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Der Beitrag von Holocaust-Überlebenden zum Nationbuilding in Israel | Israel 2025 | bpb.de

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Der Beitrag von Holocaust-Überlebenden zum Nationbuilding in Israel

Prof. Hanna Yablonka

/ 19 Minuten zu lesen

Viele Holocaust-Überlebende sind in das britische Mandatsgebiet Palästina ausgewandert, aus dem 1948 der Staat Israel hervorging. Sie leisteten einen überragen Beitrag zum Aufbau der israelischen Gesellschaft. Eine Leistung, die in der Migrationsgeschichte des 20. Jahrhunderts einmalig ist.

Mit dem Schiff der Hagana "Thedor Herzl" versuchen jüdische Holocaust-Überlebende in das britische Mandatsgebiet, das spätere Israel zu gelangen. Ihr Schiff wurde von britischen Truppen aufgebracht. Die Flüchtlinge wurden von Haifa, wo das Bild am 19.4.1947 entstanden ist, nach Zypern deportiert. (© picture alliance/United Archives | 91050/United_Archives/TopFoto)

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges entschlossen sich zahlreiche Shoah-Überlebende zur Auswanderung ins britische Mandatsgebiet Palästina, aus dem 1948 der Staat Israel hervorging. Diese Menschen hatten eine der größten Tragödien der Menschheitsgeschichte durchlebt. Sie waren die wenigen Entronnenen ihrer Gemeinden, hatten ihre Familien verloren. Dennoch beschlossen sie, ihr Leben neu aufzubauen. Sie gingen in eine ihnen geografisch wie kulturell unbekannte Region. Dennoch prägten sie die Nation und die Kultur ihrer neuen Heimat mit.

Diese Leistung ist in der Migrationsgeschichte des 20. Jahrhunderts sondergleichen. Üblicherweise wird ein solch hoher Integrationsgrad erst in der zweiten, wenn nicht der dritten Generation, erreicht. Bevor ich auf dieses Phänomen eingehe, möchte ich die hier geschilderte Gruppe definieren und ihr demografisches Profil skizzieren.

Die folgende Definition entstammt meinem Beitrag „Shoah-Überlebende in Israel – Schlüsselereignisse und wichtige Integrationsphasen“. Die Definition des Shoah-Begriffs richtet sich notwendigerweise nach zahlreichen Parametern – moralischen, perspektivischen, demografischen und natürlich auch wirtschaftlichen. Der Begriff wurde nicht zuletzt auch vom spezifischen Kontext jedes einzelnen der wichtigsten Einwanderungsländer mitgeprägt, in die die Überlebenden nach Kriegsende flohen. In den 1980er Jahren definierte ich ihn zum ersten Mal im Rahmen einer Studie über die Integration von Shoah-Überlebenden in Israel: „Shoah-Überlebende sind alle Juden des europäischen Kontinents, die entweder direkt (Ghetto, Konzentrationslager und Versteck) oder indirekt (Verlust von Angehörigen, Flucht oder Vertreibung aus von Nazideutschland besetzten Ländern) unter den Schrecken der nationalsozialistischen Herrschaft gelitten haben.“ Viele dieser Überlebenden wollten nach dem Krieg in Israel oder in den Vereinigten Staaten ein neues Leben beginnen.

Meine Definition bezog sich auf drei verschiedene Gruppen: diejenigen, die sich in den ersten Jahren nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Shoah-Überlebende betrachteten, diejenigen, die vom Jischuw [das jüdische Gemeinwesen im Lande vor der Staatsgründung – Anm. d. Red.] als solche betrachtet wurden; und diejenigen, in denen das Gefühl eines historischen Bewusstseins und einer historischen Mission brannte, weil sie entweder Augenzeuge dieser unvorstellbaren Katastrophe gewesen waren, oder weil die Tragödie sie oder ihre Familie direkt betroffen hatte.

Infolge von Veränderungen in Gesellschaft, Politik und Bewusstsein wurde die Definition ‘Shoah-Überlebender‘ in jüngsten Jahren erheblich erweitert. Ein bemerkenswertes Beispiel hierfür stammt aus dem Jahr 2003 von dem Demografen Sergio Della Pergola. Demnach ist ein Shoah-Überlebender „jeder Jude, der eine bestimmte Zeit in einem von den Nazis oder ihren Verbündeten beherrschten Staat gelebt hat, oder aus diesem geflohen ist“. Im Gegensatz zu bis dato existierenden Definitionen schloss die von Della Pergola auch die Juden Nordafrikas (mit Ausnahme Ägyptens), Syriens und des Libanon mit ein.”

Demografische Grunddaten

Die Ankunft der Holocaust-Überlebenden in Palästina während der letzten Jahre des britischen Mandats und danach im Staat Israel führte innerhalb von etwa einem Dutzend Jahren zu einer Zuwanderung von über einer halben Million Überlebender. In den ersten Jahren des Staates setzte sich die jüdische Bevölkerung zu einem Drittel aus Holocaust-Überlebenden zusammen.

