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#15 Wie stark ist China wirklich? | Zahlen, bitte! | bpb.de

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#15 Wie stark ist China wirklich?

Henrik Müller

/ 7 Minuten zu lesen

👋 Hey! In der heutigen Ausgabe von "Zahlen, bitte!" blicken wir genauer auf China. China ist in wenigen Jahrzehnten zu einer der führenden Wirtschaftsnationen aufgestiegen. Doch eine schwache Binnennachfrage und die rasant alternde Bevölkerung stellen das Riesenreich vor Probleme.

(© picture-alliance, CFOTO)

🤔 Was ist los?

2025 wirkte China so stark, dass es als einziges Land der Welt der aggressiven neuen US-Handelspolitik die Stirn bieten konnte, wie die britische Zeitschrift „The Economist“ in ihrer Externer Link: Jahresendausgabe hervorhob.

Der Handelskonflikt mit Donald Trumps USA war 2025 eines der ganz großen Themen in den Nachrichten. Wie kein anderes Land hat China den Zolldrohungen der US-Regierung widerstanden und seinerseits mit Ausfuhrbeschränkungen reagiert, insbesondere von sensiblen Rohstoffen wie Seltenen Erden. Im geopolitischen Ringen der beiden Supermächte ging es auch um die Führungsrolle bei Künstlicher Intelligenz (KI). Trump untersagte zeitweise die Ausfuhr von Hochleistungs-Computerchips, insbesondere des US-Konzerns Nvidia, die China braucht, um seine KI-Modelle weiterzuentwickeln. Dazu kommt ein Wettlauf um die militärische Vorherrschaft im gesamten asiatischen Raum. China rüstet in der Region rapide auf, nicht zuletzt seine Marine, was bisherige US-Verbündete wie Japan, Südkorea, Taiwan und die Philippinen als Bedrohung empfinden.

Auch die Beziehungen zwischen China und der Europäischen Union (EU) sind zunehmend angespannt. Zum einen sehen die Europäer China längst als geopolitischen Rivalen, der ein anderes Werte- und Regierungssystem vertritt und in anderen Ländern propagiert – was sich nicht zuletzt in der (zumindest indirekten) chinesischen Unterstützung für Russlands Krieg gegen die Ukraine zeigt. Zum anderen beklagen die Europäer, dass Chinas Exporte auf Hochtouren laufen und durch massive staatliche Subventionen und den unterbewerteten Renminbi zu billige Waren die Produzenten in der EU bedrohen. So hat die Brüssel Zölle auf chinesische E-Autos verhängt, worauf China mit Handelsbeschränkungen bei Milchprodukten reagierte. Nicht zuletzt sorgt der Aufstieg Chinas im Auto- und Maschinenbau dafür, dass deutsche und europäische Firmen immer weniger in den Riesenmarkt exportieren.

Viel los also. Aus wirtschaftspolitischer Perspektive stellt sich die Frage, wie stark Chinas ökonomische Fundamente sind. Denn ob die fernöstliche Meganation von 1,4 Milliarden Einwohnern immer noch mächtiger wird, hängt vor allem davon ab, wie sich die Leistungsfähigkeit ihrer Volkswirtschaft weiterentwickelt.

Seit die autoritär regierende Kommunistische Partei in den 1980er Jahren unter Interner Link: Deng Xiaoping einen vorsichtigen ökonomischen Öffnungskurs einleitete, ist Chinas Wohlstand spektakulär gestiegen. Das einst bitterarme Land nähert sich westlichen Niveaus. Als China 2001 der Welthandelsorganisation (WTO) beitrat, trug das Land bloße 7 Prozent zum Weltsozialprodukt bei. Heute sind es 20 Prozent, wobei die Chinesen gut 18 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen.

