Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Deutsche Kaiserreich zu einer politisch und wirtschaftlich führenden Macht nicht nur in Europa, sondern auch in der Welt aufgestiegen. Auf dem Kontinent nahm es eine zentrale Stellung in der Mitte Europas ein, und es verfügte zugleich über eine der größten und stärksten Armeen. Im globalen Kontext war Deutschland zwar ein Nachzügler der kolonialen europäischen Expansion, doch hatte das Kaiserreich neben kleineren Besitztümern in Ostasien vor allem in Afrika mehrere größere Territorien unter seiner Kontrolle, die Hoffnungen auf den Ausbau zu einem zusammenhängenden Kolonialreich eröffneten. Wirtschaftlich war Deutschland längst in die Spitze der Industrienationen vorgerückt. Gestützt vor allem auf die dynamischen neuen Leitsektoren in Maschinenbau, Elektrotechnik und Chemieindustrie, kam es in den zwei Vorkriegsjahrzehnten zu einer Verdoppelung der Industrieproduktion. Und nicht nur die deutsche Kultur verfügte in der Welt über einen hohen Stellenwert, sondern auch in Wissenschaft und Forschung nahmen die deutschen Universitäten und Forschungsinstitutionen, insbesondere die neu geschaffenen Kaiser-Wilhelm-Institute, Spitzenpositionen ein, die sich zunehmend auch in vielen Nobelpreisen widerspiegelten. Der deutsche Weg in die Moderne schien zu einem Erfolgsmodell geworden zu sein.
Trotzdem ist von Zeitgenossen wie von Historikern zurecht immer wieder betont worden, dass dieser fulminante Aufstieg des Deutschen Reiches in Politik, Kultur und Wirtschaft keineswegs zu selbstgewissen Positionierungen geführt hat, sondern seine hochgradig dynamische Entwicklung zugleich von tiefgehenden Krisengefühlen, unsicheren Orientierungen und nicht zuletzt von provozierenden Aggressionen begleitet war. Das Spannungsverhältnis von deutscher Selbstgewissheit und deutschen Unsicherheiten schlug sich in der politischen Kultur des Kaiserreichs in abgründigen „Schattenlinien“ nieder, wie Thomas Nipperdey in seiner typischen, von zarten Grautönen geprägten Kritik formuliert hat. Dazu gehörten die nicht zuletzt im Bürgertum verbreitete Ablehnung von „westlichen“ Demokratie- und Gesellschaftsvorstellungen, die vermeintlich „unpolitische“ Grundhaltung des deutschen Bürgertums und der „weltfrömmige“ Glaube an eine besondere deutsche Rolle in der Welt, aber auch die Verbindung von Obrigkeitsstaat und Militarismus und nicht zuletzt das innen- wie außenpolitische Denken in aggressiven Feindbildern. Der Weg des Deutschen Kaiserreiches in den Ersten Weltkrieg ist davon in vieler Hinsicht geprägt worden. Vier hierfür zentrale Dimensionen im Spannungsfeld von dynamischem Aufstieg und wachsender Unsicherheit sollen im Folgenden unterschieden werden, bevor abschließend die deutsche Involvierung in die Balkankonflikte als wesentlicher Schritt auf dem Weg in den Ersten Weltkrieg betrachtet wird: Das Projekt einer deutschen „Weltpolitik“, die unter einem „Primat der Innenpolitik“ stehende, von einem tiefgehenden Bedrohungsgefühl der gesellschaftspolitischen Ordnung geprägte Bereitschaft zu einer aggressiven Risikopolitik, die deutsche politische Kultur im Spannungsfeld von Nationalismus, Kulturpessimismus und Begeisterung für den Krieg sowie schließlich die im sog. Schlieffenplan hervortretende Hybris des deutschen Militarismus.