Bis Mitte der 1960er-Jahre waren die meisten Überlebenden zwischen 15 und 59 Jahren alt. Etwa 62 Prozent der Einwandernden der Jahre 1946 bis 1948 waren 15 bis 29 Jahre alt, rund zwei Drittel davon Männer.

Dieser Umstand hatte weitreichende Bedeutung: Diese Einwanderung war von kleinen Familien ohne ältere Angehörige geprägt, die die Hilfe ihrer Kinder benötigt hätten. So makaber es klingt, erleichterte dieses grausame Ergebnis der nationalsozialistischen Verbrechen den Integrationsprozess: sowohl für die überlebenden Einwandernden als auch für die damals schon im Land lebende jüdische Bevölkerung. Die Entronnenen konnten sich rasch in der Landwirtschaft, in der Industrie und anderen Wirtschaftszweigen integrieren.

Ein Blick auf die Bildung und berufliche Verteilung der Überlebenden zeigt, dass sie dank ihres hohen Bildungsniveaus und ihrer beruflichen Qualifikationen über ein großes Integrationspotenzial verfügten. Bei den Bildungsdaten fällt auf, dass es fast keine Analphabeten gab. 94,7 Prozent der Männer und 92,7 Prozent der Frauen konnten lesen und schreiben. In Bezug auf höhere Bildung und auf mittlere Bildungsstufen glichen sie den Alteingesessenen. Der Anteil der Männer mit einer über die Grundschule hinausgehenden Bildung betrug 64,4 Prozent in der alteingesessenen Bevölkerung gegenüber 64,3 Prozent unter den zugewanderten Überlebenden. Dasselbe galt für die Frauen. Der einzige äußerst markante Unterschied betraf den Anteil derjenigen, die die Grundschule nicht abgeschlossen hatten: Unter den Einwandernden aus Europa war dieser Anteil höher. Offenbar waren viele Kinder mit dem Ausbruch des Krieges zum Schulabbruch gezwungen worden. Danach konnten sie nicht mehr auf die Schulbank zurückkehren.

Laut der statistisch erfassten verzeichneten Berufsstruktur wurden nur wenige der Entronnenen als unqualifizierte Arbeitskräfte oder als Landwirte eingestuft. Auffällig war hingegen die starke Präsenz von Überlebenden in Verwaltungsberufen, unter hochqualifizierten Arbeitskräften und in den freien Berufen, etwa Ärzten und Ingenieuren. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Erwerbsquote unter den eingewanderten Überlebenden bei 92,1 Prozent und damit über dem Landesdurchschnitt von 91,7 Prozent lag. Diese Zahl ist ein klarer Beweis für ihre positive und schnelle Integration in dem jungen Staat.

Der ideologische Faktor bei der Einwanderung aus Europa und die Entscheidungen der Überlebenden beim Neubeginn

Die meisten Überlebenden, die Europa verließen, gingen nach Israel. Das war keine Selbstverständlichkeit. Zwischen den beiden Weltkriegen waren die meisten europäischen Juden keine Zionisten gewesen. Hinzu kam, dass die Einwanderung nach Israel auf dem Höhepunkt des bewaffneten und politischen Kampfes um die Zukunft des Landes stattfand. Ein großer Teil der Überlebenden wanderte mitten im Unabhängigkeitskrieg (30.11.1947 bis 20.7.1949) ein. Sie stellten eine entscheidende Verstärkung der kämpfenden Truppe im israelischen Unabhängigkeitskrieg dar. Historische Forschung belegt, dass zwei Drittel aller Kampfsoldaten der israelischen Armee damals Shoah-Überlebende waren.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Was war die treibende Kraft der massiven Einwanderung von Entronnenen nach Israel ? Woher kam die Bereitschaft, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, um fast unverzüglich nach der Shoah für den jüdischen Staat in den Kampf zu ziehen?

Shoah-Überlebende, Zionismus und der Staat Israel

Obwohl die meisten europäischen Juden vor dem Krieg – wie gesagt – keine Zionisten gewesen waren, spielte die zionistische Bewegung nach der Shoah eine entscheidende Rolle für ihre Lebensentwürfe. Der Zionismus, der sich für einen souveränen jüdischen Staat einsetzte, wurde als als einzige realistische Lösung der „jüdischen Frage“ angesehen..

