Ein alter Mönch mit Sonnenbrille sitzt in der Shwedagon Pagode am 06.02.13 in der Stadt Yangon in Myanmar.

3.6.2013 | Von:
Birgit Heller

Zwischen Diskriminierung und Geschlechtergleichheit: Frauen und Religionen

Der Religionshistoriker Friedrich Heiler hat in den 1950er Jahren – als die Frage nach Geschlecht/Gender für die Forschung noch weitgehend irrelevant war – die großen Religionen der Gegenwart als "Männerreligionen" bezeichnet.[1] Damit meinte er nicht, dass Frauen in diesen Religionen keine Rolle spielen würden. Ohne die Schar der weiblichen Gläubigen und ihre Dienste wären die meisten Religionen nicht überlebensfähig. Heiler erkannte in den "Hochreligionen" aber eine Unterdrückung und Geringschätzung der Frau, die teilweise geradezu in Frauenfeindlichkeit ausarte. Männer würden die entscheidende Initiative, Schöpferkraft und Leitung der religiösen Organisationen für sich beanspruchen. Heilers Feststellungen blieben lange Zeit ohne Resonanz. Erst in den vergangenen 20 Jahren ist die Erkenntnis gewachsen, dass die großen Religionen der Gegenwart weitgehend androzentrisch geprägt sind und darüber hinaus die männliche Dominanz in der Gesellschaft religiös legitimiert haben.[2] Die traditionellen Auffassungen über Rechte und Pflichten der Geschlechter basieren dabei weitgehend auf dem Modell der polaren Geschlechterrollen einer heterosexuell orientierten Gesellschaftsordnung. Die Religionen sind allesamt im Kontext patriarchal organisierter Gesellschaften entstanden und haben die männlich dominierten Sozialstrukturen ideologisch untermauert. Es gibt viele Gemeinsamkeiten, aber auch einige Unterschiede zwischen den einzelnen Religionen bezogen auf das Ausmaß und die Formen der Legitimation und Ausübung männlicher Dominanz. Die Argumentationslinien sind einander jedoch sehr ähnlich.

Religionen und Geschlecht sind eng miteinander verflochten. Die Traditionen, Symbole, Anschauungen und Praktiken gerade jener Religionen, die universale Gültigkeit beanspruchen und sich für das Heil des Menschen zuständig sehen, sind alles andere als geschlechtsneutral. Meist wird der Mann als Maßstab des Menschen betrachtet. Wenn die Fragen gestellt werden, warum Gott im Judentum, Christentum und Islam – trotz behaupteter Geschlechtstranszendenz – in der männlichen Form angesprochen wird, warum Frauen im brahmanischen Hinduismus (Brahmanen bilden die oberste Gesellschaftsschicht, zu ihnen zählen die religiösen Gelehrten und Ritualexperten) die heiligen Schriften nicht studieren dürfen und eine Wiedergeburt als Frau als Ergebnis schlechter Handlungen gilt, warum Männer laut dem Koran über den Frauen stehen (Sure 4, 34), warum sich selbst die spirituell höchststehende buddhistische Nonne dem geringsten Mönch unterordnen muss und im Paradies des Amida-Buddha (ein besonders in Ostasien verehrter transzendenter Buddha) nur männliche Menschen existieren oder warum Frauen in den meisten Religionen der Gegenwart traditionellerweise vom Priestertum beziehungsweise von religiösen Leitungsfunktionen ausgeschlossen sind, wird deutlich, wie stark die Religionen zwischen den Geschlechtern differenzieren und dabei meistens eine Diskriminierung, Marginalisierung oder Unterordnung von Frauen begründen.

Die Frau: Mutter und/oder Jungfrau?

Die wichtige Rolle der Mutter für die Bewahrung der väterlichen Linie führt zu starker männlicher Kontrolle der Frau, die religiös legitimiert wird. Frauen werden zur Treue und zum Gehorsam gegenüber dem Ehemann angehalten. Der Ehemann kann in diesem Zusammenhang göttlichen Status erhalten – so soll die Hindu-Frau den Dienst an ihrem Gatten als ihren persönlichen Gottesdienst betrachten. Im Judentum, Christentum und im Islam werden die männliche Vormacht und Verfügungsgewalt über die weibliche Sexualität mit verschiedenen Mitteln wie dem Mythologem von der Erst-Erschaffung des Mannes, dem wirksamen Stereotyp der sündigen Eva oder der vermeintlich stärkeren weiblichen Triebhaftigkeit untermauert. Damit verbunden ist der hohe Stellenwert der Jungfräulichkeit und die strenge Bestrafung des Ehebruchs – vor allem von Seiten der Ehefrau. Der Ehebruch von Seiten des Mannes mit einer unverheirateten Frau oder einer Prostituierten wird teilweise milder geahndet oder sogar toleriert.

Durch die strikte Kontrolle der Frau in jeder Lebensphase durch Vater, Ehemann, Sohn oder Bruder wird die Reinheit der Abstammungslinie gewährleistet. In diesem Zusammenhang stehen auch die zahlreichen Sonderregeln für Frauen in der Form besonderer Kleidungsvorschriften oder der gezielten Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Die religiöse Bedeutung der Frau basiert zu einem großen Teil auf ihrer Rolle als Mutter (von Söhnen). Als Mutter wird die Frau überschwänglich verehrt, sowohl nach hinduistischer als auch nach muslimischer Überlieferung übertrifft die Verehrung der Mutter die des Vaters um ein Vielfaches. Allerdings hängt die hinduistische Mutterverehrung – anders als im Islam – auch mit der Verehrung einer göttlichen Muttergestalt zusammen.

