Obama

15.7.2010 | Von:
Thorsten Eitz

Zehn Stigmavokabeln

Wehrmacht

Tabu gebrochen: Bis heute wirken die Kontroversen um die sogenannte Wehrmachtsausstellung nach. Foto: APTabu gebrochen: Bis heute wirken die Kontroversen um die sogenannte Wehrmachtsausstellung nach. (© AP, Austellung Wehrmacht)
Der Ausdruck Wehrmacht bezeichnete im öffentlichen Sprachgebrauch der Weimarer Republik als Oberbegriff alle Streitkräfte des Deutschen Reiches. Mit dem am 16.3.1935 von den Nationalsozialisten unter Missachtung des Versailler Vertrages verkündeten Wehrgesetz, das die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht im Deutschen Reich vorsah, wurde zugleich die bis dahin gültige Weimarer Bezeichnung Reichswehr durch den Ausdruck Wehrmacht als amtliche Bezeichnung für die deutschen Streitkräfte ersetzt.

Nach 1945 wurde der Ausdruck Wehrmacht trotz der militärischen Niederlage und der Beteiligung der Wehrmacht an Vernichtungskrieg und den Verbrechen der Nationalsozialisten einerseits als neutrale Gattungsbezeichnung in der Bedeutung "Streitkräfte" wie bereits vor 1933 verstanden und gebraucht. Andererseits wurde die seit 1935 gültige Eigenbezeichnung Wehrmacht, in der bis 1945 ein beträchtlicher Teil der männlichen Bevölkerung "gedient" hatte und die in der Öffentlichkeit als "ehrenhaft kämpfend" und unbeteiligt an den NS-Verbrechen galt, zunächst völlig unproblematisch und als nicht belastet angesehen weiter verwendet. Trotz dieser Unbelastetheit stand der Ausdruck in den fünfziger Jahren im Zentrum der Kontroverse um die Bezeichnung der neu zu bildenden Streitkräfte, in denen der Name Wehrmacht durchgängig favorisiert wurde. Die letztliche Ablehnung und Entscheidung für die Bezeichnung Bundeswehr wurde explizit nicht mit einer NS-Belastung des Ausdrucks begründet, sondern damit, dass ein Neuanfang der Streitkräfte, deren defensiver Charakter dokumentiert und eine Verbindung mit Ausdrücken wie Bundeskanzler oder Bundesregierung hergestellt werden sollte.

Erst seit den achtziger Jahren wurde die Bezeichnung in den Kontroversen über die Frage, inwieweit die Wehrmacht in die Verbrechen der Nationalsozialisten involviert war, zunehmend negativ verwendet. Besonders erregt debattiert wurde sie und damit die Bezeichnung Wehrmacht durch die äußerst umstrittene Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Bis heute wirken die Kontroversen um die sogenannte Wehrmachtsausstellung nach. Spätestens seit 1995 ist das Tabu der als "sauber" angesehenen Wehrmacht gebrochen und gilt der Ausdruck Wehrmacht als belastete Stigmavokabel im geschichtspolitischen Diskurs der Bundesrepublik.


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