Die deutsch-jüdische Geschichte im ‚langen‘ 19. Jahrhundert ist oft vor allem als Geschichte eines wachsenden Antisemitismus betrachtet worden, der im Kaiserreich wesentliche Formierungen erfahren und unter dem Nationalsozialismus im Holocaust seinen schrecklichen Höhepunkt gefunden hat. So notwendig gerade angesichts dieses Menschheitsverbrechens die historische Ursachenanalyse ist: Blickt man auf die Vorgeschichte des Holocaust, so gibt es neben der zwingenden Perspektive auf die Kontinuität des Antisemitismus auch andere sinnvolle Perspektiven auf die deutsch-jüdische Geschichte im Kaiserreich, die zugleich weiterführende und vertiefende Erkenntnismöglichkeiten eröffnen. Das gilt zum einen für die großen und erfolgreichen Schritte, die von den deutschen Juden auf dem Weg aus der Abgeschiedenheit des „Schtetls“ in das Zentrum der modernen bürgerlichen Gesellschaft des Kaiserreichs vollzogen worden sind. Zum anderen lohnt es, die Entstehungsbedingungen, Formen, Bedeutungen und Funktionen antisemitischer Haltungen, Ideologien, Praktiken und Bewegungen zu untersuchen.
Trotz aller judenfeindlichen Orientierungen stand am Anfang die förmliche Gleichstellung der Juden, die am 3. Juli 1869 in Zusammenhang mit der Gleichstellung aller Konfessionen vom Reichstag des Norddeutschen Bundes verabschiedet und im April 1871 als Reichsgesetz übernommen wurde. Vorausgegangen war eine lange, politisch umstrittene, zwischen Emanzipationsschritten und Rücknahmen verlaufende Geschichte, die ihre Höhepunkte unter dem Einfluss der napoleonischen Herrschaft, in den Preußischen Reformen sowie in den Neuordnungsversuchen der Revolution 1848/49 sowie den jeweils folgenden Restaurationsregimen gefunden hatte. Begleitet und inspiriert wurde dieser Prozess von einer jüdischen Aufklärungsbewegung, der Haskala , die die Beteiligung der Juden an allgemeiner Bildung und öffentlicher Kultur förderte und für ihre gleichberechtigte Integration in die sich entwickelnde bürgerliche Gesellschaft eintrat. Die sich im Laufe dieses Prozesses eröffnenden Möglichkeiten wurden von den deutschen Juden in Wirtschaft, Kultur und Politik insgesamt höchst erfolgreich genutzt und bewirkten so kollektiv einen enormen sozialen Aufstieg, der mit starken Assimilationsbestrebungen, der Entwicklung eines Reformjudentums und teilweise auch mit dem Übertritt zum Christentum verbunden war: Während zu Beginn des Emanzipationsprozesses Ende des 18. Jahrhunderts die große Mehrheit der rund 250.000 deutschen Juden zur meist ländlichen Unterschicht gehörte, hatten sich ihre sozialen Verhältnisse schon bis zur Gründung des Kaiserreichs radikal verschoben: Nur noch ein kleiner Teil der deutlich überproportional auf etwa eine halbe Million Menschen angestiegenen jüdischen Bevölkerung, die bis ins frühe 20. Jahrhundert noch einmal um etwa 100.000 zulegte, zählte nun zur sozialen Unterschicht, während der selbständige Mittelstand auf etwa ein Drittel zugenommen hatte und weit über die Hälfte der deutschen Juden in die wirtschafts- und bildungsbürgerliche Oberschicht des Kaiserreichs aufgestiegen war.
