Inhaltsbeschreibung
Die meisten Menschen, die den Zweiten Weltkrieg und die Schoah bewusst erlebten, sind inzwischen verstorben. Doch ihre Nachfahren tragen vielfach unerklärliche, quälende Gefühle von Schuld, Entwurzelung, Einsamkeit, Angst oder emotionaler Kälte mit sich herum. Die Ursachen vieler Auffälligkeiten und Neurosen, die Gewalt oder Gleichgültigkeit ihrer Eltern ihnen gegenüber blieben ungeklärt, denn an bestimmte Themen der Vergangenheit durfte in der Familie nicht gerührt werden: Wer sympathisierte möglicherweise oder nachweislich mit dem NS-Regime, trug zu seinem Funktionieren bei oder war gar in Verbrechen verstrickt? Wer schwieg, sei es aus Schuld oder aus Scham, über das Erlebte? Welche geschönten Überlieferungen, Lügen, Geheimnisse oder Tabus birgt das Familiengedächtnis?
Der Journalist Stephan Lebert und der Psychologe Louis Lewitan sind mit zahlreichen Frauen und Männern ins Gespräch gekommen, die durch die Erfahrungen ihrer Eltern oder Großeltern und deren vererbte Traumata geprägt wurden, aber mit ihren Fragen und ihrem Leid oft allein blieben. Manchen ist es – teils erst nach dem Tod der Vorgängergenerationen – gelungen, sich der eigenen Familiengeschichte zu nähern und sich auf diese Weise von seelischen Erblasten zu befreien. Lebert und Lewitan, Letzterer Nachfahre von Überlebenden der Schoah, möchten dazu ermutigen, endlich das ebenso diffuse wie beredte Schweigen in vielen Familien aufzubrechen und so dem Verdrängen entgegenzuwirken.