„Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf.“ So bestimmt es Artikel 87a Absatz 1 des Grundgesetzes. Seit dem Angriff Russlands auf die gesamte Ukraine im Februar 2022 ist es erklärtes Ziel der Verteidigungspolitik, die Bundeswehr so aufzustellen, dass sie gemeinsam mit den Partnern zur Bündnisverteidigung beitragen und eine glaubhafte Abschreckung gegen die Bedrohung durch Russland gewährleisten kann. Bundeskanzler Friedrich Merz hat dabei das Ziel seines Vorgängers wiederholt, die Bundeswehr zur stärksten konventionellen – sprich: nicht-nuklearen – Armee in Europa auszubauen.
Dennoch zeigen sich die bekannten Probleme. Die Beschaffung neuer Waffensysteme und Munition verläuft schleppend. Angesichts militärtechnologischer Innovationen, etwa im Drohnenbereich, sehen Kritiker die Gefahr von milliardenschweren Fehlinvestitionen.
Doch für die Verteidigungsfähigkeit eines Landes spielen nicht allein die militärischen Potenziale, die Bewaffnung und die Anzahl an Soldatinnen und Soldaten eine Rolle. Ebenso entscheidend sind die politische Entschlossenheit und der gesellschaftliche Rückhalt.
Die meisten Beobachter hegen jedoch Zweifel, ob hierzulande ein ausreichender Rückhalt für die Zeitenwende besteht.
Militärsoziologische Theorien
Die zivil-militärischen Beziehungen sind ein zentrales, wenn nicht das zentrale Forschungsfeld der Militärsoziologie.
Im Gegenzug stellt gemäß der Vertragstheorie die Gesellschaft die Ressourcen zur Verfügung, die der Staat benötigt, um seine Sicherungsaufgaben erfüllen zu können. Dies umschließt im Wesentlichen zwei Arten von Unterstützung. Erstens benötigt der moderne Staat Mittel materieller wie personeller Natur. Mit den verpflichtenden Steuerzahlungen finanziert die Gesellschaft die staatlichen Sicherheitsvorkehrungen. Auch das Personal von Ordnungsorganen wie Polizei, Justiz und Streitkräften rekrutiert sich aus der Bevölkerung – oftmals freiwillig, mitunter aber auch per staatlichem Zwang, wie im Falle von Wehrpflichtarmeen.
Die Frage, wie staatlicher Schutz und militärische Sicherheit sowie die gesellschaftliche Bereitstellung von Ressourcen und Legitimation am besten zu gewährleisten sind, ist gerade für Demokratien relevant. Denn eine Verabsolutierung des Strebens nach Sicherheit kann auf eine Einschränkung der gesellschaftlichen Entfaltung und Freiheiten hinauslaufen. Kurzum: Wie sollte das zivil-militärische Verhältnis gestaltet sein, ohne dass die gesellschaftliche Selbstbestimmung und die demokratischen Rechte verloren gehen? Um die angemessene Antwort auf diese Fragen ringt die Militärsoziologie seit Jahrzehnten.
In der Debatte dominieren unverändert zwei grundlegende Positionen, die bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts formuliert wurden. In ihren Pionierarbeiten konzipierten der Politikwissenschaftler Samuel Huntington und der Soziologe Morris Janowitz die zivil-militärischen Beziehungen unterschiedlich und in Teilen konträr. Beide Autoren streben eine Balance zwischen militärischer Effektivität, politischer Kontrolle und gesellschaftlichen Freiheiten an. Sowohl Huntington als auch Janowitz sehen Soldaten und Armeen dabei in einem Spannungsverhältnis zwischen den Eigendynamiken liberaler Gesellschaften einerseits und den Normen militärischer Professionalität andererseits.
Huntington legte 1957 mit „The Soldier and the State“ einen exklusiven Ansatz vor, der von einer klaren Arbeitsteilung zwischen Politik und Militär ausgeht.
In „The Professional Soldier“ zeichnete Janowitz 1960 seinen inklusiven Gegenentwurf und konzipierte die zivil-militärischen Beziehungen von der Demokratiekompatibilität der Streitkräfte her, mithin vom societal imperative aus. Der professionelle Soldat müsse zugleich ein citizen soldier sein.
