Seit Ende April 2026 kommt es in mehreren südafrikanischen Städten immer wieder zu migrantenfeindlichen Protesten. Die Demonstrationen richten sich dabei vor allem gegen Menschen aus anderen afrikanischen Staaten, insbesondere aus Simbabwe, Malawi, Mosambik, der Demokratischen Republik Kongo und Nigeria. Viele dieser Migrant:innen leben ohne gültige Aufenthaltserlaubnis in Südafrika.
Vielerorts schlagen die Proteste regelmäßig in Gewalt um: Es kommt zu Sachbeschädigungen, Bedrohungen, körperlichen Angriffen und Tötungsdelikten. Zehntausende ausländische Staatsangehörige haben die großen Städte des Landes oder Südafrika selbst aus Angst verlassen. Mehrere Herkunftsstaaten, darunter Nigeria, Ghana, Simbabwe und Malawi, haben angekündigt, Tausende ihrer Staatsangehörigen aus Südafrika zu evakuieren; vor den Konsulaten in Johannesburg und Pretoria bildeten sich lange Warteschlangen.
Ein Hintergrund der Proteste ist Einschätzungen zufolge unter anderem ein zugespitztes innenpolitisches Klima in Südafrika im Vorfeld der am 4. November 2026 stattfindenden Kommunalwahlen.
Geschichte der Gewalt gegen Eingewanderte
Gewalt gegen Eingewanderte ist in Südafrika
Forschende sprechen in diesem Zusammenhang teilweise von einer „Afrophobie“, da sich die Gewalt vor allem gegen Zugewanderte aus anderen afrikanischen Staaten richtet.
Folgen der Apartheid
Fachleute sehen die Ursachen der Fremdenfeindlichkeit nicht allein in individuellen Vorurteilen, sondern in einem Zusammenspiel aus dem bis heute fortwirkenden Erbe von Kolonialismus und
Das Apartheid-System der „Rassentrennung“ prägte gesellschaftliche Vorstellungen von Zugehörigkeit und Ausschluss und wirkt damit als struktureller Hintergrund der heutigen Fremdenfeindlichkeit fort. Versuche demokratischer Regierungen, die teils immer noch existierende Segregation zu überwinden und ein einendes Nationalgefühl herzustellen, das sich an der Staatsangehörigkeit und nicht an einer rassistischen Zuordnung orientiert, bilden einen weiteren Hintergrund aktueller Ausprägungen von Fremdenfeindlichkeit.
Nach dem Ende der Apartheid kamen viele Migrant:innen aus afrikanischen Ländern auf der Suche nach einem besseren Leben in die junge Demokratie, die wirtschaftlich darauf nicht vorbereitet war. Bis heute ist Südafrika von extremer sozialer Ungleichheit, hoher Arbeitslosigkeit – mit Externer Link: mehr als 30 Prozent eine der höchsten Arbeitslosenquoten der Welt – und räumlicher Segregation geprägt.
Hinzu kommen Defizite bei der staatlichen Daseinsvorsorge, etwa im Bereich Wohnen, Bildung, Gesundheit und öffentlicher Dienstleistungen. Insbesondere in den sogenannten Townships, den ärmeren Teilen südafrikanischer Städte, sind Externer Link: Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Kriminalität und Drogensucht weit verbreitet; in diesen prekären Lebensverhältnissen kommt es oft zu Konkurrenz um knappe Ressourcen.
Eingewanderte als Sündenböcke für soziale Missstände
In diesem Kontext werden Eingewanderte häufig zu Sündenböcken für soziale und wirtschaftliche Probleme gemacht: Da viele von ihnen keine gültige Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis haben, beschäftigen Arbeitgebende sie meist unterhalb des Mindestlohns und in informellen Beschäftigungsverhältnissen. Sie sind damit günstiger als südafrikanische Arbeitskräfte.
In einer umfassenden Studie des Externer Link: International Social Survey Programme waren 2023 etwa 70 Prozent der südafrikanischen Befragten der Meinung, Eingewanderte würden in Südafrika geborenen Menschen die Arbeitsplätze wegnehmen. Laut einer Externer Link: Afrobarometer-Befragung von Anfang 2026 sind in der reichen Bevölkerung Südafrikas negative Einstellungen gegenüber eingewanderten Arbeitskräften insgesamt weniger verbreitet als unter ärmeren Bevölkerungsteilen. Das deutet daraufhin, dass zumindest ein Teil der Ablehnung gegenüber Eingewanderten auf sozioökonomische Faktoren zurückgeführt werden kann.
Die Einstellungen gegenüber Eingewanderten haben sich in Südafrika in den vergangenen Jahren deutlich verschärft. Laut dem Externer Link: Social Attitudes Survey 2025 des Human Sciences Research Council würden nur noch 15 Prozent der Befragten Zuwanderung generell willkommen heißen, während sie 42 Prozent grundsätzlich ablehnen.