Die "Krakauer Fleischhalle" im Berliner "Scheunenviertel" nahe des Alexanderplatzes. (Aufnahmedatum: 01.01.1900-31.12.1913) (© picture-alliance, SZ Photo)
Die "Krakauer Fleischhalle" im Berliner "Scheunenviertel" nahe des Alexanderplatzes. (Aufnahmedatum: 01.01.1900-31.12.1913) (© picture-alliance, SZ Photo)
In enger Verbindung mit diesem erfolgreichen Emanzipations- und Aufstiegsprozess , der sich teilweise mit der Übernahme traditioneller antijüdischer Ressentiments bis hin zu einem „jüdischen Selbsthass“ verbinden konnte, entwickelte sich auch ein intensives gesellschaftspolitisches Engagement der deutschen Juden, das weit über die Tätigkeit der teils traditionellen, teils reformorientierten jüdischen Kultusgemeinden und des 1893 als Interessenverband gegründeten „Central-Vereins der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens“ hinausging. Ähnlich wie bei den christlichen Konfessionen entstanden jüdische Vorfeldorganisationen wie etwa der Jüdische Frauenbund (1904) und vielfältige sozialpolitische wie kulturelle Initiativen. Deutsche Juden engagierten sich zum einen für die Integration jüdischer Migranten aus Osteuropa, darüber hinaus aber auch in vielen nicht-konfessionell gebundenen gesellschaftlichen Organisationen. Das galt nicht zuletzt für die liberalen politischen Parteien und die SPD, wo Politiker jüdischer Herkunft teilweise führende Positionen einnahmen. So standen in der Reichsgründungsphase etwa Eduard Lasker und Ludwig Bamberger an der Spitze der Nationalliberalen Partei, und in der SPD amtierten, nachdem bereits Ferdinand Lassalle 1863 den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ gegründet hatte, im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nacheinander Paul Singer und Hugo Haase als Vorsitzende der Partei und ihrer Reichstagsfraktion.
Die tief verwurzelte Judenfeindschaft war mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs allerdings noch nicht überwunden, im Gegenteil. Sie schwelte weiter und brachte den modernen Antisemitismus hervor, dessen Entwicklung zumeist als Gegenbewegung zum Zeitalter der Emanzipation gesehen wird. In enger Verbindung mit dieser Periodisierung ist auch das Verhältnis zwischen traditioneller Judenfeindschaft und modernem Antisemitismus immer wieder und auf vielfältige Weise thematisiert worden. Die überkommene Judenfeindschaft wird dabei als christlich begründet angesehen und mit der traditionellen, aus der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossenen Sonderstellung der jüdischen Gemeinden verbunden; sie bezog sich inhaltlich vornehmlich auf ‚typisch‘ jüdische Verhaltensweisen und wies den Juden in Krisensituationen eine Sündenbockfunktion zu. Der spezifisch moderne Antisemitismus dagegen wurde rassistisch begründet, er bezog sich nicht auf die Sonderstellung der Juden, sondern auf ihre Rolle in der modernen Gesellschaft, und er entwickelte sich zu einer eigenständigen Weltanschauung, die in Konkurrenz zu den prägenden -Ismen des Modernisierungsprozesses, insbesondere zu Kapitalismus, Liberalismus und Sozialismus trat und in immer radikalerer Weise Lösungen für die mit ihnen verbundenen, zugleich mit den Juden identifizierten Probleme und Krisen der Moderne anbot.
Dieser moderne, politische Charakter des Antisemitismus trat gleich zu Beginn des Kaiserreichs in vehementer Form an die Öffentlichkeit, als sich in Reaktion auf die sogenannte Gründerkrise Ende der 1870er Jahre die christlich-soziale Bewegung des Berliner Hofpredigers Adolf Stoecker bildete und die Hetze gegen die Juden als vermeintlichen Verursachern der um sich greifenden ökonomisch-soziale Verwerfungen in den Mittelpunkt ihrer Agitation stellte. Ähnlich argumentierten auch ehemals liberale und radikale Autoren wie Otto Glagau und Wilhelm Marr, die ihre Judenfeindlichkeit sowohl sozial und ökonomisch als auch rassistisch begründeten. Marr war es auch, der 1879 in seiner Schrift „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum – Vom nichtkonfessionellen Standpunkt aus betrachtet“, den rassistisch begründeten Begriff „Antisemitismus“ prägte und zugleich eine „Antisemiten-Liga“ gründete. Neben vielerlei Verbindungen mit den traditionellen Führungsschichten fand die antisemitische Agitation vor allem Zustimmung in den unter Druck geratenen mittelständischen Schichten, während die erhoffte Zustimmung von Seiten der Arbeiterschaft weitgehend ausblieb.
