1. Bevölkerungswachstum
In den ersten Jahren seiner Existenz war der Staat Israel ein demografischer Zwerg. Im November 1948, also rund ein halbes Jahr nach seiner Gründung, hatte er einer Volkszählung zufolge 873.000 Einwohner.
Das war alles andere als trivial, sah sich doch das kleine Land einer Koalition von Feinden gegenüber, die ganz offen seine Vernichtung anstrebten. Da stellte die geringe Bevölkerungsgröße – für die militärische und wirtschaftliche Überlebensfähigkeit entscheidend wichtig – eine ernste Gefahr dar.
Auch heute fehlt es nicht an staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren, die sich mit Israels Existenz nicht abfinden wollen. Allerdings ist Israel inzwischen zwar kein demografisches Schwergewicht, aber auch kein ausgesprochener Winzling mehr. Ende 2024 wies die Amtsstatistik erstmals eine Einwohnerzahl von mehr als zehn Millionen aus – wenn auch mit 10 027 nur knapp über dieser Marke.
Innerhalb der jüdischen Bevölkerung sind die Geburtenraten in der ultraorthodoxen Gemeinschaft am höchsten. Laut dem Jewish People Policy Institute bringt eine ultraorthodoxe Frau im Lauf ihres Lebens 6,4 Kinder zur Welt.
Eine der beiden größten Einwanderungswellen erreichte Israel unmittelbar nach der Staatsgründung. Zwischen Mitte Mai 1948 und Ende des Jahres 1951 kamen 687.000 Immigranten ins Land, was 79 Prozent der im November 1948 verzeichneten Landbevölkerung entsprach. In den 1990er-Jahren belief sich die Einwandererzahl auf 974.000, hauptsächlich aus der damaligen
Inzwischen spielt die Einwanderung keine entscheidende Rolle für das Bevölkerungswachstum. Im Jahr 2023 wanderten 46.000 Menschen in Israel ein; 72 Prozent von ihnen kamen aus der Russischen Föderation. Die Einwanderung aus Deutschland spielt keine bedeutende Rolle. Im Jahr 2023 kamen laut der Amtsstatistik 148 Einwandernde aus der Bundesrepublik.
Die israelische Bevölkerung ist jung. Im Jahr 2023 waren 27,6 Prozent der Landesbewohner jünger als 20 Jahre. Insgesamt 35,5 Prozent waren jünger als 20. Demgegenüber machte die Altersgruppe der über 64-Jährigen 12,9 Prozent aus.
Die demografische Entwicklung prägt das Land maßgeblich und wird auch in Zukunft eine wesentliche Rolle spielen. Laut der mittleren Variante der Bevölkerungsprognose des Zentralamts für Statistik wird die Bevölkerungszahl 2040 rund 13,2 Millionen und 2050 circa 15,7 Millionen erreichen. Wegen der kleinen Landesfläche schafft das Bevölkerungswachstum erhebliche ökonomische, ökologische und planerische Herausforderungen. So etwa konkurrieren verschiedene Sektoren – vor allem Landwirtschaft, Städtebau und Solarenergie – um die knappen noch verbleibenden freien Flächen. Zudem stellt die Überbeanspruchung des Bodens eine Bedrohung für die Natur dar. Wenn die bisherige Urbanisierung anhält, droht das Landeszentrum zu einer durchgehend bebauten Megalopolis zu werden.
2. Definition des Einwohnerstatus
Die amtliche israelische Bevölkerungsstatistik erfasst als Einwohner nicht nur Personen, die innerhalb des international anerkannten Staatsterritoriums leben. Dieses liegt innerhalb der bis zum Sechstagekrieg von 1967 bestehenden Waffenstillstandslinien. Sie waren am Ende des ersten israelisch-arabischen Krieges (des israelischen Unabhängigkeitskrieges) von 1948/49 zwischen den Kriegsparteien festgelegt worden.
Die Unterzeichnerstaaten erkannten die Waffenstillstandslinien damals nicht als offizielle Grenzen an. Dennoch werden sie von der internationalen Gemeinschaft in der Regel als die Grenzen Israels aufgefasst.
Die israelische Statistik rechnet der israelischen Bevölkerung aber auch bestimmte Einwohner von Gebieten beziehungsweise Ortschaften zu, die nach vorherrschender internationaler Rechtsauffassung außerhalb des israelischen Staatsgebiets liegen. Dazu gehören:
Die Einwohner Ostjerusalems, also derjenigen Gebiete, die Israel nach dem Sechstagekrieg seinem Hoheitsgebiet als Teil Jerusalems zugeschlagen hat. Dazu gehören vor zwei Untergruppen: Juden, die in den Stadtteilen jenseits der alten Grenze leben, und Palästinenser. Ende 2022 lebten in ganz Jerusalem 380.000 Araber (Palästinenser) und 600.000 Juden. Fast alle arabischen Einwohner leben in Ostjerusalem. Die allermeisten von ihnen haben den Status des „ständigen Einwohners“ ohne die israelische Staatsangehörigkeit. Ferner lebten 2021 rund 236.000 Juden in Ostjerusalem.
