Historischer Hintergrund
1947 empfahl der Sonderausschuss der Vereinten Nationen für Palästina (UNSCOP) die Teilung Palästinas in zwei separate unabhängige Staaten – einen arabischen und einen jüdischen. Unmittelbar nach der Abstimmung kam es zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen. Als Großbritannien sich am 14. Mai 1948 aus seinem
Für die palästinensische Bevölkerung war das verheerendste Ergebnis des Krieges jedoch die israelische Kontrolle über 774 ihrer Dörfer und Städte. Der Krieg mündete in eine Katastrophe. 531 Ortschaften wurden vollständig zerstört. Mehr als 15.000 Palästinenser wurden getötet, und es kam zu einer Massenvertreibung. Hunderttausende wurden zur Flucht gezwungen oder aus ihren Häusern vertrieben. So entstand das palästinensische Flüchtlingsproblem. Die verbliebenen palästinensischen Gebiete standen fortan unter der Hoheit der Staaten, die sie besetzten: Jordanien und Ägypten.
Beide Seiten erinnern sich ganz unterschiedlich an den Krieg von 1948. Die Israelis nennen ihn Unabhängigkeitskrieg, während die Palästinenser ihn als
Wer sind die palästinensischen Bürger Israels?
Wichtige statistische Daten zu den palästinensischen Bürgern Israels: Laut dem israelischen Zentralamt für Statistik (CBS) machten Palästinenser in Israel im Jahr 2024 21 Prozent der Gesamtbevölkerung von 9,9 Millionen Einwohner. Davon waren 83,3 Prozent Muslime, 9 Prozent Drusen und 7,7 Prozent Christen.
Die aktuellen Daten liefern wichtige Erkenntnisse über den Status der palästinensischen Bürger Israels in Bereichen, die für die in diesem Beitrag untersuchten Fragen relevant sind. Im Jahr 2024 stellten arabische Studierende 64 112 und damit 19,3 Prozent aller Studierenden an israelischen Hochschulen, wovon etwa 70 Prozent Frauen waren (Externer Link: Rat für Hochschulbildung, 2024).
Anfang 2023 lag die Beschäftigungsquote arabischer Männer bei 76,4 Prozent und arabischer Frauen bei 44,7 Prozent. Das weist auf ein anhaltendes geschlechtsspezifisches Gefälle in der Arbeitsmarktpartizipation hin (Externer Link: Ministerium für soziale Gleichstellung, 2023).
Was Gewalt und öffentliche Sicherheit betrifft, so belief sich die Zahl der Tötungsdelikte innerhalb der arabischen Gemeinschaft im Jahr 2024 auf 230, was einen anhaltenden und besorgniserregenden Anstieg der Gewalt in der arabischen Gesellschaft Israels widerspiegelt (Externer Link: The Abraham Initiatives, 2024).
Bildung bleibt ein zentrales Problem. Arabische Schulen, die in einem eigenen arabischsprachigen Schulsystem organisiert sind, sind im Vergleich zu jüdischen Schulen chronisch unterfinanziert [Das jüdische Schulwesen ist in vier separate Systeme unterteilt: staatlich, staatlich-religiös, nichtstaatlich-ultraorthodox und staatlich-ultraorthodox - d. Red.]. Zwar hat sich der Zugang zur Hochschulbildung verbessert – insbesondere für Frauen –, doch bestehen weiterhin Unterschiede bei den Bildungserfolgen und der Repräsentanz in karrierefördernden akademischen Bereichen.
Frauen der arabischen Gemeinschaft streben zunehmend höhere Bildungsabschlüsse und Führungspositionen im öffentlichen Leben an. Dennoch stehen sie noch immer vor strukturellen Hürden wie geschlechtsspezifischer Gewalt, wirtschaftlicher Benachteiligung und konservativen sozialen Normen.
In arabischen Städten und Dörfern haben Kriminalität und Gewalt in den vergangenen Jahren besorgniserregend zugenommen. Der Anstieg von Mordfällen und organisierter Kriminalität wird auf systemische Vernachlässigung, unzureichende Polizeiarbeit und ein tiefes Misstrauen zwischen arabischen Bürgern und den Sicherheitsbehörden zurückgeführt.