In der Entscheidung der Überlebenden, sich trotz aller Widrigkeiten für Israel zu entscheiden, lässt sich eine klare zionistische Haltung erkennen. Es war kein ideologisch-intellektueller Zionismus wie in der Vorkriegszeit, sondern ein von Emotionen geleiteter Zionismus. Er entsprang der Einsicht: „Wenn wir keinen Staat haben, gehen wir zugrunde.“ Diese Erkenntnis entsprang dem Verlust des Vertrauens in die Emanzipation und in Europa sowie den tiefen Erniedrigungen während der Verfolgung. Die Hoffnung, in den alten Heimatländern ein neues und sicheres Leben aufbauen zu können, war endgültig zerbrochen. Viele betrachteten das Fehlen einer eigenen Heimat als das zentrale Problem ihres jüdischen Daseins. Nun wollten sie ihr Leben in einem souveränen jüdischen Staat aufbauen. Darüber hinaus sahen sich Juden im Nachkriegseuropa – nach der Zerstörung der Heimatgemeinden – Anfeindungen und Übergriffen ausgesetzt. Diese bittere Erfahrung bestärkte sie in der Überzeugung, ihr Zuhause und ihr Leben in Israel neu aufzubauen. Die Einwanderung nach Israel bedeutete für sie eine Heimkehr und den Beginn einer neuen Epoche.

In einer Rede sagte Ruth Bondy, eine Überlebenden des Ghettos Theresienstadt und des Todeslagers Auschwitz und späteren Forscherin und Journalistin: „Wer von uns nach der Shoah ins Land Israel kam, kam in erster Linie für einen jüdischen Staat – um nicht länger unter Nichtjuden als tolerierte, kaum tolerierte oder gar nicht tolerierte Minderheit leben zu müssen.“

Die Teilhabe der Holocaustüberlebenden an der Gestaltung der Gesellschaft

Die Überlebenden, die nach Israel auswanderten, unterschieden sich von den anderen Immigranten der allgemeinen Einwanderungswelle, die nach der Staatsgründung einsetzte. Ihre Lebensentwürfe unterschieden sich von jenen der Shoah-Überlebenden, die in andere Länder emigrierten. Dabei kamen folgende Faktoren ins Spiel:

Die aktive Beteiligung der Einwandernden der Jahre 1945 bis 1949 am Unabhängigkeitskrieg vermittelte ihnen ein starkes Zugehörigkeitsgefühl. Die kämpfende Truppe im Unabhängigkeitskrieg setzte sich zu zwei Dritteln aus Shoah-Überlebenden zusammen. Viele von ihnen fielen. Unter anderem waren zwei Drittel des ersten Pilotenlehrgangs der israelischen Luftwaffe Überlebende. Dadurch hatten sie von Anfang an ein Gefühl der Teilhabe am jungen Staat.

Der zweite, nicht minder wichtige Faktor: Im Gegensatz zu Überlebenden, die in andere Länder auswanderten und dort erneut Angehörige einer Minderheit waren, gehörten die Überlebenden in Israel der jüdischen Mehrheitsgesellschaft an. Diese Situation hatten die Juden seit rund zweitausend Jahren nicht mehr erlebt.

Eine der Führungspersönlichkeiten der Überlebenden war Yitzchak Zuckermann, der eine führende Rolle im Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 spielte. Nach dem Krieg wanderte er nach Israel aus, wo er bei der Gründung des Kibbuz „Lohamei ha-Geta'ot“ (Ghetto Fighter's Kibbutz) und der gleichnamigen Holocaust-Gedenkstätte mitwirkte.

Er sah den Interner Link: Zionismus, den Kampf um ein neues Leben und die Vorbereitung auf die Einwanderung nach Israel als Wege, die Erniedrigung und den Nihilismus in positive Bahnen zu lenken. Durch ihr Überleben hatten die Entronnenen das Ziel des Nationalsozialismus vereitelt, das jüdische Volk auszulöschen. Die Erneuerung jüdischen Lebens in Israel bedeutete die wahre Rache an den Mördern. Die Einwanderung und die mit der nationalen Wiedergeburt einhergehende persönliche Rückkehr zum Leben hatten therapeutische Züge und waren Teil einer „Rache der Wiedergeburt“.

Professor Zeew Sternhell, einer der bedeutendsten Forscher des Totalitarismus, kam nach der Shoah als verwaister Jugendlicher nach Israel. Später erzählte er in einem hebräischsprachigen Interview: „Die Staatsgründung war für mich wie die Schöpfung der Welt. In meinem ganzen Leben gab es kein einziges Ereignis, das ergreifender gewesen wäre. "Es versetzte mich in einen Zustand seelischer Ekstase.“ Somit spielte der Staat Israel eine zentrale Rolle bei der Rückkehr der Shoah-Überlebenden ins Leben. Ihr persönlicher Neubeginn vollzog sich im Kontext der nationalen Erlösung. Dieser Gedanke gab ihnen Kraft und gleichzeitig trugen sie entscheidend zu dessen Umsetzung bei. Es hat weltweit keine andere Einwanderungswelle gegeben, deren erste Generation in diesem Maße zum Nation Building beitrug.

