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Hip-Hop, Kwaito und Co. – Trends in der afrikanischen Musikszene

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Hip-Hop, Kwaito und Co. – Trends in der afrikanischen Musikszene

Wolfgang Bender

/ 6 Minuten zu lesen

Die Musikszene Afrikas ist schon seit Entwicklung der Schallplatte Teil der weltweiten Musikindustrie gewesen. Afrikanische Musiker ließen sich von den jeweils modernen Musikstilen inspirieren. In den 1950er Jahren war die lateinamerikanische Tanzmusik tonangebend. Der Hip-Hop entwickelte sich in den 1970er Jahren zuerst in der afro-amerikanischen Gesellschaft, später fand er seinen Weg nach Afrika.

Afrikanische Musikinstrumente (© Adriano Carvalho, SXC.hu)

Einleitung

Die Musikszene in den afrikanischen Ländern ist schon seit der Entwicklung der Schallplatte und deren Verbreitung Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Teil der weltweiten Musikindustrie gewesen. Kaum, dass dieses seinerzeit modernste Medium auf dem Markt war, bedienten sich afrikanische Musiker seiner und ließen sich von den jeweils modernen Musikstilen inspirieren. In den 1950er Jahren war die lateinamerikanische Tanzmusik tonangebend. Afrikanische Orchester nahmen den Trend auf und entwickelten davon eigene Versionen. Gleiches geschah mit dem Soul, dem Reggae und der Disco-Musik und letztlich auch beim Hip-Hop.

Der afrikanische Hip-Hop und die Entstehung des Senerap

Der Hip-Hop entwickelte sich in den 1970er Jahren in der afro-amerikanischen Gesellschaft und fand darüber seinen Weg nach Afrika. Heute ist er auf dem gesamten afrikanischen Kontinent verbreitet. Zuerst war er in Südafrika zu hören. Das ist nicht erstaunlich, denn dort identifiziert sich insbesondere die Jugend spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts mit der afro-amerikanischen Gesellschaft und ihren kulturellen Werten. Im ersten Moment mag es verwundern, dass es die "Farbigen" waren, von denen Anfang der 1990er Jahre die Hip-Hop Bewegung in Südafrika ausging. Im rassistischen System der Apartheid waren sie besser gestellt als der restliche Teil der Bevölkerung und sie wollten durch die Übernahme des afro-amerikanischen Hip-Hop ihre Loyalität zu den noch stärker unterdrückten Südafrikanern zum Ausdruck bringen. Die Gruppe "Prophets of Da City" wurde in dieser Zeit für viele zum Vorbild. Zeitgleich begannen junge Männer in Senegal, im Westen Afrikas, einen Hip-Hop lokaler Prägung zu entwickeln, den Senerap. Die Musiker der Gruppe "Positive Black Soul" waren die Pioniere des Senerap und machten sich schnell in der internationalen Musikszene einen Namen. Während die Südafrikaner in Englisch rappten, verwendeten die Senegalesen überwiegend Wolof, die Umgangssprache in Senegal, die sich aufgrund ihrer kurzen und ausdrucksstarken Worte ausgezeichnet zum Rappen eignet.

Hiplife in Ghana und Bongo Flava in Tansania

Senegalesische Musiker beim "Liberation Day Festival" in der Niederlande. (© Bas van de Wiel, SXC.hu)

In Ghana entstand aus dem Hip-Hop auf der Basis des Highlife – einem Tanzmusikstil, der ab den 1950ern in Mode kam – der Hiplife. Im ostafrikanischen Tansania kam der Bongo Flava in Mode. Bongo steht für den Sound der Stadt Daressalam und Flava kommt vom englischen "flavour", das mit Geschmack oder Aroma übersetzt werden kann. Der Bongo Flava wird in Suaheli gesungen, dadurch klingt die Musik eher weich und hat einen völlig anderen sprachlichen Ausdruck als der nordamerikanische Rap.

Die Musik, zu der afrikanische Bands rappen, ist sehr unterschiedlich. Lokale populäre Musikstücke der 1970er Jahre werden ebenso aufgelegt wie anglo-amerikanische "tracks". Die Hip-Hop Musik ist im Grunde hoch technisiert, deshalb ist sie meist nur etwas für die städtische und reichere Jugend. Dort, wo die Musiker kein Abspielgerät in ihrer Ausstattung haben, wird die dem Sprechgesang hinterlegte Musik durch Trommeln eingespielt.

Weil der Hip-Hop inzwischen so weit verbreitet ist, werden Rapper auch des Öfteren zu Produktionen von Afrikas gestandenen Musikgrößen außerhalb der Hip-Hop-Szene hinzugezogen. Der Afro-Jazz Musiker Manu Dibango verarbeitet in seinen Stücken ebenso Elemente des Rap wie die Zambeat-Sängerin Nalu aus Sambia. Auch in Bezug auf die Altersgruppen der Fans überschreitet der Musikstil aufgrund seiner politischen Botschaften gelegentlich Grenzen. Überwiegend wird er von der jüngeren Generation gehört. Als aber im Jahr 2002 im kenianischen Wahlkampf das Lied "unBwogable" – wir lassen uns nicht unterkriegen – der Rapper GidiGidi und MajiMaji zur Hymne der Opposition wurde, erfreute es sich bei allen Altersgruppen gleichermaßen großer Beliebtheit.