Weltpolitik und Flottenrüstung
Seit dem Regierungsantritt von Wilhelm II. rückte zunehmend das Thema „Weltpolitik“ in den Mittelpunkt der außenpolitischen Orientierungen und Projekte des Kaiserreichs. Das gilt nicht nur für die Staatsspitze, sondern auch für die bürgerlichen Eliten. "Wir müssen begreifen, dass die Einigung Deutschlands ein Jugendstreich war, den die Nation auf ihre alten Tage beging und seiner Kostspieligkeit halber besser unterlassen hätte“, so formulierte der werdende Star des gesellschaftspolitischen Denkens in Deutschland, Max Weber, 1895 in seiner Antrittsvorlesung an der Universität Freiburg, „wenn sie der Abschluß und nicht der Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik sein sollte“. Die von Bismarck propagierte Saturiertheitspolitik des neuen Großstaates in der Mitte Europas wurde schon durch die Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages mit Russland in Frage gestellt und nun durch den Versuch abgelöst, eine deutsche Weltmachtposition zu erringen. Die kolonialen Eroberungen unter Bismarck erschienen unzureichend, die Errichtung eines großen deutschen Kolonialreiches, insbesondere in Afrika, rückte in den Mittelpunkt deutscher Außenpolitik und führte zu vielfältigen Konflikten mit den arrivierten Kolonialmächten, insbesondere in den beiden Marokkokrisen der Jahre 1905/06 und 1911, als das Reich erfolglose Versuche unternahm, in Nordafrika Fuß zu fassen. Diese aggressive deutsche Außenpolitik trug maßgeblich dazu bei, dass England seine Politik der „splendid isolation“ zunehmend aufgab, seine kolonialen Konflikte mit Frankreich beilegte und die beiden Länder sich zur „Entente cordiale“ zusammenschlossen, der bald auch Russland beitrat. In Deutschland fühlte man sich dagegen zunehmend eingekreist und reagierte mit weiteren aggressiven Attitüden. Zum Ausdruck und Instrument deutscher Weltmachtpolitik wurde der sog. Schlachtflottenbau, der 1898 unter der Regie von Admiral Tirpitz, begleitet von einer aggressiven, insbesondere gegen England gerichteten Propaganda, auf den Weg gebracht wurde. „Englandhaß und Weltpolitik“ (Eckart Kehr) rückten zunehmend in den Mittelpunkt deutscher Außenpolitik und Publizistik.
QuellentextErnst Lissauer: Haßgesang gegen England (1914)
Was schiert uns Russe und Franzos
Schuß wider Schuß und Stoß um Stoß
wir lieben sie nicht
Wir hassen sie nicht
Wir schützen Weichsel und Wasgaupaß
Wir haben nur einen einzigen Haß
Wir lieben vereint, wir hassen vereint
Wir haben nur einen einzigen Feind
Den ihr alle wißt, den ihr alle wißt
Er sitzt geduckt hinter der grauen Flut
voll Neid, voll Mut, voll Schläue, voll List
durch Wasser getrennt, die sind dicker als Blut
Wir wollen treten in ein Gericht
einen Schwur zu schwören, Gesicht in Gesicht
einen Schwur von Erz, den verbläst kein Wind,
einen Schwur für Kind und für Kindeskind.
Vernehmt das Wort, sagt nach das Wort
es wälze sich durch ganz Deutschland fort:
Wir wollen nicht lassen von unserm Haß
Wir haben alle nur einen Haß
Wir lieben vereint, wir hassen vereint
Wir haben alle nur einen Feind:
England
In der Bordkajüte, im Feiersaal
saßen Schiffsoffiziere beim Liebesmahl
wie ein Säbelhieb, wie ein Segelschwung
einer riß grüßend empor den Trunk
knapp, hinknallend wie Ruderschlag
drei Worte sprach er: „Auf den Tag!“
Wem galt das Glas?
Sie hatten alle nur einen Haß.
wer war gemeint?
sie hatten alle nur einen Feind:
England
Nimm du die Völker der Erde in Sold
baue Wälle aus Barren von Gold,
bedecke die Meerflut mit Bug bei Bug
du rechnetest klug, doch nicht klug genug
Was schiert uns Russe und Franzos´:
Schuß wider Schuß und Stoß um Stoß!
Wir kämpfen den Kampf mit Bronze und Stahl
und schließen Frieden irgend einmal
DICH werden wir hassen mit langem Haß
wir werden nicht lassen von unserm Haß
Haß zu Wasser und Haß zu Land
Haß des Hauptes und Haß der Hand
Haß der Hämmer und Haß der Kronen
drosselnder Haß von siebzig Millionen
Sie lieben vereint, sie hassen vereint
Sie haben alte nur einen Feind:
England
Ernst Lissauer : Haßgesang gegen England, in: Worte in der Zeit, Flugblätter, Göttingen / Berlin 1914, auch in: Marcell Salzer: Kriegs-Programme 1914/15, Hamburg 1915.