Mit dem Ende des Unabhängigkeitskrieges wandten sich diese Menschen der Festigung des Staates in wirtschaftlicher, demografischer und kultureller Hinsicht zu. Shoah-Überlebende trugen maßgeblich zum Aufbau der Armee mit. Sie spielten auch eine bedeutende Rolle bei der Besiedlung des Landes. Allein im Jahr 1949 gründeten sie 53 neue Moschawim (Genossenschaftsdörfer).

Nicht weniger beeindruckend ist der Beitrag der Überlebenden zur Kultur Israels. Andere Länder kennen solch einen starken Einfluss bei herkömmlichen Migrationsbewegungen erst durch die zweite oder dritte Generation. Anders in Israel. Der Designer Dan Reisinger entwarf viele Symbole des israelischen Alltags, unter anderem die militärische Tapferkeitsmedaille, das Logo der Zeitung Jediot Achronot und das Wappen der Nationalversicherungsanstalt.

Der Beitrag Überlebender zur hebräischen Literatur in den 1950er- und 1960er-Jahren ist angesichts der Notwendigkeit, sich Hebräisch anzueignen, besonders erstaunlich. Unter den herausragenden Autoren sind Aba Kowner, Uri Orlew, Aharon Appelfeld, K. Zetnik und Ben Zion Tomer zu nennen. Besonders hervorzuheben ist Ephraim Kishon, ein aus Ungarn stammender Überlebender. Schon nach kurzer Zeit schrieb er eine satirische Kolumne in der Tageszeitung Ma’ariw. In seinen Beiträgen nahm Kishon die israelische Gesellschaft und ihre Institutionen scharf aufs Korn. Zugleich trug er zur Erneuerung und Belebung der hebräischen Sprache bei.

Die Fluchterfahrung, die Einwanderung ins Land Israel und der Übergang von der Zerstörung zu neuem Leben waren zentrale Themen von Kunstschaffenden. Dabei kommen zwei Faktoren besondere Bedeutung zu: ihre nationale Deutung der Shoah sowie ihre daraus abgeleitete Mission der Überlebenden, die Shoah als sinnstiftenden Faktor der kollektiven Identität zu etablieren. Diese Identität war mit Elementen der jüdischen Tradition und Symbolen des Judentums verbunden. Hier offenbarte sich die Tendenz, an das jüdische Schtetl anzuknüpfen und es festzuhalten. Auf diese Weise kam eine Dualität zum Ausdruck: bewusstes Eintauchen in die Vergangenheit mit dem Ziel, die nationale Existenz in der Gegenwart zu stärken.

Zwei bekannte entronnene Künstler waren Schmulik Katz und Kariel Gardosch (Dosch). Beide thematisierten ihre Vergangenheit konzentrierten sich zugleich aber auf ihr neues Leben. Herausragendes leistete Dosch in seinen Karikaturen mit der von ihm geschaffenen Symbolfigur des Israelis „Srulik“. So gestaltete ein Shoah-Überlebender, ein Neueinwanderer, das ultimative Bild des neuen Israelis – eine Figur, die weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde.

Auch der Politik setzte diese Gruppe ihren Stempel auf. Bereits der ersten Knesset gehörten mehrere Überlebende als Abgeordnete an – ein ungewöhnliches Phänomen. Sie initiierten Gesetze, die mit der Shoah zusammenhingen: das Gesetz zur Ahndung von Nationalsozialisten und ihren Kollaborateuren (1950), das Gesetz über die Versehrten der nationalsozialistischen Verfolgung (1954), das Gesetz über den Gedenktag für die Shoah und das Heldentum (1959). Sie waren auch aktiv an der Gründung und Leitung der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem beteiligt.

Die Atmosphäre, die Israel in den 1950er-Jahren prägte, schuf die Bedingungen, unter denen die Überlebenden ihre innere Welt zum Ausdruck bringen und dadurch die im Entstehen begriffene israelische Identität beeinflussen konnten.

Der Eichmann-Prozess und das Gedenken an die Shoah

Wie aber war es um das Andenken an die Shoah an sich bestellt? Auch dieses wurde hauptsächlich von den Überlebenden selbst in den israelischen Diskurs eingebracht.

Der Angeklagte Adolf Eichmann am 11. April 1961 während seiner Vernehmung am ersten Prozesstag. Der ehemalige Obersturmbannführer und Leiter der Dienststelle "Endlösung der Judenfrage" im Dritten Reich wurde acht Monate später zum Tode verurteilt und am 31. Mai 1962 hingerichtet. (© picture-alliance / dpa | dpa)

Die Muster der Integration im ersten Jahrzehnt wiesen zwei parallele Ebenen auf. Einerseits hegten die Überlebenden den sehnlichen Wunsch, „israelisch“ zu werden – so, wie sie die im Entstehen begriffene israelische Identität interpretierten. Sie partizipierten an allen Bereichen des geistigen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Sie bahnten sich einen Weg in die entstehende israelische Gesellschaft. Andererseits hielten sie an ihrer gruppenspezifischen Identität fest – an ihren Erinnerungen und ihrer Tradition. In den 1950er-Jahren kam das unter anderem in der Bildung Hunderter von Landsmannschaften zum Ausdruck – Organisationen von Einwandernden, gebildet nach Herkunftsstadt oder Herkunftsland, nach Beruf oder anderen Kriterien: etwa die Organisation der Mediziner, die Shoah-Überlebende waren, oder der Verband der KZ-Häftlinge. Sie widmeten sich vor allem der Unterstützung neu ankommender Mitglieder sowie der Gedenkarbeit.

