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Kommentar: Der russische Staat schottet seine Bevölkerung ab. Soziale Medien aus dem Ausland sind für Normalbürger kaum noch zugänglich | Russland-Analysen | bpb.de

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Kommentar: Der russische Staat schottet seine Bevölkerung ab. Soziale Medien aus dem Ausland sind für Normalbürger kaum noch zugänglich Russland-Analysen Nr. 477

Philipp Dietrich

/ 6 Minuten zu lesen

Der russische Staat definiert Sicherheit u.a. als absolute Kontrolle über den Informationsfluss. Das steht im krassen Gegensatz zur tatsächlichen technologischen Sicherheit der Bürger.

Herausgeber der Länderanalysen

Die Russland-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH gemeinsam herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht die Analysen als Lizenzausgabe.

Am 10. Februar 2026 war es dann so weit. Nach YouTube ging es WhatsApp und Telegram in Russland endgültig an den Kragen. Was zunächst mit Einschränkungen bei der Telefonfunktion der Messenger-Apps begonnen hatte, entwickelte sich zu einer Verlangsamung der Dienste eines nie dagewesenen Ausmaßes. Während ähnliche Bemühungen des russischen Staates zuvor oftmals an technischen Unzulänglichkeiten scheiterten, war dies der endgültige Beweis dafür, dass der Kontrollapparat eine neue Stufe erreicht hatte.

Technische Systeme zur Abschottung von WhatsApp und Telegram

Bereits 2018 hatte Russland vergeblich versucht, Telegram zu sperren. Doch der russische Baukasten zur Internetzensur war nicht sehr ausgefeilt. Und so schaffte Telegram es, die Sperren zu umgehen. Eine Blamage für den Staat, die sich nicht wiederholen sollte. Jetzt wurden Nägel mit Köpfen gemacht und Stück für Stück ein System entwickelt, das weltweit mit den ausgefeiltesten Zensurmechanismen – sei es im Iran oder in China – mithalten kann. Der Grundpfeiler dieses Fortschritts ist ein System namens Deep Packet Inspection (DPI), was auf Deutsch in etwa „umfassende Paketüberprüfung“ bedeutet.

Datenströme im Internet werden in kleinen Paketen verschickt. DPI ist darauf spezialisiert, diese auszuwerten. Zum Beispiel liest das System bestimmte Adressdaten der Pakete aus, die sich nicht leicht verschlüsseln lassen und nach wie vor meist per Klartext übertragen werden. Außerdem führen die Systeme eine Protokoll-Analyse durch, die spezifische digitale Fingerabdrücke von Apps erkennt. Besonders effektiv ist zudem die Analyse von Zeit- und Verhaltensmustern. DPI-Systeme erkennen den Unterschied zwischen einem unregelmäßigen Datenfluss, wie er beim Versenden von Dateien vorkommt, und einem konstanten Echtzeit-Datenstrom, der typisch für Audio- oder Videoanrufe ist. Durch diese Kombination können Behörden mit hoher Wahrscheinlichkeit bestimmen, wofür ein Paket bestimmt ist, ohne den verschlüsselten Inhalt kennen zu müssen. Das Ergebnis: Pakete bestimmter Apps wie eben WhatsApp oder Telegram werden aussortiert und kommen nie beim Empfänger an. Die App versucht die Pakete immer wieder zu senden, kriegt aber nur selten eine Antwort und wird so unbrauchbar langsam.

Ergänzt wird diese Methode durch das nationale Domain-Name-System (DNS). Das DNS fungiert vereinfacht gesagt als das Telefonbuch des Internets, welches menschenlesbare Adressen wie laender-analysen.de in die technischen IP-Adressen der Server übersetzt. Im Rahmen des Gesetzes zum souveränen Internet hat Russland ab 2019 ein staatlich kontrolliertes Spiegelbild dieses normalerweise weltweit operierenden Systems geschaffen. Die Konsequenz: IP-Adressen werden über das nationale System nicht mehr aufgelöst. Wer beispielsweise youtube.com im Browser eingibt, bekommt die Rückmeldung, dass diese Domain nicht existiert: Im „Telefonbuch“ würde hierfür kein Eintrag mehr gefunden, da er von den Behörden entfernt wurde. Für den Durchschnittsnutzer ist die Seite damit nicht mehr erreichbar, obwohl sie im globalen, also im nicht-nationalen Internet, weiterhin existiert. Diese Methode ist wesentlich sauberer und skalierbarer als herkömmliche Sperren, da sie direkt an der Wurzel der Namensauflösung ansetzt.