Als sich die ökonomische Situation wieder zu bessern begann, flaute die Bewegung erst einmal ab, und die folgenden Versuche zur Etablierung explizit antisemitischer Parteien konnten politisch nur eher geringe Erfolge erzielen. Ihren Höhepunkt erreichten sie 1893, als die sogenannte Böckel-Bewegung immerhin sieben Reichstagsmandate errang. Diese begrenzten Erfolge sollten allerdings nicht dazu verleiten, den modernen Antisemitismus des Kaiserreichs für einflusslos zu halten. Vielmehr hat die Forschung nicht nur aufgezeigt, dass antisemitische Vorstellungen und Praktiken in vielfältigen gesellschaftlichen Organisationen zunehmend an Bedeutung gewannen. Deutlich wurde auch, wie sich der Antisemitismus darüber hinaus in seinen weltanschaulichen Komponenten zu einem essentiellen Bestandteil des historisch-politischen Selbstverständnisses wesentlicher Teile der deutschen Gesellschaft entwickelt hat.
QuellentextTheodor Mommsen, Auch ein Wort über unser Judenthum (1880)
"(…) Unserer Generation ist beschieden gewesen, was die Geschichte nur von wenigen zu sagen vermag, daß die großen Ziele, die wir, als wir zu denken begannen, vor uns fanden, jetzt von unserer Nation erreicht sind.
Wer noch die Zeit gekannt hat der Ständeversammlungen mit beratender Stimme und des Deutschlands, das höchstens auf der Landkarte einerlei Farbe hatte, dem wird unser Reichstag und unsere Reichsfahne um keinen Preis zu teuer sein, mag immer kommen was da will, und es kann noch vieles kommen. Aber es gehört fester Mut und weiter Blick dazu, um dieses Glückes froh zu werden. Die nächsten Folgen erinnern allerdings an den Spruch, daß das Schicksal die Menschen straft durch die Erfüllung ihrer Wünsche. In dem werdenden Deutschland fragte man, wie es gemeinsam Fechtenden geziemt, nicht nach konfessionellen und Stammesverschiedenheiten, nicht nach dem Interessengegensatz des Landmanns und des Städters, des Kaufmanns und des Industriellen, in dem gewordenen tobt ein Krieg aller gegen alle und werden wir bald so weit sein, daß als vollberechtigter Bürger nur derjenig gilt, der erstens seine Herstammung zurückzuführen vermag auf einen der drei Söhne des Mannus (nach westgermanischer Mythologie Begründer der germanischen Stämme, WK), zweitens das Evangelium so bekennt, wie der pastor collocutus (Vertreter der kirchlichen Amtslehre, WK) es auslegt, und drittens sich ausweist als erfahren im Pflügen und Säen. Neben dem längst ausgebrochenen konfessionellen Krieg, dem sogenannten Kulturkampf, und dem neuerdings entfachten Bürgerkrieg des Geldbeutels, tritt nun als drittes ins Leben die Mißgeburt des nationalen Gefühls, der Feldzug der Antisemiten. (…)
Wer die Geschichte wirklich kennt, der weiß, daß die Umwandlung der Nationalität in stufenweisem Fortschreiten und mit zahlreichen und mannigfaltigen Übergängen oft genug vorkommt. Historisch wie praktisch hat überall nur der Lebende recht; so wenig, wie die Nachkommen der französischen Kolonie in Berlin in Deutschland geborene Franzosen sind, so wenig sind ihre jüdischen Mitbürger etwas anderes als Deutsche. Daß die jüdische Masseneinwanderung über die Ostgrenze, welche Herr v. Treitschke an die Spitze seiner Judenartikel gestellt hat, eine reine Erfindung ist, hat Herr Neumann bekanntlich an der Hand der Statistik in schlagender Weise dargetan (…). Das ist der eigentlich Sitz des Wahns, der jetzt die Massen erfaßt hat und sein rechter Prophet ist Herr v. Treitschke. Was heißt das, wenn er von unseren israelitischen Mitbürgern fordert, sie sollen Deutsche werden? Sie sind es ja, so gut wie er und ich. Er mag tugendhafter sein als sie; aber machen die Tugenden den Deutschen? Wer gibt uns das Recht unsere Mitbürger dieser oder jener Kategorie wegen der Fehler, welche im allgemeinen dieser Kategorie, es sei auch mit Recht, zur Last gelegt werden, aus der Reihe der Deutschen zu streichen? (…)
Gewiß, die Unterschiede sind da; und sie sind so beschaffen, daß der Judenkultus einer gewissen Epoche oder – in welcher Form er heutzutage aufzutreten pflegt – die Judenfurcht wohl zu den einfältigsten Verwirrungen gehört, deren zu bedienen unsere Nation sich beliebt hat und noch beliebt. Aber diesen Schranken und Mängeln stehen wieder Fähigkeiten und Vorzüge gegenüber, deren Besitz nicht zum letzten Teil diese Agitation mitveranlaßt hat. Daß der reinste und idealste aller Philosophen als Jude gelebt und gelitten hat, ist auch kein Zufall; und an der jüdischen Wohltätigkeit, auch gegen Christen, könnten diese sich ein Beispiel nehmen. Es ist eben wie überall. Licht und Schatten sind gemischt; ob mehr oder minder ungleich, wird niemand zu entscheiden wagen, der nicht Hofprediger ist. (…)"
Aus: Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellungen, Bd. 8, S. 194-97.