Viele hielten in Berichten ihr eigenes Schicksal und das ihrer Gemeinden während des Holocaust fest. Dies geschah zunächst hauptsächlich innerhalb der Kreise der Überlebenden, fast ohne breitere öffentliche Resonanz. Die Abteilung für mündliche Zeitzeugenberichte( Oral History) in Yad Vashem war gänzlich das Werk von Shoah-Überlebenden. Diese Tatsachen widerlegen den Mythos vom angeblichen Schweigen der Überlebenden.

Doch es dauerte, bis ihre Geschichten Teil des öffentlichen Diskurses wurden. Dazu waren zeitlicher Abstand, Zeit, Kontext und ein Katalysator erforderlich. Dieser Katalysator sollte der im Jahr 1961 abgehaltene Eichmann-Prozess werden. Für die Überlebenden in Israel bedeutete er einen historischen Meilenstein. In diesem Ereignis vereinten sich die beiden Identitäten der Überlebenden: ihre israelische Wirklichkeit und ihre Wunden aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Shoah.

Das Gerichtsverfahren und die zahlreichen Berichte Überlebender, die aus dem Gerichtssaal in jedes israelische Heim getragen wurden, verwandelten die Shoah in einen zentralen Bestandteil der nationalen Identität.

Es war das erste Mal, dass die Überlebenden als zur Geschichte der Shoah zugehörig anerkannt wurden. Bis dahin hatte der Holocaust weitgehend als eine interne Angelegenheit der „sechs Millionen“ gegolten, die nur sie anging. Die Überlebenden wurden bis dahin hauptsächlich als von ihrer Vergangenheit losgelöste Einwandernde wahrgenommen. Der Prozess in Jerusalem verband sie wieder mit der Shoah und verknüpfte ihre Geschichte mit ihrem Leben in Israel. Plötzlich wurden die Entronnenen als Brücke zur zerstörten Diaspora, sogar Vertretern des ermordeten europäischen Judentums wahrgenommen.

Sechzehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und der Ankunft Hunderttausender von Überlebenden wurde die Geschichte der Shoah erstmals öffentlich erzählt. Damit verwandelte sie sich von bloßer Information in verinnerlichtes Wissen. Kern dieses Wissens war das Verstehen der Katastrophe in ihrer vollen Tragweite. Die Überlebenden waren nicht mehr bloß Zuwandernde, viele mit einer „verräterischen“ Nummer auf dem Arm. Sie wurden zu Menschen mit eigenem Namen und einer eigenen Geschichte.

Es erwachte ein intensives Bedürfnis, ihre Geschichte zu hören. Die Distanzierung der Shoah gegenüber und das damit verbundene Schamgefühl ließen langsam nach. Gleichzeitig mehrten sich unter den in Israel Geborenen Stimmen der Selbstkritik. Viele Menschen fragten sich: Was hätten wir in der Zeit des Grauens unternehmen können? Wie hätten wir die Überlebenden nach ihrer Einwanderung unterstützen sollen? Vielleicht am wichtigsten: Erstmals wurde die Shoah als ein Ereignis wahrgenommen, das in seiner Bedeutung für die Gestaltung des israelischen Nationalbewusstseins der Errichtung staatlicher Souveränität nicht nachstand.

Die Reaktion der Überlebenden auf diese Entwicklungen war dramatisch. Neben der Konsolidierung ihrer Wirtschaftslage, ihrer neuen Position im Zentrum von Politik und Kultur und ihrer stärkeren Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit wurden sie nun auch als Träger des Gedenkens an die Shoah und an deren Opfer anerkannt. Infolge dieser Entwicklung bauten sie Brücken zwischen der Diaspora und Israel. Sie sorgten für eine nachhaltige Annäherung zwischen diesen beiden Polen jüdischen Leben.

Etwa eine halbe Million Shoah-Überlebende, die Anfang der 1960er-Jahre in Israel lebten, standen während des Eichmann-Prozesses im Fokus der Öffentlichkeit. Das Narrativ der Shoah, das sich vor dem Volk in Israel entfaltete, erschütterte die Menschen.

Überlebende stellten die Mehrheit des Publikums im Gerichtssaal. Der Prozess markierte eine entscheidende Wende in der Eingliederung der Shoah-Überlebenden in die israelische Gesellschaft. Ihr Erbe wurde als ein untrennbarer Teil der israelischen Kultur anerkannt.

