Obama

15.10.2010 | Von:
Cornelia Schmitz-Berning

Vokabeln im Nationalsozialismus

fanatisch, Fanatismus

"sich unbedingt, rücksichtslos einsetzend" (Duden, 1941).

Worttyp: Schlüsselwort des NS, umgewertet, enorme Frequenzsteigerung.
Fanatisch bezeichnete ursprünglich mit stark negativer Wertung religiöse Schwärmerei. Vgl. den Eintrag in Campes Verdeutschungswörterbuch, 1808: "Fanatism... die Glaubensschwärmerei, die Glaubenswuth. Diese äußert sich durch Vernunftscheu so wie gewöhnliche Tollheit durch Wasserscheu." [20] In den französischen nachrevolutionären Meinungskämpfen warfen die Parteien einander Fanatismus vor; der nach wie vor pejorative Ausdruck verlor so seinen ausschließlich religiösen Bezug. Zu den wenigen, die "Fanatismus" positiv verwendeten, gehörte Rousseau: "In all seiner Blutgier und Grausamkeit ist nämlich der Fanatismus eine große und starke Leidenschaft, die das Herz des Menschen erhebt, die ihn den Tod verachten läßt, die ihm mächtigen Schwung verleiht." [21"] Eine breite positive Umwertung von fanatisch begann offensichtlich erst mit Adolf Hitler, von dem auch der NS-charakteristische inflationäre Gebrauch von fanatisch ausging. Hitler schreibt von sich: "In kurzer Zeit war ich zum fanatischen Deutschnationalen geworden." [22] "Ich war vom schwächlichen Weltbürger zum fanatischen Antisemiten geworden." [23] Seine Grundthese ist: "Die Überzeugung vom Recht der Anwendung selbst brutalster Waffen ist stets gebunden an das Vorhandensein eines fanatischen Glaubens an die Notwendigkeit einer umwälzenden neuen Ordnung dieser Erde." [24] Nur Nationalsozialisten sollte Fanatismus als auszeichnendes Attribut zugesprochen werden. Deshalb wurde noch 1941 in 'Mein Kampf' z. B. ein auf die Juden in Rußland bezogenes fanatisch durch "satanisch" ersetzt. [25]



gesundes Volksempfinden


für einen durch Gesetz vom 28.6.1935 neu eingeführten Rechtsgrundsatz.

Worttyp: feste Wendung mit zusätzlicher NS-Bedeutung.
Schon 1933 wird in einer 'Denkschrift des Preußischen Justizministers über das künftige nationalsozialistische Strafrecht' das gesunde Volksempfinden als Grundlage für richterliche Entscheidungen beansprucht. Am 24.1.1935 erläutert ein Jurist im 'Berliner Tageblatt' die neue Rechtsmaxime: "Im Mittelpunkt des nationalsozialistischen Strafrechts steht ...das freie richterliche Ermessen und das gesunde Volksempfinden. Dieses wird höher bewertet als das formale Recht." [26] Durch das 'Gesetz zur Änderung des Strafgesetzbuches' vom 28.6.1935 findet gesundes Volksempfinden Aufnahme in die offizielle Gesetzessprache: "§ 2 Bestraft wird, wer eine Tat begeht, die das Gesetz für strafbar erklärt oder die nach dem Grundgedanken eines Strafgesetzes und nach gesundem Volksempfinden Bestrafung verdient." [27] Der spätere Präsident des Volksgerichtshofs Freisler gibt dem schwammigen Rechtsbegriff die maßgebliche nationalsozialistische Interpretation: "Hier muß der Richter zunächst sich hüten vor der Verwechslung eines tatsächlichen Volksempfindens mit dem gesunden Volksempfinden ... Ob das Empfinden gesund ist, das muß an Hand der Maßstäbe und Leitsätze geprüft werden, die der Führer selbst in wichtigen Lebensfragen des Volkes vielfach dem Volke gegeben hat." [28] "Denn den Charakter des Reiches bestimmt allein der Führer." [29] Damit wird die Teilung der Gewalten auch im Strafrecht aufgehoben und der Richter legitimiert, nach eigenem Ermessen den üblichen Strafrahmen bis hin zur Todesstrafe zu überschreiten.