QuellentextHeinrich v. Treitschke über Judentum und Antisemitismus 1879
"(…) Unter den Symptomen der tiefen Umstimmung, die durch unser Volk geht, erscheint keines so befremdend wie die leidenschaftliche Bewegung gegen das Judenthum.
Vor einigen Monaten herrschte in Deutschland noch das berufene "umgekehrte Hep Hep Geschrei". Über die Nationalfehler der Deutschen, der Franzosen und aller anderer Völker durfte Jedermann ungescheut das Härteste sagen, wer sich aber unterstand über irgend eine unleugbare Schwäche des jüdischen Charakters gerecht und maßvoll zu reden, ward sofort fast von der gesammten Presse als Barbar und Religionsverfolger gebrandmarkt. (…) Wenn Engländer und Franzosen mit einiger Geringschätzung von dem Vorurtheil der Deutschen gegen die Juden reden, so müssen wir antworten: Ihr kennt uns nicht; ihr lebt in glücklicheren Verhältnisses, welche das Aufkommen solcher "Vorurtheile" unmöglich machen. Die Zahl der Juden in Westeuropa ist so gering, daß sie einen fühlbaren Einfluß auf die nationale Gesittung nicht ausüben können; über unsere Ostgrenze aber dringt Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege eine Schaar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen; die Einwanderung wächst zusehends, und immer ernster wird die Frage, wie wir dies fremde Volksthum mit dem unseren verschmelzen können. (…) Was wir von unseren israelitischen Mitbürgern zu fordern haben, ist einfach: sie sollen Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen – unbeschadet ihres Glaubens und ihrer alten heiligen Erinnerungen, die uns Allen ehrwürdig sind; denn wir wollen nicht, daß auf die Jahrtausende germanischer Gesittung ein Zeitalter deutsch-jüdischer Mischcultur folge. Es wäre sündlich zu vergessen, daß sehr viele Juden, getaufte und ungetaufte, Felix Mendelssohn, Veit, Riesser u. A. – um der Lebenden zu schweigen – deutsche Männer waren im besten Sinne, Männer, in denen wir die edlen und guten Züge deutschen Geistes verehren. Es bleibt aber ebenso unleugbar, daß zahlreiche und mächtige Kreise unseres Judenthums den guten Willen schlichtweg Deutsche zu werden durchaus nicht hegen. Peinlich genug, über diese Dinge zu reden; selbst das versöhnliche Wort wird hier leicht mißverstanden. Ich glaube jedoch, mancher meiner jüdischen Freunde wird mir mit Bedauern Recht geben, wenn ich behaupte, daß in neuester Zeit ein gefährlicher Geist der Ueberhebung in jüdischen Kreisen erwachsen ist, daß die Einwirkung des Judenthums auf unser nationales Leben, die in früheren Tagen manches Gute schuf, sich neuerdings vielfach schädlich zeigt. (…) Am Gefährlichsten aber wirkt das unbillige Uebergewicht des Judenthums in der Tagespresse – eine verhängnisvolle Folge unserer engherzigen alten Gesetze, die den Israeliten den Zutritt zu den meisten gelehrten Berufen versagten. Zehn Jahre lang wurde die öffentliche Meinung in vielen deutschen Städten zumeist durch jüdische Federn "gemacht"; es war ein Unglück für die liberale Partei und einer der Gründe ihres Verfalls, daß gerade ihre Presse dem Judenthum einen viel zu großen Spielraum gewährte. Der nothwendige Rückschlag gegen diesen unnatürlichen Zustand ist die gegenwärtige Ohnmacht der Presse; der kleine Mann läßt sich nicht mehr ausreden, daß die Juden die Zeitungen schreiben, darum will er ihnen nichts mehr glauben. (…) Täuschen wir uns nicht; die Bewegung ist sehr tief und stark (…). Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Ungeduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück! (…)"
