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Merlin Münch am 26.11.2014

Autonomes Fahren: Wie viele Räder hat die Zukunft?

Die Vorstellungen davon, wie wir uns in Zukunft - vor allem in den Städten - fortbewegen werden, sind sehr unterschiedlich. Während die einen die Zukunft im autonomen Fahren sehen, glauben andere, dass das Auto künftig nur noch eine untergeordnete Rolle spielen wird. Sicher ist: Lösungen müssen her.

Viele Städte der Welt leiden schon heute unter massivem Verkehrsaufkommen. Ob das Auto also die Mobilitätsprobleme der Zukunft lösen kann, bleibt fraglich.Viele Städte der Welt leiden schon heute unter massivem Verkehrsaufkommen. Ob das Auto also die Mobilitätsprobleme der Zukunft lösen kann, bleibt fraglich. Lizenz: cc by-sa/2.0/de (CC, joiseyshowaa)

Die Automobilindustrie sieht im autonomen Fahrzeug den Weg in die Zukunft. Spätestens seit Google im Jahr 2010 seine Ambitionen kundgab, in den Automobilmarkt einzusteigen, arbeiten die "klassischen" Automobilhersteller weltweit eifrig an ihren eigenen fahrerlosen Zukunftsautos. Glaubt man Forschern wie Dr. Daniel Göhring von der Berliner Forschungsgruppe Autonomos Berlin, könnten bereits 2020 die ersten selbstständigen Fahrzeuge auf unseren Straßen unterwegs sein. Zunächst wohlmöglich nur auf den Autobahnen, da sich die Autos dort besser zurechtfinden und der Verkehrsfluss besser berechenbar ist - später dann aber auch in den Innenstädten.

Nicht fliegende, sondern autonome Autos sind der Trend der Zukunft. Wenn es nach Forschern wie Dr. Daniel Göhring geht, kann diese Zukunft nicht schnell genug kommen. Wir haben ihn getroffen und mit ihm über Mobilität, lästiges Pendeln und autonome Taxidienste gesprochen.

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Dr. Daniel Göhring im Interview

Worum geht es eigentlich beim autonomen Fahren und wird das die Mobilitätsprobleme unserer Städte lösen? Sind wir überhaupt schon soweit, dass autonome Fahrzeuge auch in kritischen Situationen die richtigen Entscheidungen selbst treffen können? Einige der Fragen des Netzdebatte-Interviews mit dem Experten Dr. Daniel Göhring.
Die größten Herausforderungen gilt es momentan auf der rechtlichen und ethischen Ebene zu bewältigen. Wer die Schuld trägt, wenn ein autonom gesteuertes Fahrzeug einen Fußgänger übersieht, wird noch zu klären sein. „Hier stehen wir noch ganz am Anfang“, gibt Göhring zu bedenken. Einem Auto beizubringen, in gefährlichen Situationen eine Entscheidung zu treffen, ist die eine Sache. Festzulegen, was die richtige Entscheidung ist, die andere (Mehr zu den ethischen Dilemmata hier in Adrian Lobes Beitrag "Motoren mit Moral").

Dennoch: Die Hoffnungen in die autonomen Fahrzeuge sind groß. Ältere Menschen sollen länger und sicherer am Verkehr teilnehmen können. Behinderte Menschen könnten sich ebenfalls leichter unabhängig fortbewegen. Autonome Carsharing-Dienste könnten es außerdem ermöglichen, die Fahrzeugdichte zu verringern. Vor allem aber soll man seine Zeit im Auto in Zukunft besser nutzen können.

Wir brauchen andere Modelle!

Längst nicht alle sind davon überzeugt, dass das autonome Fahrzeug die Mobilitätsprobleme der Zukunft lösen kann. Schon heute haben die meisten Großstädte mit einer enorm hohen Fahrzeugdichte zu kämpfen - eine Trendwende ist noch nicht in Aussicht. Gerade in den Entwicklungs- und Schwellenländern - allen voran in China - gilt das Auto zudem in der aufstrebenden Mittelschicht noch immer als Statussymbol. Das Resultat: verstopfte Straßen, Unfälle und schlechte Luft.

Spätestens seit Google den zigtausendsten Kilometer mit seinen selbstfahrenden Autos im Straßenverkehr von Palo Alto zurückgeleget hat ist klar: Autonome Fahrzeuge werden bald auch auf unsere Straßen unterwegs sein. Allerdings stellt sich dabei immer mehr die Frage, ob das Auto auch in Zukunft noch das Zentrum der Mobilität sein wird. Dr. Frank Wolter vom Innovazionszentrum für Mobilität u. gesellschaftlichen Wandel in Berlin wagt das zu bezweifeln.

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Dr. Frank Wolter im Interview

Wie verändert sich die Mobilität in der Stadt und auf dem Land? Hat das Auto als Statussymbol ausgediehnt? Und sind smarte Lösungen nur mit Technik möglich? Diesen und weiteren Fragen stellte sich Dr. Frank Wolter im Netzdebatte-Interview.
Das Auto kann also, ob es nun selbst fährt oder nicht, wenn überhaupt, nur ein Teil der Lösung unserer Mobilitätsprobleme sein, glaubt Dr. Frank Wolter vom Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel in Berlin. In vielen Ländern, so Wolter, können wir schon heute einen Trend in Richtung "nutzen statt besitzen" beobachten. Das Auto verliert seine Bedeutung als Statussymbol, während Flexibilität in der Fortbewegung immer wichtiger wird.

Dass das Auto ganz von der Bildfläche verschwinden wird, glaubt allerdings auch Wolter nicht. Dennoch mahnt er, dass Mobilitätskonzepte immer ganzheitlich gedacht werden müssen. Autonome Fahrzeuge könnten so z.B. im öffentlichen Verkehr eine größere Rolle spielen. "Vor allem aber wird es darauf ankommen, die verschiedenen Verkehrssysteme mithilfe digitaler Informationstechnologien so miteinander zu vernetzen, dass man sie quasi 'ohne nachzudenken' nutzen kann." Die Vernetzung verschiedener Systeme soll letztendlich dazu beitragen, dass man in seiner Fortbewegung flexibler ist, als es einem das private Fahrzeug bieten kann.

Ein großes Problem bei den aktuellen Bemühungen um smarte Mobilitätskonzepte, so Wolter, ist die Tatsache, dass wir versuchen alle Lösungen zunächst rein technisch zu denken. Das greife aber meistens zu kurz: "Die autogerechte Stadt war ja auch eine technologische Revolution - verbunden mit dem Glauben, dass die Technologie Auto uns zufriedener, glücklicher und besser macht - und wie wir sehen, ist das nicht so."

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