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Israels Wirtschaft | Israel 2025 | bpb.de

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Israels Wirtschaft Eine gemischte Erfolgsbilanz

Wladimir Struminski

/ 9 Minuten zu lesen

Von einem wirtschaftlich unterentwickelten Land bei der Staatsgründung 1948 das hauptsächlich landwirtschaftlich geprägt war hat sich Israel bis heute zu einem wirtschaftlich hoch entwickelten Dienstleistungsstandort weiterentwickelt, der mit neuen Herausforderungen kämpft.

Tel Aviv und das im Hintergrund sichtbare Ramat Gan sind wichtige Standorte der Dienstleistungs- und Hightech-Branche in Israel. (bpb.de - Stefan Lampe) Lizenz: cc by-sa/3.0/de

1. Historische Wirtschaftsentwicklung

Als der Staat Israel 1948 gegründet wurde, litt er unter schwerer Kapitalarmut und Warenknappheit. Gleichzeitig musste er große Einwanderungswellen aufnehmen. Knapp ein Jahr nach der Staatsgründung, im April 1949, wurde ein Rationierungsregime eingeführt und, wenngleich mit nachlassender Intensität, bis Ende der 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts beibehalten.

Die Wirtschaftsentwicklung wurde weitgehend von der Regierung diktiert. Ihre Schwerpunkte lagen auf dem Ausbau der Agrarwirtschaft und der einheimischen Industrieproduktion. Der Lebensstandard erhöhte sich zwar allmählich, doch blieb er im Vergleich zu westlichen Ländern niedrig. Trotz dieser Schwierigkeiten gelang es in den ersten Jahrzehnten der Staatsexistenz, eine zunehmend komplexe und leistungsfähige Wirtschaftsbasis aufzubauen.

Nach dem Jom-Kippur-Krieg von 1973 kam es zu einer Phase wirtschaftlicher Instabilität. Diese gipfelte 1984 in einer Hyperinflation und einem Zusammenbruch des Bankenwesens, das von der Regierung aufgekauft werden musste. Nur dank eines drakonischen Reformprogramms konnte sich die Wirtschaft nach und nach erholen.

Die Anfang der 90er-Jahre einsetzende Masseneinwanderung aus der Ex-UdSSR brachte eine quantitative und qualitative Aufwertung des Humankapitals und leistete einen wesentlichen Beitrag zur Wirtschaftsentwicklung bei.

Ab der zweiten Hälfte der 80er-Jahre vollzog sich ein Übergang zu einer marktorientierten Volkswirtschaft. Zugleich setzte eine schnelle Entwicklung des Hochtechnologiesektors ein. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts wurde der Hightech-Sektor immer dominanter. Heute ist er der Hauptwachstumsmotor der israelischen Wirtschaft. Zugleich aber können technologieärmere Sektoren mit der Hochtechnologie nicht schritt halten, was die ökonomische Entwicklung belastet.

2. Wirtschaftsleistung und Wirtschaftsstruktur

Israel wird vom Internationalen Währungsfonds aufgrund von Faktoren wie Wirtschaftsleistung pro Kopf, Integration in die Weltwirtschaft und wirtschaftliche Diversifikation als eine entwickelte Wirtschaft eingestuft. Laut der Weltbank erzielte Israel 2023 ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner von 55.691 US$ (sogenannte internationale Dollar, die neben den Wechselkursen auch unterschiedliche Kaufkraft der Währungen berücksichtigen). Damit lag es um 8,8 Prozent unter dem Durchschnitt der OECD-Länder.

Die israelische Wirtschaft ist dienstleistungsorientiert. Unter allen gewerblichen Wirtschaftszweigen leiste die von der israelischen Statistik als Finanz- und Versicherungswesen, Immobilienwirtschaft, freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen sowie Verwaltungs- und Unterstützungsdienste ausgewiesene Branche den höchsten Beitrag zum BIP: 15,8 Prozent. Außerhalb der gewerblichen Wirtschaft machten Leistungen des Staates und gemeinnütziger Organisationen 17,0 Prozent des BIP aus.