Aus: Preußische Jahrbücher 44, abgedr. in: Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellungen, Bd. 8, S. 191-93
Dies trat bereits im sogenannten Berliner Antisemitismusstreit zutage, der Ende der 1870er/Anfang der 1880er Jahre an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität ausbrach. Hauptprotagonisten waren mit Heinrich v. Treitschke und Theodor Mommsen zwei der berühmtesten und einflussreichsten Historiker ihrer Zeit. Nachdem der nationalliberale Neuzeithistoriker und Politiker Treitschke in einem Aufsatz, obwohl ursprünglich ein Befürworter der Judenemanzipation, nun die fehlende Bereitschaft des Judentums zur vollständigen Assimilation kritisiert hatte, reklamierte er als nationalen Wahlspruch die Parole: „Die Juden sind unser Unglück!“ Darauf reagierte der liberale Althistoriker Mommsen, der 1902 für seine Geschichte der römischen Republik den Literaturnobelpreis erhielt, mit einer entschiedenen Kritik, die zu dieser Zeit im gebildeten deutschen Bürgertum offensichtlich noch mehrheitsfähig war. Eindrucksvoll zum Ausdruck brachte das der bereits 1871 von 76 namhaften Persönlichkeiten unterzeichnete Protest, darunter neben Mommsen andere berühmte Professoren der Berliner Universität wie der Historiker Johann Gustav Droysen, der Mediziner Rudolf Virchow und der Jurist Gottfried v. Gneist. Er richtete sich gegen die von Stoecker und weiteren Antisemiten an Reichskanzler Bismarck adressierte „Antisemitenpetition“, in der eine Rücknahme der Emanzipationsgesetze – mit denen die rechtliche Gleichstellung aller Konfessionen festgeschrieben wurde – gefordert wurde. In der nachwachsenden akademischen Generation fiel der Antisemitismus aber auf deutlich fruchtbareren Boden. Nicht zuletzt unter dem Eindruck schwieriger Karrierebedingungen und vermeintlich jüdischer Konkurrenz, fanden hier antisemitische Orientierungen schnell großen Widerhall, wie nicht nur in der Zustimmung zu Treitschke, sondern auch im zunehmenden Ausschluss jüdischer Kommilitonen aus vielen studentischen Burschenschaften deutlich wurde. Zugleich gewann der ideologische Antisemitismus auch programmatisch immer ausgeprägtere Formen, besonders mit dem erstmals 1887 veröffentlichten, schnell viele Auflagen erlebenden „Antisemiten-Katechismus“ von Theodor Fritsch.
QuellentextTheodor Fritsch, Antisemiten-Katechismus
„Das jüdische Sünden-Register ist in Kürze folgendes: Die Juden bilden unter dem Deckmantel der ‚Religion‘ in Wahrheit eine politische, soziale und geschäftliche Genossenschaft, die, durch gleiche Instinkte geleitet und im heimlichen Einverständniß unter sich, auf die Ausbeutung und Unterjochung der nichtjüdischen Völker hinarbeiten (…) Die Juden aller Länder und aller Sprachen sind in diesem Ziele einig und arbeiten einander zu diesem Zwecke in die Hände. Deshalb ist es dem Juden auch unmöglich, in dem Lande, wo er sich zufällig aufhält, irgend einen ehrlichen Antheil an dem Schicksal seiner nichtjüdischen Landes-Genossen zu nehmen. Kurz: er kann niemals ehrlichen Patriotismus hegen; er fühlt sich immer und überall nur als Mitglied der ‚auserwählten‘ Nation Juda, und wenn er den Deutschen, Franzosen oder Engländer zu spielen sucht, so ist das meist nur wohlberechnete Heuchelei.
