Leichte und Einfache Sprache

19.2.2014 | Von:
Simone Seitz

Leichte Sprache? Keine einfache Sache

Gar nicht so leicht – mögliche Grenzen

Auch Wissenschaftsdisziplinen sind aufgefordert für Zugänglichkeit zu sorgen – und die Inklusionsforschung ist hier ihrem Auftrag gemäß sicher in besonderer Verantwortung. Vor diesem Hintergrund entschieden wir 2012, einen von uns herauszugebenden Sammelband mit aktuellen Beiträgen aus den Reihen der Inklusionsforschung zugleich in Leichte Sprache zu übersetzen.[4] Insbesondere die "Beforschten" sollten auf diesem Weg die Chance erhalten, ein Fachbuch zu aktueller Forschung zu lesen und zu verstehen.

Dabei zeigte sich schnell, dass jede Übersetzung unweigerlich die Aussage mit einem eigenen Sinn versieht, so auch eine von schwieriger Sprache in Leichte Sprache. Daher bauten wir mehrere Überarbeitungsschleifen ein, zum einen im Herausgeberteam, zum anderen mit den Autorinnen und Autoren der Texte in schwieriger Sprache. Letzteres ermöglichte es zurückzumelden, ob der Text in Leichter Sprache sich aus ihrer Sicht stimmig verhält zum Originaltext.

Zugleich konnte es nicht das Ziel sein, im Sinne einer reduktiven Didaktik komplexe Zusammenhänge zu simplifizieren und sie möglicherweise zu verharmlosen. Die Schwierigkeit bestand folglich darin, komplexe Zusammenhänge in klaren Worten und kurzen Sätzen auszudrücken, ohne dass der Sinn verstellt wird oder möglicherweise bevormundend wirkt.

Doch sind komplexe Zusammenhänge wie der zwischen sozialer Ungleichheit und deren Reproduktion im Schulsystem nur unzureichend in Leichter Sprache abzubilden, so mussten wir eingrenzend feststellen. Auch in Übersetzungen der UN-Behindertenrechtskonvention in Leichter Sprache lässt sich diese Schwierigkeit wiederfinden. In einer der Fassungen des Artikels 24 Absatz 1 Satz 1 in Leichter Sprache heißt es beispielsweise: "Der Staat muss dafür sorgen, dass behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam zur Schule gehen und gemeinsam lernen können."[5] Im Originaltext heißt es hier: "(1) Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen (…)."[6] Hierzu gehört zweifellos, dass Kinder nicht mit der Begründung einer Behinderung von allgemeinbildenden Schulen ausgeschlossen werden (Artikel 24 Absatz 2), wie dies in der Kurzfassung treffend benannt wird. Die Idee eines inklusiven Bildungssystems lässt sich aber mit der Kurzformel des gemeinsamen Lernens "behinderter" und "nichtbehinderter" Kinder nur unzureichend zusammenfassen. Denn es gilt in der Umsetzung inklusiven Schullebens, Partizipation (participation) im Sinne sozialer Zugehörigkeit und Mitbestimmung mit individueller Herausforderung (achievement) zusammenzuführen. Kennzeichnend für inklusive Qualität in Schulen ist daher vor allem die selbstverständliche Übernahme von Verantwortung für das erfolgreiche Lernen und die soziale Zugehörigkeit aller Kinder und gerade nicht eine unterstellte Dichotomie zwischen "behinderten" und "nichtbehinderten" Kindern.

Leichte Sprache zu verwenden, heißt somit weit mehr als nur andere Worte zu benutzen und kürzere Sätze zu bauen. Letztlich handelt es sich um eine fachlich anspruchsvolle didaktische Aufgabe: Es geht darum, Zugänge zu komplexen Sachzusammenhängen zu ermöglichen, die Zusammenhänge aber nicht unangemessen zu vereinfachen, sondern auf das Wesentliche hin zu konzentrieren, gewissermaßen eine Essenz des Textes zu erstellen. Eine inhaltliche Verknappung ist hierbei unumgänglich, sollte aber transparent gehalten werden.

Es geht um mehr

Die Adressatinnen und Adressaten für Leichte Sprache gelten ebenso wie die Verwendungsmöglichkeiten von Leichter Sprache mittlerweile als breit und heterogen.

So gesehen könnte das Instrument inklusiver geworden sein, denn es bezieht offensichtlich unterschiedliche Bedürfnisse ein und sorgt für Partizipation. Unklar scheint aber zu sein, wie dies in der Umsetzung konzeptionell geleistet werden kann.

Zukunftsbezogen gilt es bei den weiteren Entwicklungen, die mit der breiteren Nutzung einhergehen, die wachsende Verantwortung gegenüber der Textauswahl und dem Umgang hiermit im Blick zu behalten. Denn eine breitere Verfügbarkeit von Texten in Leichter Sprache kann dazu führen, dass schwierige Texte "erst recht" unzugänglich bleiben und so ein Teil des Anliegens unterlaufen würde. Stets ist folglich die Deutungsmacht darüber, was in Leichte Sprache übersetzt wird und wie dies geschieht, kritisch zu hinterfragen.

Vor allem aber gilt es, diese Aspekte in die Qualifizierung pädagogisch Handelnder zu implementieren. So schildert eine Lehrerin in einem Interview, dass eine ihrer Schülerinnen das Zeugnis des ersten Schuljahres auch noch im dritten Schuljahr täglich im Ranzen trägt. Sie besuchte die Familie zu Hause: "Und dann habe ich der Mutter auch gesteckt, dass ihr Kind noch das Zeugnis aus der ersten Klasse im Ranzen hat. Sie sagte zu mir ‚Was ist ein Zeugnis?‘. Sie wusste nicht, was ein Zeugnis ist und deshalb wusste sie auch nicht, was man damit machen soll."

Hier zeigt sich, dass Wissensvorräte im Einzelfall wesentlich von dem abweichen können, was Professionelle erwarten, und Verständigung mehr umfasst als die Wahl einfacher Worte. Es genügt folglich keinesfalls, Begriffe zu übersetzen. Vielmehr geht es um Zugänglichkeit zu kulturell gebundenem implizitem Wissen, wie über die Funktionsregeln und Verfahren in Bildungsinstitutionen. Barrierefreiheit sollte zukunftsbezogen wohl mehrperspektivisch gedacht werden und unser aller Denken flexibler machen.

Fußnoten

4.
Vgl. Simone Seitz et al. (Hrsg.), Ist Inklusion gerecht? Inklusions-Forschung in leichter Sprache, Marburg 2013; dies. et al. (Hrsg.), Inklusiv gleich gerecht? Inklusion und Bildungsgerechtigkeit, Bad Heilbrunn 2012.
5.
http://www.ich-kenne-meine-rechte.de/index.php?menuid=38&reporeid=20« (3.2.2014).
6.
UN-Behindertenrechtskonvention (Anm. 1), S. 35.
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