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Stärken und Schwächen des israelischen Bildungssystems

Prof. Yehuda Bar Shalom

/ 12 Minuten zu lesen

Das israelische Bildungssystem ist wichtige Grundlage der Identität und Entwicklung des Landes. Die israelische Gesellschaft wurde von Einwandernden aus Dutzenden von Ländern und fünf Kontinenten aufgebaut sie umfasst eine vielfältige arabische Minderheit. Dies spiegelt sich auch in den vier Hauptzweigen des Schulsystems.

Beginn des neuen Schuljahrs in Sderot, Israel, am 1. September 2008. (Auf dem Schild steht in hebräisch "Hallo Klasse A") (© picture alliance / Newscom | -)

Das israelische Bildungssystem stellte schon immer eine wichtige Grundlage der Identität und Entwicklung des Landes dar. Die israelische Gesellschaft wurde von Einwandernden aus Dutzenden von Ländern und fünf Kontinenten aufgebaut. Sie umfasst auch eine kulturell und religiös vielfältige arabische Minderheit. Vor diesem Hintergrund ist das Bildungswesen ein Grundpfeiler des Nation Building sowie der kulturellen Integration.

Das Bildungswesen in Israel ist eng mit dem kulturellen, religiösen und politischen Leben verflochten und spiegelt die Komplexität der israelischen Gesellschaft wider. Von Anfang an gehörte Bildung zu den wichtigsten Prioritäten des jungen Staates. Das Schulpflichtgesetz von 1949 garantiert allen Kindern gebührenfreien Zugang zur Bildung. Angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Gründungszeit war diese Priorisierung der Bildungsziele bemerkenswert.

Im Laufe der Zeit hat das Bildungswesen vier Hauptzweige entwickelt:

  • Das staatliche System (mamlachti) – Dieses System wird von den Kindern der meisten säkularen jüdischen Familien besucht. Heute umfasst es etwas weniger als 50 Prozent aller jüdischen Schüler.

  • Das staatlich-religiöse System (mamlachti-dati) – Dieser Zweig wird zwar vom Staat getragen, richtet sich jedoch in erster Linie an die nationalreligiös-zionistische Bevölkerung. Er erfasst etwas weniger als 20 Prozent der jüdischen Schüler.

  • Das ultraorthodoxe System (charedi) – Dieser Bildungszweig legt den Schwerpunkt fast ausschließlich auf das Studium religiöser Texte. Er wird dafür kritisiert, dass er nur in begrenztem Umfang Kernfächer wie Mathematik, Englisch und Naturwissenschaften vermittelt. Der ultraorthodoxe Sektor umfasst heute etwa 30 Prozent der jüdischen Schulkinder. Seit 1960 hat sich die Zahl seiner Schüler mehr als verfünffacht.

  • Das arabische System – Der Unterricht findet auf Arabisch, nicht auf Hebräisch statt, und der Lehrplan ist an die arabische Kultur angepasst. Dieser Zweig umfasst heute etwa 23 Prozent aller Schüler in Israel.

Dieses Nebeneinander von Bildungssystemen spiegelt den Pluralismus der israelischen Gesellschaft wider. Zugleich reflektiert es viele ihrer inneren Spaltungen und Spannungen.

Das Bildungsministerium spielt eine bestimmende Rolle in der Bildungspolitik. Allerdings sind auch Kommunen und private Einrichtungen wichtige Akteure. Diese Vielfalt zeigt den Pluralismus Israels, führt jedoch auch zu Fragmentierung und Ungleichheit. In der Praxis stellen wohlhabende Kommunen gemeinsam mit starken Elternverbänden sowie privaten Einrichtungen zusätzliche Mittel bereit. So verschaffen ihren Schulen Vorteile gegenüber Schulen in anderen sozioökonomischen Schichten. Diese Privilegien können viele Formen annehmen – von der Finanzierung von Förderprogrammen und moderner Technologie über außerschulische Aktivitäten und kleinere Klassen bis zu privater Nachhilfe. Dies kann die Kluft zwischen Schülern in wohlhabenden Gemeinden und jenen in benachteiligten Regionen erheblich vergrößern.