In seiner Juden-Gemeinschaft sieht das Judenthum alle Nichtjuden als seine Feinde an, die es mit List und Verrath zu bekämpfen hat. Durch seine besonderen Sitten-Gesetze (..) betrachtet sich der Jude als außerhalb aller übrigen Gesetzesvorschriften stehend und hält sich für berechtigt, alle Landesgesetze zu übertreten – aber immer auf eine solche Art, daß ihm dieser Mißbrauch nicht nachgewiesen werden kann. (…) Die Juden halten sich in ihrem Dünkel für die ‚natürliche Aristokratie‘ der Menschheit und glauben, als solche thatsächlich die Welt-Herrschaft erstreben zu müssen. Da sie dies aber keineswegs durch Tapferkeit und wicklich überlegene Kraft vermögen, so versuchen sie es durch List und Trug und – Geld. Die Judenschaft glaubt, als tiefste Lebens-Weisheit erkannt zu haben, daß das ‚Geld die Welt regiert‘. Sie glaubt, wer das Geld hat, sei der natürliche Beherrscher der Welt. Die Juden verschmähen deshalb keinerlei Mittel und Wege, um Geld zusammen zu scharren. Jeder Betrug und Verrath, der zur Bereicherung führt, erscheint deshalb in ihren Augen nicht nur erlaubt, sondern auch geboten und geheiligt!
In diesem Sinne erscheinen ihnen der Wucher, der Diebstahl, der betrügerische Bankrutt u.s.w. als unschuldige Gewerbe. Sie halten jede Lüge, jeden Verrath, jeden Meineid für gerechtfertigt, wenn sie dadurch einen Vortheil für sich erlangen können. (…)
Daß die Juden eine andere Religion haben, ist nebensächlich; wichtiger ist, daß sie einer ganz anderen Menschenart – einer anderen Rasse angehören und in Folge dessen sich nicht nur durch ihre körperlichen und geistigen Anlagen, sondern auch hinsichtlich ihres Charakters, ihrer Lebens-Anschauung, ihrer Gebräuche und sittlichen Begriffe wesentlich von uns unterscheiden. (…) Die europäischen Völker gehören fast säm(m)tlich der arischen oder indogermanischen Rasse an, die Juden hingegen der semitischen. Die arischen Völker sind mehr seßhafter Natur; sie pflegen Ackerbau, Gewerbe, Kunst und Wissenschaft; sie sind staatengründend, muthig und tapfer; der Grundzug ihres Wesens ist die Geradheit, Ehrlichkeit, Treu und Hingebung – Sie sind die eigentlichen Kultur-Völker.
Die echten Semiten hingegen sind von Natur aus Nomaden; sie haben keine eigentlich dauernden Wohnsitze, kein rechtes Vaterland. Sie ziehen dahin, wo die beste Beute winkt. Sie bauen und bebauen nichts selbst; sie suchen die durch fremden Fleiß geschaffene Kultur-Stätten auf, beuten die vorhandenen günstigen Verhältnisse aus, grasen sozusagen die Weideplätze ab und lassen sie geplündert und verödet zurück. (…)
Die semitischen Nomaden der Wüste (Beduinen) betreiben noch heute Raub und Plünderung in der offensten und urwüchsigsten Weise. Der Jude aber ist gleichsam der Kultur-Beduine; er betreibt dasselbe Geschäft in gewissermaßen civilisierter Form. Seine Domäne ist der ‚Handel‘ – der bei ihm freilich einen sehr weiten Begriff hat. Denn in der jüdischen Sprache bedeutet das Wort ‚Massematten‘ ebensowohl ein Handels-Geschäft als einen Diebstahl. Die Plünderungszüge der Kulturbeduinen treten in der Gestalt von Hausirhandel, Wander-Lagern, Pflandleihe, Abzahlungs-Geschäften, 50-Pfennig-Bazaren, Wucher, betrügerischem Bankrott, Börsen-Spekulation u.s.w. Einzelne dieser ‚Branchen‘ sind ausschließlich von Juden vertreten. Aber auch als ‚Arzt‘ für Geschlechts-Krankheiten, Rechts-Verdreher, sozialdemokratischer Agitator u.s.w. weiß der Kultur-Beduine sehr einträgliche Beutezüge in die Taschen seiner ‚Mitbürger‘ zu unternehmen. (…)
