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Die Geschichte der deutsch-israelischen Beziehungen Im Spannungsfeld zwischen dem „Normalen“ und dem „Besonderen“

Dr. Andrea Livnat

/ 9 Minuten zu lesen

Die deutsch-israelischen Beziehungen haben sich nach Aufnahme der diplomatischen Beziehungen 1965 auf politischer Ebene zu einer engen Partnerschaft entwickelt. Seit dem Terrorüberfall der Hamas am 7. Oktober 2023 ist aber eine wachsende Distanz zu beobachten.

Der ehemalige Ministerpräsident Israels David Ben-Gurion in seinem Haus im Kibbutz Sde Boker mit Altkanzler Konrad Adenauer im Gespräch mit einem jungen Mann am Esstisch. Israel, Mai 1966. (© picture alliance/United Archives | SvenSimonArk)

„Es gibt kein anderes Land auf der Welt, nicht im Osten und nicht im Westen, von dem Israel eine Abwehrwaffe der "dritten Dimension" erhalten könnte – außer von Westdeutschland“. Mit diesen Worten gab die israelische Tageszeitung Haaretz im Dezember 1957 Premierminister Ben Gurion wieder, der damit seine Absicht rechtfertigte, Generalstabschef Dayan nach Deutschland zu schicken, um Verhandlungen über militärische Hilfen zu führen. Wegen der Zensur wurde in den 1950er Jahren stets von einer Waffe der „dritten Dimension“ gesprochen - gemeint waren U-Boote. Das Bekanntwerden dieser Absicht sollte eine Regierungskrise auslösen, Ben Gurion und sein gesamtes Kabinett traten zurück. Beziehungen zu Deutschland waren zu dieser Zeit in Israels Gesellschaft noch immer höchst umstritten.

Gut 60 Jahre später sollten wiederum deutsche U-Boote in Israel für eine Krise sorgen und Premier Netanyahu unter Druck setzen. Die Tatsache, dass Israel auf deutsche Militärausrüstung setzt, sorgt allerdings schon lange nicht mehr für Aufregung. Die Affäre drehte sich vielmehr um Korruptionsvorwürfe bei der Beschaffung der deutschen U-Boote. Zwischen diesen beiden Skandalen wuchsen zwischen Deutschland und Israel gute, enge und - trotz der Last der Geschichte - freundschaftliche Beziehungen. Von „normalen Beziehungen mit besonderem Charakter“ ist oft die Rede, was sich im Jahr 2025 auch zeitlich erneut wiederspiegelte. Ein symbolträchtiges Beispiel: Der Holocaust-Gedenktag, Jom haShoa, stand unter dem Motto „Aus der Tiefe: Die Qual der Befreiung und Wiedergeburt – 80 Jahre seit der Niederlage Nazideutschlands“, zwei Wochen später jährte sich die Aufnahme Deutsch-Israelischer Beziehungen zum 60. Mal.

Vorgeschichte

Tatsächlich waren es Wirtschafts- und Militärhilfen, die am Beginn der deutsch-israelischen Beziehungen standen. Israel sah sich von Beginn an nicht nur mit existenziellen Bedrohungen konfrontiert, die arabischen Nachbarn erklärten noch in der Nacht nach der Staatsausrufung den Krieg, sondern auch mit wirtschaftlichen Herausforderungen durch die Masseneinwanderung in den ersten Jahren nach der Staatsgründung, in denen sich die Bevölkerung verdoppelte. Das Thema Reparationszahlungen aus Deutschland wurde bereits im Juni 1949 diskutiert. Deutsche Produkte waren zu diesem Zeitpunkt in Israel Tabu und sollten es auch noch lange Zeit bleiben, wie auch die deutsche Sprache und Kultur. Israelische Pässe hatten den Vermerk „Gilt für alle Länder mit Ausnahme Deutschlands“.