Diesen Herausforderungen muss Israel begegnen. Dafür sind integrative Politik, gerechte Verteilung der Ressourcen und ernsthafte Bemühungen erforderlich, um die palästinensische Minderheit in alle Bereiche der israelischen Gesellschaft einzubinden.
Beziehungen zwischen palästinensischen und jüdischen Bürgern Israels
Die palästinensische Minderheit in Israel leidet seit der Staatsgründung unter Diskriminierung. Diese hat sich nach der Verabschiedung des Gesetzes „Externer Link: Israel – Nationalstaat des jüdischen Volkes“ am 19. Juli 2018 noch verschärft. Das Gesetz markierte einen Wendepunkt. Es räumt offiziell der jüdischen nationalen Identität und den jüdischen Werten Vorrang ein. Es gewährt ausschließlich Juden das Recht auf Selbstbestimmung und legt Hebräisch als einzige Amtssprache fest, wodurch der Status des Arabischen geschwächt wird. Dieses Gesetz wurde wegen der von ihm bewirkten Einschränkungen der Minderheitenrechte als ein Schritt zur „illiberalen Demokratie“ kritisiert.
Die Auswirkungen des Hamas-Angriffs auf Israel am 7. Oktober 2023
Die Angriffe der Hamas und der darauffolgende Gaza-Krieg haben die palästinensisch-israelischen Beziehungen erheblich beeinträchtigt. Die Berichterstattung der israelischen Medien über diese Ereignisse wurde wegen ihrer Einseitigkeit kritisiert. Einige Medien gaben durch ihre Berichte ausschließlich und einseitig der israelischen Politik Rückhalt.
Tausende palästinensische Bürger in ganz Israel haben Angst ihre Identität preiszugeben. Sie sprechen weniger und meiden Menschenmengen. Sie empfinden sind nicht mehr als Teil des öffentlichen Raums, sondern bewegen sich in ihm wie in einem Minenfeld. Das ist eine Diskriminierung, die wir täglich erleben. Die Angst hat sich im Alltag festgesetzt.
Die Wahrnehmung arabischer Bürger als „innere Feinde“ hat weitreichende Konsequenzen. Sie behindert ihre soziale Integration und ihre bürgerschaftliche Teilhabe. Der ethnisch-nationale Konflikt innerhalb Israels hat sich verschärft. Das negative kollektive Profiling der arabischen Bevölkerung schwächt ihre Rechte und ihr Zugehörigkeitsgefühl. Das wirkt sich auch auf zwischenmenschliche Beziehungen aus. Es hat weitreichende gesellschaftliche Folgen und untergräbt die Bemühungen um eine echte soziale Integration und Partnerschaft zwischen der jüdischen und der arabischen Gemeinschaft. Viele palästinensisch-israelische Bürger berichten von Rassismus und Ausgrenzung. Sie fühlen sich in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens – von Beschäftigungsmöglichkeiten bis hin zu sozialen Interaktionen – marginalisiert. Das soziale Stigma, das palästinensischen Bürgern Israels aufgedrückt wird, wurde durch die jüngsten Ereignisse noch verstärkt. Rassismus beeinträchtigt die psychische Gesundheit der Betroffenen und führt zu erhöhtem psychischem Stress. Diese Belastung kann sich unterschiedlich äußern, etwa in Form von Angstzuständen und Depressionen. Sie isoliert arabische Bürger dadurch weiter von ihren jüdischen Landsleuten, wodurch die Kluft zwischen beiden Gemeinschaften noch größer wird.
Nach dem Kriegsausbruch verschärfte sich die Entfremdung. Äußerungen von Empathie für palästinensische Zivilisten in Gaza wurden dämonisiert. Neutralität wurde zu Schuld. Schweigen galt als Beweis für Verrat. Von palästinensischen Bürgern wurde erwartet, ihre Loyalität lautstark und unkritisch zur Schau zu stellen.