Schlupflöcher vs. Kontrolle

Nun drängt sich die Frage auf, warum Plattformen wie Telegram nicht wie 2018 Maßnahmen ergreifen, die Sperren zu umgehen. Die Antwort lautet, dass dies ungemein komplizierter geworden ist. Da die Behörden, vereinfacht gesagt, nicht mehr nur IP-Adressen blockieren, sondern die Pakete anhand einer ganzen Reihe von Merkmalen erkannt werden können, reicht ein IP-Wechsel nicht mehr aus.

Grundsätzlich existieren Möglichkeiten zur Verschleierung, die sogenannte „Obfuscation“, bei der Datenpakete innerhalb anderer Pakete versteckt werden, um DPI-Geräte zu verwirren. Für Plattformen wie Telegram oder YouTube ist dies jedoch ein logistischer Albtraum von gigantischem Ausmaß. Denn beide Dienste haben nicht nur Nutzer in Russland, sondern hunderte Millionen täglich weltweit. Unter diesen Bedingungen ist es unmöglich, ständig experimentelle Updates zur Umgehung von Sperren zu veröffentlichen, ohne die Stabilität der App weltweit zu gefährden. Der finanzielle und technische Aufwand, um ein permanentes Katz-und-Maus-Spiel gegen die staatliche Infrastruktur eines technologisch hochgerüsteten Landes zu gewinnen, ist schwer tragbar. Daher beschränken sich die Umgehungsmethoden weitgehend auf Drittanbieterdienste, die jedoch eine separate Installation erfordern und auch nicht auf jedem Endgerät verfügbar sind. Denn auch hier sind Behörden aktiv geworden und haben viele dieser Dienste gesperrt oder aus App-Stores entfernen lassen.

Die russischen Behörden rechtfertigen diese Eingriffe stets mit dem Argument der nationalen Sicherheit. Sie führen Gründe wie den Kampf gegen Kinderpornografie, den Schutz von Personendaten oder die Abwehr von Bedrohungen durch ukrainische Drohnen an, die das Mobilfunknetz zur Navigation nutzen könnten. Das Perfide an dieser Argumentation ist, dass die genannten Bedrohungen zum Teil plausibel sind. Doch in einem autoritären Staat dienen sie vor allem als Vorwand, um eine Infrastruktur der totalen Kontrolle zu etablieren. Sicherheit wird hier als die absolute Kontrolle über den Informationsfluss definiert, was im krassen Gegensatz zur tatsächlichen technologischen Sicherheit der Bürger steht.

Eine staatliche Super-App

Im Fall der Blockaden von YouTube, WhatsApp und Telegram geht es aber auch darum, russische Nutzer mehr und mehr in die Arme des staatlichen Dienstes VK Max zu treiben. VK Max ist eine App, die bereits Chats, Video- und Audioanrufe, kurze Videobotschaften, Geldtransfers, einen KI-Assistenten, Mini-Apps und Chat-Bots sowie die Integration mit den russischen Behördendiensten (Gosuslugi) bietet. Langfristig soll sie als universelles Ökosystem alle Alltagsaufgaben abdecken, inklusive tiefer Einbindung von VK Video für längere Videos (alternative zu YouTube), Clips und Live-Streams. VK Max wäre dann der chinesischen Super-App WeChat sehr ähnlich.