Dieses Haßgedicht wurde laut Heinz Lemmermann "Kriegserziehung im Kaiserreich" während des Krieges oft bei Schulfeiern vorgetragen.
Die deutsche Flottenrüstung leitete eine allgemeine Phase maritimer Hochrüstung ein, in der insbesondere das Vereinigte Königreich durch die Entwicklung einer neuen Generation von gepanzerten Schlachtschiffen (Dreadnoughts) seine maritime Vormachtstellung in der Welt zu behaupten versuchte, aber auch die anderen Mächte entsprechend aufrüsteten. Angebote der englischen Seite, zuletzt mit der Haldane-Mission Anfang 1912, zu einer diplomatischen Verständigung über die Flottenrüstung und imperiale Einflussgebiete zu gelangen, wurden, obwohl die Flottenpolitik ihre Ziele nicht erreichen konnte, von deutscher Seite mehr oder weniger brüsk abgewiesen. Im Ergebnis blieb dem Deutschen Reich als relativ sicherer Bündnispartner in Europa schließlich nur die schwächelnde österreichisch-ungarische Doppelmonarchie, deren Stellung es umso mehr mit Nachdruck zu sichern galt.
Sozialimperialismus und „Primat der Innenpolitik“
Die wilhelminische Außen- und Weltpolitik kann allerdings nicht allein aus dem diplomatisch-militärischen Spiel der Mächte erklärt werden, sie unterlag vielmehr auch inneren gesellschaftspolitischen Bedingungen und Zielsetzungen. So entsprachen insbesondere nationale Machtpolitik, Kolonialerwerb und Flottenrüstung den Wünschen breiter bürgerlicher Gesellschaftsschichten, die sich in nationalen Kolonial- und Flottenvereinen organisierten und den Wunsch nach einem deutschen „Platz an der Sonne“ aggressiv vertraten. Mit außenpolitischen Machtdemonstrationen, begleitet von entsprechender Propaganda, konnten und sollten zugleich auch innere Spannungen nach außen abgeleitet und innenpolitischer Zusammenhalt unter den die Regierung stützenden „staatstragenden Kräften“ gestiftet werden, um so nicht zuletzt auch bröckelnde Reichstagsmehrheiten konsolidieren zu können. Besonders deutlich trat dieser Zusammenhang in den „Hottentottenwahlen“ des Jahres 1907 hervor, als die Regierung Bülow nach der auf SPD und Zentrum gestützten Ablehnung von Finanzmitteln für die deutsche Schutztruppe in Südwestafrika zur Niederschlagung des Aufstandes der Herero und Nama den Reichstag auflöste und anschließend in einem aggressiven Wahlkampf gegen diese „inneren Reichsfeinde“ neue Regierungsmehrheiten schaffen konnte. Doch ihr Spiel mit der nationalistischen Karte setzte die herrschenden Kräfte zugleich immer weiter unter Druck, denn die nationalistische Rechte trat zunehmend selbst in Opposition zur Regierung und forderte immer entschiedener eine kompromisslose nationalistische Machtpolitik.
Weitgehend erfolglos blieb auch der nicht zuletzt von Tirpitz propagierte Ansatz, Schlachtflottenbau und Machtpolitik als „Palliativ gegen gebildete und ungebildete Sozialdemokraten“ zu verwenden. Zwar konnte in den „Hottentottenwahlen“ der Aufstieg der Sozialdemokratie zeitweise gestoppt werden. Doch gegen die wachsende Kriegsgefahr mobilisierte die Partei in den folgenden Jahren große Menschenmassen, in den Reichstagswahlen von 1912 bekam die SPD über ein Drittel der Wählerstimmen und stellte, gestützt auf ein Stichwahlabkommen mit der linksliberalen „Fortschrittlichen Volkspartei“, erstmals die größte Fraktion im Reichstag. Auf Seiten der Kräfte der herrschenden Ordnung und ihrer Entscheidungsträger wuchs vor diesem Hintergrund die Versuchung, in außenpolitischen Konfliktfällen prinzipiell nicht nachzugeben, sondern eine zunehmend verfahren erscheinende innenpolitische Situation – wie Bismarck im preußischen Verfassungskonflikt 1866 mit seiner Eisen- und Blut-Politik gegen Österreich - durch einen kriegspolitischen „Sprung ins Dunkle“ aufzulösen.