Der Anteil der Industrie (inklusive des Bergbaus und der Steinbruchwirtschaft) ist rückläufig. Das gilt auch für die Landwirtschaft, deren BIP-Beitrag 2024 nur noch bei 1,3 Prozent lag. Zwar ist die israelische Wirtschaftspolitik bemüht, die Industrie und den Agrarsektor zu stärken – Letzteres auch aus Gründen der Nahrungsmittelversorgungssicherheit. Die sinkende Bedeutung der Industrie und der Landwirtschaft vermag sie aber nicht zu verhindern.

3. Hochtechnologie

Der Hochtechnologiesektor ist eine tragende Säule der israelischen Wirtschaft. Nach Angaben der israelischen Innovationsbehörde lag sein Beitrag zum BIP 2023 bei 19,7 Prozent – ein internationaler Spitzenwert. Sein Beitrag zur Waren- und Dienstleistungsausfuhr belief sich 2023 auf 53 Prozent. Zugleich wächst der Hightech-Sektor schneller als die Gesamtwirtschaft. Laut der Innovationsbehörde war er in den Jahren 2018 bis 2023 für mehr als 40 Prozent des israelischen Wirtschaftswachstums verantwortlich. Der Erfolg des Hightech-Sektors wird wesentlich von den hohen israelischen Forschungs- und Entwicklungsausgaben getragen. Im Jahr 2022 entsprach der israelische Aufwand für zivile Forschung und Entwicklung 6,1 Prozent des BIP. Das war der höchste Anteil unter allen OECD-Ländern.

Eine weitere Stützsäule sind massive Investitionen des Auslands, sei es durch die Übernahme israelischer Hightech-Firmen, sei es durch Beteiligungskapital. Im Mai 2025 unterhielten laut der gemeinnützigen israelischen Hightech Organisation Start-up Nation Central 424 ausländische Unternehmen Forschungs- und Entwicklungs- oder Innovationszentren in Israel.

4. Rüstungsindustrie

Das Abschussgerät des neuen Raketenabwehrsystems Arrow 3 steht nach der Inbetriebnahme vor dem Radom in der Annaburger Heide. Die Luftwaffe erklärt die sogenannte Anfangsbefähigung des Luftverteidigungssystems und vollzieht damit den ersten Schritt der Inbetriebnahme. Das Flugabwehrsystem soll der Frühwarnung und der Bekämpfung von anfliegenden ballistischen Flugkörpern außerhalb der Erdatmosphäre dienen. Es wird als Reaktion auf die Bedrohung durch Russland beschafft. (© picture alliance/dpa | Jan Woitas)

Ein bedeutender Wirtschaftsbereich ist die Rüstungsindustrie. Öffentlich zugängliche statistische Angaben dazu sind kaum erhältlich. Allerdings veröffentlicht das israelische Verteidigungsministerium jährlich den Gesamtwert der Exportverträge, die israelische Rüstungsunternehmen im vorangegangenen Jahr unterzeichnet haben. Aufgrund dieser Angaben lässt sich der Wert der Rüstungsexporte für das Jahr 2024 auf rund 14 Milliarden US-Dollar schätzen. Das entspricht knapp einem Viertel der gesamten israelischen Warenexporte. Laut verschiedenen Medienberichten machen Exporte rund drei Viertel des Gesamtumsatzes der Rüstungsindustrie aus. Daraus ergäbe sich für 2024 ein Gesamtjahresumsatz von rund 17 Milliarden US$ beziehungsweise rund 14 Prozent des 2024 erzielten Umsatzes der gesamten israelischen Industrie. Die steigende Nachfrage des Auslands nach Wehrtechnik – ein wichtiges Beispiel hierfür ist der Erwerb des israelischen Arrow-3-Raketenabwehrsystems durch Deutschland – dürfte der Rüstungsindustrie weitere Wachstumsimpulse verleihen. Das gilt auch für das nach dem Gazakrieg gestiegene Beschaffungsvolumen der israelischen Armee.

5. Außenwirtschaftliche Beziehungen

Israel hat ein liberales Außenwirtschaftsregime und unterhält Freihandelsabkommen mit seinen wichtigsten Handelspartnern – der EU und den USA. Der israelische Schekel ist frei konvertierbar, und der Kapitalverkehr ist frei.

Dennoch gibt es auch Faktoren, die die wirtschaftliche Offenheit des Landes begrenzen. So entsprach das Außenhandelsvolumen des Landes – Waren und Dienstleistungen – 2023 laut der Weltbank lediglich 57 Prozent des BIP. Diese Kennzahl war deutlich niedriger als in vergleichbar großen EU-Mitgliedsländern wie Tschechien, Ungarn und Österreich.

