Inhaltsbeschreibung
Warum wird die Gesellschaft in der öffentlichen Debatte so häufig als polarisiert wahrgenommen, obwohl Studien regelmäßig belegen, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung in der politischen Mitte positioniert? Der Soziologe Nils C. Kumkar zeigt, dass das Phänomen nicht durch Rückgriff auf individuelle Einstellungen erklärt werden kann. Vielmehr handele es sich um ein kommunikatives Ordnungsmuster, das in den Logiken moderner Demokratie und der Medienöffentlichkeit angelegt sei. Polarisierung reduziere Komplexität, indem sie politische Positionen klar zuordne, den politischen Wettbewerb zwischen verschiedenen Lagern strukturiere und in einer vielstimmigen und unübersichtlichen Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erzeuge. Auch wenn moderne Demokratien, so Kumkar, nicht ohne öffentlich ausgetragene Auseinandersetzungen – und damit auch Polarisierung – auskommen würden, hätten sich diese durch Social Media noch deutlich verschärft.
Der Bedarf, Komplexität zu reduzieren und Aufmerksamkeit zu erregen, sei hier besonders hoch, was polarisierte Kommunikationsmuster begünstige. Vor allem rechtspopulistische Akteure nutzten dies aus: Indem sie eine klare Antiposition zum „System“ und allen anderen Akteuren einnehmen, verfolgen sie, wie der Autor zeigt, eine Strategie der generalisierten, inhaltsleeren Polarisierung. Im Gegensatz dazu plädiert Kumkar für eine Versachlichung des politischen Streits. Dieser solle sich auf inhaltliche Fragen fokussieren, die für den Lebensalltag der Menschen tatsächlich relevant seien.