QuellentextAlfred von Tirpitz entwirft gegenüber Admiral-General Albrecht v. Stosch die Grundzüge der Flottenrüstung, 21.121895
Meiner Ansicht nach siecht Deutschland im kommenden Jahrhundert schnell an seiner Großmachtstellung, wenn jetzt nicht energisch, ohne Zeitverlust und systematisch die allgemeinen Seeinteressen vorwärts getrieben werden. Nicht an geringem Grunde auch deshalb, weil in der neuen großen nationalen Aufgabe und den damit verbundenen Wirtschaftsgewinnen ein starkes Palliativ gegen gebildete und ungebildete Sozialdemokraten liegt. (…)
Eine besondere Schwierigkeit liegt darin, daß die Ausgaben für militärische Seemacht zeitlich vor dem vollen Nutzen des daraus entstehenden wirtschaftlichen Nutzens gemacht werden müssen. Spießbürgertum und Krämergeist, der nur an den momentanen persönlichen Nutzen denkt, kommt dazu.
Trotzdem glaube ich, daß in Deutschland eine wachsende Strömung zu Gunsten des vorstehend skizzierten Gedankengangs heute besteht. Diese umfassend und nachhaltig zu steigern, wird besondere Aufgabe der Zentralbehörde sein. Aus: Rüdiger v. Bruch u. Björn Hofmeister (Hg.), Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellungen, Bd. 8: Kaiserreich und Erster Weltkrieg 1871-1918, Stuttgart 2000, S. 278f.
Kulturpessimismus und Kriegsbereitschaft
Krisenerfahrungen bezogen sich im wilhelminischen Deutschland aber keineswegs allein auf die politische Ordnung, sondern auf die gesellschaftlich-kulturelle Entwicklung insgesamt. Mit einem teilweise überbordenden, militaristisch untermauerten Nationalismus, wie er sich etwa in dem 1913 eingeweihten Denkmal zur Erinnerung an die Leipziger Völkerschlacht manifestierte, korrespondierte ein vor allem im Bildungsbürgertum verbreiteter Kulturpessimismus, der keineswegs ein reiner Gegenentwurf dazu war. Beides konnte vielmehr im Wunsch nach einem Krieg zusammenfinden und kulminieren. „Es ist immer das gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig. Es geschieht nichts, nichts, nichts. Wenn doch einmal etwas geschehen wollte, was nicht diesen faden Geschmack von Alltäglichkeit hinterläßt. […] Würden einmal wieder Barrikaden gebaut. Ich wäre der erste, der sich darauf stellte, ich wollte noch mit der Kugel im Herzen den Rausch der Begeisterung spüren. Oder sei es auch nur, daß man einen Krieg begänne, er kann ungerecht sein. Dieser Frieden ist so faul ölig und schmierig wie eine Leimpolitur auf al¬ten Möbeln“, notierte etwa der junge Großstadtdichter Georg Heym 1910 in sein Tagebuch, um ein Jahr später noch einmal hinzuzufügen: „Ich hoffe jetzt wenigstens auf einen Krieg.“
Die so oft Erstaunen hervorrufende Begeisterung, mit der vor allem junge bürgerliche Männer wenige Jahre später in den Ersten Weltkrieg ziehen konnten, wird so nachvollziehbarer. Und was aus der Tristesse jugendlich-bildungsbürgerlichen Überdrusses an Gesellschaft und Kultur des Kaiserreiches den Krieg als alleinigen Ausweg erscheinen lassen konnte und zugleich in bildungsbürgerlichen Projektionen von einem „deutschen Wesen“, an dem die Welt genesen sollte, seinen ideologischen Ausdruck fand, das schlug sich auch im politischen Denken wichtiger Entscheidungsträger des Reiches als sozialdarwinistisch begründetes, völkisch-militaristisches Projekt zur Gesundung von Volk und Staat nieder. Der bis 1909 als Leiter der kriegsgeschichtlichen Abteilung im preußischen Generalstab tätige, an der Ausarbeitung des Schlieffenplans beteiligte General Friedrich von Bernhardi veröffentlichte 1912 sein schnell viele Auflagen erlebendes Buch über „Deutschland und der nächste Krieg“, in dem er regelmäßige Kriege als biologische Notwendigkeit für eine ‚gesunde‘ Entwicklung des deutschen Volkes propagierte.
