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3.3.2008 | Von:
Joachim Scharloth

Revolution der Sprache?

Die Sprache der 68er

1968 und die sprachgeschichtlichen Folgen

Der Kommunikationsstil der Avantgarden blieb allerdings eine Episode in der Sprachgeschichte des Deutschen. Er lebte fort in den zahlreichen linken Kaderorganisationen, die sich nach dem Abebben der breiten Mobilisierung nach 1968 formierten. Dagegen erwiesen sich Kommunen und ihre säkularisierte Variante, die Wohngemeinschaft, als das erfolgreichere Modell der Vergemeinschaftung. Sie entwickelten sich zum organisatorischen Rückgrat politischer Aktivitäten im sich in den 1970er Jahren formierenden Alternativmilieu, aus dem heraus sich die Neuen Sozialen Bewegungen rekrutierten. Zugleich erwies sich ihr Kommunikationsstil als anschlussfähiger für weitere Kreise der Gesellschaft als der sperrige und elitäre Jargon der intellektuellen Linken.

Rudi Dutschke auf dem Parteitag der "Grünen" 1979: Kommunikationsstil und inhaltliche Ausrichtung der neugegründeten Partei waren stark durch '68 beeinflusst:Rudi Dutschke auf dem Parteitag der "Grünen" 1979: Kommunikationsstil und inhaltliche Ausrichtung der neugegründeten Partei waren stark durch '68 beeinflusst. (© AP)
Allerdings dauerte es bis in die 1980er Jahre, bis der Kommunikationsstil des Alternativmilieus einen Einfluss auf den Sprachgebrauch der Mehrheitsgesellschaft entfaltete. Der Einzug der Grünen in den Bundestag 1983 war ein wichtiges Zeichen für die Re-Integration des Protestmilieus in die etablierte politische Ordnung der Bundesrepublik. Parallel dazu avancierte das Alternativmilieu zu einem hegemonialen Milieu, dessen symbolische Formen und Sprachgebrauchsweisen einen wichtigen Einfluss auf andere soziale Milieus entfalteten.

So zeigen sich seit den 1980er Jahren klare Tendenzen zur Informalisierung des öffentlichen Sprachgebrauchs. In Zeitungen etwa finden sich vermehrt umgangssprachliche Wendungen – zuerst freilich in der TAZ, einem publizistischen Ableger des Alternativmilieus. Aber auch im Anstandsdiskurs, in Benimmbüchern und Ratgebern für gutes Benehmen, ist eine Abkehr von formellen Formen des sprachlichen Umgangs zu beobachten: Sprachliche Formen der Ehrerbietung etwa werden aufgegeben und stattdessen sprachliche Inszenierungen von Nähe und Vertrautheit empfohlen. Statt wie in den 1960er Jahren mit "Hochachtungsvoll", schließt man Briefe standardmäßig "mit freundlichen Grüßen", häufig auch "mit lieben Grüßen". Die Emotionalität, mit der man um 1968 hoffte, einen neuen, zärtlicheren Menschen zu schaffen, kam allmählich in der Mehrheitsgesellschaft an. Freilich nicht als authentisches Gefühl, das es auch schon in der 68er-Bewegung nur selten gewesen war, sondern als Inszenierung von Emotionalität und Nähe.

Die Geschichte der 68er-Bewegung aus der Perspektive der Sprache und ihres Gebrauchs ist demnach keine Geschichte einer Zäsur, einer Stunde Null oder einer Zeitenwende. Vielmehr ist sie die Geschichte der Entstehung eines neuen kommunikativen Stils, der im Zuge seines Eindringens in die Mehrheitsgesellschaft eine Umwertung erfuhr. Intendiert als Ausdruck authentischer Gefühle und solidarischer Nähe, wurde er zu einem Kommunikationsstil der inszenierten Nähe, zur Verkumpelung zum Ausdruck eines doing buddy umgewertet, der noch heute den Sprachgebrauch prägt.

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