Verhandlungen über Reparationszahlungen wurden dennoch aufgenommen, ging es doch um gerechte Ansprüche von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern und deren Nachkommen. Verhandlungen bedeuteten aber auch direkte Kontakte, wie Finanzminister Eliezer Kaplan in einer Kabinettssitzung im Februar 1950 betonte: „Wir können keine Wiedergutmachungszahlungen erhalten, wenn wir nicht mit ihnen verhandeln.“ Tatsächlich bestanden zu diesem Zeitpunkt bereits informelle Kontakte zwischen deutschen und israelischen Regierungsvertretern. Den Weg frei für offizielle Gespräche schuf eine Regierungserklärung von Bundeskanzler Konrad Adenauer am 27. September 1951 vor dem Bundestag. Darin behauptete er zwar einerseits, dass das deutsche Volk in seiner überwiegenden Mehrheit die an den Juden begangenen Verbrechen verabscheut und sich an ihnen nicht beteiligt habe. „Im Namen des deutschen Volkes sind aber unsagbare Verbrechen begangen worden, die zur moralischen und materiellen Wiedergutmachung verpflichten, sowohl hinsichtlich der individuellen Schäden, die Juden erlitten haben, als auch des jüdischen Eigentums“. Die Bundesregierung sei bereit, gemeinsam mit Vertretern des Judentums und des Staates Israel, „eine Lösung des materiellen Wiedergutmachungsproblems herbeizuführen, um damit den Weg zur seelischen Bereinigung unendlichen Leides zu erleichtern.“

In Israel wurde eine stürmische Debatte über direkte Verhandlungen mit Deutschland geführt, die in einer dramatischen Knessetsitzung am 7. Januar 1952 gipfelte. Zuvor hatte sich ein Protestmarsch von einer Kundgebung der oppositionellen Cherut Partei nach einer flammenden Rede von Menachem Begin in Richtung Knesset formiert, es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten, die das Knessetgebäude mit Steinen bewarfen und versuchten, das Haus zu stürmen. Am Ende stimmte die Knesset aber für die Verhandlungen und ebnete den Weg, der zur Unterzeichnung des Luxemburger Abkommens am 10. September 1952 führte, das deutsche Zahlungen in Höhe von 3,45 Milliarden DM vorsah, die vor allem durch Warenlieferungen über einen Zeitraum von zwölf Jahren abgeleistet werden sollten.

Auch wenn die Mehrheit der deutschen Öffentlichkeit das Abkommen ablehnte, Konrad Adenauer hielt daran fest – und das nicht nur aus moralischen Gründen. Denn das Abkommen war auch ein Signal an die Welt, dass Deutschland die Nazi-Zeit endgültig hinter sich gelassen hatte und den Weg in die Gemeinschaft der Staaten suchte. Auf israelischer Seite musste sich Premier David Ben Gurion gegen heftige Widerstände sowohl in der Knesset als auch in der Öffentlichkeit durchsetzen. Seine Ansichten waren dabei sicherlich pragmatisch. Er bezeichnete die sogenannten Wiedergutmachungszahlungen aber auch als eine moralische Pflicht der Deutschen, die es Israel zudem ermöglichen würde, „Hunderttausende von Einwanderern, Überlebende des Holocaust aus den DP-Lagern in Europa, aufzunehmen“.

12. Mai 1965

Als David Ben Gurion und Konrad Adenauer am 14. März 1960 im Waldorf Astoria Hotel in New York erstmals persönlich zusammentrafen, löste dies in Israel schon keine größeren Proteste mehr aus. Die israelische Tageszeitung Haaretz berichtete am folgenden Tag von einer herzlichen Atmosphäre. Ben Gurion war es dabei wichtig, weitere finanzielle Unterstützung und Militärhilfen für Israel zu sichern, die Aufnahme diplomatischer Beziehungen stand für ihn nicht im Vordergrund. Er betonte stets den Unterschied zwischen dem Deutschland der Vergangenheit und dem gegenwärtigen Deutschland. Dazu kam das Narrativ von den „neuen Nazis“, diesmal in Gestalt der feindlichen arabischen Nachbarn. „Weder wir, noch jemand anders [...] kann die sechs Millionen wieder zum Leben erwecken. Hingegen steht es jedoch in unserer Macht, einen weiteren Holocaust zu verhindern - nicht durch demagogische Redekunst [...] sondern durch kontinuierliche Anstrengungen, Israels Macht auszubauen“, so Ben Gurion. Die zu Beginn angesprochenen Militärhilfen wurden zu einem Ersatz für die Normalisierung. Die diplomatische Anerkennung sollte erst 1965 folgen, Ben Gurion und Adenauer waren zu diesem Zeitpunkt beide bereits nicht mehr im Amt. Am 12. Mai 1965 vereinbarten Bundeskanzler Ludwig Erhard und Ben Gurions Nachfolger Levi Eshkol den Austausch von Botschaftern.

