Demografischer Wandel

4.2.2020 | Von:
Bastian Berbner

7,7 Milliarden Menschen ...

In Zukunft könnte nicht mehr Überbevölkerung das Problem der Menschheit sein, sondern Bevölkerungsrückgang. Davon, so Bastian Berbner, könnten neben den jetzt schon rasch alternden Industriestaaten auch die noch wachsenden Weltregionen wie Afrika betroffen sein.

Freibad in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul.Die südkoreanische Hauptstadt Seoul gehört zu den größten Ballungsräumen der Welt. Parallel schrumpft in Südkorea seit Jahren die Bevölkerung. (© picture-alliance, YNA)

Nigeria

Während draußen auf den Straßen von Agege die Männer zusammenströmen und ihre Gebetsteppiche ausrollen, während sie in tausendfacher Gleichzeitigkeit ihre Häupter Richtung Mekka beugen und der Verkehr, der Lärm, das Gewusel dieser Stadt im Südwesten Nigerias für einen Moment zum Erliegen kommen, sitzt Hadizatu Ahmed hinter ihrem Haus und denkt laut darüber nach, wann sie ihr erstes Kind geboren hat.

Sie sei ungefähr 70 Jahre alt, sagt Hadizatu Ahmed, genau wisse sie das nicht. Geheiratet habe sie mit fünfzehn. Einen Schneider. Ein Jahr später habe sie ein Mädchen auf die Welt gebracht, Habiba. Ein Jahr später eine Fehlgeburt. Zwei Jahre später kam Danjuma, ein Junge.

Dann nahm sich ihr Mann eine zweite Frau. Hadizatu Ahmed bekam die beiden Räume rechts des Flures, die sie noch heute bewohnt. Die andere Frau die beiden links. Hadizatu Ahmed setzte sich zum Ziel, ihrem Mann mehr Kinder zu gebären als die andere.

Kurz darauf brachte sie Tiggani zur Welt, den zweiten Jungen. Noch im selben Jahr entband die andere Frau ein Mädchen.

Ein Jahr später bekam Hadizatu ein Mädchen, Ladi. Und die Zweitfrau einen Jungen.

Hadizatu: eine weitere Tochter, Teni. Dann noch eine, Mariam. Die Zweitfrau: einen Sohn, dann eine Tochter.

Hadizatu: wieder eine Tochter, die aber bald die Malaria holte. Die Zweitfrau: einen Jungen.

Hadizatu: wieder ein Mädchen, Fatima. Und die Zweitfrau kurz darauf das letzte Kind dieser Familie, ebenfalls ein Mädchen.

Hadizatu Ahmed hatte den familieninternen Wettbewerb gewonnen, acht zu sechs, aber es habe sich angefühlt wie eine Niederlage, sagt sie, weil sie nur zwei Söhne hatte und die andere drei.

Vierzehn Kinder – ihr Mann habe in der Nachbarschaft gut dagestanden, sagt sie, aber es war nichts gegen den alten Bello, der habe es auf dreißig gebracht, allerdings mit vier Frauen. Und schon gar nichts gegen Kabii, bei dem müssen es um die vierzig Kinder gewesen sein.

Nach dem Ende des Gebets werfen die Männer vor Hadizatu Ahmeds Haus wieder ihre Motorräder an. Frauen balancieren Plastikschalen auf dem Kopf. Kleine Kinder gehen an den Händen der größeren. Menschen hängen außen an einem gelben Sammeltaxi, das in die Schlaglöcher hinein- und wieder aus ihnen herausrumpelt. Menschen sitzen auf dem Dach eines Lastwagens. Menschen winken, Menschen lachen, Menschen schreien. Überall Menschen.

Als Hadizatu Ahmed jung war, stand hier Wald. Heute ist Agege Teil der 21-Millionen-Metropole Lagos, der größten Stadt Afrikas. Seit Hadizatu Ahmed ihr erstes Kind bekam, hat sich die Bevölkerung Nigerias vervierfacht, auf 200 Millionen.

Jede Nigerianerin bekommt durchschnittlich 5,4 Kinder.

Das ist nur Nigeria. In den Nachbarländern sind die Zahlen ähnlich. Niger hat die höchste Geburtenrate der Welt: 7,2 Kinder pro Frau. Mali: 5,9. Tschad: 5,8. Burkina Faso: 5,2. Und das ist nur Afrika. Afghanistan: 4,4. Jemen: 3,8. Papua-Neuguinea: 3,6.

