häftlinge wurden gefoltert, erschossen oder in den als Bade-, Dusch- oder Inhalationsanlagen getarnten Gaskammern mit Zyklon B vergast, während die als "arbeitsfähig" eingestuften Inhaftierten zum "erschöpfenden Arbeitseinsatz", d.h. zur Zwangsarbeit gemäß dem Programm "Vernichtung durch Arbeit" in die Lager verbracht wurden. Anders als die für die nationalsozialistische Ideologie zentralen Vokabeln Auslese und Ausmerze war der Ausdruck Selektion/selektieren kein offizieller Terminus der Nationalsozialisten.

Mit der ab den sechziger Jahren einsetzenden gesellschaftspolitischen bzw. juristischen Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen avancierte der Ausdruck Selektion/selektieren zum bis heute gebrauchten Schlagwort, in dem die menschenverachtende industrialisierte Massenvernichtung von Menschen durch die Nationalsozialisten komprimiert wurde. Er wird – wenngleich kein "offizieller" NS-Terminus, so doch als Vokabel der Täter bzw. der Verbrechens-Bezeichnungen – seit den späten siebziger Jahren in verschiedenen gesellschaftspolitischen Kontroversen als impliziter wie expliziter NS-Vergleich – z.B. in der Berichterstattung über den bundesdeutschen Terrorismus, in der Bildungsdebatte, in den Auseinandersetzungen über Abtreibung, Sterbehilfe, Stammzellenforschung Pränataldiagnostik – instrumentalisiert bzw. als solcher kritisiert.


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