Auf eine etwas unerwartete Weise prägten die eingewanderten Überlebenden den israelischen Schmelztiegel. Denn sie hatten ein anderes Ziel als die Mehrheitsgesellschaft. Sie wollten ihren spezifischen Platz im Kern der sich erneuernden israelischen Identität sichern. Diese Besonderheit wurde durch Organisationen bewahrt, die auf Eigenständigkeit abzielten. Die meisten Überlebenden gehörten mindestens einer solchen Gruppierung an.

Das hinderte sie nicht daran, sich gleichzeitig aktiv in die Wirtschaft und Politik einzubringen. Sie baute ihre wirtschaftliche Existenz auf und passte sich an das äußere Bild „des Israelis“ an. Sie begann aber auch schon sehr früh, die Weltanschauung der Gesellschaft mitzuprägen.

Um den Eichmann-Prozess als Wegscheide zu verstehen, ist eine Unterscheidung zwischen dem dynamischen Prozess des Aufbaus eines Shoah-Bewusstseins in der israelischen Öffentlichkeit und dem nicht minder dynamischen Prozess der sozialen Eingliederung der Shoah-Überlebenden in die israelische Gesellschaft erforderlich. Eine wichtige Phase in der Integration der Shoah-Überlebenden in Israel begann 1958 mit dem Kampf um die Verabschiedung des Gesetzes zum Gedenktag an die Shoah und das Heldentum. An diesem Kampf wirkten Seite an Seite Ghetto-Kämpfer Partisanen, Kämpfer der Armeen osteuropäischer Länder sowie Überlebende der Lager und Ghettos mit. Chronologisch liegt das Gesetz an der Nahtstelle zwischen den 1950er- und 1960er-Jahren. Der öffentliche Kampf der Überlebenden dauerte von Februar 1958 bis April 1959, als das Gesetz in der Knesset in zweiter und dritter Lesung verabschiedet wurde. Um das zu erreichen, hatten sich die Überlebenden für die Verankerung und Gestaltung des Shoah-Gedenkens in Israel eingesetzt. Zu diesem Zweck wurde eine Dachorganisation von 100 Überlebenden-Organisationen gegründet. Sie veranstalteten Konferenzen, sammelten Unterschriften und betrieben Medienarbeit.

Es gab also eine Wechselwirkung zwischen der Überlebenden-Öffentlichkeit und der israelischen Gesellschaft als Ganzes: das starke, organisierte Auftreten einer Gruppe, die es verstand, sich bei Bedarf zu einer durchsetzungsfähigen Gruppe zu organisieren. Diese Fähigkeit - Lobbyarbeit gegenüber dem Establishment verbunden mit der Entschlossenheit, zentrale Elemente der kollektiven Identität zu bewahren – ist üblicherweise kein typisches Merkmal von Neuzuwandernden.

Forscher der Shoah befassen sich mit der Wechselwirkung zwischen Information, Wissen und Bewusstsein. Es besteht nämlich eine kognitive und zeitliche Lücke zwischen der verfügbaren Information und deren Verarbeitung zu Wissen, zu wirklichem Wissen. Der nächste Schritt führt vom Wissen zur Bewusstseinsbildung. In dieser Phase entwickelt sich das historische Geschehen zur Grundlage der Perzeption der Gegenwart und damit zum Leitmotiv der daraus abzuleitenden Entscheidungen. In der Holocaust-Forschung dauerte es lange, bis das Wissen über den Massenmord zu einem Gesamtbild zusammengefügt wurde. Erst diese Erkenntnis veranschaulichte, dass die Deutschen alle Juden durch die „Endlösung“ vernichten wollten.

Die Shoah war in singuläres Ereignis. Den Holocaust zu verstehen und seine Folgen zu verinnerlichen, erforderte unter anderem das Durchbrechen verfestigter Denkmuster. Die Diskrepanz zwischen Information und Wissen war auch in den Jahren nach der Shoah zu beobachten. Die Prozesse, durch die die Informationen über die Shoah zu Wissen und Bewusstsein verarbeitet wurden, verliefen in Israel recht langsam. Vielleicht konnte es auch gar nicht anders sein. Das lag nicht allein an der Einzigartigkeit und emotionalen Wucht der Informationen. Hinzu kam die damals weit verbreitete Verdrängung, mit der große Teile der im Land Geborenen – aufgrund ihres persönlichen Bezugs – auf diese Informationen reagierten. Darüber hinaus konkurrierte das kollektive Verständnis nationaler Souveränität mit der Shoah-Erfahrung – und zwar nicht ohne Erfolg.

Die staatliche Unabhängigkeit minderte die Wucht der Shoah auch aus einem weiteren Grund: Sie wurde als ein gewisser sinnstiftender Ausgleich für die Shoah wahrgenommen. Sie band einen erheblichen Teil der emotionalen Kraft sowohl der Israelis als auch der Überlebenden.