Einer der Gründe dafür ist der Umstand, dass Israel, größtenteils wegen politischer Isolierung, zum Teil aber infolge mangelnden Potenzials kaum Handel mit seinen Nachbarländern treibt. Daher ist es zwar eng in den globalen, nicht aber in den regionalen Handel eingebunden.

Im Warenhandel ist Deutschland das drittwichtigste Lieferland Israels. Die israelische Ausfuhr in die Bundesrepublik ist viel niedriger als die Einfuhr aus Deutschland. Die wichtigsten deutschen Liefergüter sind Maschinen und Ausrüstungen sowie Beförderungsmittel. Deutsche Investitionen in Israel fallen kaum ins Gewicht.

6. Arbeitskräfte

Auf dem Arbeitsmarkt zeigt sich eine der großen Schwächen der israelischen Wirtschaft. Trotz des hochentwickelten Hightech-Sektors, der allerdings nur knapp 10 Prozent aller Arbeitskräfte beschäftigt, und trotz hochqualifizierter Fachleute in anderen Wirtschaftszweigen ist das Qualifikationsniveau der Arbeitskräfte im Gesamtbild ungenügend. Im OECD-Ranking hat Israel einen weit überdurchschnittlichen Anteil von Arbeitskräften mit geringen Lese-, Schreib-, Rechen- und Problemlösungskompetenzen. Das schmälert die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte und die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Partizipationsquote am Arbeitsmarkt relativ niedrig ist. Im März 2025 lag sie bei nur 62,5 Prozent. Besonders niedrig ist die Teilnahme am Arbeitsleben in zwei Bevölkerungsgruppen: unter arabischen Israelinnen und bei ultraorthodoxen jüdischen Männern. Bei arabischen Frauen ist die geringe Partizipationsquote hauptsächlich die Folge einer Vernachlässigung des arabischsprachigen Schulwesens und eines Mangels an geeigneten Arbeitsplätzen.

Demgegenüber ist die geringe Teilnahme am Arbeitsleben bei ultraorthodox-jüdischen Männern wegen ihres Lebensideals eines lebenslangen Religionsstudiums selbstgewählt – das weitgehend vom Staat finanziert wird. In jedem Fall könnte Israel seine Wirtschaftsleistung durch eine Reform des Bildungswesens und des Arbeitsmarktes nachhaltig steigern.

7. Resilienz

Seit der Staatsgründung hat die israelische Wirtschaft trotz widriger Umstände große Resilienz gezeigt. Im ersten Jahrzehnt nach Beendigung des Unabhängigkeitskrieges 1949 konnte es eine Einwanderungswelle integrieren, deren Größe 74,1 Prozent der gesamten Bevölkerungszahl bei Beendigung des Unabhängigkeitskrieges entsprach.

Trotz ungelöster Konflikte mit unmittelbaren Nachbarstaaten und anderen Staaten der Nahostregion, inklusive mehrerer Kriege, baute Israel eine leistungsfähige, wachstumsorientierte Wirtschaft auf. Ein weiteres Kennzeichen der Wirtschaftstätigkeit ist deren Fähigkeit zu schneller Erholung nach Krisen. Das zeigte sich beispielsweise nach der globalen Finanzkrise von 2008/9 ebenso wie nach der Corona-Pandemie.

Die israelische Wirtschaft profitiert in hohem Maße von der Anpassungs- und Improvisationsfähigkeit der krisen- und kriegserfahrenen Bevölkerung. Diese Eigenschaften stärken erheblich die ökonomische Resilienz des Landes.

8. Geopolitische Risiken

Auf der negativen Seite hat Israel bis heute schwerwiegende geopolitische Risiken zu gewärtigen. Das belastet auch die Volkswirtschaft.

Ein gewichtiger Faktor war der von der Arabischen Liga gegen das jüdische Gemeinwesen im britischen Mandatsgebiet Palästina im Jahr 1945 verhängte Boykott, der nach Israels Staatsgründung 1948 in einen Israel-Boykott überging. Die Wirkung dieses Boykotts ließ im Lauf der Jahrzehnte nach, doch blieben zahlreiche geopolitische Risiken bestehen.

