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3.3.2008 | Von:
Joachim Scharloth

Revolution der Sprache?

Die Sprache der 68er

Der Kommunikationsstil im hedonistischen Selbstverwirklichungsmilieu

Rainer Langhans und Fritz Teufel: lange Haare und Vollbart als sichtbares Zeichen für eine un- angepasste Lebensform.Rainer Langhans und Fritz Teufel: lange Haare und Vollbart als sichtbares Zeichen für eine unangepasste Lebensform (© AP)
In den Kommunen wurde die kommunikative Unordnung in den Alltag integriert. Für ihre Mitglieder lag in der radikalen Veränderung von Lebenspraxen, in der Revolutionierung des Alltags und der "Revolutionierung des bürgerlichen Individuums" (so der programmatische Titel der Dokumentation der Kommune 2 zu ihrem Wohnexperiment) das eigentliche Ziel der Revolte. Und so entwickelte sich in den Kommunen ein alternativer Lebensstil, der sich in seiner Kultivierung von Unordnung deutlich vom Lebensstil der Mehrheitsgesellschaft, aber auch häufig von den Formen der studentischen Aktivisten unterschied.

Diese Unordnung zeigte sich zum einen in der Inszenierung des Körpers. Auch Männer trugen die Haare lang und der in den 1960er Jahren gesellschaftlich geächtete Vollbart wurde zu einem wichtigen Erkennungszeichen für unangepasste Lebensformen. In ihrer Kleidung kombinierten Kommunarden – inspiriert durch die Hippie-Mode – Selbstgemachtes und Altes aus dem elterlichen Kleiderschrank oder dem Second-Hand-Laden wild durcheinander zu einer bunten Collage aus allen erdenklichen Farben und Stilen. Mit der legeren Kleidung wurden auch die Körperhaltungen informeller: Man saß demonstrativ entspannt und legte Füße auf Tische, Sitzflächen und Polster. Das Sitzen auf dem Boden wurde zum Symbol des Lebens in den Kommunen, in denen auf dem Boden liegende Matratzen zum zentralen Möbelstück gerieten. Auch das Verhältnis zum Körper der anderen kam in Unordnung: körperliche Nähe, auch gegenüber kaum bekannten Menschen, wurde zu einem Merkmal des Kommunemilieus: die persönliche Schutzzone wurde gegenüber Berührungen durchlässiger und ermöglichte neue Beziehungsmuster und neue Formen der Sexualität.

APO-PRESS-Kommune (1967): Auf St. Pauli in Hamburg lebte die erste Pressekommune Deutschlands. Im Keller produzierte die Kommune ihre dem SDS nahestehende Publikation.APO-PRESS-Kommune (1967): Auf St. Pauli in Hamburg lebte die erste Pressekommune Deutschlands. Im Keller produzierte die Kommune ihre dem SDS nahestehende Publikation. (© Günter Zint)
Mit diesem Lebensstil korrespondierte ein Kommunikationsstil, der durch Informalität, Emotionalität, Subjektivität und Vagheit geprägt war. In den erhaltenen Gesprächsprotokollen aus Kommunen finden sich beispielsweise – anders als in Gesprächsprotokollen aus den universitären Milieus – für die gesprochene Sprache typische Verkürzungen durch Laut- oder Silbenweglassungen: "was" statt "etwas", "ne" statt "eine" oder "weißte" statt "weißt du". Diese sprechsprachlichen Phänomene finden sich auch in den Protokollen wieder, was ein Beleg dafür ist, dass sie absichtlich zur Stilisierung von Informalität eingesetzt wurden.