Das Größte Problem bei VK Max ist jedoch die fehlende Sicherheitsinfrastruktur, die absichtlich weggelassen wurde, wie beispielsweise die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Bei einer solchen Verschlüsselung, wie sie bei WhatsApp oder in den geheimen Chats von Telegram zum Standard gehört, werden Nachrichten auf dem Gerät des Senders verschlüsselt und erst beim Empfänger wieder entschlüsselt. Weder der Internetanbieter noch Geheimdienste können die Inhalte mitlesen. Bei VK Max hingegen erfolgt die Verschlüsselung nur zwischen dem Gerät und den Servern des Anbieters. Das bedeutet, dass alle Nachrichten, Standorte und privaten Dateien für den Betreiber lesbar sind und über das SORM-System, das russische Überwachungswerkzeug, in Echtzeit an den Inlandsgeheimdienst FSB übermittelt werden können. Außerdem sammelt die App permanent Nutzerdaten, die so in diesem Umfang laut Experten nicht nötig sind.

Der Verzicht auf starke Verschlüsselung wird von staatlicher Seite oft damit begründet, dass man Kriminellen und Terroristen keine geschützten Räume zur Kommunikation lassen dürfe. Aus Sicht der Cybersicherheit ist diese Argumentation jedoch hinfällig. Starke Verschlüsselung schützt die gesamte Gesellschaft vor Hackern, Identitätsdiebstahl und ausländischer Spionage. Ein System, das Hintertüren für den Staat offenlässt, ist prinzipiell unsicherer für jeden Nutzer. Historisch gesehen fassen autoritäre Regime den Begriff der Kriminalität zudem sehr weit, um auch politische Opposition, unabhängige Journalisten oder missliebige soziale Gruppen zu verfolgen. Durch die Integration von Zahlungsdiensten und staatlichen Ausweisdokumenten in die Super-App VK Max führt ein einziger Datenzugriff zur vollständigen Offenlegung der gesamten digitalen Existenz eines Bürgers.

Laut VK sind die Nutzerzahlen stark in die Höhe gegangen und liegen angeblich bei 60 Millionen täglicher Nutzer (laut Mediascope hat WhatsApp 96 Mio., Telegram 89 Mio.). Verifizieren lassen sich die Daten für VK Max nicht. Doch es ist wahrscheinlich, dass die allgemeine Mehrheit der Bevölkerung mehr und mehr auf russische Dienste umsteigen wird, die eben nicht unbrauchbar langsam sind.

Internet nach chinesischem Modell

Während die technologische Elite weiterhin Virtual Private Networks (VPNs) nutzt, um verschlüsselte Tunnel ins Ausland aufzubauen, kapituliert der Durchschnittsbürger vor der technischen Hürde und der sinkenden Geschwindigkeit. Betrachtet man diese Entwicklung, so bewegt sich Russland immer mehr in Richtung des chinesischen Modells, in dem ein eigenes, nationales und stark kontrolliertes digitales Ökosystem geschaffen wurde, das westliche Dienste für die Masse der Menschen überflüssig macht. Im Falle Chinas wurden sie gar nicht erst zugelassen. In Russland bildet die Verabschiedung eines neuen Gesetzes am 20. Februar 2026, welches dem Präsidenten die Befugnis erteilt, das Internet ohne Angabe von Gründen abzuschalten, den rechtlichen Schlussstein für diese digitale Isolation. Das Internet in Russland verliert damit endgültig seinen Status als Teil eines globalen, freien Raums. Es wird stattdessen zu einer nationalen Infrastruktur der Überwachung umgebaut, in der Bequemlichkeit gegen Freiheit und technologische Sicherheit gegen staatliche Kontrolle eingetauscht wird.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Philipp Dietrich ist Associate Fellow am Zentrum für Ordnung und Governance in Osteuropa, Russland und Zentralasien der DGAP. Zuvor war er dort Projektmitarbeiter für das Projekt „Risks of the Sovereign Internet for Russia and Beyond“. Seine Hauptforschungsinteressen sind die russische Außenpolitik und die russische Cybersphäre. Dietrich hat sein Studium an der Universität Oxford mit einem Master of Philosophy in Area Studies abgeschlossen. Er hat einen Bachelor-Abschluss von Sciences Po Paris und hat während des Studiums Auslandserfahrung in Russland gesammelt.