Die zivil-militärischen Beziehungen in der Bundesrepublik orientieren sich erkennbar am Janowitz’schen Modell. Die Innere Führung als normative Vorgabe der Bundeswehr legt die Integration in die Gesellschaft als Ziel explizit fest. Das Leitbild ist der „Staatsbürger in Uniform“. Laut Vorschrift ist es Aufgabe der Inneren Führung, „die Einbindung der Bundeswehr in Staat und Gesellschaft zu erhalten und zu fördern, Verständnis für den Auftrag der Bundeswehr im Rahmen der deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitik bei den Bürgerinnen und Bürgern zu gewinnen sowie die Soldatinnen und Soldaten aktiv in die durch ständigen Wandel geprägten Streitkräfte einzubeziehen“.
Die normativen Vorgaben für die zivil-militärischen Verhältnisse sind damit klar benannt. Die Bundeswehr soll sozial integriert und gesellschaftlich breit getragen sein. Doch wie steht es um die zivilgesellschaftliche Rückbindung für Verteidigungspolitik und Streitkräfte? Sind die Zweifel am Rückhalt der Gesellschaft angebracht? Zu diesen wissenschaftlich, politisch und militärisch gleichermaßen wichtigen Fragen liefern die empirischen Untersuchungen der Militärsoziologie zuverlässige – und eindeutige – Hinweise.
Empirie des gesellschaftlichen Rückhalts
Insbesondere seit dem russischen Überfall auf die gesamte Ukraine gibt es regelmäßig Studien und Untersuchungen, die bei allen notwendigen Nuancierungen und Differenzierungen ein aussagekräftiges Bild der hiesigen zivil-militärischen Beziehungen zeichnen. So ist das Ansehen der Bundeswehr unverändert hoch – und dies nicht erst seit Ausrufung der Zeitenwende 2022.
Seit 2022 erkennen rund zwei Drittel der Deutschen in Russland eine klare Bedrohung für die deutsche und europäische Sicherheit. War das Meinungsbild in den Jahren davor eher gespalten, gilt Russland seither als politischer und auch militärischer Kontrahent. Diese Bedrohungswahrnehmung ist ein Grund für die weiterhin große Zustimmung von bis zu zwei Dritteln der Befragten zu den stark erhöhten Verteidigungsausgaben. Die Forderung nach mehr Geld für die Bundeswehr trifft selbst dann auf Zustimmung, wenn damit Kürzungen in anderen Politikbereichen verbunden sind.
Auch die seit 2022 wieder zentralen Verteidigungsaufgaben erfahren mehrheitliche Unterstützung in der Bevölkerung. Während die unterschiedlichen Auslandseinsätze der Bundeswehr – vom Balkan über Afghanistan bis nach Mali – stets auf eine gewisse Skepsis stießen, erfahren Verteidigungsaufgaben seit jeher als militärischer Kernauftrag eine hohe Zustimmung – von rund zwei Dritteln für die Bündnisverteidigung und über 80 Prozent für die Landesverteidigung. Dabei zeigt sich in den vergangenen Jahren eine gestiegene Unterstützung für die Verteidigung der Bündnispartner in Osteuropa. Auch die Verlegung einer Brigade nach Litauen trifft auf mehrheitlichen Zuspruch der deutschen Bevölkerung.
Diese Befunde zeigen, dass die deutsche strategische Kultur keineswegs durch eine Ablehnung und Distanz zu militärischen Mitteln oder gar durch einen Pazifismus gekennzeichnet ist.
