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Geschlechtergerechtigkeit in Israel in Zeiten von Krieg und Demokratiekrise | Israel 2025 | bpb.de

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Geschlechtergerechtigkeit in Israel in Zeiten von Krieg und Demokratiekrise

Hadass Ben Eliyahu

/ 8 Minuten zu lesen

Geschlechtergerechtigkeit ist laut Hadass Ben Eliyahu ein Kampfthema in Israel. So ist trotz der hohen Gesamtbeschäftigungsquote unter Frauen das geschlechtsspezifische Einkommensgefälle in Israel das zweithöchste der OECD-Länder, Tendenz steigend. Auch in anderen Bereichen sind Frauen benachteiligt. Die Autorin fordert politische Konsequenzen für eine gerechtere Gesellschaft.

Israelis versammeln sich am Donnerstag, den 24. August 2023, in Ramat Gan, Israel, in der Nähe von Tel Aviv, um für die Gleichstellung der Geschlechter zu demonstrieren. (© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Mahmoud Illean)

Geschlechterungleichheit ist ein tief verwurzeltes Merkmal der israelischen Gesellschaft. Im vorliegenden Beitrag werden verschiedene Aspekte der Geschlechterungleichheit in Israel dargestellt und die Auswirkungen aktueller Entwicklungen auf Frauenrechte und Geschlechtergerechtigkeit aufgezeigt. Nach dem israelischen Index zur Gleichstellung der Geschlechter (Externer Link: Gender Index) ist der Grad der Geschlechterungleichheit seit 2004 um nur 1,2 Prozent pro Jahr zurückgegangen. Dieses Tempo ist viel langsamer als in den meisten OECD-Ländern. Zudem hat der lang anhaltende Krieg die Kluft zwischen den Geschlechtern in Israel vergrößert und die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern weiter vertieft. Diese Situation ist vor dem Hintergrund einer gravierenden Aushöhlung der Demokratie und des erstarkenden Autoritarismus in Israel besonders besorgniserregend.

Der Ausschluss von Frauen von Entscheidungspositionen und die Missachtung geschlechtsspezifischer Gesichtspunkte bei politischen Entscheidungen verschlechtern die Lebenssituation von Frauen. Unter der vorherigen Regierung war es 2022 zu einem dramatischen Anstieg der Frauenrepräsentation im politischen Leben gekommen, insbesondere bei der Zahl der Ministerinnen und Staatssekretärinnen. Seit 2023 nahm die politische Repräsentation von Frauen unter der gegenwärtigen Regierung jedoch ab. Gegenwärtig sind Frauen als politische Entscheidungsträgerinnen kaum präsent. Gegenüber 2022 ist 2025 der Anteil weiblicher Parlamentsabgeordneter von 41 auf 24 Prozent und der Anteil von Ministerinnen an der Gesamtzahl der Regierungsmitglieder von 34,6 auf 14,7 Prozent zurückgegangen. Gegenwärtig gibt es nicht eine einzige Staatssekretärin eines Regierungsministeriums. Frauen machen 11,5 Prozent aller Offizier*innen in der Armee im Rang einer*s Oberst*in aus.

Ähnliche Formen der Exklusion sind im Wirtschaftsleben zu beobachten, in dem die meisten Schlüsselpositionen ebenfalls von Männern besetzt sind. Beispielsweise liegt der Anteil von Frauen in CEO-Positionen der Privatwirtschaft unter 20 Prozent. Die Zahl weiblicher CEOs nimmt mit einer Wachstumsrate von 0,9 Prozent pro Jahr sehr langsam zu – dies, obwohl der Frauen-Prozentsatz an der Gesamtzahl der Hochschulabsolvent*innen in den relevanten Fächern erheblich zugenommen hat.

Die Beschäftigungsstruktur von Frauen unterscheidet sich von derjenigen der Männer in nahezu jeder Hinsicht. Die Partizipationsrate von Frauen am Arbeitsmarkt liegt in Israel über dem OECD-Durchschnitt und beträgt 60 Prozent gegenüber 67 Prozent der Männer. Mit Blick auf die Partizipationsrate der Altersgruppe von 15 bis 64 Jahren am Arbeitsmarkt gehört die Geschlechterkluft in Israel zu den niedrigsten der OECD-Länder. Allerdings ist die Beschäftigungsrate unter arabischen Frauen mit 37 Prozent relativ niedrig. Unter arabischen Männern beträgt sie 64 Prozent.