Die Haltung der jüdischen Mehrheit gegenüber palästinensischen Bürgern Israels hat bei diesen zu einem zerbrochenen Zugehörigkeitsgefühl geführt. Ein arabischer Bürger kann einen israelischen Pass besitzen, in Israel arbeiten und Steuern zahlen – und wird dennoch wie ein Gast behandelt oder schlimmer noch: wie eine Bedrohung. Das ist nicht nur ein gesellschaftliches, sondern auch ein moralisches Problem. Eine Demokratie kann nicht gedeihen, wenn ein Fünftel ihrer Bürger das Gefühl hat, ständig auf dem Prüfstand zu stehen.
Institutionen und Repressalien
Unmittelbar nach dem 7. Oktober schwappte eine Welle der Angst über Israel. Für die arabischen Bürger kam die Bedrohung von innen. Sie galten plötzlich in ihrem eigenen Land als verdächtig. Arabische Fachkräfte aus Bereichen wie Bildung, Gesundheitswesen und Verwaltung fühlten sich beobachtet. Eine Krankenschwester wurde entlassen, weil ein Patient von jüdischem Personal behandelt werden wollte. Ein Lehrer wurde suspendiert, weil er während einer Gedenkfeier in der Schule „zu still“ geblieben war. Arabische Studierende mussten sich an den Universitäten für das Posten von Gedichten oder friedlichen Botschaften verantworten – Äußerungen, die in jeder funktionierenden Demokratie unbedenklich wären. Dozenten wurden entlassen, weil sie Empathie für Gaza zeigten; einige verloren ihre Anstellung, weil sie einfach nur Gebete für den Frieden gepostet hatten.
Doch die Repressalien gingen noch viel weiter. Arabischen Mitarbeitenden wurde nahegelegt, „aus Sicherheitsgründen“ nicht an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren.
Angst sucht sich Sündenböcke. Und in einem Land, das unter einem kollektiven Trauma litt, wurden arabische Bürger in diese Rolle gedrängt. Das lag nicht an konkreten Verdachtsmomenten, sondern allein an ihrer bloßen Existenz. In Krisenzeiten werden Institutionen auf die Probe gestellt. Ihr Umgang mit Minderheiten zeigt, wie es um ihr Demokratieverständnis bestellt ist. Diese Probe dauert auch heute noch an, und viele Institutionen bestehen sie nicht. Das Problem ist zudem, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen solche Maßnahmen ermöglichen. Notstandsgesetze erlauben Verwaltungshaft bereits auf Basis vager Verdachtsmomente.
Die Angst im Klassenzimmer
Seit mehreren Jahren erforsche ich die Integration palästinensischer Lehrerinnen – Bürgerinnen Israels – im jüdischen Schulwesen (über 3000 palästinensische Lehrerinnen sind an jüdischen Schulen beschäftigt). Ich konnte feststellen, dass diese Lehrerinnen mit ihrer Arbeit an jüdischen Schulen und mit ihren Beziehungen zu den Schülern zufrieden waren. Sie erzählten von großer Unterstützung durch ihre Kollegen und Schulleiter. Es gelang ihnen, Stereotype und Vorurteile gegenüber Palästinensern in Israel in Frage zu stellen und abzubauen.
Als ich aber nach dem 7. Oktober zu meinem Forschungsgebiet zurückkehrte, schwand mein Optimismus fast zur Gänze. Nunmehr fühlen sich die Lehrerinnen an den Schulen, an denen sie arbeiten, wie Fremde. Sie berichten von zunehmendem Rassismus und von einer Marginalisierung im Alltag ebenso wie im Beruf. Sie empfinden größere Angst, Furcht und Isolation. Dialog und Zusammenarbeit mit jüdischen Kollegen sind zurückgegangen. Die Lehrerinnen berichten auch von einem Verlust an Respekt, einem Mangel an Vertrauen seitens der Eltern, einer Verschlechterung ihres beruflichen Selbstbewusstseins und einer angsterfüllten oder lediglich passiven Teilnahme am Schulleben.