Neben den Haltungen finden die zivil-militärischen Beziehungen in den Handlungen der Bevölkerung ihren Ausdruck. Als eine solche Handlung gilt in öffentlichen Debatten oftmals die Bereitschaft, selbst Soldat beziehungsweise Soldatin zu werden. Angesichts des überschaubaren Personalaufwuchses der Bundeswehr der vergangenen Jahre könnte der Schluss naheliegen, dass es an verbaler Unterstützung für die Armee nicht fehle, wohl aber am tatsächlichen Engagement. Aus konzeptioneller Sicht ist das Interesse am Soldatenberuf jedoch kein geeigneter Indikator für die gesellschaftliche Unterstützung. Einerseits kommt für den Militärdienst lediglich ein bestimmter Teil der Bevölkerung infrage: insbesondere jüngere und körperlich geeignete Personen. Dennoch können auch Bürgerinnen und Bürger, die diese Voraussetzungen für den Militärdienst nicht erfüllen, die Streitkräfte aktiv unterstützen. Andererseits hat die Militärsoziologie gezeigt,
Dessen ungeachtet gibt es in der deutschen Bevölkerung eine eindeutige und stabile Mehrheit für einen Wehrdienst für junge Menschen. Eine Auswertung von 18 Umfragen, die seit 2022 zu dieser Thematik durchgeführt wurden, ergibt, dass sich in keiner dieser Erhebungen eine Mehrheit gegen eine Wehrpflicht ausspricht. Skeptischer zeigen sich, wie seit jeher, jüngere Befragte.
Dabei besteht eine ausreichende Bereitschaft, sich in der Verteidigung des eigenen Landes zu engagieren. In mehreren Studien wurde danach gefragt, ob man bereit sei, im Ernstfall Deutschland mit der Waffe zu verteidigen. Je nach Frageformulierung, Methode und Erhebungszeitraum bejahen dies zwischen 16 und knapp 40 Prozent.
Aber auch unabhängig von der persönlichen Verteidigungsbereitschaft zeigen die gesellschaftlichen Aktivitäten einen Zuspruch zu Bundeswehr und Verteidigungspolitik. Selbstverständlich gibt es hierzulande, wie sich dies für eine Demokratie gehört, Proteste – etwa den Schulstreik gegen die Wehrpflicht, bei dem Anfang Mai 2026 Tausende auf die Straße gingen.
Robuster Rückhalt – fortwährende Zweifel
Ungeachtet dieses Forschungskonsenses hält sich in der Öffentlichkeit, in der Politik und nicht zuletzt in den Streitkräften selbst die Auffassung, es fehle an sozialem Zuspruch.
Diese Debatten und Zweifel verweisen bei aller notwendigen historischen und internationalen Differenzierung auf einen gemeinsamen Kern: Die Existenz von Streitkräften in modernen Staaten und der Soldatenberuf als militärische Profession gehen mit einem hohen gesellschaftlichen und politischen Legitimationsbedürfnis einher. Armeen sind dazu da, notfalls militärische Gewalt anzudrohen und auszuüben. Soldatinnen und Soldaten müssen bereit sein, im politischen Auftrag und für das Gemeinwesen ihr Leben einzusetzen und andere zu töten – ein Handeln, das in allen anderen sozialen Zusammenhängen verboten und sanktioniert ist. Daraus ergibt sich ein Widerspruch zwischen dem militärischen Handeln, das von der Logik staatlich organisierter und legitimierter Gewalt geprägt ist, und dem zivilgesellschaftlichen Miteinander, das dem Ideal der Gewaltlosigkeit anhängt. Dieser unauflösbare Widerspruch geht einher mit einem hohen, vielleicht gar unstillbaren Bedarf an gesellschaftlicher Akzeptanz und sozialem Zuspruch.
Für Politik und Streitkräfte hat der Verweis auf den vermeintlichen, empirisch aber nicht gegebenen Mangel an Unterstützung zugleich eine entlastende Funktion. Wenn Politik und Militärs die fehlende gesellschaftliche Verteidigungsbereitschaft ins Feld führen, soll dies auch von den eigenen Mängeln und Unzulänglichkeiten ablenken – ein Unterfangen, das auch die Bevölkerung mittlerweile erkennt. Einer Umfrage aus dem Frühjahr 2026 zufolge gehen nur 17 Prozent der Bevölkerung davon aus, dass die Bundeswehr Deutschland im Angriffsfall ausreichend verteidigen könnte.
Für wertvolle Hinweise bei der Erstellung dieses Textes danke ich Timo Graf und Till van Rahden.