Kwaito-Musik aus Südafrika

Senegalesischer Sänger beim "Liberation Day Festival" in der Niederlande. (© Bas van de Wiel, SXC.hu)

Mit der Befreiung Südafrikas von der Apartheid erlangte eine neuer Musikstil Popularität und liegt bis heute bei den Jugendlichen des Landes im Trend: der Kwaito. In der Republik Südafrika war die Musikindustrie im Gegensatz zum übrigen Afrika schon lange sehr ausdifferenziert und auf Zielgruppen orientiert. Andere Musikarten, wie die "jive"-Stile, die Disco-Musik "mbaqanga", die "isicathamiya" –Tanzwettkämpfe oder wie Reggae und Gospel werden auch weiterhin in Südafrika gehört. Im Kwaito können die Jugendlichen jetzt offen die gesellschaftlichen Verhältnisse kritisieren. Früher war dies nur versteckt oder zwischen den Zeilen möglich. Der musikalische Ursprung des Kwaito ist eine Synthese aus vielen Quellen, darunter R&B, House, Hip-Hop und Ragga. Die genaue Herkunft des Namens für diesen Musikstil ist nicht geklärt. Es wird vermutet, dass Kwaito für eine Kombination des Wortes Kwaai, was in Afrikaans so viel wie "voller Ärger" bedeutet, mit der Abkürzung "To" für Townships steht oder auf eine Band aus den 1950er Jahren, der "Amakwaitos Gang" aus Soweto anspielt.

Ein neuer Trend: die akustische Musik

Afrikanische Trommel (© Francois Carstens, SXC.hu)

Eine ganz andere musikalische Entwicklung ist in vielen afrikanischen Ländern zu beobachten: die neue akustische Musik. Eine mangelhafte Infrastruktur, eine schlechte Stromversorgung und Geldmangel bewirkten vielerorts eine Rückbesinnung auf die akustische Musik. Neu an ihr ist, dass häufig Musikinstrumente in einer noch nie da gewesenen Kombination eingesetzt werden. Aus der großen Anzahl unterschiedlicher Instrumente einer Musikkultur werden ganze Orchester gebildet. In Sierra Leone, im Kongo und in Kenia ist dieses Phänomen sehr verbreitet. Im Mittelpunkt der Musik der Gruppe "Kenge Kenge Orutu System" aus Nairobi steht die Orutu, ein traditionelles, relativ kleines einsaitiges Streichinstrument, das von den Luo im Westen Kenias gespielt wird. Um die Orutu herum hat die Gruppe eine ganze Reihe von Instrumenten vereint, die nie zuvor zusammen gespielt wurden. In Sierra Leone war es Dr. Oloh, der aus der Not eine Tugend machte. Als in Folge von Stromausfällen keine elektrisch-verstärkte Band mehr auftreten konnte, ließ er Trommeln und Perkussionsinstrumente verschiedener Art Rhythmen aus dem ganzen Land spielen und ergänzte das Ensemble um das "bugle", einem Signalhorn der Armee.

Videoclips

Wer sich einen von Afrikas TV-Kanälen mit Musikprogramm (Channel O, Channel 5 East African TV, AIT, MCM) ansieht, wird von der Vielfalt an attraktiven Videoclips überrascht sein. Regionale Besonderheiten kommen schon bei der Produktion der Clips zum Tragen. Musikvideos aus dem frankophonen West- und Zentralafrika werden hauptsächlich in Paris und Brüssel, aber auch auf dem afrikanischen Kontinent gedreht. Die Videos aus dem lusophonen Sprachraum Afrikas [Anm. d. Red. derjenige Sprachraum, in dem Portugiesisch gesprochen wird] entstehen zu einem großen Teil in Lissabon. Dagegen produzieren anglophone Musiker ihre Clips vorzugsweise in Nigeria, Ghana, Kenia oder Tansania – und natürlich in Südafrika. Afrikanische Musik ist fernab von jeder Nostalgie ständig in Bewegung und bringt immer wieder neue Richtungen hervor, bei denen es sich lohnt, hinzuhören und sich von ihnen begeistern zu lassen.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Der Hip-Hop hat seine Ursprünge in der afro-amerikanischen Funk- und Soul-Musik und der Straßenmusik der Ghettos (Wicke/Ziegenrücker 1987, 310). Aus der Musikrichtung ist gleichermaßen eine Jugendkultur erwachsen. Bestandteile des Hip-Hop sind der Rap, eine Art Sprechgesang ("to rap" bedeutet klopfen, pochen, kritisieren), das Samplen und Scratchen ("scratching"), aber auch der "break dance" – zu dem der "Ghettoblaster" gehört – und die Graffiti-Malerei. Die Hip-Hop Szene hat zudem ihren eigenen Modestil entwickelt, der inzwischen weltweiten Anklang findet. Sei es ein Dorf in der Westpfalz oder in Sambia: Jugendliche tragen weite, tief hängende Jeans, weite T-Shirts und ein "Baseball Cap". Quelle: W. Ziegenrücker/ P. Wicke: Sachlexikon Popularmusik, Goldmann/Schott, Mainz 1987.

  2. Der Begriff Rap steht auch als Synonym für die Hip-Hop Musik. Heute wird der Rap ebenso in anderen Musikstilen, wie in der Pop-Musik oder im Crossover verwandt.

  3. Als Farbige (engl. "coloureds") wurden in Südafrika während der Apartheid die gemeinsamen Nachkommen von Afrikanern und Europäern bezeichnet.

  4. Akustische Musik wird auf Instrumenten ohne elektronische Verstärkung erzeugt. Das Gegenstück hierzu ist die elektronische Musik.

  5. Akustische Musik wird auf Instrumenten ohne elektronische Verstärkung erzeugt. Das Gegenstück hierzu ist die elektronische Musik.

Dr. Wolfgang Bender ist Universitätsdozent am Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er leitet das von ihm 1991 gegründete Archiv für die Musik Afrikas (AMA). Veröffentlichungen: u.a. "Rastafarian Art" (Ian Randle Publishers, Kingston, Jamaica 2005).