Allerdings scheint dieser Aufholprozess an ein Ende zu gelangen. Die Wirtschaftsleistung wächst weniger stark. Dies ist zumindest zum Teil eine Spätfolge der Schocks der vergangenen Jahre. 2020 nahm die Corona-Pandemie in China ihren Anfang. Es folgten Jahre, in denen strikte Lockdowns immer wieder ganze städtische Quartiere und Betriebe abriegelten – so drakonisch ging kein anderes Land vor. Parallel dazu kam es zu einem Crash am Immobilienmarkt. Seither schrumpft der zuvor gigantisch große Bausektor. Das drückt auf die gesamte Wirtschaftsleistung. Möglich, dass es wieder aufwärts geht, wenn erst die Baukapazitäten auf Normalmaß zurückgestutzt sind. Allerdings herrscht Unklarheit darüber, inwieweit man den offiziellen Statistiken trauen kann. Skeptiker gehen davon aus, dass die tatsächliche Wirtschaftsentwicklung deutlich schlechter läuft als die Zahlen ausweisen.

⚠️ Wo ist das Problem?

Aus europäischer Sicht gibt es vor allem drei Problemfelder:

  • Erstens, Chinas wirtschaftlicher Aufstieg ging mit einer gigantischen Belastung für das Weltklima einher. Das Land emittiert weit mehr Kohlendioxid und andere Klimagase als alle anderen Länder, rund Externer Link: ein Viertel des weltweiten Gesamtausstoßes. Dass dort nun soviel in erneuerbare Energien investiert wird wie nirgends sonst, schlägt sich bislang kaum in der Klimabilanz nieder. Auf der anderen Seite sorgt etwa die günstige Solartechnologie Chinas dafür, dass sich mittlerweile auch Schwellen- und Entwicklungsländer wie Pakistan einen raschen Ausbau der erneuerbaren Energien leisten können.

  • Zweitens, China stellt eine ideologische Herausforderung dar. Frühere Aufsteigerländer wie Südkorea oder Taiwan haben sich im Zuge ihrer Entwicklung demokratisiert und geöffnet, also westlichen Werten und bürgerlichen Freiheits- und Mitwirkungsrechten angenähert, weil die Bürger dies verlangten. In China ist davon bislang nichts zu sehen. Anderen Schwellen- und Entwicklungsländern bietet Peking somit ein Vorbild, das zeigt, dass dauerhaftes Wirtschaftswachstum auch bei autoritärer Einparteienherrschaft samt engmaschiger Überwachung möglich ist.

  • Drittens, und darum geht es heute vor allem, überschwemmt China den Rest der Welt mit billigen Industrieprodukten. Dies findet seinen Niederschlag in einem zuletzt rasch steigenden außenwirtschaftlichen Überschuss. Das heißt, China exportiert viel mehr Güter und Dienstleistungen als es importiert. Dies bringt Unternehmen und deren Mitarbeiter anderswo in Bedrängnis.

Zum Vergleich: Auch Deutschland verzeichnet einen massiven strukturellen Überschuss in der Leistungsbilanz. Das ist einerseits problematisch, weil sich darin ausdrückt, dass zu wenig bei uns im Land investiert (und konsumiert) wird, was sich inzwischen in einem chronisch blutarmen Wirtschaftswachstum niederschlägt (siehe Interner Link: Zahlen, bitte! #1). Andererseits wird auch Deutschland seit langem für seine Überschüsse kritisiert, da diese vor allem auf Kosten der europäischen Handelspartner gehen würden. In China jedoch liegen die Dinge etwas anders.

📰 Ist das neu?

Der hohe außenwirtschaftliche Überschuss hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die Chinesen seit vielen Jahren sehr viel sparen – die Kehrseite ist, dass sie vergleichsweise wenig ausgeben. In den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten lag die Sparquote (der Teil der Wirtschaftsleistung, der nicht verkonsumiert wird) stets zwischen 40 und 50 Prozent, deutlich mehr als in anderen Ländern. Damit steht sehr viel Geld für Investitionen im In- und Ausland zur Verfügung.

Die Führung in Peking hat diese Mittel in den strategischen Ausbau einiger Industriebranchen geleitet. So dominieren chinesische Firmen inzwischen die Produktion von Solarpanels, Elektroautos und Batteriespeichern – und zwar möglichst entlang der gesamten Wertschöpfungskette bis hin zur Förderung und Aufbereitung von kritischen Rohstoffen wie Seltenen Erden. Das Ziel ist die Unabhängigkeit von ausländischen Zulieferern. Diese strategische Dominanz in einzelnen Branchen verleiht China enorme Verhandlungsmacht in handelspolitischen und anderen geostrategischen Auseinandersetzungen.