Trotz der hohen Gesamtbeschäftigungsquote unter Frauen ist das geschlechtsspezifische Einkommensgefälle in Israel das zweithöchste der OECD-Länder, Tendenz steigend. Lag es 2019 bei 24,3 Prozent, so waren es 2022 bereits 25,4 Prozent. Bezeichnenderweise ist ein Einkommensgefälle in allen Gesellschaftsgruppen zu verzeichnen, inklusive der ultraorthodoxen Gemeinschaft, obwohl der Anteil der Hochschulabsolventinnen und die Arbeitsmarkt-Partizipationsquote unter ultraorthodoxen Frauen viel höher als bei ultraorthodoxen Männern sind.

Zusätzlich zur Geschlechterkluft bei der Partiipationsrate und beim Einkommen herrscht auf dem Arbeitsmarkt auch Gendersegregation in verschiedenen Berufen. Frauen und Männer konzentrieren sich in hohem Maße auf unterschiedliche berufliche Positionen. Frauen sind häufiger als Männer in Pink-Collar-Berufen beschäftigt. Damit sind Tätigkeiten gemeint, die traditionell stark von Frauen dominiert werden, oft im Dienstleistungs-, Pflege-, Bildungs- oder Verwaltungsbereich, wie Krankenschwester, Lehrerin, Sekretärin oder Erzieherin. Frauen arbeiten insgesamt häufiger in Teilzeit als Männer, üben mehrere Erwerbstätigkeiten gleichzeitig aus, sind in der informellen Wirtschaft tätig und arbeiten ohne ausreichende soziale Absicherung.

Die Geburtsraten in Israel bleiben die höchsten in der OECD: drei Kinder je Frau. Zum Vergleich: Im OECD-Durchschnitt liegt dieser Wert bei 1,6. Die Integration von Frauen ins Arbeitsleben ist durch die hohe Kinderzahl stark betroffen: Im Vergleich zu Männern tragen Frauen eine größere Verantwortung für Kinderbetreuung und Haushaltsführung („Externer Link: unsichtbare Arbeit“). Laut einer Studie aus dem Jahr 2022 berichteten 59 Prozent der Frauen in Haushalten, in denen beide Partner berufstätig waren, den Haushalt zu versorgen. Bei Männern lag dieser Anteil bei 41 Prozent. Zugleich kümmerten sich 62 Prozent der Frauen um Kinder und andere Familienangehörige, während dieser Anteil bei Männern bei nur 38 Prozent lag. Unter diesen Umständen gaben 20,5 Prozent der Frauen an, wegen Haushaltsarbeit und Kinderbetreuung nur einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen zu können. Demgegenüber lag dieser Anteil bei Männern nur bei 2,6 Prozent.

Höhere Bildung gilt als „Mobilitätsticket“ für besser bezahlte und höher angesehene Beschäftigungen. Im Jahr 2023 stellten Frauen mit 62,3 Prozent die Mehrheit aller Hochschulabsolven*innen.

Allerdings ist die ungleiche Verteilung von Frauen und Männern nach Studienfächern weiterhin stark ausgeprägt und fällt mit den stereotypischen „weiblichen“ beziehungsweise „männlichen“ Rollenbildern zusammen. Im Laufe der Zeit wurden viele Programme initiiert, um den Frauenanteil an der Gesamtzahl der Studierenden in MINT-Fächern und der Mitarbeitenden in attraktiveren Berufen zu steigern. Statistische Daten belegen einen geringfügigen Anstieg des Anteils von Frauen, die sich für vorwiegend „männliche“ Studienfächer entscheiden. Allerdings ist die Veränderung der beruflichen Segregation schwächer ausgeprägt. Zwischen den Jahren 2012 und 2022 nahm der Anteil von Frauen an der Gesamtzahl der Studierenden in Mathematik, Statistik, Computerwissenschaft, Ingenieurwissenschaften, Architektur, Rechtswissenschaften und Medizin zu. Allerdings veränderte sich die Beschäftigungsstruktur nur in geringerem Maße, zum Teil sogar in umgekehrter Richtung. In den Jahren 2012 bis 2022 ging der Anteil von Frauen unter Softwareentwickler*innen von 30,1 Prozent auf 29,3 Prozent zurück. Der Prozentsatz der Ärztinnen gab von 41,9 Prozent auf 40,1 Prozent nach. Demgegenüber wurde ein Anstieg des Frauenanteils unter Ingenieur*innen und unter Jurist*innen von 47,1 Prozent auf 49,9 Prozent verzeichnet.