Hitlerjugend


Bezeichnung für:
  1. die Jugendorganisation der NSDAP
  2. eine Untergliederung der Hitlerjugend, meist abgekürzt HJ, für Jungen von 14 bis 18 Jahren
Worttyp: neugebildeter Organisationsname
Die erste Gruppe, die den Namen Hitlerjugend führte, war eine der NS-Jugendgruppierungen, die in der sog. Verbotszeit entstanden waren – also der Zeit nach dem Verbot der NSDAP infolge des gescheiterten Hitlerputsches. Nach Hitlers Neugründung der NSDAP im Jahr 1925 wurde aber eine andere dieser Gruppierungen, die "Großdeutsche Jugendbewegung", als Jugendorganisation der Partei anerkannt. Auf Antrag des Gauleiters Streicher erhielt sie 1926 auf dem ersten Reichsparteitag nach der Neugründung der NSDAP den Namen Hitler-Jugend. 1936 verkündete der Reichsjugendführer Baldur v. Schirach aus Anlass des "Gesetzes über die Hitlerjugend": "Der Führer, dessen Namen wir mit Stolz und Ehrfurcht tragen, hat soeben ein Gesetz unterschrieben, das uns für alle Zukunft mit seiner Person verbindet und mit seinem nationalsozialistischen Staat verknüpft." [30] Die obersten Erziehungsziele der HJ entsprachen Hitlers pädagogischen Prinzipien: körperliche Ertüchtigung als vormilitärische Ausbildung und weltanschauliche Schulung als Einweisung in die nationalsozialistische Volksgemeinschaft. Durch die Jugenddienstverordnung vom 25.3.1939 wurde die Zugehörigkeit zur Hitlerjugend endgültig verpflichtend. "Der Dienst in der Hitler-Jugend ist Ehrendienst am Deutschen Volke. Alle Jugendlichen vom 10. bis zum vollendeten 18. Lebensjahr sind verpflichtet, in der Hitlerjugend Dienst zu tun, und zwar die Jungen im Alter von 10 bis 14 Jahren im 'Deutschen Jungvolk' (DJ) Die Jungen im Alter von 14 bis 18 Jahren in der 'Hitler-Jugend' (HJ). Die Mädchen im Alter von 10 bis 14 Jahren im 'Jungmädelbund' (JM). Die Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren im 'Bund Deutscher Mädel' (BDM)." [31]




Kulturschaffende (Pl.)


Sammelbezeichnung für alle im Bereich der Kunst Tätigen, die in der Reichskulturkammer organisiert waren.

Worttyp: NS-Neubildung.
Das Neuwort, überwiegend in der Pluralform vorkommend, entstand wohl infolge der Errichtung der Reichskulturkammer aufgrund des Gesetzes vom 22.9.1933, das aber selbst den Ausdruck nicht enthält. Meyers Lexikon erläutert später: "Die Reichskulturkammer ... ist die berufsständische Zusammenfassung und Gliederung der Kunstschaffenden im Großdeutschen Reich...Mitglied der zuständigen Einzelkammer muß jeder sein, der bei der Erzeugung, der Wiedergabe, der geistigen oder technischen Verarbeitung, der Erhaltung, dem Absatz oder der Vermittlung des Absatzes von Kulturgut mitwirkt." [32] Nach dem Tod Hindenburgs unterstützte 1934 ein "Aufruf der Kulturschaffenden" die Volksabstimmung zur Vereinigung der Ämter des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten in der Person Hitlers. Darunter war auch der Künstler Ernst Barlach. Er schrieb darüber in einem Brief: "Ich habe den Aufruf der 'Kulturschaffenden' mitunterschrieben" [33], Kulturschaffende in Anführungsstrichen, der nationalsozialistische Funktionärsausdruck war ihm wohl (noch) nicht geläufig. 1937 schreibt der Abteilungsleiter im Propagandaministerium H. Hinkel: "Im Schmelztiegel des nationalsozialistischen Gedankengutes wurde durch die Reichskulturkammer und in ihr die lang ersehnte Gemeinschaft aller Kunst- und Kulturschaffenden geboren. Diese Gemeinschaft steht mitten im Volk und das Volk um sie! Daß dies alles so werden konnte, verdankt das ganze deutsche Volk seinem Führer Adolf Hitler, dem Schöpfer des Nationalsozialismus, dem ersten Künstler unserer Nation." [34] Nach 1945 blieb der Ausdruck - im Ganzen eher selten - im Westen als Synonym für 'Künstler' vor allem in der Presse und in Festreden im Gebrauch. In der ehemaligen DDR war 'Kulturschaffende' ein Element des offiziellen Sprachgebrauchs und gehörte in die Reihe der "inflationär" auf "-schaffende" gebildeten Berufsgruppenbezeichnungen wie: "Bau-, Buch-, Beat-, Fernseh-, Film-, Geistes-, Kultur-, Kunst-, Theaterschaffende", die sich wie 'Bauschaffende' nicht immer nur auf kreative Berufe bezogen. [35]




