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29.8.2019

Vor 30 Jahren: Die erste Montagsdemonstration

Es war ein wichtiger Tag für die Friedliche Revolution in der DDR: Am 4. September 1989 machten Bürgerinnen und Bürger in Leipzig ihrem Unmut über die Politik in dem Ein-Parteien-Staat Luft. Damit begannen die Montagsdemonstrationen – der gemeinsame Protest unterschiedlicher DDR-Oppositionsgruppen.

Bei der ersten Montagsdemonstration am 04. September 1989 tragen Leipziger Bürger ein Transparent mit der Aufschrift "Für ein offnes Land mit freien Menschen" durch die Innenstadt.Bei der ersten Montagsdemonstration am 4. September 1989 gehen etwa 1.200 Menschen in Leipzig für Freiheit und Bürgerrechte auf die Straße. (© picture-alliance/dpa)

Dieser Demonstration sollten viele weitere folgen: Am Montag, den 4. September 1989, protestierten in Leipzig etwa 1.200 Menschen gegen das politische System der DDR und das SED-Regime . Es war die erste so genannte Montagsdemonstration, die zur Friedlichen Revolution in der DDR beitrug.

Tradition der Friedensgebete

Mitarbeiter des Staatsicherheitsdienstes (Stasi) entreißen DDR-Bürgern bei einer Demonstration am 4. September 1989 durch die Leipziger Innenstadt ein Transparent auf dem "Reisefreiheit statt Massenflucht" steht.Mitarbeiter des Staatsicherheitsdienstes (Stasi) entreißen Leipziger Demonstranten am 4. September 1989 ein Transparent auf dem "Reisefreiheit statt Massenflucht" steht. (© picture alliance / Wolfgang Kumm)
Bereits seit 1982 trafen sich in der Leipziger Nikolaikirche jeden Montag Menschen zu Friedensgebeten. Im Anschluss an das Gebet am 4. September 1989 entrollten sie auf dem Vorplatz der Kirche Transparente, auf denen Forderungen standen wie "Für ein offenes Land mit freien Menschen" und "Reisefreiheit statt Massenflucht". Mitarbeiter der Staatssicherheit in ziviler Kleidung rissen ihnen diese Transparente schließlich aus der Hand – vor den Augen und Kameras der westdeutschen und der internationalen Presse, die während der Leipziger Herbstmesse aus der Stadt berichtete.

Neue soziale Bewegungen

Trotz der engmaschigen, staatlichen Überwachung in der DDR waren dort seit Beginn der 1980er Jahre – ebenso wie in anderen europäischen Ländern – neue Reformbewegungen entstanden: Die Menschen trafen sich, um über Umweltschutz, die Bedrohung des Friedens im Kalten Krieg und die Einschränkung politischer Freiheit in der DDR zu diskutieren. Doch weder die ab 1987 von Michail Gorbatschow angestoßene Reformpolitik in der Sowjetunion, noch die sprunghaft ansteigende Zahl der Ausreiseanträge und Fluchtversuche von DDR-Bürgerinnen und Bürgern, noch das Scheitern der staatlich gelenkten DDR-Wirtschaft, das die Menschen in ihrem Alltag unmittelbar zu spüren bekamen, führten bei der Staatspartei zur Einsicht, dass ein Kurswechsel nötig war. Sie hielt eisern an ihrem Machtmonopol fest und konnte sich nicht zu Reformen durchringen.

"Wir bleiben hier!"

Neue Zeiten brachen stattdessen in anderen Ostblockstaaten in Mittel- und Osteuropa an: Ungarn etwa öffnete im Mai 1989 seine Grenze nach Österreich und damit den Eisernen Vorhang für Ausreisewillige aus der DDR. Auf eine Flucht in den Westen hatte es aber nur ein Teil der unzufriedenen DDR-Bürgerinnen und Bürger abgesehen. Andere wollten ihren Staat von Grund auf reformieren. Diesem Wunsch verliehen sie Ausdruck, indem sie bei Demonstrationen die Parole "Wir bleiben hier" skandierten – im Gegensatz zu dem Ruf der Ausreisenden "Wir wollen raus“. Für diejenigen, die Reformen forderten, wurde die Kommunalwahl am 7. Mai 1989 zum Aufbruchsignal für ihren politischen Kampf: Sie prangerten im Nachgang der Wahl öffentlich Wahlfälschungen an.

