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28.5.2021

Vor 100 Jahren: Massaker von Tulsa

Am 31. Mai und am 1. Juni 1921 verwüstete ein weißer Mob das größtenteils von schwarzen Menschen bewohnte Viertel Greenwood in der US-amerikanischen Stadt Tulsa. Hunderte Menschen starben. Das Massaker ist einer der folgenreichsten Übergriffe auf Afroamerikaner und Afroamerikanerinnen in der Geschichte der USA. Die Aufarbeitung verlief schleppend.

Zu sehen ist Darius Kirk, der ein Wandgemälde betrachtet, das das Massaker von Tulsa im historischen Greenwood-Viertel darstellt. Das Wandgemälde zeigt verletzte Afro-Amerikaner vor dem brennenden Greenwood-Viertel.Darius Kirk betrachtet ein Wandgemälde, das das Massaker von Tulsa im historischen Greenwood-Viertel darstellt. (© picture-alliance, AP Photo/John Locher)

Auslöser für die Unruhen waren medial verbreitete Gerüchte über einen sexuellen Übergriff des afroamerikanischen Schuhputzers Dick Rowland auf die 17-jährige weiße Sarah Page. Die Beweislage zu der vermeintlichen Tat ist undurchsichtig: Es gilt als gesichert, dass Rowland einen von Page betriebenen Fahrstuhl betrat. Was danach passierte, kann nur vermutet werden. Ein Zeuge habe angegeben, er habe Page schreien hören und beobachtet, wie Rowland aus dem Gebäude hinauslief.

Aufhetzung durch Pressemeldungen

Die Tulsa Tribune, die am Nachmittag des 31. Mai erschien, berichtete in einer aggressiven Meldung über die Festnahme eines schwarzen Mannes namens Dick Rowland , „weil er ein Mädchen im Fahrstuhl angegriffen hat". In Teilen der weißen Bevölkerung von Tulsa wurden über den Tag die Forderungen nach einer Ermordung Rowlands lauter.

Sogenannte "Rassenunruhen" gab es seit Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs im Jahr 1865 und dem damit einhergehenden verfassungsmäßigen Verbot der Sklaverei in den USA – in Realität dauerten Gewalt und Entrechtung weiter an – immer wieder. Anders als der Begriff es nahelegt, handelte es sich dabei in der Regel um gewalttätige Übergriffe der weißen Bevölkerung auf schwarze Mitmenschen. So wurden beispielsweise im Jahr 1906 bei den so genannten "Atlanta Race Riots" bis zu 40 Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner getötet. Vor allem in den Südstaaten, in denen Sklaverei lange legal und rassistische Gewalt fest in wirtschaftlichen und sozialen Strukturen verankert war, ermordeten Lynchmobs tausende Menschen. Staatliche Organe wie etwa die Polizei unterstützten die Morde oft dadurch, dass sie die Angegriffenen nicht schützten.

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Rassistische Gesetze in den Südstaaten

In den Südstaaten galten viele Gesetze, die schwarze Menschen diskriminierten und die „Rassentrennung“ aufrechterhielten. Diese "Jim-Crow-Gesetze" – benannt nach einer rassistisch angelegten Bühnenfigur im Minstreltheater – verwehrten Afroamerikaner/-innen eine gleichberechtigte Teilhabe am öffentlichen Leben und wichtigen Leistungen im Bereich Gesundheit und Infrastruktur. Der US-amerikanische Supreme Court fundierte diese Gesetze 1896 mit den „Civil Rights Cases“, nach denen die Rassendiskriminierung durch Privatpersonen nicht durch den Kongress verboten werden könnten ¬und etablierte mit dem Leitsatz "seperate but equal", dass Menschen "getrennt, aber gleich" sein könnten. In zahlreichen US-Bundesstaaten wurde auf dieser Grundlage eine Trennung schwarzer und weißer Amerikanerinnen und Amerikaner in allen Bereichen des öffentlichen Lebens gerechtfertigt und gesetzlich vorgeschrieben: In Bildungseinrichtungen, in der Armee, in Zügen, Bussen, Krankenhäusern, öffentlichen Toiletten, selbst in privat betriebenen Hotels oder Arztpraxen. Erst 1964 wurden die Jim-Crow-Gesetze durch den Civil Rights Act aufgehoben und mit dem Voting Rights Act von 1965 auch Zugang zu Wahlen geschaffen.