In einer Gesellschaft, die das Bildungssystem als Grundlage ihrer Identität und ihres Zusammenhalts auffasst, drohen solche Ungleichheiten das Gefühl von Gemeinschaft und geteiltem Verantwortungsbewusstsein zu untergraben. Dies, obwohl das System gerade diese Werte fördern soll.

Trotz struktureller Ungleichheit weisen israelische Schulen beeindruckende Stärken auf. Die Alphabetisierungs- und Einschulungsraten sind hoch; Israel hat innovative Ansätze für den Unterricht entwickelt. Die Integration von Technologie ist weit fortgeschritten; viele Schulen nutzten bereits vor der Corona-Pandemie digitale Plattformen. Der Staat hat umfangreiche Mittel für die Eingliederung von Einwandernden bereitgestellt. Auch das Bildungswesen hat viel Energie in die Integration der neuen Bürger investiert. In den letzten Jahrzehnten hat das Bildungsministerium spezielle Programme für äthiopische, russische und zuletzt ukrainische Schüler ins Leben gerufen. Viele dieser Programme erleichterten ihre reibungslosere Integration.

Innovativer Unterricht und Schließung von Bildungslücken

Im Einklang mit dem Ethos der „Start-up-Nation“ setzt Israel auf zukunftsgerechte Bildungskonzepte, insbesondere in den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Damit soll Schülern der Eintritt in den Hightech-Sektor und die Teilhabe am global bedeutenden Innovationsstandort Israel ermöglicht werden. Zu diesem Zweck fördert das Bildungssystem Problemlösungskompetenz, Kreativität und Teamarbeit. Lernprogramme, Labore und Wissenschaftswettbewerbe ermutigen die Schüler, das Gelernte praktisch anzuwenden. Die Heranführung junger Menschen an technologische und wissenschaftliche Bereiche ist zugleich eine Triebkraft der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Die Hightech-Branche verlangt Kreativität, analytische Fähigkeiten und unabhängiges Denken. Zukunftsorientierter Unterricht in den MINT-Fächern wird im israelischen Bildungssystem stärker gefördert als in vielen anderen Ländern.

In den letzten Jahren gab es auch Fortschritte bei der Interner Link: Gleichstellung der Geschlechter. In der Vergangenheit war das israelische Bildungssystem lange Zeit von erheblichen geschlechtsspezifischen Disparitäten geprägt. Diese zeigten sich auf allen Ebenen und begünstigten im Allgemeinen die männlichen Schüler. Heute sind diese Unterschiede weitgehend verschwunden. In vielen Bereichen hat sich das Gleichgewicht sogar zugunsten der Mädchen verschoben. Sie erzielen in fast allen zentralen Fächern auch bessere Ergebnisse als Jungen (Ayalon, Blass, Feniger & Shavit, 2019).

Herausforderungen

Neben diesen Erfolgen gibt es aber auch große Herausforderungen. Das Leistungsgefälle zwischen verschiedenen sozioökonomischen Gruppen gehört zu den höchsten in der OECD. Schüler in peripheren Landesteilen, in arabischen Kommunen und im ultraorthodoxen Sektor liegen häufig weit unter dem Landesdurchschnitt. Viele ultraorthodoxe Schulen verzichten bewusst auf den Unterricht in Kernfächern wie Mathematik, Englisch und Naturwissenschaften. Sie konzentrieren sich nahezu ausschließlich auf das Studium religiöser Texte. Das spiegelt eine Weltanschauung wider, die religiöse Gelehrsamkeit höher gewichtet als die Vorbereitung auf den modernen Arbeitsmarkt. Sie vertieft zugleich das Bildungsgefälle innerhalb der israelischen Gesellschaft. Diese Disparität gefährdet sowohl den sozialen Zusammenhalt als auch das Wirtschaftswachstum.

Im israelischen Bildungswesen spiegelt sich eine anhaltende Spannung zwischen nationalem Denken und kosmopolitischen Einflüssen wider. Einerseits wird die Schaffung eines gemeinsamen Ethos für die jüdische Mehrheit betont. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der zionistischen Perspektive, der Nation Building und einer religiös-nationalen Haltung als zentralen Elementen kollektiver Identität. Andererseits ist ein starker Drang zur Globalisierung zu erkennen. Dieser wird durch internationale Tendenzen zur Übernahme universeller Werte, globaler Normen und weltweit anerkannter Praktiken verstärkt. An die Stelle offener Gegensätze tritt dabei das Muster eines „kosmopolitischen Nationalismus“. Dieses Konzept integriert strategisch globale Perspektiven, um nationale Strukturen zu stärken, nicht um sie zu ersetzen. Der hybride Ansatz zeigt sich etwa in Lehrplanreformen, die sich an internationalen Vergleichsmaßstäben orientieren. Dazu gehören eine Ausweitung von Programmen wie dem International Baccalaureate und alternative Bildungsangebote mit globalem wie auch lokalem Anspruch.