Die Kirchen hatten sich in dieser Zeit zu einem Forum für Menschen entwickelt, die aus den unterschiedlichsten Motiven gegen das DDR-Regime protestierten. Viele Gemeinden gaben den Menschen ab Anfang der 1980er Jahre Schutz und die Möglichkeit, abseits staatlicher Überwachung zu debattieren und sich politisch zu organisieren. Orte wie die Nikolaikirche in Leipzig oder die Gethsemanekirche in Berlin wurden im Herbst 1989 zu Zentren des Widerstands.

Mit den Montagsdemonstrationen wuchsen Kirchen, Oppositionelle und Ausreisewillige ab dem 4. September zusammen. Der gemeinsame Protest breitete sich in den folgenden Wochen schnell aus. Als Initialzündung gelten unter anderem das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte und die Festnahme zahlreicher Leipziger Demonstrierender während der zweiten Montagsdemonstration am 11. September 1989.

Immer mehr Demonstrierende

In vielen Städten in der DDR begannen die Menschen daraufhin, regelmäßig zu demonstrieren. Mahnwachen für politisch Inhaftierte wurden etwa in Ost-Berlin und Rostock abgehalten. In Dresden, Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) und Gera fanden ebenfalls Demonstrationen statt, unter anderem am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR.

Die Zahl der Demonstrierenden wurde schnell größer. Am 2. Oktober nahmen in Leipzig bereits bis zu 20.000 Menschen an der Montagsdemonstration teil, am 16. Oktober waren es mehr als 100.000 in Leipzig und rund 18.000 in anderen Städten. Eine Woche später hatte sich die Teilnehmerzahl bereits verdreifacht. In Berlin kam es am 4. November zur größten Massendemonstration der DDR-Geschichte.[1]



Auch nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 gingen die Menschen in der DDR noch auf die Straße. Die Forderung der DDR-Bürgerinnen und Bürger nach einem demokratischen Wandel verband sich im weiteren Verlauf der Proteste auch mit dem Wunsch nach einer Wiedervereinigung beider deutscher Staaten. Bei der Montagsdemonstration am 20. November 1989 war etwa "Deutschland – einig Vaterland“ auf Transparenten zu lesen und aus der Parole "Wir sind das Volk“ wurde der Ruf "Wir sind ein Volk“. Die Proteste endeten am 12. März 1990, kurz vor den ersten und einzigen freien Volkskammerwahlen der DDR. Das wichtigste Ziel der Montagsdemonstrationen – freie Wahlen in der DDR – war erreicht.

Übernahme von Parolen

In den letzten Jahren wurde der Begriff „Montagsdemonstrationen“ von anderen Protestbewegungen aufgegriffen, die nichts mit der Friedlichen Revolution von 1989 zu tun haben. So wurde unter dem Namen etwa 2004 gegen die Hartz-IV-Reformen der Bundesregierung demonstriert. Die Anti-Islam-Bewegung "Pegida“ (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) nutzt außerdem seit 2014 sowohl den Begriff „Montagsdemonstration“, bzw. "Montagsspaziergang" als auch die Parole "Wir sind das Volk". Viele kritisieren diese Bezugnahme auf die Proteste im Herbst 1989.

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Fußnoten

1.
Die geschätzten Teilnehmerzahlen der Demonstrationen variieren je nach Quelle. Laut jugendopposition.de versammelten sich am 4. November rund 500.000 – 700.000 Menschen auf dem Alexanderplatz.

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