In den 1960er-Jahren war die Souveränität schon selbstverständlicher geworden; andere Prozesse setzten ein. Die Holocaust-Perzeption in Israel, ihre Wendepunkte und die Veränderungen stellen für Forschende eine große Herausforderung dar. Das Thema ist faszinierend und reich an Dramen. Es steht in direktem Bezug zur sich im Aufbau befindlichen israelischen Gesellschaft. Zum Nationbuilding gehört das traumatischste Kapitel der jüdischen Geschichte – ein Kapitel, das zugleich zu den traumatischsten der gesamten Menschheitsgeschichte gehört.

Die Shoah, die Überlebenden und das Massaker vom 7.10.2023

Die Lebensgeschichten der Überlebenden sind in Israel wegen ihrer Schlüsselrolle bei der Gestaltung des Staates Israel besonders bewegend. Dazu gehört die Bejahung des Lebens und die Suche nach dem Sinn des Leids und des Überlebens. Das ist eine entscheidende Frage: Wie konnten Opfer des größten Verbrechens in der Menschheitsgeschichte – gebrochen, gedemütigt und verwaist – sich wie Phönix aus der Asche erheben und die Gesellschaft, in der sie ihr neues Leben aufbauten, in hohem Maße mitprägen? In diesem Zusammenhang kommt man nicht umhin, auf die Tage nach dem 7.10.2023 einzugehen. Die Folgen des Massaker der palästinensischen Terrororganisation Hamas sind noch nicht bewältigt. Die Annahme, der Staat Israel werde jüdische Hilflosigkeit und Opferrolle für immer verhindern, brach zusammen. Vom ersten Augenblick an erlebten viele Israelis das Massaker und die damit einhergehende Schutzlosigkeit und Hilflosigkeit als Shoah. Die Bilder von Kindern, die sich in Kleiderschränken versteckten, von ganzen Familien, die in ihren Häusern ermordet wurden, der Verlust des Vertrauens in das Zuhause und in die Führungsspitze, das Gefühl der Verwaisung – all dies schuf einen tiefen Bruch zwischen dem jüdischen Staat und seinen Bürgern.

Die Debatte um den Vergleich zwischen der Shoah und dem Massaker vom 7. Oktober ist allgegenwärtig. Zumindest auf ideologischer Ebene ist zu bemerken, dass die Bezeichnung der Hamas für den Überfall – „Al-Aqsa-Flut“ – ihrem Ziel nach dem Begriff der „Endlösung“ ähnelt, den die Deutschen für den Mord an Juden verwendeten. Der Unterschied ist wohl nicht in der Absicht, sondern in der Umsetzungsfähigkeit zu suchen. Die neu entflammte Debatte über die Shoah und die Israelis hat aber noch einen weiteren Aspekt: die Frage, ob es möglich ist, aus den Trümmern der Katastrophe wieder aufzustehen. In diesem Zusammenhang war der außergewöhnliche Erfolg der Shoah-Überlebenden beim Wiederaufbau ihres Lebens seit 1945 ein wichtiges Thema. Dutzende von Israelis begannen, sich mit der Lehre Viktor Frankl zu befassen. Frankl definierte folgende Hauptwege der Sinnfindung: das Handeln , das Erleben (zum Beispiel Liebe) sowie die innere Haltung gegenüber unvermeidlichem Leid.

Bei den Entronnenen kam das Handeln in der Entscheidung für das Leben, im Kampf gegen die Verzweiflung und im Kinderwunsch zum Ausdruck. In der Babyboom-Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war die Geburtenrate der jüdischen Überlebenden in den Displaced-Persons-Lagern die höchste der westlichen Welt. Auch in Israel war mit der Staatsgründung das natürliche Bevölkerungswachstum das höchste der westlichen Welt. Dieser Wert ging mit dem Staatsaufbau einher. Das übergeordnete Ziel war es, die Kontinuität der Existenz des jüdischen Volkes zu sichern. Die wichtigste Frage von Frankl in diesem Kontext ist der Umgang mit Leid. Welche Bedeutung geben wir dem Leid, und zu welchen Schlussfolgerungen führt es uns? Diesbezüglich handelten die Überlebenden in ihrem Humanismus vorbildlich. Bei dem letzten Treffen von Überlebenden aus aller Welt im Jahr 2002 wurde ein auf Manifest verlesen. Es ist ein ergreifendes Dokument, das von über 150 000 Überlebenden unterzeichnet wurde. Mit diesem Dokument sollte jedes Schuljahr eröffnet werden oder zumindest das Lehrbuch für Staatsbürgerkunde.