So entsteht eine Realität, in der das System gleichzeitig widersprüchlichen Anforderungen ausgesetzt ist: Es soll Schüler zu global engagierten Bürgern erziehen und zugleich ein klar umrissenes nationales Ethos fördern. Die ständige Auseinandersetzung mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt und die Schwierigkeit, in einer heterogenen Gesellschaft widersprüchliche Narrative zu vermitteln, verschärfen die Herausforderungen an das Bildungswesen zusätzlich (Yemini et al., 2014).

Der Lehrerberuf

Ein weiteres schwerwiegendes Problem ist die Situation des Lehrberufs in Israel. Niedrige Gehälter, große Klassen (28 Schüler in der Grundschule gegenüber einem OECD-Durchschnitt von 21) und hohe Arbeitsbelastung führen öfters zu Burnout sowie zu anhaltendem Lehrkräftemangel – besonders in den Naturwissenschaften und Englisch. Gewalt und soziale Spannungen spiegeln sich bisweilen auch im Unterricht wider und stellen die Autorität der Lehrkräfte infrage.

Die weitreichenden Befugnisse des Bildungsministeriums schränken die Autonomie der Schulen stark ein. Schulleitungen haben nur geringen Spielraum, um den Unterricht an lokale Bedürfnisse anzupassen. Zwar hat sich die Integration von Schülern mit besonderen Bedürfnissen verbessert, die Fortschritte sind jedoch regional ungleich verteilt.

Zwischen 1974 und 2024 versuchte die israelische Bildungspolitik, den Lehrberuf aufzuwerten. Das Bildungsministerium und der Rat für Hochschulbildung leiteten weitreichende Reformen ein: die akademische Aufwertung der Lehrerseminare, die kontinuierliche Überarbeitung der Curricula in der Ausbildung von Lehrenden, organisierte Unterstützung für Berufsanfänger, neue Möglichkeiten der beruflichen Weiterentwicklung einschließlich höherer Abschlüsse, Gehaltsreformen sowie schließlich die Überführung der Lehrerseminare in die alleinige Zuständigkeit des Rates für Hochschulbildung und seines Planungs- und Haushaltsausschusses. Mit Unterstützung des Ministeriums wurden Ausschüsse und Arbeitsgruppen gebildet, um die Kompetenzen der Lehrkräfte im Umgang mit neuen Herausforderungen zu stärken. Durch diese Maßnahmen sollten Lehrkräfte als Schlüsselfiguren für die Verbesserung des gesamten Bildungssystems anerkannt werden.

Trotz all dieser Initiativen hat sich das Ansehen des Lehrberufs weiter verschlechtert. Auf die Frage „Möchten Sie, dass Ihr Kind Lehrer wird?“ antworten viele Eltern mit Nein. Mit anderen Worten: Der Beruf gilt weiterhin als wenig attraktiv, und der Mangel an Lehrkräften besteht weiterhin. Auch das Ausbildungsniveau wird häufig als unzureichend wahrgenommen.

Darüber hinaus leidet der Bereich unter inkohärenter Politik und schwankenden Prioritäten, die die Reformen untergraben. Der Beruf bleibt in einer Vielzahl von Initiativen gefangen, die weder ausreichende Wertschätzung bewirken noch Stabilität schaffen (Donitsa-Schmidt, 2024).

Zwischen 2021 und 2024 verschärfte die Corona-Pandemie die Lage zusätzlich. Der Umstieg auf Online-Unterricht führte zu beispiellosen Belastungen. Verstärkte elterliche Kontrolle bewirkte zugleich massiven Stress für Lehrkräfte. Daraufhin verließen viele den Beruf, wodurch der Mangel an Lehrenden weiter zunahm. Schulleitungen mussten improvisieren. Sie griffen zu Notlösungen wie größeren Klassen oder der Reduzierung von Unterrichtsfächern. Teilweise wurden unqualifizierte Lehrende eingesetzt, in anderen Fällen unterrichteten Lehrer Fächer, für die sie nicht ausgebildet waren.