Eine umfassende Analyse der Geschlechterungleichheit bei der höheren Bildung und auf dem Arbeitsmarkt zeigt, dass die Geschlechtersegregation im Arbeitsleben stärker als im Bildungswesen präsent ist.

Um Geschlechtergleichheit im Bildungsbereich zu erreichen, müssten 29 Prozent der Frauen ihr Studienfach wechseln. Auf dem Arbeitsmarkt müssten sogar 46 Prozent ihren Beruf ändern, um Gleichstellung mit Männern zu erreichen. Veränderungen der Geschlechtersegregation in beiden Bereichen verlaufen sehr langsam und nicht linear. In den letzten Jahren hat sich die Ungleichheit sogar noch verstärkt. Eine spürbare Schrumpfung der Geschlechterkluft ist daher in absehbarer Zukunft kaum zu erwarten.

So ist es nicht weiter überraschend, dass die Armutsquote unter Frauen höher als unter Männern ist: 23 Prozent gegenüber 19 Prozent. In den vergangenen zwei Jahren erreichte die geschlechtsspezifische Ungleichheit in diesem Bereich ihren höchsten Stand seit 2004. Frauen sind zudem in verschiedenen Lebensphasen stärker auf Sozialleistungen angewiesen. So stellen Frauen 62 Prozent der Anträge auf Ergänzungsleistungen zum Einkommen bei der israelischen Sozialversicherung (National Insurance Institute). Auch bei den Sozialämtern sind Frauen häufiger registriert. Im Jahr 2022 waren es 605.100 Frauen gegenüber 524.800 Männern.

Das tatsächliche Ausmaß geschlechtsspezifischer Gewalt in Israel ist unbekannt, da es nur begrenzte offizielle Daten zu ihren verschiedenen Erscheinungsformen gibt – zu sexueller, physischer oder wirtschaftlicher Gewalt sowie zu häuslicher Gewalt, einschließlich Femiziden. Feministische Nichtregierungsorganisationen (NGOs) erheben deshalb eigenständig Daten, um Ausmaß und Entwicklung der gegen Frauen gerichteten Gewalt zu schätzen. Die aus offiziellen Quellen und NGO-Daten zusammengestellten Informationen legen nahe, dass geschlechtsspezifische Gewalt in Israel zunimmt.

  • Im Jahr 2024 wurden in Israel 37 Frauen durch Femizide und andere geschlechtsspezifisch motivierte Taten getötet. Die Mehrheit der Täter waren Partner oder Familienangehörige. Andere Opfer kamen bei Konflikten innerhalb der Familie oder unter Kriminellen sowie bei Attentaten auf andere Personen ums Leben, bei denen der Tod der Frau in Kauf genommen wurde. Das ist die seit Beginn der systematischen Erfassung höchste ausgewiesene Zahl. Bisher vorliegende Angaben lassen auf eine weitere Zunahme der Zahl der Tötungen 2025 schließen. Der Anteil der Tötungen unter Einsatz von Schusswaffen oder Sprengsätzen ist ebenfalls gestiegen. Im Jahr 2024 lag er bei 43 Prozent gegenüber weniger als 30 Prozent in den Vorjahren. Angesichts der immer weiter um sich greifenden Waffengewalt in Israel ist das eine äußerst gefährliche Entwicklung.