Buddhismus, Christentum und Islam weisen als prinzipiell universale Religionen Ähnlichkeiten auf. Universale Religionen beziehen sich auf alle Menschen. Sie betonen die Gleichheit der Menschen im Hinblick auf ihre Heilsfähigkeit und die persönliche Erfahrung. Die Familie besitzt angesichts der neu entstehenden Gruppe nur sekundäre Bedeutung. Daher wird auch die Rolle der Frau als Mutter unterschiedlich akzentuiert. Während im Islam das Muster der patriarchal geprägten Mutterverehrung weitgehend vorherrscht, kommt der Mutterrolle der Frau im Buddhismus so gut wie keine Bedeutung zu. Geschlechtsverkehr und Geburt sind die zentralen Symbole für die Verhaftung im Geburtenkreislauf, für den Durst nach Leben. Vor diesem Hintergrund kann Mutterschaft nicht positiv besetzt sein. Aus der Einsicht in die Vergänglichkeit und Leidverstrickung menschlicher Existenz wird in den buddhistischen Traditionen der monastischen oder zumindest sexuell enthaltsamen Lebensweise der Vorzug gegeben. Die Legenden, die über die Geburt des Siddhartha Gautama, des späteren Buddha, berichten, setzen einen Maßstab für die ideale Empfängnis und Geburt. Demnach empfängt die Königin Māyāvatī den künftigen Buddha nicht mittels Geschlechtsverkehr, sondern in einer Vision. Sie träumt, dass er in der Form eines kleinen weißen Elefanten in ihren Schoß eingeht. Auch die Geburt vollzieht sich nicht auf dem üblichen Weg, da das Kind aus der Seite seiner Mutter heraustritt.

Das Christentum nimmt in gewisser Weise eine Mittelstellung ein. Seit frühchristlicher Zeit haben religiöse Autoritäten die jungfräuliche Lebensweise für Frauen prinzipiell höher bewertet als die Mutterrolle. Im Marienkult wird das Ideal der Jungfräulichkeit mit der Verehrung der Gottesmutter verknüpft. Zweifellos stehen hier alte Göttinnen-Traditionen – wie etwa die altägyptische Göttin Isis, die bis weit in die nachchristliche Zeit hinein in Süd- und Mitteleuropa verehrt wurde – im Hintergrund. Viele berühmte Marienheiligtümer befinden sich an alten Kultplätzen, die zuvor verschiedensten Göttinnen gewidmet waren. Nicht umsonst ist Maria als die "geheime Göttin im Christentum" bezeichnet worden.[3] Allerdings stellt die Ikone der Muttergottes ein unerreichbares Ideal für sterbliche Frauen dar. Das Modell der jungfräulichen Mutter entzieht sich grundsätzlich der Möglichkeit zur Nachahmung.

Religiöse Ämter für Frauen?

In der Entstehungsphase der universalen Religionen waren Frauen aktiv beteiligt und konnten verschiedene Rollen einnehmen. Beispielsweise folgten viele Frauen dem Ruf Buddhas oder unterstützten ihn tatkräftig. Eine berühmte und oft zitierte Erzählung präsentiert eine Frau namens Kisā Gotamī als Modell für den typischen Weg eines Menschen, den die Erfahrung des Todes in die Nachfolge Buddhas führt. Die Lieder der erleuchteten Nonnen (Therīgāthās), die aus der Frühzeit des Buddhismus stammen, zählen zu den ältesten Frauenzeugnissen der Religionsgeschichte. Zum Jüngerkreis von Jesus Christus gehörten zwar keine Frauen, sie bilden jedoch einen wesentlichen Teil seiner Gefolgschaft. Viele von ihnen – wie Maria Magdalena, Johanna, die Frau des Chuzas, Susanna, Marta und Maria – sind namentlich bekannt. Frauen waren die ersten Zeugen der Auferstehung und in frühchristlicher Zeit konnten sie sowohl religiöse Ämter ausüben (wie etwa die Apostolin Thekla) oder auch durch das Martyrium zu hohen Ehren gelangen. Die Frauen Mohammeds übten nicht nur großen Einfluss auf ihn aus, sondern spielten darüber hinaus eine wichtige Rolle in der Überlieferung. Nach der Gründungsphase wurden Frauen jedoch in all diesen Religionen in untergeordnete Rollen zurückgedrängt.

Die verschiedenen religiösen Traditionen weisen starke Ähnlichkeiten, aber auch Besonderheiten hinsichtlich der Stellung und Rollenzuweisung von Frauen auf. Die wichtigen Ämter und Leitungsfunktionen werden traditionell von den männlichen Anhängern beansprucht. Die Geschlechterhierarchie ist in den religiösen Organisationsstrukturen verankert. Hier spiegelt sich die herrschende soziale Gesellschaftsordnung, zugleich wird sie aber auch legitimiert. Als Ausdruck des göttlichen Willens wird die herrschende Ordnung sakrosankt und jeder Kritik entzogen. Der Ausschluss von Frauen von religiösen Rollen und Ämtern wird teilweise auf die weiblichen biologischen Funktionen der Menstruation und Geburt zurückgeführt, die als unrein gelten. Noch schwerwiegender hat sich die generelle Gleichsetzung von Frau und Sexualität ausgewirkt.

Fußnoten

1.
Vgl. Friedrich Heiler, Die Frau in den Religionen der Menschheit, Berlin 1977, S. 47.
2.
Vgl. Birgit Heller, Gender und Religion, in: Johann Figl (Hrsg.), Handbuch Religionswissenschaft, Innsbruck 2003, S. 758–769.
3.
Christa Mulack, Maria. Die geheime Göttin im Christentum, Stuttgart 19862.
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Autor: Birgit Heller für bpb.de
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