Verdunkelungsverbrechen


Straftat unter Ausnutzung der Verdunkelung.

Worttyp: NS-Neubildung.
Paragraph 2 der Verordnung gegen Volksschädlinge vom 5. September 1939 bedrohte Verbrechen oder Vergehen gegen Leib, Leben oder Eigentum unter Ausnutzung der zur Abwehr von Fliegergefahr getroffenen Maßnahmen mit Zuchthaus und in besonders schweren Fällen mit der Todesstrafe. In der Wortgeschichte von Maurer/Stroh (1943) hält W. Linden in dem Kapitel 'Aufstieg des Volkes' fest: " ... zu verdunkeln und Verdunkelung entstehen Verdunkelungssünder (wer die Vorschriften der Verdunkelung nicht erfüllt) und Verdunkelungsverbrecher (wer die V. zu Straftaten ausnützt)." [36] "In den Prozeßberichten waren irgendwelche Erklärungen über die näheren Umstände der Straftaten und darüber, daß die eine Tat als Verdunkelungsverbrechen besonders schwer bestraft werden mußte, nicht enthalten. Mit Verwunderung wurde daher in der Bevölkerung die Frage aufgeworfen, warum der eine wegen 25 Pfg. 12 Jahre Zuchthaus erhielt, während der andere wegen Tötung eines Menschen nur mit 8 Jahren Zuchthaus bestraft worden ist." [37] "Aber auch jeder andere Täter, der seine Verbrechen unter Ausnutzug der Kriegsverhältnisse begeht, tritt damit zum Feinde über. Seine treulose Gesinnung und seine Kampfansage verdienen daher strengste Strafen. Ganz besonders gilt dies jedoch für den feigen Verdunkelungsverbrecher." [38]


Fußnoten

20.
Wörterbuch zur Erklärung u. Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremdem Ausdrücke, 2. verb. Aufl., Graetz 1808 (zuerst 1801), S. 6 f.
21".
J. J. Rousseau (1712-1778): Emile oder über die Erziehung. Hg. M. Rang. Reclam 1964, 4. Buch, S. 636.
22.
Mein Kampf, S. 10 f.
23.
Mein Kampf, S. 69
24.
Mein Kampf, S. 597.
25.
Mein Kampf, 820. Aufl. 1943, S. 358.
26.
Prof. Dahm, zitiert in: Blick in die Zeit, 3/17. 5. 1935, S. 5.
27.
RGBl. 1, 1935, S. 839.
28.
Volk, Richter, Recht. In: Deutsche Justiz, 97/1935, S.1168.
29.
Deutsche Justiz, 100/11. 3. 1938, A, S. 365.
30.
Zit. in: NS-Monatshefte, 8/1937, S. 59.
31.
RGBl. 1, 6. 1939, S. 710.
32.
Meyers Lexikon, Bd. 9, 1942, S. 221 f.
33.
Zitiert in: E. Piper: Nationalsozialistische Kulturpolitik, 1987, S. 113.
34.
Handbuch d. Reichskulturkammer, Geleitwort, 1937, S. 11.
35.
B. Wolf: Sprache in der DDR. Ein Wörterbuch. Berlin, New York 2000, S. 134, S. 195.
36.
Maurer/Stroh: Aufstieg des Volkes, 1943, Bd. 2, S. 400.
37.
Meldungen aus dem Reich, Nr.58, 26. 2. 1940, Bd.3, S. 812 f.
38.
Richterbriefe - Mitteilungen d. Reichsministers d. Justiz - Nr. 2, 1.10. 1942. In: Richterbriefe, hg. v. H. Boberach, 1975, S. 9 f.

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