Im Jahr 2024 brachten der Rat für Hochschulbildung und das Bildungsministerium eine weitreichende Reform auf den Weg. Die Lehrerausbildung wurde in vielen Einrichtungen von vier auf drei Jahre verkürzt, der Studienplan auf zwei Drittel reduziert. Offiziell sollte dies den Bedürfnissen der „Generation Z“ entsprechen. In der Praxis bedeutete es jedoch eine Abkehr von jahrzehntelanger Politik und nährte den Vorwurf einer weiter nachlassenden Qualität der Lehrerausbildung.

Israel im Vergleich zu anderen Ländern

Das Programm zur internationalen Schülerbewertung (PISA) prüft, wie gut 15-jährige Schüler auf die Anforderungen des realen Lebens in den Bereichen Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften vorbereitet sind.

Die 2022 in Israel erzielten Ergebnisse lagen in Mathematik und Naturwissenschaften beim Durchschnitt der OECD-Länder und im Lesen nahe daran. Rund zwei Drittel der israelischen Schüler erreichten das Mindestniveau oder lagen darüber – ein Anteil, der jedoch weiterhin geringer ist als in vielen anderen OECD-Staaten.

Gleichzeitig zeigte sich eine herausragende Gruppe leistungsstarker Schüler: 8 Prozent erreichten Spitzenergebnisse in Mathematik, 11 Prozent im Lesen und 6 Prozent in Naturwissenschaften. Insgesamt blieben die Ergebnisse seit 2018 stabil, mit leichten Verbesserungen im Jahr 2022.

Anhaltende sozioökonomische Unterschiede prägen weiterhin die Leistungen. Zu viele Schüler kämpfen nach wie vor damit, in allen drei Bereichen grundlegende Kompetenzen zu erreichen (PISA 2022).

Hochschulbildung

Die israelischen Universitäten genießen weltweit hohes Ansehen, insbesondere in den Bereichen Informatik, Medizin und Ingenieurwesen. Die Hebräische Universität, die Technologische Hochschule Technion, die Universität Tel Aviv und andere Hochschulen erscheinen regelmäßig in internationalen Rankings. Israelische Hochschulen haben mehrere Nobelpreisträger hervorgebracht und bedeutende Beiträge zum Fortschritt in Landwirtschaft, Cybersicherheit und Pharmazeutik geleistet. Die akademische Forschung stärkt zugleich den Hightech-Sektor und begünstigt enge Verbindungen zwischen Hochschulen und Industrie. Internationale Kooperationen und Austauschprogramme sichern israelischen Forscher den Zugang zu globalen Netzwerken und festigen Israels Ruf als Zentrum wissenschaftlicher Exzellenz und Hochtechnologie. Trotz begrenzter Ressourcen erbringt die israelische Wissenschaft viel höhere Leistungen, als es der Landesgröße entspräche.

Gleichzeitig sieht sich die Hochschullandschaft wachsenden Schwierigkeiten gegenüber. Etatkürzungen und Bürokratie bremsen Wachstum und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Viele junge Wissenschaftler gehen ins Ausland, was den Braindrain verstärkt. Hinzu kommen steigende Studiengebühren und Lebenshaltungskosten, die Studierenden aus einkommensschwachen Schichten den Zugang zur Hochschulbildung erschweren. Deshalb muss die Inklusion in der Hochschulbildung intensiviert werden. Laut einer Umfrage sind rund 40 Prozent der Israelis überzeugt, dass verschiedene gesellschaftliche Gruppen an den Universitäten nicht angemessen vertreten sind. Fast die Hälfte der Befragten meint, die Hochschulen müssten von sich aus aktiver werden, um diese Schieflage zu ändern. Mit Ausnahme der Bemühungen, den Anteil von Frauen unter Lehrenden zu erhöhen, bleiben die Universitäten bei der Repräsentation anderer gesellschaftlicher Gruppen deutlich zurück (Yair, 2023).

