Inhaltsbeschreibung
Die Erinnerungskultur in Deutschland steht vor zahlreichen Herausforderungen: Es gibt immer weniger Zeitzeugen der NS-Verbrechen, Alltag und Bildung finden zunehmend digital statt, und die Zahl der Themen und Aspekte, an die erinnert wird, steigt. Zudem wird die Gesellschaft pluraler, während zugleich politische Akteure erstarken, die kritisches Erinnern grundsätzlich infrage stellen.
Doch auch in der Vergangenheit, so der Historiker und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz, war das Erinnern nicht selbstverständlich oder statisch, sondern mit Konflikten verbunden und im steten Wandel begriffen. Insbesondere musste eine kritische Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen über viele Jahrzehnte überhaupt erst erkämpft werden. Für bestimmte Gruppen von NS-Verfolgten, wie Sinti und Roma, Opfer der „Euthanasie“-Verbrechen oder vom NS-Regime als „kriminell“ bzw. „asozial“ Stigmatisierte, habe sich die Anerkennung ihres Leides noch deutlich länger – und teils bis in die Gegenwart – hingezogen. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten seien zudem das Erinnern an das Erbe der kommunistischen Diktatur in der ehemaligen DDR und an die deutschen Kolonialverbrechen hinzugekommen.
Benz beleuchtet die Rolle von Gedenkstätten, Zeitzeugen und Denkmälern und ruft dazu auf, die Erinnerungskultur nicht in Ritualen erstarren zu lassen, sondern ihren aufklärerischen Impuls stets gegenwartsbezogen zu aktualisieren und lebendig zu halten.