QuellentextGeneral Friedrich von Bernhardi über die Notwendigkeit des Krieges (1912)
Dem Kriege muß auch in der öffentlichen Meinung seine sittliche Berechtigung und seine politische Bedeutung zurückgewonnen werden. Seine hohe Bedeutung als der mächtigste Kulturförderer muß ihrem Wert entsprechend allgemein anerkannt werden. Wir müssen einsehen, daß in einem wirklichen Kulturvolk die wirtschaftlichen und persönlichen Interessen allein niemals die entscheidenden sein dürfen; daß nicht die äußeren, sondern die sittlichen Güter die erstrebenswerten wahren Kulturgüter sind und daß Opfer bringen und Leiden erdulden im Interesse einer großen Sache den Menschen höher stellt als Genießen und gieriges Haschen nach sinnlichen Gütern dieser Welt; kurz, daß der Krieg um ideale Zwecke oder zur Selbstbehauptung eines edlen Volkes nicht als Barbarei, sondern als der höchste Ausdruck wahrer Kultur bezeichnet werden muß und als eine politische Notwendigkeit im Interesse des biologischen, sozialen und sittlichen Fortschritts. [ . . . ]
In diesen Ergebnissen aber beruht die biologische Bedeutung des Krieges für die fortschrittliche Entwicklung der Menschheit; denn es ist klar, daß die Kräfte, die die Überlegenheit im Kriege gewähren, nämlich vor allem die geistigen und sittlichen, wie sie nur in einem lebensstarken Volke gedeihen, zugleich die sind, die eine fortschrittliche Kulturentwicklung ermöglichen. Eben dadurch, daß sie die Elemente des Fortschrittes in sich bergen, verleihen sie den Sieg, der dem lebensstarken Volke erweiterte und günstigere Lebensmöglichkeit und gesteigerten Einfluß verschafft. Ohne den Krieg aber würden nur allzu leicht minderwertige und verkommene Rassen durch Masse und Kapitalmacht die gesunden, keimkräftigen Elemente überwuchern, und ein allgemeiner Rückgang müßte die Folge sein. In der Auslese besteht die Schöpferkraft des Krieges. Indem er und er allein eine solche bewirkt, wird er zu einer biologischen Notwendigkeit, zu einem Regulator im Leben der Menschheit, der gar nicht zu entbehren ist, weil sich ohne ihn eine ungesunde, jede Förderung der Gattung und daher auch jede wirkliche Kultur ausschließende Entwicklung ergehen müßte.
Aus: Friedrich v. Bernhardi, Deutschland und der nächste Krieg, Stuttgart-Berlin 1912, S. 22ff, 54, 56, 60.
Der Schlieffenplan und die Hybris des deutschen Militarismus
Einer erfolgreichen Kriegsführung standen aus deutscher Sicht allerdings zwei Haupthindernisse im Wege: Angesichts der bündnispolitischen Konstellationen drohte ein Zweifrontenkrieg, der sich unter den bestehenden Bedingungen mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem lange dauernden, die deutschen Möglichkeiten zunehmend überfordernden industriellen Abnutzungskrieg entwickeln würde. Um diesem Dilemma zu entgehen, entwickelte die deutsche Militärführung den nach dem Generalstabschef Feldmarschall Alfred Graf von Schlieffen benannten „Schlieffenplan“, der trotz der widrigen Rahmenbedingungen die Möglichkeit für einen schnellen Sieges in einem großen europäischen Krieg garantieren sollte. Geprägt von einem im militärstrategischen Denken allgemein verbreiteten „Kult der Offensive“, sollte die volle Offensivkraft des deutschen Heeres bei Kriegsbeginn mit höchster Geschwindigkeit gegen Frankreich vorstoßen und Paris mit einer groß angelegten Umgehungsbewegung einkesseln, um so eine Vernichtungsschlacht oder eine Aufgabe erzwingen zu können. Erst anschließend war dann eine Wendung gegen die russische Armee vorgesehen, der man keine schnelle Mobilisierung zutraute und die man nach dem Sieg über Frankreich rasch besiegen zu können glaubte.