Schwarze Gemeinschaft in Greenwood

Oklahoma wurde erst 1907 Mitglied der Vereinigten Staaten. In Tulsa selbst war Anfang des 20. Jahrhunderts eine starke schwarze Gemeinschaft entstanden. Die Familien früherer Sklaven aus den Südstaaten fanden hier eine neue Heimat, gründeten Geschäfte und Unternehmen. Das 1906 errichtete Viertel "Greenwood" kam bald zu einigem Wohlstand, die Greenwood Avenue im Zentrum des Viertels wurde auch als "Black Wall Street" bezeichnet.

Gleichzeitig galt Tulsa als ein Zentrum der Aktivitäten des Ku-Klux-Klans, einem rassistischen Geheimbund, der nach dem Bürgerkrieg aktiv und für zahlreiche Morde an schwarzen US-Amerikaner/-innen verantwortlich war. Schätzungen zufolge waren im Dezember 1921 rund 3.200 Bewohner Tulsas Mitglieder des Ku-Klux-Klans, zu anderen Zeitpunkten sollen es bis zu 6.000 gewesen sein. Der Klan galt als ein mächtiger Akteur im Stadtleben.

Eskalation vor dem Gerichtsgebäude

Am Abend des 31. Mai 1921 versammelte sich eine auf etwa zweitausend Personen anwachsende Menschenmenge – Männer, Frauen, Jungen, Alte, Gewaltbereite und Zuschauer – im Umfeld des Tulsaner Gerichtsgebäudes, in dem Rowland inhaftiert war. Gleichzeitig versuchte eine Gruppe afroamerikanischer Bürger, das Gerichtsgebäude zu bewachen und dem Sheriff ihre Hilfe anzubieten, um einen Lynchmord an Rowland zu verhindern. Der Sherriff lehnte ab. Beide Gruppen waren zum Teil bewaffnet. Nach einer Provokation aus dem Mob kam es zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf sich ein Schuss löste. Dieser Moment gilt als Beginn des Massakers.

Es kam zu einer Schießerei. Weil die schwarzen Menschen den weißen zahlenmäßig weit unterlegen waren , zogen sie sich nach Greenwood zurück. Währenddessen wurden bis zu 500 Mitglieder des weißen Mobs, zu dem auch Ku-Klux-Klan Mitglieder gehörten, als "Special Deputies" (etwa: "Hilfssheriffs") vereidigt – ihnen wurde damit ein Teil des Gewaltmonopols übertragen.

Bis um etwa ein Uhr am 1. Juni 1921 hatten sich Hunderte weiße Männer bewaffnet und kamen von Süden aus nach Greenwood und zogen plündernd und brandschatzend durch das Viertel. Einige Bewohnerinnen und Bewohner versuchten sich zu wehren, es kam zu drastischen Gewaltausbrüchen. So wurde ein älterer Mann mit körperlichen Behinderungen hinter einem Auto zu Tode geschleift.

Hunderte Todesopfer, Verwüstung und Obdachlosigkeit

Über die Opferzahlen gibt es höchst unterschiedliche Angaben. Die Tulsa Historical Society schätzt, dass zwischen 100 und 300 Menschen ermordet wurden. Das US-amerikanische Rote Kreuz schätzt die Zahl der Todesopfer auf 300. Andere Quellen gehen davon aus, dass die Zahl weit höher liegen könnte. Die Zahl der Toten konnte bis heute nicht genau bestimmt werden, da viele Leichen nach der Bluttat aus der Stadt gebracht wurden, wo sie entweder verbrannt , verscharrt oder in Flüsse geworfen wurden. In jüngster Zeit wurde die Suche nach Massengräbern aufgenommen. Im Oktober 2020 wurde ein Massengrab mit mindestens zwölf Särgen entdeckt.