Die Fremdenfeindlichkeit zeigt sich dabei nicht nur in gewaltsamen Übergriffen durch oft mit Stöcken, Speeren und Sjamboks (sogenannte Nilpferdpeitschen) bewaffnete südafrikanische Staatsangehörige, sondern auch im Alltag und im Umgang staatlicher Institutionen mit Eingewanderten. Studien dokumentieren diskriminierende Einstellungen in der Bevölkerung ebenso wie Schikanen durch Behörden, rechtswidrige Festnahmen oder den erschwerten Zugang zu öffentlichen Leistungen. Gewalt entsteht dabei häufig dort, wo lokale politische Führung schwach ist oder Akteure anti-migrantische Stimmungen gezielt für eigene politische oder wirtschaftliche Interessen mobilisieren.
Trotz verschiedener Aktionspläne und Initiativen ist es der südafrikanischen Regierung bislang nur begrenzt gelungen, fremdenfeindliche Gewalt wirksam einzudämmen.
Zahlen und Fakten zu Migration in Südafrika
Mitte 2024 lebten in Südafrika nach Externer Link: Angaben der Vereinten Nationen 2,6 Millionen Eingewanderte, das machte 4,1 Prozent der Bevölkerung des Landes aus.
Die südafrikanische Statistikbehörde Statistics South Africa Externer Link: kam auf der Basis einer repräsentativen Haushaltsbefragung 2022/23 beispielsweise auf rund 3,1 Millionen Eingewanderte in Südafrika, darunter auch Personen ohne Aufenthaltserlaubnis. Das entspricht 5,1 Prozent der Bevölkerung Südafrikas.
Zur Einwanderungsbevölkerung zählen auch Geflüchtete. Ende Juli 2026 gab es in Südafrika Externer Link: nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks rund 138.000 Flüchtlinge und Asylsuchende. Das sind etwa 30.000 Menschen weniger als noch Ende 2025. Die Schutzsuchenden in Südafrika stammen vor allem aus krisen- und kriegsbelasteten Staaten südlich der Sahara wie Burundi, die Demokratische Republik Kongo, Somalia, Südsudan, Ruanda und Simbabwe.
Die meisten Schutzsuchenden werden nicht als schutzberechtigt anerkannt; die Ablehnungsquote ist hoch. Manche Asylsuchenden müssen Jahre auf eine finale Entscheidung über ihren Asylantrag warten. Einer repräsentativen Externer Link: Umfrage des Afrobarometer von Anfang 2026 zufolge waren 85 Prozent der südafrikanischen Befragten der Meinung, das Land solle keine weiteren bzw. weniger Flüchtlinge aufnehmen.
Hintergründe der aktuellen Ausschreitungen
Gruppen von Protestierenden und selbsternannte Bürgerwehren sind seit April 2026 insbesondere durch ärmere Townships gezogen und haben die Ausweisdokumente der dort lebenden Menschen kontrolliert. Ähnliche Kontrollen führten sie auch vor öffentlichen Einrichtungen wie etwa Krankenhäusern durch. Personen, die keinen südafrikanischen Pass vorweisen konnten, wurden aufgefordert, das Land zu verlassen.
Das von den Protestierenden gesetzte Ultimatum für die Ausreise endete am 30. Juni 2026. An diesem Tag gab es landesweit Proteste gegen Eingewanderte. Polizei und private Sicherheitsdienste waren im Einsatz, um zugewanderte Menschen vor Drohungen und möglichen Angriffen zu schützen. Trotz dieser Maßnahmen sind nach Medienangaben mehrere Menschen verletzt worden.
Protest- und Fluchtbewegungen
Hinter den Protesten stehen radikale Bewegungen wie die von der früheren Radiomoderatorin Jacinda Ngobese-Zuma gegründete Bewegung „March and March“, oder die 2021 in Johannesburg gegründete und inzwischen landesweit operierende Gruppierung „Operation Dudula“. Sie mobilisieren gezielt gegen Migrantinnen und Migranten und stellen diese als Ursache gesellschaftlicher Probleme dar. Ihr Ziel ist es, ausländische Staatsangehörige, insbesondere Schwarze Menschen ohne Papiere, dazu zu bewegen, das Land zu verlassen.
Darüber hinaus ist zu beobachten, dass politische Akteure und staatliche Institutionen anti-migrantische Ressentiments teilweise aufgreifen oder befördern, wodurch gesellschaftliche Unzufriedenheit auf Eingewanderte gelenkt und von strukturellen Problemen sowie staatlichem Versagen abgelenkt wird.
Waren die Ausschreitungen der vergangenen Jahrzehnte vor allem Externer Link: dezentral und lokal organisiert, finden die Protestaktionen im Jahr 2026 Externer Link: erstmals zentral und landesweit statt.
Die langen Schlangen an den Grenzen verweisen auf eine weitere Neuheit dieser Ausschreitungen: Die grassierende Gewalt rief die größte Fluchtbewegung aus Südafrika seit der demokratischen Wende 1994 hervor und zudem die erste, die von den Herkunftsstaaten durch den Rücktransport ihrer Staatsangehörigen in die Herkunftsländer mit organisiert wurde. Aus Angst flohen seit Beginn der Proteste Zehntausende Menschen aus dem Land.