  • Im Jahr 2022 wurden, wie aus dem jüngsten Jahresbericht der israelischen Polizei hervorgeht, 20.316 Ermittlungsakten gegen Männer und 7.178 gegen Frauen wegen des Verdachts auf häusliche Gewalt eröffnet. Im Jahrzehnt 2013 bis 2022 stieg die Zahl der gegen Männer wegen des Verdachts gewalttätigen Verhaltens gegenüber ihren Partnerinnen eingeleiteten Ermittlungen um 15 Prozent. Der entsprechende Zuwachs bei Frauen lag bei 9 Prozent.

  • Dem letzten Jahresbericht der israelischen Polizei zufolge wurden 2022 20.316 Ermittlungsakten gegen Männer und 7.178 gegen Frauen wegen häuslicher Gewalt eröffnet.

  • Die Zahl der bei Anlaufstellen für Vergewaltigungsopfer neu eingehenden Anrufe steigt Jahr für Jahr. 2023 wurden 17.484 neue Anrufe verzeichnet.

Wie die obigen Ausführungen zeigen, ist Geschlechterungleichheit in der israelischen Gesellschaft und deren verschiedenen sozialen Gruppen tief verwurzelt. Das Zusammenwirken verschiedener Faktoren wirkt sich negativ auf Frauenrechte aus. Zu diesen Faktoren gehören etwa der anhaltende Krieg, Demokratieabbau und steigender Autoritarismus, der Militarismus, der die israelische Gesellschaft kennzeichnet, und die mangelnde Trennung von Religion und Staat. Die Geschlechterungleichheit nimmt zu. Je länger der Krieg andauert, umso mehr Ressourcen werden für seine Finanzierung und für zusätzliche Sicherheitsanforderungen bereitgestellt. Dadurch gehen die für Sozial- und Wohlfahrtsdienste zur Verfügung stehenden Mittel zurück.

Das Beschäftigungsverhältnis der meisten Frauen ist ungesichert, und ihre Arbeit wird schlechter bezahlt als die von Männern. Deshalb bedeutet eine Verlängerung des Krieges die Verarmung von Frauen. Die fortgesetzte Kriegsführung und zunehmende Gewalttätigkeit im öffentlichen Raum dringen in die Privatsphäre ein, in der Frauen immer verwundbar sind. Die zunehmende Verbreitung des privaten Besitzes von Schusswaffen verschärft die Gewalttätigkeit in der Gesellschaft im Allgemeinen und Gewalt gegen Frauen im Besonderen immer weiter.

Der verschlechterte Status von Frauen in Israel kommt auch in der rückläufigen Platzierung Israels in internationalen Geschlechter Indizes zum Ausdruck. Zwar erhält Israel auf Gebieten wie Bildung und Arbeitsmarktpartizipation gute Noten. Allerdings verschlechtert sich die Gesamtbewertung im Vergleich zu anderen Ländern wegen des Rückgangs der Geschlechtergleichheit in Bereichen wie politische Repräsentation und Arbeitsentgelt. Wachsende Geschlechterungleichheit, verbunden mit der drastischen Schmälerung der politischen Repräsentation von Frauen und einer Reihe von frauendiskriminierenden gesetzgeberischen Schritten, kommt hinzu. Sie belegen die abträglichen Auswirkungen des andauernden gewalttätigen Konflikts auf Männer wie auf Frauen unterschiedlicher sozialer Zugehörigkeit. Zudem gefährden sie die demokratischen Fundamente des Staates Israel.

Es ist wichtig zu erkennen, dass die Beendigung des Krieges die Entwicklungen der letzten Jahre, die Frauen und die Gleichstellung der Geschlechter in Israel negativ tangieren, nicht automatisch umkehren wird. Vielmehr können Herausforderungen dieser Größenordnung nicht ohne eine stärkere Repräsentation von Frauen in politischen Entscheidungsprozessen bewältigt werden. Ebenso wichtig ist es, die vollumfängliche Teilhabe zivilgesellschaftlicher Frauenorganisationen an der politischen und gesellschaftlichen Erneuerung und Reform sicherzustellen.

Weitere Inhalte

ist die akademische Leiterin des „Externer Link: Yoda'at (She Knows) - Israel Knowledge Center on Women and Gender“ am Van Leer Jerusalem Institute, wo sie Projekte im Bereich der Geschlechtergleichstellung leitet. Sie engagiert sich für die Rechte von Frauen in verschiedenen Zivilgesellschaftlichen Organisationen.