In jeder Sekunde werden irgendwo auf der Welt vier Kinder geboren, während zwei Menschen sterben. Seit Sie angefangen haben, dieses Dossier zu lesen, ist die Weltbevölkerung um etwa 200 Menschen angewachsen. Schon lange ahnen die Menschen, sie könnten einmal zu viele werden. Maler haben die drohende Enge auf der Erde in Öl gebannt. Hollywood hat Filme gedreht, in denen Kolonien auf fernen Planeten entstehen, weil es auf der Erde nicht mehr genug Nahrung gibt. Der Schriftsteller Dan Brown hat in einem Roman eine Verschwörerbande beschrieben, die ein Virus verbreitet, das ein Drittel der Menschheit unfruchtbar macht. Das Buch heißt Inferno.

Es stimmt ja: Ein Mensch braucht Essen. Die Nahrung muss irgendwo gedeihen. Ein Mensch braucht Kleidung. Die Baumwolle muss irgendwo wachsen. Ein Mensch braucht ein Dach über dem Kopf. Das Haus muss irgendwo stehen.

Der Platz auf der Erde ist begrenzt. Sie kann nur eine endliche Zahl an Menschen tragen. Derzeit sind es 7,7 Milliarden.

Wie lange noch bis zum Inferno?

Krankenhaus in LagosEine Mutter posiert für die Kamera im Rahmen der Aktion "Erstes Baby des Jahres 2020" im nigerianischen Lagos. Lagos ist die größte Metropole Afrikas. (© NurPhoto)

Elf Milliarden – das Maximum

New York

Im 19. Stock eines Hochhauses in Midtown Manhattan arbeiten zwölf Wissenschaftler daran, die Zukunft der Menschheit vorherzusagen. Ihr Chef, Frank Swiaczny, ist ein 52 Jahre alter Deutscher, der mal Fotograf für den Mannheimer Morgen war. Als er keine Lust mehr hatte, Bilder von Autounfällen zu knipsen, studierte er Geografie. Heute leitet er für die Vereinten Nationen ein Team aus Statistikern und Demografen, das berechnet, wie sich die Weltbevölkerung entwickeln wird.

Um die Zukunft vorherzusagen, müssen Swiacznys Leute erst einmal die Gegenwart verstehen – und die Vergangenheit.

Seit 1950 fließen jedes Jahr neue Angaben in die Datenbank der Vereinten Nationen, es sind Geburts- und Sterberaten, Ein- und Auswanderungszahlen aus 235 Ländern und Territorien. Manchmal sind die Daten sehr genau, wie jene aus Norwegen, wo man per Knopfdruck jederzeit nachsehen kann, wie viele Einwohner das Land aktuell hat. Manchmal sind die Daten sehr ungenau, wie jene aus dem Libanon – letzte Volkszählung 1932 – oder aus Syrien und dem Kongo, wo es Kriege seit Jahren unmöglich machen, die Einwohner zu zählen.

Swiacznys Leute verifizieren die Daten, bereinigen sie, wühlen sich sogar durch Erhebungen, die jene Menschen zu fassen versuchen, die schwer zu fassen sind, wie die Obdachlosen auf den Straßen New Yorks und die Nomaden in den Wüsten Arabiens.

All diese Zahlen formt der Computer zu Entwicklungslinien, und die zeigen meist nach oben.

Die Weltbevölkerung wächst, seit Jahrtausenden schon. Als die Jäger und Sammler vor 12.000 Jahren sesshaft wurden, lebten wahrscheinlich keine zehn Millionen Menschen auf der Welt. Jesus von Nazareth hatte bereits 300 Millionen Mitmenschen. William Shakespeare im 16. Jahrhundert 400 Millionen. Überall auf der Welt bekamen Frauen damals viele Kinder. Aber da viele von ihnen früh starben, blieb die Bevölkerungsgröße stabil. Manchmal sorgten Epidemien oder Kriege sogar für einen Rückgang.

Dann stiegen die Zahlen im 18. Jahrhundert auf einmal an, ausgehend von Europa. Dank produktiverer Landwirtschaft und besserer medizinischer Versorgung überlebten jetzt viel mehr Kinder. Um das Jahr 1800 gab es erstmals eine Milliarde Menschen auf der Welt. Es folgten Revolutionen, die den Menschen länger leben ließen: Impfungen, Krankenversicherung, Antibiotika.

1928 zwei Milliarden.
1959 drei Milliarden.
1973 vier Milliarden.
1986 fünf Milliarden.
1998 sechs Milliarden.
2010 sieben Milliarden.

Um die weitere Entwicklung der Weltbevölkerung vorherzusagen, benutzt Frank Swiacznys Team ein Modell, das im Detail sehr kompliziert, im Kern aber sehr einfach ist: Die Bevölkerungszahl des nächsten Jahres entspricht jener des derzeitigen Jahres plus Geburten minus Todesfälle. Das lässt sich dann, basierend auf Wahrscheinlichkeiten, Jahr für Jahr weiterrechnen. Die Vereinten Nationen prognostizieren die Zahlen bis ins Jahr 2100.