Dieser Kriegsplan enthielt allerdings sowohl militärisch als auch politisch große Probleme und Risiken, deren Akzeptanz nicht zuletzt die Hybris der deutschen Militärführung zum Ausdruck brachten: Nicht nur die Möglichkeit eines schnellen und vollständigen Sieges gegen die Großmacht Frankreich und die Annahme einer fehlenden Offensivkraft der russischen Armee zeugten von einer Selbstüberschätzung der deutschen Militärstrategen. Auch in den politischen Implikationen und Konsequenzen des Schlieffenplans trat dies deutlich hervor. Die Planungen für einen schnellen Vorstoß auf Paris sahen mit der Invasion Belgiens (und Luxemburgs) eindeutig völkerrechtswidrige Kriegshandlungen vor. Und sie zogen zugleich der deutschen Politik enge Gestaltungsgrenzen, besonders nachdem im Jahre 1913 der alternative Aufmarschplan für einen Krieg gegen Russland ersatzlos fallen gelassen wurde, so dass im Konfliktfall unabhängig von den politischen Konstellationen allein die schnelle Kriegseröffnung gegen Frankreich möglich blieb. Hinzu kam der Zeitdruck, unter den der Schlieffenplan mit seinen militärischen Vorgaben auch die politischen Entscheidungen setzte. Die zivile Reichsleitung wurde so letztlich zum Handlanger einer Militärführung herabgestuft, der die Diplomatie in der Julikrise von 1914 zunehmend allein als Absicherung ihrer Kriegsvorbereitungen diente und die schon vor den offiziellen Kriegserklärungen mit der Mobilmachung zugleich den Beginn des deutschen Vormarsches gegen Frankreich in Gang setzte.
QuellentextEntwurf des Schlieffenplans, 1905
In einem Krieg gegen Deutschland wird sich Frankreich, besonders solange es auf eine wirksame Unterstützung Rußlands nicht rechnen kann, voraussichtlich zunächst auf die Verteidigung beschränken. (…) Mehr versprechend als ein Frontalangriff mit Umfassung des linken Flügels scheint ein von Nordwesten (…) gegen den Rücken der Stellung gerichteter Angriff zu sein. Um zu dieser zu gelangen, muß die belgisch-französische Grenze auf dem linken Maasufer (…) bewältigt und, um so weit zu kommen, die Neutralität von Luxemburg, Belgien und den Niederlanden verletzt werden. (…)
Wir werden die Erfahrung aller früheren Eroberer bestätigt finden, daß der Angriffskrieg sehr viel Kräfte erfordert, daß diese ebenso beständig abnehmen, wie diejenigen des Verteidigers zunehmen, und alles dies ganz besonders in einem Lande, das von Festungen starrt. (…) Das Wesentliche (für den Verlauf der ganzen Organisation) ist, einen starken rechten Flügel zu bilden, mit dessen Hilfe die Schlacht zu gewinnen und in unausgesetzter Verfolgung den Feind mit eben diesem starkem Flügel immer wieder zum Weichen zu bringen.“
Aus: Rüdiger v. Bruch u. Björn Hofmeister (Hg.), Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellungen, Bd. 8: Kaiserreich und Erster Weltkrieg 1871-1918, Stuttgart 2000, S. 289-93.
Der Erste Weltkrieg als „dritter Balkankrieg“
Zurecht ist immer wieder darauf hingewiesen worden, dass den aus dem Niedergang des Osmanischen Reiches und den nationalen Bestrebungen der sich verselbständigenden Völker erwachsenden Konflikten auf dem Balkan eine zentrale Rolle in der Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs zukam. Sie stehen nicht zuletzt auch im Mittelpunkt der großen Untersuchung von Christopher Clark über die „Schlafwandler“ der europäischen Politik, die im Umfeld des 100. Jahrestages des Kriegsbeginns vor allem in der deutschen Öffentlichkeit als Widerlegung der im Gefolge der Fischer-Kontroverse der 1960er Jahre dominierenden Vorstellung begrüßt wurde, nach der das Deutsche Kaiserreich die Hauptverantwortung – in salopper Formulierung: Schuld – für den Beginn des Ersten Weltkriegs getragen habe. Tatsächlich hat Clark bei seiner Konzentration auf die Balkankrisen die Rolle Deutschlands an der Verschärfung der Konflikte in den Hintergrund treten lassen. Doch eine mangelnde Bedeutung sollte man daraus nicht ableiten, schon weil die von Reichskanzler Bülow 1909 beschworene deutsche „Nibelungentreue“ gegenüber Österreich-Ungarn ein zentraler Faktor für die allgemeine europäische Bedeutung der Balkankonflikte war. Deutlich wurde dies in den Balkankriegen der Jahre 1912/13, als Deutschland offiziell seine unbedingte Unterstützung Österreichs im Fall einer Kriegsbeteiligung erklärte. Auf dem kaiserlichen Kriegsrat am 9. Dezember 1912 vertrat Generalstabschef von Moltke die Auffassung, der nicht nur von ihm erwartete, sondern in der Öffentlichkeit auch zunehmend unvermeidlich erscheinende große europäische Krieg solle möglichst „je eher desto besser“ begonnen werden; doch die Mehrheit der anwesenden Politiker und Militärs hielt das Reich zu diesem Zeitpunkt noch nicht für kriegsfähig.