Asher Ben-Natan, der 1921 in Wien geboren wurde und 1938 mit seiner Familie nach Palästina fliehen konnte, wurde Israels erster Botschafter in Deutschland. Ben-Natan war nach Kriegsende Leiter der Bricha gewesen, als Mitarbeiter des israelischen Geheimdienstes maßgeblich an der Suche nach Adolf Eichmann beteiligt und Generaldirektor des israelischen Verteidigungsministeriums. Deutschland entsandte den 1915 geborenen Rolf Pauls, der eine Wehrmachtskarriere absolviert hatte, als ersten Botschafter. Entsprechend umstritten war seine Person in Israel. Doch trotz eines schwierigen Starts, Pauls Wagen wurde auf dem Weg zu Israels Präsidenten Salman Shazar mit Steinen und Flaschen beworfen, konnte Pauls, genau wie auch Ben-Natan, einen guten Grundstein für die diplomatischen Beziehungen beider Länder legen. Beide „suchten Verbindungen zu Menschen, nicht so sehr zu Institutionen. Jenseits der alltäglichen Amtsgeschäfte und aller protokollarischen Pflichten förderten sie den Jugendaustausch und das Zustandekommen von Städtepartnerschaften. Sie halfen bei der Anbahnung wissenschaftlicher und kultureller Kontakte und trieben (…) die Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik weiter voran“, fasste der spätere israelische Botschafter Avi Primor zusammen.

Trotz des Schattens der Schoah entstanden zwischen Deutschland und Israel enge Beziehungen auf politischer, wirtschaftlicher, kultureller und auch zivilgesellschaftlicher Ebene. Es sind vor allem die vielen persönlichen Begegnungen, in Form von Städtepartnerschaften, Jugendaustausch und weiteren Kooperations- und Austauschprojekten, die ein freundschaftliches Netz der Beziehungen schufen, die auch zur Heilung des Traumas beitragen.

Eine Erfolgsgeschichte?

Wie aber blicken die Menschen in Deutschland und Israel selbst auf die Beziehungen zwischen ihren Ländern? Spricht man mit Deutschen über Israel, dann ist der Blick durch die Medien geprägt, Bilder von Soldaten, Terror und Krieg, aber auch die permanente Bebilderung mit Ultraorthodoxen erzeugen bei vielen Deutschen das Bild eines Landes im permanenten Kriegs- und Ausnahmezustand, eine Reise dorthin scheint vielen zu gefährlich, der Alltag schwer vorstellbar. Israelis dagegen haben ein zunehmend positives Bild von Deutschland, schwärmen vom Nachtleben in Berlin, Familienurlaub im Schwarzwald und dem FC Bayern. Diese Asymmetrie wurde in den vergangenen Jahren immer stärker.

Der „HU-EF Barometer“, ein Umfrage-Projekt des European Forum an der Hebräischen Universität Jerusalem, das Wahrnehmungen und Beziehungen zwischen Israel und Europa untersucht, bestätigt, dass sich „die Israelis gegenüber Deutschland immer mehr geöffnet [haben], so dass heute im Vergleich das Verhältnis als normaler als mit anderen europäischen Staaten gesehen wird, wobei mit ‚normal‘ gute Beziehungen gemeint sind“. Ein Tabu deutscher Produkte und Sprache gibt es heute nicht mehr, nur 4 Prozent der jüdischen Befragten in Israel gaben an, kein deutsches Produkt kaufen zu wollen. Die vielleicht erstaunlichste historische Entwicklung ist, dass Israelis Deutschland den Umfragen nach als das am wenigsten antisemitische Land in Europa wahrnehmen. In Deutschland wiederum sind 58 % der Befragten davon überzeugt, dass man Israel kritisieren könne, ohne dass die Kritik als antisemitisch bezeichnet wird, deutlich mehr als in den europäischen Nachbarländern. Unter den deutschen Befragten haben nur 12 Prozent Israel besucht, die überwältigende Mehrheit war nie in Israel und plant auch keinen Besuch.