Dabei bilden List, Verschlagenheit, Heuchelei und Lüge die Haupt-Grundzüge des Semiten-Charackters, zu denen auch Zudringlichkeit, freche Anmaßung,, schrankenlos Selbstsucht, unerbittliche Grausamkeit und maßlose Geschlechts-Begier kommen. Unsere deutschen Begriffe von Treue, Bescheidenheit, Hingebung, Aufopferung für eine Sache sind dem Juden unverständlich und fordern seinen Spott heraus. Ihm erscheint nur das als Tugend, was persönlichen Vortheil oder Genuß verspricht. (…)
Wie soll die Judenfrage nun gelöst werden? Ohne den Juden im Geringsten unrecht zu thun, läßt sich die Judenfrage in folgender Weise lösen: Entweder haben die Juden irgendwo (am besten außerhalb Europa’s) ein eigenes Länder-Gebiet zu erwerben (an Mitteln dazu fehlt es ihnen nicht!) und bis zu einem gesetzlich festzustellenden Zeiträume (…) auszuwandern; oder: wenn ihr sie aus purer Affenliebe durchaus hier behalten wollt, so schlage ich folgende gesetzliche Bestimmung vor: Die Juden dürfen nur Ackerbau oder produktive Handwerke und zwar nur mit jüdischen Gehilfen und Arbeitern betreiben. – Von jeder anderen Thätigkeit wären sie auszuschließen, und bei hoher Strafe für beide Theile wäre es zu verbieten, daß ein Nichtjude irgendwie im Dienst eines Juden arbeitet. (…) Getaufte Juden und ihre Nachkommen wären unter dasselbe Gesetz zu stellen, wie beschnittene. – Misch-Ehen mit Juden wäre für unzulässig zu erklären.
Wer aber das wahre Wesen des jüdischen Volkes studirt hat, der weiß recht wohl, daß obige Forderung nie erfüllt wird, denn: Juden zum Ackerbau anhalten, wäre so erfolgreich, als wollte man mit Säuen pflügen. (…) so muß unsere bescheidenste Forderung zum Schutz unseres Volkes lauten: Die Emancipation der Juden ist aufzuheben; dieselben sind unter ein besonderes Fremden-Gesetz (Judenrecht) zu stellen.“
Auszüge aus: Theodor Fritsch, Antisemiten-Katechismus. Eine Zusammenstellung der wichtigsten Materialien zum Verständnis der Judenfrage, 25. Vermehrte Auflage, Leipzig 1893 (zuerst 1887), S. 11-24
Judenfeindliche Einstellungen traten in fast allen gesellschaftlichen Bereichen und Organisationen immer wieder hervor, auch wenn sie den Antisemitismus, wie etwa die Sozialdemokratie, programmatisch ablehnten. Politisch waren es aber insbesondere die konservativen Parteien und bald auch die neuen nationalistischen Agitationsverbände wie der 1891 gegründete „Alldeutsche Verband“, die neben den explizit antisemitischen Organisationen, und teilweise auch in Verbindung mit ihnen, offen einen radikalen Antisemitismus vertraten. Eine besondere Rolle spielte dabei die Interessenvertretung der Agrarier, der 1893 gegründete „Bund der Landwirte“ (BdL), weil er seine antisemitische Agitation zugleich auch aktiv in die konservativen Parteien hineintrug, die selbst bereits traditionell unter dem Einfluss christlich begründeter Judenfeindlichkeit standen. Ebenfalls 1893 entstand der entschieden antisemitisch auftretende Interessenverband der Handlungsgehilfen, der sich drei Jahre später den programmatischen Namen „Deutschnationaler Handlungsgehilfenverband“ gab. Und auch die in der Folgezeit gegründeten nationalistischen Agitationsvereine vom Flottenverein über den Kolonialverein, den Wehrverein und den Ostmarkenverein bis zum Reichsverband gegen die Sozialdemokratie sowie die völkische Bewegung verbanden ihre öffentliche Agitation mit entschiedenem Antisemitismus. Der nun insbesondere in den gebildeten Schichten immer deutlicher hervortretende, von den ‚deutschen‘ Schriften Paul de Lagardes, Julius Langbehns und dem immer stärker um sich greifenden Kult um Friedrich Nietzsche und Richard Wagner geprägte Kulturpessimismus bot dafür eine besonders virulente ideologische Grundlage, wie sie etwa im sogenannten Bayreuther Kreis um Cosima Wagner und ihrem entschieden antisemitischen Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain wirkmächtig hervortrat.