Reaktion und Maßnahmen der Regierung
Neu ist zudem, dass die Politik die Ängste vor Eingewanderten ohne Aufenthaltserlaubnis berechtigt nennt. So verurteilte Staatspräsident Cyril Ramaphosa zwar die mit den Protesten einhergehende Gewalt und Selbstjustiz, zeigte zugleich aber Verständnis für die Anliegen und Forderungen der Protestierenden.
Er kündigte schärfere Gesetze gegen irreguläre Migration, eine konsequentere Umsetzung dieser sowie mehr Grenzkontrollen an. Arbeitgebende, die Menschen ohne Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung beschäftigen, sollen zudem härter bestraft werden. Außerdem sollen spezialisierte Gerichte geschaffen werden, die schnellere Abschiebungen anordnen können, sowie Abschiebezentren in Grenznähe errichtet werden. Gleichzeitig will Präsident Ramaphosa die Herkunftsländer mehr in die Verantwortung nehmen.
Einigen Mitgliedern politischer Oppositionsparteien sowie den zu den Protesten aufrufenden Bewegungen gehen diese Forderungen nicht weit genug. Der Fraktionsvorsitzende der Partei African Transformation Movement (ATM), Vuyo Zungula, warf der Regierung vor, bei der Steuerung der Migration versagt zu haben. Er forderte eine konsequente Durchsetzung des Migrationsrechts. Die selbsternannten Bürgerbewegungen stufen die Vorschläge als kaum umsetzbar und unrealistisch ein. Sie kündigten an, weiter zu protestieren.
Potenzielle Folgen für das Einwanderungsland Südafrika
Die Folgen dieser Ausschreitungen zeigen sich nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für südafrikanische Staatsangehörige. In einem Bericht kommt die NGO Xenowatch zu dem Schluss, die Externer Link: Gewalt untergrabe die Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit und sozioökonomische Entwicklungsbemühungen sowie das internationale Ansehen des Landes. Sie lenke zudem vom strukturellen Reformbedarf ab und gefährde den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Wirtschaftliche Folgen
Zudem werden negative Folgen für die Wirtschaft befürchtet. Die Abwanderung von tausenden Arbeitskräften könnte Engpässe in Branchen hervorrufen, die stark auf günstiges Personal angewiesen sind, etwa das Gast- und Baugewerbe, die Landwirtschaft und das Transportwesen. Nicht zuletzt in diesen Bereichen gibt es viele eingewanderte Arbeitskräfte, die im
Auch Lieferketten und wirtschaftliche Aktivitäten könnten unterbrochen werden, wenn Geschäfte geschlossen und Investitionen zurückgehalten werden, weil die Gewalt andauere und wirtschaftliche Risiken befürchtet werden.
Die vier größten südafrikanischen Gewerkschaften warnten ihre Mitglieder, dass sie ihre Arbeitsplätze riskierten, sollten sie sich an den Protesten beteiligen.
In den Herkunftsländern wird auch ein Rückgang der Geldüberweisungen befürchtet, sollten tausende Menschen dauerhaft Südafrika verlassen und an ihre Heimatorte zurückkehren. Das könnte die Not in Ländern vergrößern, in denen viele Menschen auf solche Transfers angewiesen sind.
Außenpolitische Folgen
Auch außenpolitisch sorgen die gewaltvollen Proteste für Spannungen. Mitte Juni 2026 begann Nigeria damit, eigene Staatsangehörige aus Südafrika zu evakuieren. Zuvor war in der nigerianischen Vertretung in Südafrika ein Krisenreaktionszentrum eingerichtet worden, um die Anliegen und Evakuierungen ihrer Staatsangehörigen zu koordinieren.
Auch Ghana, Malawi und Simbabwe flogen viele ihrer Staatsangehörigen aus. Ihr Vorwurf: Südafrika tue nicht genug, um die Menschen zu schützen. Zwischen Ghana und Südafrika kam es zu diplomatischen Verwerfungen: In der ghanaischen Hauptstadt Accra wurde der südafrikanische Botschafter einberufen.
Auch Externer Link: Nigeria hat den Botschafter Südafrikas einbestellt, um offiziell die Sorge vor einer „schlechten Behandlung nigerianischer Staatsbürger und ihrer Unternehmen“ zum Ausdruck zu bringen. Solche Reaktionen sind nicht neu: 2019 hatte Nigeria aufgrund von Angriffen auf nigerianische Staatsangehörige in Südafrika zu einem temporären Boykott des damals in Kapstadt stattfindenden Weltwirtschaftsforums aufgerufen.
Das deutsche Auswärtige Amt warnte Reisende im Vorfeld des angekündigten landesweiten Protesttags am 30. Juni davor, die Innenstädte großer Metropolen sowie Menschenansammlungen zu meiden. Beobachter:innen befürchten, dass die Proteste und Ausschreitungen zu einem Einbruch im Tourismus und bei ausländischen Investitionen in das Land führen können.
Um den außenpolitischen Schaden zu begrenzen, schickte Südafrikas Präsident Ramaphosa Sondergesandte in die Nachbarstaaten, um die Maßnahmen seiner Regierung zum Schutz der Migrant:innen zu erklären, Vertrauen wieder herzustellen und für ein gemeinsames Grenzmanagement zu werben.