Begegnungs- und Austauschprojekte bleiben das wichtigste Mittel zum Abbau von Vorurteilen und im Kampf gegen israelbezogenen Antisemitismus. Doch gerade solche Projekte sind derzeit nur schwer möglich.

Der 7. Oktober und wie geht es weiter?

Seit dem 7. Oktober gibt es aufgrund der anhaltenden Kriegssituation keinen Jugendaustausch zwischen Deutschland und Israel. Dabei wäre er gerade jetzt besonders wichtig, denn es knirscht in den Beziehungen.

Angela Merkel, der in Israel besondere Sympathien entgegengebracht wurden, sprach 2008 bei einem Besuch in Jerusalem vor der Knesset und betonte dabei, dass die Sicherheit Israels für sie als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar sei. Die „historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes“, so Merkel. Schon vor dem 7. Oktober, erschreckenderweise aber auch nach jenem Tag, an dem 1200 Menschen in Israel von Hamas, Islamischem Djihad, weiteren kleineren palästinensischen Terrorgruppen und auch von palästinensischen Zivilisten brutal und erbarmungslos ermordet, vergewaltigt und niedergemetzelt wurden, an dem ein ganzer Landstrich Israels verbrannt und ausgeraubt wurde und an dem über 250 Menschen in den Gazastreifen entführt wurden, werden in Deutschland Stimmen laut, die diese Verknüpfung hinterfragen und anzweifeln. Zuletzt etwa von vier ehemaligen Diplomaten, die unter dem vielsagenden Titel „Deutschland darf nicht länger schweigen“ eine angeblich bedingungslose Unterstützung für Israels Vorgehen als falsch verstandene Freundschaft bezeichneten. Von jüdischer Seite in Deutschland wurde dagegen Kritik am Auswärtigen Amt laut, das sich „meist vornehm zurückgehalten [hat], um vermeintliche Verhandlungspartner nicht zu verprellen“, wie es Zentralratspräsident Schuster formulierte. Aufrufe zur Freilassung der Geiseln seien meist mit mahnenden Worten an Israel ergänzt worden. Als einen Tiefpunkt deutscher Außenpolitik bezeichnete Schuster „das gähnende Schweigen zur Beerdigung von Shiri Bibas und ihren Kindern (...), die auch die deutsche Staatsangehörigkeit besessen haben und deren Schicksal unser aller Herzen zerrissen hat“.

Wird das Spannungsfeld zwischen dem „Normalen“ und dem „Besonderen“ in den deutsch-israelischen Beziehungen nach dem 7. Oktober im Angesicht solcher Diskussionen halten? Dazu ist ein aufrichtiger Dialog nötig, es braucht einen „neuen israelisch-deutschen Dialog“, wie ihn die Historikerin Fania Oz-Salzberger fordert. Ein Dialog, der den Schmerz und die Angst der israelischen Seite nicht außer Acht lässt und sich nicht in utopischen Wunschvorstellungen versteigt, sondern auf realisierbare Lösungswege für die Zukunft drängt. Deutschland gilt Israel weiterhin als verlässlichster Partner in Europa, auch 80 Jahre nach Kriegsende ist das keine Selbstverständlichkeit und dem intensiven Engagement vieler Menschen in beiden Ländern zu verdanken. Die heutige Generation sollte diese Beziehungen nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

Weitere Inhalte

ist Historikerin und Journalistin und seit 2014 leitende Redakteurin des jüdischen Onlineportals "haGalil.com. Jüdisches Leben online". Geboren in München, lebt sie seit 2002 in Tel Aviv. Sie hat zahlreiche Veröffentlichungen zur deutsch-jüdischen Geschichte sowie zu Israel und Nahost produziert.