Alle zwei Jahre geben sie neue Vorhersagen bekannt, und so nimmt im Juni dieses Jahres Frank Swiaczny hinten im Pressezentrum der Vereinten Nationen Platz, während sein Chef vorn auf dem Podium sitzt. Zwei Dutzend Journalisten sind da, eine Kamera überträgt live ins Internet.

Swiacznys Chef sagt, die Weltbevölkerung werde weiterwachsen und um das Jahr 2100 elf Milliarden erreichen.

Elf Milliarden. Noch mal fast dreieinhalb Milliarden mehr.

Am nächsten Tag sitzt Frank Swiaczny in seinem Büro, da hat sich die Nachricht schon rund um die Welt verbreitet.

Euronews aus Frankreich: "Im letzten halben Jahrhundert ist die Zahl der Menschen regelrecht explodiert. Dieses Wachstum wird weitergehen."

RTVE aus Spanien: "Es gibt zwei Protagonisten in der demografischen Explosion: Afrika und Asien."

Spiegel Online aus Deutschland: "Die Weltbevölkerung wächst weiter rasant."

Allerdings: Das Wort "rasant" ist auf der Pressekonferenz nicht gefallen, auch nicht das Wort "Explosion". Es entspricht nicht den Prognosen, weshalb Frank Swiaczny darüber nur den Kopf schütteln kann.

Die Wahrheit steckt ja schon in den Zahlen der Vergangenheit, man muss nur ein wenig genauer hinschauen.
Die Menschheit benötigte 128 Jahre, um von einer Milliarde auf zwei Milliarden zu kommen. Für die darauffolgende Milliarde brauchte sie 31 Jahre. Für die nächste noch 14, dann noch 13 und schließlich nur noch 12. Die Menschheit wuchs immer schneller. Aber dann brauchte sie für eine weitere Milliarde, jene, die sie auf sieben Milliarden brachte, erneut 12 Jahre. Bis zur nächsten Milliarde wird es wieder 13 Jahre dauern, bis zur darauffolgenden 14, dann sogar 20 Jahre.

Das Wachstum hat sich nicht beschleunigt, es hat sich verlangsamt.

Die elf Milliarden, auch das sagte Swiacznys Chef bei der Pressekonferenz, werden laut den Berechnungen der Vereinten Nationen keine weitere Zwischenstation auf dem Weg zu einer weiteren Rekordmarke sein. Sie sind das Maximum.

Eines der größten Ereignisse der Menschheitsgeschichte steht bevor, der Moment, in dem Homo sapiens seine größte Ausbreitung erreicht haben wird. Über Jahrtausende wurden die Menschen immer mehr und mehr. Bald werden sie weniger.

Die Ursache dafür wird kein Krieg sein, auch keine Krankheit, keine Hungersnot, wie sie in der Vergangenheit das Bevölkerungswachstum mitunter gebremst haben, nein, die Ursache wird viel mächtiger sein als all das. Das Schrumpfen der Menschheit wird eine bewusste Entscheidung der Menschen sein. Oder besser: Es ist eine bewusste Entscheidung. Denn sie ist längst gefallen.

"Erst starb die Schule, dann das Dorf"

Südkorea

An der Mündung des Tamjin-Flusses, ganz im Süden der Koreanischen Halbinsel, steht, zweistöckig und knallgelb gestrichen, die Grundschule des Dorfes Daegu. Der Fußballplatz vor dem Gebäude ist verwaist, in den Strafräumen sprießt Unkraut. Im Gebäude lange Flure, seltsam still.

In einem Zimmer im Erdgeschoss sitzen die Schüler der zweiten Klasse vor ihrer Lehrerin und singen leise ein Lied. Sie sind zu fünft. Im ersten Stock die dritte Klasse (zwei Schüler), die vierte (einer), die fünfte (ebenfalls einer). Im Klassenzimmer der sechsten arbeiten fünf Kinder an Plakaten zum Thema Chrysanthemen.

14 Schüler – in einem Gebäude, ausgelegt für 200.


Zahlen und Fakten

Demografischer Wandel

Nach Berechnungen der UN wird sich der Anteil der 60-Jährigen und Älteren bis 2050 auf 21,5 Prozent erhöhen. 1950 lag der Anteil noch bei 8,0 Prozent. 2050 werden 2,1 Milliarden Menschen zur Gruppe der 60-Jährigen und Älteren gehören – etwas mehr als dann die Gruppe der unter 15-Jährigen umfasst.

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