Außerdem verloren bis zu 8.000 Einwohner von Greenwood ihre Wohnung oder ihr Haus. Insgesamt 40 Häuserblocks wurden von dem Mob binnen Stunden niedergebrannt, 1.200 Gebäude zerstört. Auch 23 Kirchen wurden in Flammen gesteckt. Rund 6.000 nunmehr obdachlose Einwohner von Greenwood wurden in Internierungslager eingewiesen und zu Zwangsarbeit gezwungen, vor allem zur Beseitigung der Verwüstung, die der Mob hinterlassen hatte. Diese Lager durften nur dann verlassen werden, wenn ein weißer Arbeitgeber als Bürge einstand. Manche der schwarzen Einwohner von Greenwood verbrachten bis zu zwei Wochen in solchen Lagern. Ein Versuch von weißen Tulsanern, den bisherigen Einwohnenden von Greenwood ihr Grundeigentum für weit unterbewertete Preise abzukaufen und dort stattdessen ein Industrieviertel zu errichten, scheiterte am Widerstand der Betroffenen.

Eine Grand Jury kam rund einen Monat nach dem Massaker in einem Urteil zu dem Schluss, dass die Afroamerikaner/-innen in Tulsa selbst an den Unruhen Schuld gewesen wären. Der damalige Justizminister von Oklahoma machte in einer Rede die Emanzipation der Schwarzen für das Massaker verantwortlich. Für die Morde, die Plünderungen und die Zerstörung eines ganzen Stadtviertels wurde nie jemand rechtlich zur Verantwortung gezogen.

Schleppende Aufklärung und Aufarbeitung der Verbrechen

Erst im Jahr 1996 , kurz vor dem 75. Jahrestag der Ereignisse, wurde eine Kommission eingesetzt, um die Hintergründe des Massakers auf wissenschaftlicher Basis zu untersuchen. Sie trug anfangs den Namen "Tulsa Race Riot Commission", dieser Name wurde jedoch 2018 nachträglich in "Tulsa Race Massacre Commission" geändert. Im Jahr 2001 legte die Kommission ihren Abschlussbericht vor. Darin wurden unter anderem Entschädigungen für alle noch lebenden Betroffenen, für die Nachkommen der Opfer und Wirtschaftshilfen für Greenwood beschlossen.

Die drei noch lebenden Zeitzeugen des Massakers – sie sind 100, 106 und 107 Jahre alt – berichteten im Mai 2021 vor einem Komitee des US-amerikanischen Kongresses von ihren Erinnerungen an die Tat. Die damals siebenjährige Viola Ford Fletcher erinnerte sich noch daran, wie sie Leichen auf den Straßen liegen sah. "Ich habe das Massaker jeden Tag aufs Neue erlebt", sagte Fletcher. "Unser Land mag diesen Teil der Geschichte vergessen haben, ich kann das nicht". Die Anhörung war Teil der nunmehr auch auf Bundesebene stattfindenden Bemühungen, die Opfer und ihre Hinterbliebenen angemessen zu entschädigen.

Nachdem das Massaker jahrzehntelang in den öffentlichen Debatten in den USA nur eine sehr untergeordnete Rolle spielte, wird die Erinnerung an die Bluttat im öffentlichen Raum langsam präsenter. Bereits in den Achtzigern wurde in Greenwood ein Kulturzentrum gegründet, um über das Massaker zu informieren. Auch die Tulsa Historical Society & Museum erinnert mit einer Online- und Wanderausstellung an die brutalen Ereignisse. Mit dem 2010 angelegten John Hope Franklin Reconciliation Park wurde ein Park als Gedenkstätte in Greenwood angesiedelt. Über die Stadtgrenzen hinaus hält die Tulsa Race Massacre Centennial Commission zum 100. Gedenktag mit Veranstaltungen das Gedenken aufrecht, unterstützt werden sie von prominenten Personen der Black Community.

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