Im Vergleich zu ihren europäischen Kommilitonen stehen israelische Studierende vor besonderen Herausforderungen. Viele beginnen ihr Studium später, da sie zuvor Wehrdienst leisten müssen. An der Hochschule wird ihr Studium oft durch den Reservedienst unterbrochen. Zahlreiche Studierende müssen ihr Studium mit Arbeit und familiären Verpflichtungen vereinbaren, was den Bildungsweg zusätzlich erschwert. Trotz dieser Belastungen gelten israelische Studierende als hochmotiviert, belastbar und pragmatisch – Eigenschaften, die zu guten akademischen Leistungen und zum Erfolg im Hightech-Sektor beitragen. Gleichzeitig verstärken diese Umstände jedoch auch die strukturellen Probleme. Studienzeiten verlängern sich. Personen ohne starke finanzielle oder soziale Unterstützung haben es besonders schwer, die Hochschulbildung erfolgreich zu absolvieren. Die daraus resultierende Frustration junger akademischer Nachwuchskräfte bewegt sie nicht selten dazu, ihre Zukunft im Ausland zu suchen.

Die Zahl arabischer Studierender steigt zwar, doch viele von ihnen stoßen nach wie vor auf erhebliche Hürden bei Integration und beruflichem Aufstieg. Der ultraorthodoxe Sektor beteiligt sich erst seit Kurzem in größerem Umfang an der Hochschulbildung. Dabei erhält er allerdings nur unzureichende Unterstützung. Hinzu kommt die Frage der akademischen Freiheit: Politische Debatten dringen bisweilen in die Hochschulgremien ein und erschweren unabhängige Entscheidungen.

In Zeiten globalen Wettbewerbs um Talente und Forschungsgelder muss die israelische Wissenschaft Wege finden, offen, unabhängig und attraktiv zu bleiben – sowohl für einheimische als auch für internationale Studierende. Eine stärkere Teilhabe arabischer und ultraorthodoxer Studierender ist dabei nicht nur eine Frage sozialer Inklusion, sondern auch entscheidend wichtig für die Aufrechterhaltung der akademischen Leistungsfähigkeit und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Israels.

Bildungswesen als Spiegel der Gesellschaft

Israelis können aus vielen Gründen auf ihr Bildungssystem stolz sein. Dennoch ist es auch ein Spiegelbild der inneren Brüche des Landes. Einerseits ist es den Schulen gelungen, unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zusammenzubringen und Modernität zu vermitteln. Andererseits gelang es ihnen nicht, tief verwurzelte Ungleichheiten zu überwinden. Die Universitäten haben internationale Anerkennung erlangt, kämpfen jedoch mit Unterfinanzierung, Zugangsbarrieren und der Gefahr, vielversprechende Nachwuchskräfte zu verlieren.

In den letzten Jahren wurde das israelische Bildungssystem auch durch tiefe Krisen erschüttert. Wie bereits erwähnt, erzwang die Corona-Pandemie eine rasche Umstellung auf Online-Unterricht. Diese Umstellung offenbarte und verstärkte die digitale Kluft sowie den Mangel an Chancengleichheit in der akademischen und sozialen Entwicklung des Landes. In letzter Zeit erlebt die israelische Gesellschaft innere Brüche. Die Debatten um die Justizreform werden nicht nur in der breiten Öffentlichkeit ausgetragen. Sie haben auch Schulen und Universitäten erreicht, die gesellschaftliche Polarisierung verschärft und Pädagogen ins Kreuzfeuer des politischen Diskurses gerückt. Der anhaltende Krieg im Gazastreifen hat den Alltag belastet, Familien aus ihren Häusern vertrieben sowie Schüler und Lehrkräfte emotional stark belastet. In ihrer kombinierten Wirkung unterstreichen diese Krisen die Anfälligkeit des Bildungssystems. Diese Entwicklungen offenbaren die dringende Notwendigkeit, seine Widerstandsfähigkeit zu stärken. In seinen Untersuchungen zu den Veränderungen im israelischen Bildungssystem der vergangenen Jahre hat Blass (2024) folgende Herausforderungen genannt:

  • Vertiefung der Spaltungen: Die zunehmenden Unterschiede zwischen den vier Bildungssystemen – staatlich, staatlich-religiös, arabisch und ultraorthodox – erschweren es immer mehr, ein gemeinsames israelisches Ethos aufrechtzuerhalten. Unterschiede, die einst gering erschienen, treten heute deutlich in öffentlichen Debatten, im politischen Diskurs und selbst bei der Zuteilung staatlicher Mittel zutage. Noch gravierender ist die Gefahr einer Erosion der wenigen gemeinsamen Grundlagen, die Israel als jüdischen und demokratischen Staat geprägt haben.