QuellentextTagebucheintrag des Chefs des kaiserlichen Marinekabinetts, Admiral Georg Alexander v. Müller, über den militärischen „Kriegsrat“ des Kaisers, 8.12.1912
Haldane hat als Spracheohr Greys (englischer Außenminister, WK) Lichnowski (deutscher Botschafter in England, WK)) erklärt, daß England, wenn wir Frankreich angreifen, unbedingt Frankreich beispringen würde, denn England könne nicht dulden, daß die balance of power in Europa gestört werde. S.M. (Seine Majestät der Kaiser, WK) begrüßt die Mitteilung als erwünschte Klärung der Situation denjenigen gegenüber, die sich von Pressefreundlichkeiten der letzten Zeit Englands sicher fühlten.
S.M. habe sich folgendes Bild gemacht: Österreich müsse den auswärtigen Slaven (den Serben) gegenüber kraftvoll auftreten, sonst verliere es die Macht über die Slaven der österr.-ung. Monarchie. Wenn Rußland die Serben stärke, was es offenbar tue (…), wäre der Krieg auch für uns unvermeidlich. (…) Treten diese Mächte (Bulgarien, Rumänien, Albanien, ggf. Türkei, WK) auf Österreichs Seite, dann seien wir soweit frei, um den Krieg mit ganzer Macht gegen Frankreich zu führen. Die Flotte müsse sich natürlich auf den Krieg gegen England einrichten. (…) An Tirpitz: Schleunige Mehrbauten von U-Boten (…) Gen. v. Moltke: „Ich halte einen Krieg für unvermeidbar u. je eher desto besser. Wir sollten aber durch die Presse besser die Volkstümlichkeit eines Krieges gegen Rußland im Sinne der kaiserlichen Ausführungen vorbereiten.“ (…)
Der Chef des gr. Generalstabs sagt: Krieg je eher desto besser aber er zieht nicht die Konsequenz daraus, welche wäre, Rußland oder Frankreich oder beide vor ein Ultimatum zu stellen, das den Krieg mit dem Recht auf unserer Seite entfesselt. Aus: Rüdiger v. Bruch u. Björn Hofmeister (Hg.), Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellungen, Bd. 8: Kaiserreich und Erster Weltkrieg 1871-1918, Stuttgart 2000, S. 338-40.
Beschlossen wurde schließlich nur die propagandistische Vorbereitung auf einen in etwa zwei Jahren zu erwarteten Kriegsbeginn, ohne jedoch konkrete Planungen für seine Auslösung zu entwickeln. 1913 verabschiedete der Reichstag allerdings eine lange blockierte Heeresreform, die eine enorme Vergrößerung der deutschen Landstreitkräfte zum Inhalt hatte. Und als im Juni 1914 der österreichische Thronfolger und seine Frau im bosnischen Sarajewo einem separatistischen Attentat zum Opfer fielen, entschied sich die Reichsleitung schließlich, die Situation für eine nachhaltige Stärkung des Bündnispartners Österreich-Ungarn zu nutzen und dafür auch auf die Gefahr der Ausweitung zu einem europäischen Krieg einzugehen. Sie drängte die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie im Juli 1914 nachdrücklich dazu, einen Krieg gegen Serbien zu beginnen, stellte sich kompromisslos hinter die österreichische Kriegspolitik und setzte, als Russland mobil machte und auf Seiten seines serbischen Schützlings zu intervenieren drohte, den Schlieffenplan in Gang. Spätestens damit war der Beginn eines großen europäischen Krieges unvermeidlich geworden.