Die meisten meiner Interviewpartnerinnen haben das Gefühl, dass ihre jüdischen Kollegen sie vom ersten Tag an auf die Probe gestellt hätten. Eine Lehrerin sagte über eine jüdische Kollegin: „Sonst waren wir immer wie Schwestern. Gewiss gab es in der Vergangenheit schwierige Ereignisse, aber wir fanden stets einen Weg, uns zusammenzusetzen und zu reden. Stets – aber nicht dieses Mal. Sie schickte mir Nachrichten und schrieb: ‚Es ist mir sehr wichtig, dass du mir sagst, ob du an den Staat Israel glaubst!‘ Ich antwortete: ‚Was meinst du denn mit ‚glauben‘? Mir behagte diese Diskussion nicht, weil die Kollegin versuchte, mich in Richtungen zu drängen, in die ich nicht gehen wollte. Dabei kennt sie mich gut. Ich arbeite nur als Pädagogin. Sonst nichts. Und ich spreche nicht über Politik.“
Eine andere Lehrerin mit über 30 Jahren Berufserfahrung war über die verschlechterten Beziehungen zu ihren jüdischen Kollegen bestürzt: „Eine Kollegin, die ich als gute Freundin betrachtete und die ich jeden Morgen umarmte, sagte mir plötzlich nicht mehr ‚Guten Morgen‘.“ Eine andere meiner Gesprächspartnerinnen erklärte: „Ich hatte Angst zu sprechen. Ich befürchtete, die jüdischen Lehrer könnten meine Worte falsch auslegen und mir dann Vorwürfe machen. Menschen wurden sogar ganz grundlos entlassen [...] Es ist besser, zu schweigen.“
Trotz alledem gibt es auch Fälle, in denen Freundschaften trotz der Spannungen Bestand haben. Einige engagierte Schulleiter fördern Resilienz und Harmonie. Viele palästinensische Lehrkräfte kommen weiterhin zur Arbeit – nicht aus Naivität, sondern aus Überzeugung. Sie glauben an Bildung, an Koexistenz und an die Möglichkeit, eine bessere Zukunft zu schaffen. Aber Glaube allein reicht nicht. Wenn das System sich nicht ändert, wenn Schweigen weiterhin der Preis ist, den wir für Teilhabe zahlen müssen, gehen die Besten unter uns fort. Mit ihnen schwindet auch die Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft.
Wie geht es weiter?
Dies ist ein Moment moralischer Verpflichtung. Wenn die
Arabische Pädagogen, Studierende und Fachkräfte verdienen institutionelle Unterstützung – nicht als milde Gaben, sondern als Recht. Die Entlassung von Ärzten aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder die Ermittlungen gegen Lehrern, weil sie um die palästinensischen Opfer in Gaza trauern, sind Ausdruck systemischer Ungerechtigkeit.
Entscheidungsträger in gemischten Städten müssen in konfliktsensibler Wahrnehmung ihrer Pflichten geschult werden. Wir brauchen Bürgermeister und Schulleiter, die Spannungen abbauen, statt sie zu schüren. Gemeinsame Räume müssen geschützt und dürfen nicht politisiert werden.
In ganz Israel setzen sich zahlreiche Organisationen für eine gemeinsame Gesellschaft ein. Das
Auch akademische Einrichtungen setzen sich für eine gemeinsame Gesellschaft ein. Das Externer Link: Beit Berl Academic College, an dem ich arbeite, ist führend auf diesem Gebiet. Es bringt jüdische und arabische Studierende und Mitarbeitende zusammen, um den Dialog, den gegenseitigen Respekt und das bürgerschaftliche Engagement zu fördern. Ich selbst leitete vier Jahre lang das Zentrum für die Förderung einer gemeinsamen Gesellschaft und setzte mich für die Festigung des Zusammenlebens auf dem Campus ein. Außerdem gründeten wir eine Forschungseinrichtung, in der jüdische und arabische Wissenschaftler gemeinsam an Themen der gemeinsamen Gesellschaft und der Gruppenbeziehungen arbeiten.