  • Erosion der Toleranz: Gewalt und Intoleranz finden zunehmend Eingang in den schulischen Diskurs – unter Schülern, zwischen Schülern und Lehrkräften und sogar in den Lehrerzimmern. Solche Tendenzen gefährden die Fähigkeit des Bildungssystems, Werte wie Respekt, Zuhören und demokratischen Dialog zu vermitteln. Diese Werte sind für eine vielfältige und offene Gesellschaft unverzichtbar.

  • Instabilität als Norm: Das Bildungssystem, das eigentlich Stabilität vermitteln sollte, wirkt zunehmend labil. Häufige Störungen untergraben das Vertrauen der Schüler in die Bildungsinstitutionen. Wenn Schulen selbst keine Verlässlichkeit vorleben, droht die Gefahr, dass ihre Absolventen grundlegende Werte und Regeln nicht respektieren. Ein Mangel an Respekt führt wiederum leicht zur Missachtung gesellschaftlicher Normen.

Zusammengenommen verdeutlichen diese Herausforderungen den prekären Zustand des israelischen Bildungswesens an einem entscheidenden Punkt seiner Geschichte. Viele israelische Wissenschaftler sind sich einig, dass tiefe Risse, wachsende Intoleranz und strukturelle Instabilität nicht nur das Schulsystem selbst schwächen. Darüber hinaus gefährden sie die Grundlagen des sozialen Zusammenhalts und der demokratischen Kultur. Wenn Bildung auch künftig die Widerstandsfähigkeit und den Fortschritt Israels sichern soll, ist die Voraussetzung dafür, Spaltungen zu überbrücken, Toleranz zu fördern und das Vertrauen in ihre Institutionen wiederherzustellen.

Gleichzeitig dürfen die Erfolge des Bildungswesens nicht übersehen werden. Israels florierender Hightech-Sektor, getragen von jungen Hochschulabsolventen, spiegelt die hohe Qualität der Ausbildung wider. Das Phänomen des Braindrains ist zwar besorgniserregend, zeigt aber zugleich die Qualifikationen, die das israelische System auf allen Ebenen vermittelt. Darüber hinaus rangieren mehrere israelische Universitäten regelmäßig unter den weltweit besten. Diese Leistungen wurden trotz äußerer Bedrohungen und tiefgreifender demografischer Veränderungen erzielt. Sie erinnern daran, dass das Bildungssystem – allen Problemen zum Trotz – eine zentrale Rolle für Israels internationale Position spielt (Blass, 2022).

Herausforderungen für die Zukunft

Das israelische Bildungssystem ist ein wesentlicher Faktor für die Zukunftssicherung des Staates. Es gilt, ein leistungsfähiges, innovatives und widerstandsfähiges System zu entwickeln, das Gleichberechtigung fördert und bestehende Bildungslücken schließt. Zentral bleiben dabei die Stärkung der Lehrkräfte sowie die Ausbildung kritischer und verantwortungsbewusster Bürger.

Im akademischen Bereich muss der Zugang zu Universitäten erweitert werden, ohne deren Exzellenz zu gefährden. Ebenso entscheidend sind die Stärkung internationaler Partnerschaften und der Schutz der akademischen Freiheit.

Bildung war stets eine treibende Kraft für Überleben und Erfolg. Auch künftig wird sie der Schlüssel für sozialen Zusammenhalt und internationale Wettbewerbsfähigkeit sein. Letztlich hängt die Zukunft Israels nicht allein von technologischem Fortschritt oder militärischer Stärke ab, sondern davon, wie gut es gelingt, die nächste Generation durch Bildung auf ihre Aufgaben vorzubereiten.

Weitere Inhalte

ist Pädagoge, Berater und Forscher und beschäftigt sich mit der Schnittstelle zwischen Bildung und Psychotherapie. Seine Forschung und Arbeit konzentrieren sich auf Bildung, jüdische Bildung, soziales Unternehmertum und Beratung in psycho-pädagogischen Einrichtungen.