Unter Berücksichtigung der demografischen Trends dürften 2025 rund 640.000 Einwohner Jerusalems, wie sie von der israelischen Statistik definiert werden, außerhalb des international anerkannten Staatsterritoriums leben. Da das von Israel definierte Stadtgebiet israelischer Hoheit unterstellt wurde, werden sowohl die dort lebenden Israelis als auch die nicht eingebürgerten Palästinenser als Einwohner Israels betrachtet. Eine weitere Gruppe sind Einwohner israelischer Siedlungen im Westjordanland außerhalb der von Israel festgelegten Stadtgrenzen Jerusalems. Ihre Zahl wurde vom israelischen Zentralamt für Statistik für 2023 mit 493.000 angegeben.
Diese Siedlungen sind kein Teil des israelischen Staatsgebiets – auch nicht aus offizieller israelischer Sicht –, doch unterstehen sie israelischem Recht. So sind sie nicht nur Staatsbürger, sondern gelten auch als Inländer und damit Teil der Landesbevölkerung. Auf den Golanhöhen lebten 2023 rund 29.000 Juden beziehungsweise sogenannte „andere“ (in der Regel Mitglieder jüdischer Haushalte, s.u.).
Bei rund 27.000 anderen Einwohner der Golanhöhen handelte es sich vor allem um Drusen. Wie Ostjerusalem hat Israel auch die Golanhöhen seiner Hoheit unterstellt. Das wird von der internationalen Gemeinschaft zwar ebenfalls nicht anerkannt, doch sind die dort lebenden Menschen - wie in Ostjerusalem - aus israelischer Sicht Landbewohner. International gilt das Hochplateau als syrisches Territorium. Die meisten drusischen Einwohner dieses Landteils haben die israelische Staatsangehörigkeit nicht angenommen. Einer Schätzung zufolge war 2022 rund ein Fünftel der drusischen Bevölkerung der Golanhöhen israelische Bürger.
Im Gesamtergebnis lässt sich schätzen, dass knapp 1,2 Millionen der von der Amtsstatistik ausgewiesenen Landesbewohner außerhalb des international anerkannten israelischen Territoriums leben. Das sind rund 12 Prozent der Gesamtbevölkerung von etwas mehr als zehn Millionen. Letztere Zahl wird in der Regel auch international zitiert, ohne dass damit eine Anerkennung der Zugehörigkeit der genannten Gebiete zu Israel einherginge.
3. Bevölkerungsgruppen
Die Aufschlüsselung der israelischen Bevölkerung nach Gruppenzugehörigkeit ist kompliziert. Es gibt verschiedene Volksgruppen ebenso wie Religionsgemeinschaften, aber auch solche, bei denen Volks- und Religionszugehörigkeit zusammenfallen.
Die Aufteilung in Volksgruppen in Israel folgt weitgehend osteuropäischen Mustern. Das ist kein Zufall. Erstens verstand sich der Zionismus des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts als eine nationale Selbstbestimmungsbewegung des jüdischen Volkes. In Osteuropa war die Trennung von Volkszugehörigkeit und der Zugehörigkeit zu einer Monarchie wie dem russischen Zarenreich oder der k.u.k-Monarchie die Norm. In der Sowjetunion wurde dieser Unterschied formalisiert. Der gemeinsame Nenner der weit über 120 registrierten „Nationalitäten“ (Volksgruppen) war die sowjetische Staatsangehörigkeit.
Die britische Mandatsmacht, die nach dem Ersten Weltkrieg errichtet wurde, teilte die Bevölkerung des Mandatsgebiets nach Religionszugehörigkeit auf. Der Staat Israel verwendet beide Kriterien. Deshalb weist das Zentralamt für Statistik sowohl die religiösen Gruppen als auch Volksgruppen auf, wobei die Kategorien „Juden“ und „Drusen“ sowohl das eine als auch das andere sind.
Die obige Tabelle bietet einen allgemeinen Überblick über die Bevölkerungsstruktur, doch die israelische Gesellschaft ist viel komplizierter, als diese Darstellung zeigt. So etwa ist die Bevölkerungsgruppe „andere“ eine nach verschiedenen Kriterien zusammengesetzte Sammelkategorie, die nicht arabische Christen, Angehörige anderer Religionen und Personen ohne ausgewiesene Religionszugehörigkeit umfasst.
