Inhaltsbeschreibung
In individualisierten Gesellschaften scheint nur noch wenig allgemein verbindlich - selbst Wahrheit ist für viele nurmehr dasjenige, dem sie Glauben schenken, und das sich, so der Befund des niederländischen Journalisten Rob Wijnberg, nach subjektiven Kriterien wie in einem Warenkorb zusammenstellen lässt. Wie kam es dazu, und welche Folgen hat diese Entwicklung?
In der Antike und im frühen Christentum galt Wahrheit, so Wijnberg, als übernatürliche, dem Menschen entrückte Konstante. In der Aufklärung habe der Mensch seine eigene Rolle bei der Suche nach Wahrheit entdeckt und im industriellen Zeitalter deren Potenzial für Fortschritt, Freiheit und Recht ausgestaltet. Seither habe ein zunehmend individualisiertes Verständnis davon, was Wahrheit sei, diese auf den Rang eines Konsumgutes verwiesen und sie damit ihrer gemeinschaftsstiftenden Funktion beraubt. Medial befeuert werde dies durch marktlogische Vermittlungsformen: Verkürzten, spaltenden, rückwärtsgewandten, pessimistischen und skandalisierenden Botschaften, zumal im Digitalen, werde der größte Raum geboten.
Zur Wahrheit unserer Zeit gehören aber, konstatiert Wijnberg, die alltägliche, kaum je hinterfragte solidarische und vertrauensvolle Zusammenarbeit von Menschen in einem Geflecht belastbarer sozioökonomischer Beziehungen und Tatbestände. Daran könnten Gesellschaften anknüpfen, um zu einem tragfähigen, verbindenden Wahrheitsbegriff zurückzufinden, der für Herausforderungen der Zukunft wappne, anstatt Wahrheit darauf zu reduzieren, was gefällt, bequem ist und eigenen Interessen entspricht.