Die hohen Sparquoten sind allerdings auch ein Fluch. Weil sehr viel Geld für Investitionen bereitsteht, aber vergleichsweise wenig konsumiert wird, gibt es in vielen Branchen Überkapazitäten. Das schlägt sich in einem Preisverfall für Industrieprodukte nieder; seit längerem leidet China unter einer Externer Link: Produzentenpreis-Deflation, während der Index der Konsumentenpreise um die Nulllinie pendelt.

Wegen der schwachen Inlandsnachfrage kann China seine Wirtschaft nur durch massiven Export am Laufen halten. Diese Strategie war unproblematisch, solange die Volkswirtschaft relativ klein war. Inzwischen jedoch sorgt dieses Vorgehen für massive weltwirtschaftliche Verzerrungen. Entsprechend heftig sind die handelspolitischen Gegenmaßnahmen anderer Länder.

Um auf einen gleichgewichtigeren Wachstumspfad zu gelangen, empfehlen Organisationen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) der Führung in Peking, sich darum zu bemühen, den heimischen Konsum anzukurbeln. Damit die Bürger aber weniger sparen – also weniger intensiv privat für die Zukunft vorsorgen –, müssten sie sozialstaatlichen Sicherungssystemen vertrauen. Der Führung in Peking jedoch ist ein massiver Ausbau öffentlicher Sozialsysteme suspekt. Parteichef Xi Jinping hat wiederholt geäußert, er befürchte, die Bürgerinnen und Bürger würden sich nicht mehr anstrengen, wenn sie rundum abgesichert seien. Als mahnendes Beispiel hat Xi Lateinamerika genannt, wo wohlfahrtsstaatliche Angebote zu politischen Verteilungskämpfen geführt hätten, die den weiteren wirtschaftlichen Aufstieg seiner Auffassung nach behindert hätten. Er spricht von „Welfarism“. Chinas Führung hingegen setzt auf einen minimalistischen Sozialstaat, erstmal überraschend für ein, dem Namen nach, kommunistisches System. Alters- und Gesundheitsversorgung sind bislang vor allem Privatsache. Wenig verwunderlich, dass die Bürgerinnen und Bürger so viel sparen – zumal die weiteren Aussichten wenig alles andere als beruhigend sind.

⏩ Was passiert als nächstes?

So stark China aktuell erscheinen mag, mittel- bis langfristig steht das Land vor zwei großen Herausforderungen: Die demografische Aussicht ist dramatisch. Und die Tragfähigkeit des zentralistisch-autokratischen Systems steht in Frage in einer Ära, in der es nicht mehr um rasche Industrialisierung, sondern auch um echte, eigene Innovationsfähigkeit geht.

China steht vor einer rapiden Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung. Bis 2100 wird sich die Zahl der Einwohner im Alter von 15 und 64 Jahren beinahe halbieren, so geht es aus den Bevölkerungsprojektionen der Vereinten Nationen hervor – ein Minus von fast einer halben Milliarden Arbeitskräften.

Nirgends verläuft der demografische Wandel so abrupt wie in China. Auf ein dynamisches Bevölkerungswachstum in den zurückliegenden Jahrzehnten folgt nun eine Implosion. Dies ist eine Spätfolge der Ein-Kind-Politik, mit der die kommunistische Führung ab 1979 versuchte, das damals immense Bevölkerungswachstum zu bremsen – und dafür auch vor Interner Link: drakonischen Maßnahmen nicht zurückschreckte.

Zwar hat die Regierung diese Vorgabe 2015 rückgängig gemacht und versucht nun, Frauen dazu zu bringen, zwei oder mehr Kinder zu bekommen. Allerdings ohne Erfolg: Die Kleinstfamilie ist auch in China zur Norm geworden. Der harte Kurs zur Eindämmung der Pandemie dürfte die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche und politische Entwicklung erhöht haben. Jedenfalls sind die Fertilitätsraten seither noch Externer Link: weiter gesunken.