Unter der statistischen Definition „Araber“ wiederum werden auch Gruppen zusammengefasst, die das Innenministerium als separate Volksgruppen anerkennt: die Drusen und die Tscherkessen. Die Drusen haben eine eigene Religion, während Tscherkessen dem Islam angehören. Theoretisch sind der Zahl der „Nationalitäten“, die die Bevölkerungsbehörde anerkennen kann, keine Grenzen gesetzt – auch wenn das in der Praxis keine große Rolle spielt. Allerdings kann niemand seine “Nationalität” also Volksgruppenzugehörigkeit als “israelisch” eintragen lassen. Laut Urteilen des Obersten Gerichtshofes ist “israelisch” lediglich eine Staatsangehörigkeit, aber keine Volkszugehörigkeit.
Wie bei der Volkszugehörigkeit ist die Amtsstatistik auch bei der Darstellung der Religionsgruppen vereinfacht. Zum einen berücksichtigt sie nicht die verschiedenen religiösen Strömungen des Judentums oder das säkulare Judentum. Das ist verständlich, denn eine strenge Kategorisierung nach Religiositätsgrad wäre nicht praktikabel. Allerdings spielt die religiöse Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung für die Entwicklung der Gesellschaft eine große Rolle. Die christliche Gemeinschaft wiederum ist, trotz ihrer zahlenmäßig geringen Größe, durch eine Vielzahl von Konfessionen vertreten. Sie ist auch von der Herkunft her nicht einheitlich: Im Jahr 2023 gehörten 79 Prozent der christlichen Einwohner der arabischen Volksgruppe und weitere 21 Prozent anderen Volksgruppen an.
Offizielle Angaben zur Religionszugehörigkeit der Staatsbürger - also nicht der Gesamtbevölkerung laut der amtsstatistischen Definition - liegen nicht vor. Allenfalls lässt sich aufgrund vorliegender Zahlen aus anderen Quellen schätzen, dass der Anteil der Moslems an der Gesamtzahl der Staatsbürger bei 14 liegt. Der Anteil der Drusen und der Christen dürfte sich auf jeweils 1,5 Prozent belaufen. Hierbei handelt es sich um Schätzungen beziehungsweise Annahmen zum Anteil Zahl der Staatsbürger an der Gesamtbevölkerungszahl der jeweiligen Religionsgemeinschaft.
Die entsprechenden Anteile der genannten Religionen an der Gesamtzahl der arabischen Staatsbürger betragen demnach knapp 80 Prozent bei Moslems und jeweils rund 10 Prozent bei Christen und Drusen. Nach Angaben des israelischen Demokratieinstituts stellen die palästinensischen Einwohner Ostjerusalems 3,9 Prozent der Landesbevölkerung dar.
4. Einwanderung und Gesellschaft
Zwischen 1948 und 2023 sind insgesamt 3,5 Millionen Menschen aus mehr als 100 Ländern in Israel eingewandert. Das bei weitem wichtigste Herkunftsland war die Sowjetunion beziehungsweise die ehemalige Sowjetunion, mit großem Abstand von Marokko und Rumänien gefolgt (s. Tabelle). Aus Deutschland sind in der genannten Zeit 22 000 Immigranten eingewandert.
Rund ein Viertel aller Immigranten kamen aus Ländern der islamischen Welt. Die allermeisten von ihnen waren sogenannte Misrachim, hauptsächlich Nachfahren von Ende des 15. Jahrhunderts (oder davor) von der Iberischen Halbinsel vertrieben Juden, irakische sowie jemenitische Juden. Das Zentralamt für Statistik führt für die Zeit von 1948 bis 2023 insgesamt 722 000 solcher Einwanderer aus acht islamischen Ländern an.
Die meisten Einwanderer gehörten dem Bevölkerungskreis der Aschkenasim an (Juden europäischer/okzidentaler Herkunft) an. Es gab aber auch Gruppen, die weder der einen noch der anderen Gruppe zuzurechnen waren. Das gilt nicht zuletzt für Immigranten aus Äthiopien. Ihre Zahl belief sich in der genannten Zeitspanne auf 93 000.
In den ersten Jahrzehnten der Staatsexistenz herrschten zwischen Aschkenasim und Misrachim erhebliche Spannungen. Mit der Zeit nahmen sie aber ab. Ebenso wird die Herkunft bei Eheschließungen zunehmend bedeutungslos, was auf eine fortschreitende gesellschaftliche Integration hindeutet.
Eine weitere Kategorie sind Schutz- und Hilfsbedürftige laut der Definition des UNO-Hochkommissars für Flüchtlinge – UNHCR (Asylsuchende, Flüchtlinge, Staatenlose und andere). Laut UNHCR-Angaben lebten in Israel im September 2023 insgesamt 77 000 solcher Personen, hauptsächlich aus der Ukraine, Eritrea und dem Sudan.