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3.3.2008 | Von:
Joachim Scharloth

Revolution der Sprache?

Die Sprache der 68er

Der Kommunikationsstil der intellektuellen Avantgarden

Ganz anders klangen dagegen die Gespräche in den studentisch geprägten politischen Verbänden und den politischen Clubs. Schon äußerlich unterschieden sich die Aktivisten deutlich von ihren Mitstreitern aus den Kommunen.
Sprache als zentrales Medium der Unterscheidung: SDS-Aktivist Jürgen Krahl während der Frankfurter Uni-Besetzung 1968.Sprache als zentrales Medium der Unterscheidung: SDS-Aktivist Jürgen Krahl während der Frankfurter Uni-Besetzung 1968. (© AP)
Auch sie verweigerten sich zwar einer aufstiegsorientierten bürgerlichen Kleidung und verzichteten meist auf Kostüm oder Anzug. Doch betrieben sie keine ostentative Stilisierung ihres Äußeren, sondern machten die Sprache zum zentralen Medium ihrer sozialsymbolischen Unterscheidung.

In langen Sätzen, die mit Fachvokabular aus Soziologie, Psychologie und Marxismus gespickt waren, verhandelten sie politische Themen. Eines ihrer Sprachrohre war Rudi Dutschke, zentrale Figur und intellektueller Vordenker des SDS, dessen Sprachstil paradigmatisch für den Kommunikationsstil der intellektuellen Avantgarden steht. Während einer Podiumsdiskussion in der Evangelischen Akademie Bad Boll im Februar 1968 sagte er etwa: "Die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft hat doch gerade ihre Stärke darin, dass jede Gruppe diskutieren darf. Das ist eine Stärke, die wir in der Tat nicht beseitigen wollen, denn sie ist unsere Basis unserer Arbeit und die Basis unserer Diskussion, aber aus diesem Pluralismus der Meinungen, der ergänzt wird eigentlich durch einen Pluralismus der Oligomonopole in der materialistischen Basis der Gesellschaft, aus dieser Gesamtheit von Pluralismen kommt nicht notwendigerweise die Veränderung, sondern ist im Grunde die Harmonie, die Harmonie der Repression gewährleistet."

30. Januar 1968: Rudi Dutschke und der FDP-Politiker Ralf Dahrendorf diskutieren die Frage, ob Veränderungen in der Bundesrepublik nur auf revolutionärem oder aber auch auf parlamentarischem Wege erreichbar seien. Foto: AP30. Januar 1968: Rudi Dutschke und der FDP-Politiker Ralf Dahrendorf diskutieren die Frage, ob Veränderungen in der Bundesrepublik nur auf revolutionärem oder aber auch auf parlamentarischem Wege erreichbar seien. Foto: AP (© AP)
Mag hier noch das theoretisch geschulte Publikum die Wortwahl und syntaktische Komplexität der Äußerung rechtfertigen, so zeigt das folgende Zitat aus einer Rede vor Schülern in Baden-Baden, dass die Sprache vor allem zur Symbolisierung einer Protestidentität eingesetzt wurde und weniger auf Verständigung mit möglichen Adressaten zielte: "Der Faschismus steckt in unserer Struktur, die Struktur ist kapitalistisch, und die haben wir zu stürzen, um die wirklichen Grundlagen des deutschen Faschismus zu beseitigen und eine demokratische Gesellschaft in Deutschland endlich einzuführen, die nicht identisch ist mit dem, was heute in der DDR ist, sondern eine neue Struktur, geschaffen von Menschen, die nicht mehr bereit sind, sich manipulierenden Eliten auszuliefern, sondern ihre Interessen in die eigene Hand nehmen, über ihr eigenes Schicksal bestimmen und nicht mehr zulassen, dass sie zu Objekten der Herrschaft von CDU, NPD, SPD und anderen restaurativen Cliquen wird." Dieser Stil repräsentierte im Verbund mit häufigen Zitaten aus marxistischen Klassikern, nicht nur nach außen, sondern auch nach innen einen elitären Führungsanspruch. Dieser leitet sich her aus intellektueller Überlegenheit über politische Gegner und einem Vorsprung an wissenschaftlich begründeten Erkenntnissen – meist aus den Theorien des Marxismus.

Dass diese Sprache nicht allen verständlich war, führte schon 1968 dazu, dass zahlreiche Fremd- und Schlagwörter der außerparlamentarischen Opposition wie "Aktion", "Anarchie /  Anarchismus", "autoritär / Autorität", "Establishment /  etabliert", "Faschismus / faschistisch/ faschistoid", "Go-in / Love-in / Sit-in / Teach-in", "Hearing", "Kapitalismus / Spätkapitalismus", "Manipulation / manipulativ" oder "Repression /  repressive Toleranz" in einem "Sprachführer durch die Revolution" und einem " Revolutions-Lexikon" der Öffentlichkeit erklärt wurden.

Dennoch muss an dieser Stelle betont werden, dass die These, wonach die 68er-Bewegung schon ihrer unverständlichen Sprache wegen die Massen nicht erreichte, zu undifferenziert ist. Untersuchungen von SDS Flugblättern an die Bevölkerung zeigen, dass SDS-Aktivisten durchaus ihre Sprache den Adressaten anpassten und ihren ironisch oft als "Soziologenchinesisch" bezeichneten Kommunikationsstil nur in verbandsinternen Debatten verwendeten.