„Die Erinnerung an die Schoah ist schwer und dunkel; sie legt das grässliche und unverhüllte Gesicht völliger Unmenschlichkeit bloß, die das Wesen und die Würde der Zivilisation selbst bedroht. Wir, die wir durch das Tal des Todes wandelten und mit ansehen mussten, wie unsere Familien, unsere Gemeinden und unser Volk vernichtet wurden, versanken nicht in Verzweiflung und verloren nicht den Glauben an den Menschen und an Gottes Ebenbild. Vielmehr rangen wir darum, unserer Erfahrung eine Botschaft von Sinn und neuer Zielsetzung abzugewinnen – für unser Volk wie für alle Menschen […]. Die Shoah, die den Maßstab für das absolute Böse gesetzt hat, ist universelles Erbe aller zivilisierten Menschen. Die Lehren aus der Shoah müssen zu einem zivilisatorischen Maßstab für eine Erziehung zu humanen Werten, zur Demokratie, zu Menschenrechten, Toleranz und Geduld sowie zum Widerstand gegen Rassismus und totalitäre Ideologien werden. Vom Har Ha-Sikaron [Berg des Gedenkens] in Jerusalem sollen die Worte von Rabbi Hillel laut und deutlich erschallen: ‚Was dir verhasst ist, das tue deinem Nächsten nicht!‘. Das ist unsere Botschaft an die Menschheit, das ist das Erbe der kommenden Generationen.“

Der große jüdische Philosoph Martin Buber stellte fest: „Innere Erlösung kann nur erreicht werden, indem wir innehalten und der Wahrheit ins tödliche Antlitz blicken.“ Die Überlebenden verstanden es – trotz aller Schwierigkeiten – der Wahrheit ins Antlitz zu blicken. Sie hörten nicht auf lügnerische falsche Propheten, die die Menschen in die Irre führten. Die Überlebenden verstanden, dass diejenigen, die an falsche Propheten glaubten, schlussendlich immer und ausnahmslos Verzweiflung und Zerstörung erleben würden. Unmittelbar nach der Befreiung Warschaus brachte der eingangs schon erwähnte Yitzchak Zuckerman einen als Denkmal entworfenen Teil einer Metallplatte über dem Deckel eines Abwasserkanals an, über den einige der Ghetto-Kämpfer hatten flüchten können. Auf die Platte wurden ein Ölzweig und der Buchstabe „Bet“ ("ב") geprägt. Es war eine Wahl von großer Symbolkraft. „Bet“ ist nämlich der Buchstabe, mit dem die Bibel beginnt. Damit wurde ein Anfangspunkt gesetzt, zur Erinnerung daran, dass dem Buchstaben das Schöpfungswort „Es werde Licht!“ innewohnt. Diese Platte symbolisierte somit den selbstbestimmten Neuanfang der Entronnenen.

Die Befreiten des Konzentrationslagers Bergen-Belsen sangen am Lagertor die „Hatikwa“ [ „Die Hoffnung“ - das Lied das bis heute die Nationalhymne Israels ist - Anm. d. Red.]. Die Entronnenen waren Wegbereiter, die in der Katastrophe vor allem eine Verpflichtung zu unablässiger Selbstreflexion sahen. Sie erlagen nicht der Verzweiflung, sondern gründeten neue Familien und eine Nation. Sie wurden zu kollektiven Vorbildern, weil sie – trotz des Leids, der Erniedrigung und der beispiellosen Trauer – sich nicht dem Hass und der Rache hingaben.

Im Israel des Jahres 2025 steht diese Weltanschauung vor einer großen Bewährungsprobe. Wird es den Israelis am Ende des gegenwärtigen Krieges ein Neuanfang gelingen, indem sie – wie die Überlebenden – in der Finsternis Licht finden? Oder wird die Finsternis ihr Leben in einem grenzenlosen Teufelskreis aus Hass, Rache, Trauer und Tod über Generationen hinweg bestimmen? Wurde die moralische Gesinnung der Überlebenden von ihren Nachfahren verinnerlicht oder ging sie verloren? Jehuda Amichai, der große in Deutschland geborene Dichter, hat dies in seinem Gedicht „Der Ort, an dem wir recht haben“ treffend formuliert: „An dem Ort, an dem wir recht haben, werden keine Blumen wachsen.“ Die Shoah ist in die israelische DNA eingebrannt. Die Israelis befinden sich am Scheideweg. Sie müssen entscheiden, wohin sie sich von diesem Geschichtsbewusstsein leiten lassen. Werden sie den Weg der Überlebenden gehen – oder den der falschen Propheten? Wie wird die gegenwärtige Katastrophe enden und wer wollen sie am Tag danach sein? Von der Antwort auf diese Frage hängt die Zukunft der israelischen Gesellschaft ab.

Weitere Inhalte

ist Historikerin. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Holocaust und seinen Folgen sowie auf der israelischen Gesellschaft. Sie ist mit der Ben-Gurion-Universität verbunden und Mitglied des Yad Vashem-Rates sowie Chefhistorikerin des Externer Link: Ghetto Fighters' House Museum. Sie hat zahlreiche wissenschaftliche Werke veröffentlicht.