Viele von ihnen zeigten sich nach dem Überfall der Hamas-Bewegung auf Israel am 7. Oktober ausgebrochen Krieges besonders deutlich und können an diesem Beispiel verdeutlicht werden:

  • Schwächung der Wirtschaftstätigkeit durch die Einberufung großer Reservistenzahlen, Binnenflüchtlinge und Lieferkettenstörungen.

  • Schwächung der Staatsfinanzen durch Verteidigungsausgaben und eine Verknappung staatlicher Haushaltsmittel für die Förderung des Wirtschaftswachstums.

  • Sorgen ausländischer Investoren und Geschäftspartner, angesichts der Risiken der geopolitischen Situation des Landes

  • Potenzielle Konfliktanfälligkeit wichtiger Infrastrukturbereiche, so etwa der Handelshäfen, der Flughäfen und der Offshore-Erdgasförderanlagen.

  • Konfliktmüdigkeit, die die Auswanderung, nicht zuletzt hochqualifizierter Fachkräfte zu, zu verstärken droht

Um sein Wirtschaftspotenzial voll ausschöpfen zu können, wird Israel daher nicht nur innere Probleme wie Arbeitsmarktschwächen überwinden müssen. Vielmehr ist zu erwarten, dass auch geopolitische Faktoren seine künftige Wirtschaftsentwicklung beeinflussen werden.

Die wichtigste Variable wird die geopolitische Situation im Nahen Osten sein. Während des jüngsten Krieges sah sich Israel – über das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 hinaus – Angriffen aus dem Iran sowie seitens dessen Verbündeten gegenüber, insbesondere der libanesischen Hisbollah und der jemenitischen Huthi-Kräfte. Solche Konfrontationen und anhaltende militärische Auseinandersetzungen drohen, die Attraktivität Israels in der globalen Wirtschaft zu schwächen.

Ein weiterer Faktor ist die nahezu ausschließliche Abhängigkeit Israels von der militärischen und politischen Unterstützung durch die USA. Ohne diese würden dem Land schwere Schäden, auch wirtschaftlicher Natur, drohen.

Umgekehrt wäre eine Entspannung der geopolitischen Situation des Landes – und erst recht eine Wiederaufnahme des nahöstlichen Friedensprozesses – nicht nur politisch und militärisch wichtig. Vielmehr würde sie auch den Wirtschaftsstandort Israel stärken.

Als eine Chance für den Beginn eines solchen Prozesses wurde der im Oktober 2025 in Kraft getretene Waffenstillstand im Gazastreifen aufgefasst. Zwar wurde der Konflikt zwischen Israel und der Hamas dadurch nicht beigelegt, doch wurden wichtige geopolitische Akteure, darunter die USA, Ägypten, Katar und die Türkei, zu einer Art Garanten für die vollständige Abwicklung des Waffenstillstandsabkommens.

Mit dem Waffenstillstand kam in Israel auch die Hoffnung auf eine Normalisierung der Beziehungen mit weiteren Ländern des Nahen Ostens und der islamischen Welt auf. Von besonderer Bedeutung wäre ein Normalisierungsabkomen mit Saudi-Arabien - in Fortsetzung der sogenannten Abraham-Abkommen. In deren Rahmen hat Israel seine Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Marokko und dem Sudan normalisiert.

Eine engere Integration Israels in die Nahostregion würde nicht nur bilaterale Wirtschaftszusammenarbeit mit weiteren arabischen Ländern ermöglichen. Vielmehr hofft Israel in diesem Fall auf die Einbindung in regionale Strukturen wie etwa den Externer Link: indisch-nahöstlich-europäischen Wirtschaftskorridor (IMEC).

Dennoch bleibt festzuhalten: Prognosen politischer und militärischer Entwicklung in Nahost sind in der Regel mit vielen Unwägbarkeiten behaftet. Wie sich die geopolitische Lage Israels in Zukunft aussieht, bleibt deshalb abzuwarten. Das gilt auch für den geopolitischen Rahmen der Wirtschaftsentwicklung.

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wurde 1954 in Warschau geboren. 1969 siedelte er mit seiner Familie nach Deutschland über. Seit 1987 lebt er in Israel. Als Korrespondent und Redakteur hat er sich intensiv mit jüdischer Kultur, Religion und Geschichte, Israel und Nahost sowie mit der NS-Zeit und dem Holocaust beschäftigt.