Inhaltsbeschreibung
Die westlichen Gesellschaften der Nachkriegszeit, so der Soziologe Andreas Reckwitz, waren viele Jahrzehnte lang vom Narrativ eines ungebrochenen Fortschritts dominiert. Ökonomisches Wachstum, Demokratisierung und individuelle Freiheiten schienen beständig zuzunehmen. Doch mit dem Übergang in die Spätmoderne, den Reckwitz ab den 1970er-Jahren ansiedelt, sei dieses Narrativ zunehmend brüchig geworden.
Heute prägten Verlusterfahrungen oder Verlustängste die Gesellschaften der Industrieländer – und dies in vielerlei Hinsicht: Wirtschaftliche Transformationen führen zu realen oder befürchteten Statusverlusten, ökologischer Raubbau bedroht die Lebensgrundgrundlagen des Planeten und kulturelle Veränderungen befördern nostalgische Sehnsüchte nach vergangenen und vermeintlich schöneren Zeiten. Dabei sei das Verhältnis zu möglichen und tatsächlichen Verlusten grundsätzlich paradox. So seien die Verlustrisiken im Vergleich zu vormodernen Zeiten deutlich zurückgegangen, etwa durch soziale Sicherung oder eine bessere Gesundheitsversorgung. Allerdings bringen moderne Gesellschaften neue Verlustanlässe hervor, die aufgrund der erreichten oder versprochenen Fortschritte wiederum subjektiv stärker wahrgenommen werden. Dieser „Verlusteskalation“ müsse man, so Reckwitz, einen konstruktiven Umgang mit Verlusten entgegensetzen, um die progressiven Ideale der Moderne für die Zukunft zu erhalten.