Vor dem Hintergrund dieser demografischen Perspektiven und ihrer potenziellen wirtschaftlichen Folgen erscheint es unwahrscheinlich, dass die Chinesen in absehbarer Zukunft weniger vorsorgen und mehr Geld verkonsumieren. Die gravierenden makroökonomischen Ungleichgewichte – hohe Spar- und Exportüberschüsse – dürften deshalb Bestand haben, ebenso die daraus resultierenden handelspolitischen Konflikte.

Was die Innovationsfähigkeit betrifft, so stellt sich die Frage, ob China den Sprung zu einer Form des Wirtschaftens schafft, die echten Fortschritt bringt. Bislang ist Chinas zentralistisches System vor allem gut darin, Knowhow und Geschäftsideen, das anderswo ersonnen wurden, in seinem großen Binnenmarkt in massive industrielle Maßstäbe zu übertragen – und sich dadurch drastische Kostenvorteile gegenüber dem Rest der Welt zu erarbeiten. So gehört China heute zu den großen Playern im (E-)Autobau, der Photovoltaik und der Batterietechnik, in vielen Branchen haben chinesische Unternehmen bereits die „Technologieführerschaft“ übernommen. Doch die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass diese Strategie irgendwann an ein Ende gelangt, wie beispielsweise der Oxford-Ökonom Carl Benedikt Frey in seinem 2025 erschienen, sehr lesenwerten Buch „Externer Link: How Progress ends“ darlegt.

Zwar bilden Chinas Hochschulen große Zahlen von Nachwuchsakademikern in naturwissenschaftlich-technisch-mathematischen Disziplinen aus. Die Qualität dieser Ausbildung ist jedoch umstritten. Fortschritte in der Bildung, unter anderem durch Auslandsaufenthalte chinesischer Studierender in westlichen Ländern wie den USA und der Bundesrepublik, sollen den technologischen Abstand zur Weltspitze verringern.

Um sich dauerhaft an der Spitze der Entwicklung zu halten, braucht es kreativen Wettbewerb. Nur dann kann es gelingen, die technologischen Grenzen zu erweitern und wirklichen Fortschritt anzustoßen. Die Suche nach neuen Ideen setzt den ungehinderten Austausch von Gedanken, überraschenden Vorstößen und freiem Experimentieren voraus. Dies jedenfalls ist die bisherige historische Erfahrung. Auch die Sowjetunion entwickelte sich eine Zeitlang prächtig, als sie sich von einer landwirtschaftlich in eine industriell geprägte Ökonomie verwandelt. Moskau gelang es in den 1950er und 1960er Jahren sogar, den ersten Satelliten („Sputnik“) und den ersten Menschen (Juri Gagarin) ins All zu schicken. Aber dann war Schluss. Das System stagnierte, verkrustete und ging schließlich unter.

China wird unter Xi zunehmend autoritär und zentralistisch geführt. Presse- und Meinungsfreiheit, unter seinen Vorgängern in geringem Maße vorhanden, werden massiv unterdrückt. Propaganda durchzieht die Wissenschaft. Die chinesische Wirtschaft durchleidet immer wieder willkürliche Eingriffe des Staates. So musste Chinas erfolgreichster Tech-Unternehmer Jack Ma (Gründer von Alibaba) jahrelang auf Tauchstation gehen. Unter den gegebenen Bedingungen wäre es überraschend, wenn Chinas Dynamik aufrecht zu erhalten wäre.

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🧐 Wer weiß mehr?

Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der TU Dortmund. Der promovierte Volkswirt arbeitete lange als Wirtschaftsjournalist, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift manager magazin. Für den SPIEGEL schreibt er seit 2013 eine wöchentliche Kolumne („Externer Link: Müllers Memo“). Müller ist Autor diverser Bücher (zuletzt erschien Externer Link: Challenging Economic Journalism. Covering Business and the Economy in an Age of Uncertainty, Palgrave Macmillan 2023).

An der TU Dortmund leitet Müller den Bachelor-Studiengang "Externer Link: Wirtschaftspolitischer Journalismus".