In der wilhelminischen Phase des Kaiserreichs entwickelte sich der Antisemitismus so zu einem essentiellen Bestandteil der nationalen Orientierungen breiter Bevölkerungsschichten, die man auch als neue „deutsche Ideologie“ der Zeit charakterisieren kann. Ihre Vertreter nahmen zwar mit einem radikalen Nationalismus und Imperialismus wesentliche Konzepte der Moderne auf, im Innern der Nation aber standen sie dem gesellschaftlichen Modernisierungsprozess fundamental ablehnend gegenüber. Sie verwarfen den industriellen Kapitalismus ebenso wie die Demokratisierung, und sie lehnten die Emanzipationsbewegungen bislang entrechteter Gesellschaftsgruppen wie der proletarischen Unterschichten oder der Frauen vehement ab. Eine besondere Rolle in diesem Konglomerat fiel dem Antisemitismus zu, denn mit dem Kampf gegen die jüdische Emanzipation wurde der Kampf gegen die Emanzipationsbewegungen der Moderne insgesamt verbunden. Der Antisemitismus entwickelte sich so zu einem „kulturellen Code“ (Shulamit Volkov) für die Ablehnung der Moderne. Es schien als ob „die Juden in der Tat identisch mit dem ausbeuterischen Kapitalismus und dem Verfall der vorindustriellen Produktionswiesen und des Sittenkodex, mit Korruption und sozialer Auflösung“ gewesen wären, und der Kampf gegen Liberalismus, Kapitalismus und Sozialismus als Ideologien der Moderne verdichtete sich dementsprechend im Antisemitismus. Mehr noch, die Stellung zu den Juden und zum Antisemitismus beinhaltete, ja erzwang zunehmend nun nicht nur für die Antisemiten, sondern auch für ihre Gegner eine Stellungnahme zur gesellschaftspolitischen Moderne schlechthin – oder mit den Worten Volkovs: „Wie ein antisemitischer Standpunkt im Wilhelminischen Deutschland praktisch eine anti-emanzipatorische Position und Widerstand gegen die unterschiedlichen Bekundungen des modernen sozialen und politischen Freiheitsringens bedeutete, so bedeutete die Ablehnung des Antisemitismus das Eintreten für Emanzipation, und zwar nicht allein der Juden, sondern der Gesellschaft insgesamt .“
In mancher Hinsicht quer zu diesen auf die Stellung der Juden in der modernen bürgerlichen Gesellschaft bezogenen, politisch-kulturellen Kodierungen standen allerdings die Reaktionen auf die jüdische Zuwanderung aus Osteuropa, vor allem aus dem Herrschaftsbereich des Zarismus und der dort stattfindenden Pogrome. Die Menschen, die hier ins Deutsche Reich einwanderten, ähnelten oft mehr einem prä-emanzipatorischen Judentum als den erfolgreichen, emanzipierten und assimilierten Juden in der modernen deutschen Gesellschaft – weshalb sie gerade deshalb viel Ablehnung hervorriefen. Doch während sich jüdische Organisationen um ihre Integration bemühten, sahen Antisemiten in den Ostjuden das Schreckbild des „ewigen Juden“, der sich generell nur oberflächlich anpassen könne, auch hinter einer emanzipierten Fassade aber weiterhin die ebenso minderwertigen wie zersetzenden Züge seiner „Rasse“ in sich trage und deshalb aus dem deutschen „Volkskörper“ ausgemerzt werden müsse. Konkrete Vernichtungsprogramme waren damit allerdings noch nicht gemeint, und die große Mehrheit der deutschen Juden fühlte sich weiterhin so sehr als Bestandteil der deutschen Gesellschaft, dass der die Auswanderung nach Palästina propagierende Zionismus um die Jahrhundertwende nur kleine Minderheiten ansprach. Dies begann sich erst im Ersten Weltkrieg zu verändern, als anfangs mit dem aktiven Kriegsengagement großer Teile der deutschen Juden und ihrer Teilnahme am nationalen Einheitserlebnis des August 1914 zwar eine noch weitergehende jüdische Integration möglich schien, bald aber der Antisemitismus in den Krisen der Kriegsgesellschaft eine immer weitere Ausbreitung und Radikalisierung erfuhr.