Der Potsdamer Platz im Berlin der 1920er.

13.9.2018 | Von:
Alexander Gallus

Die deutsche Revolution 1918/19

Mit der einen, sogenannten Novemberrevolution begann die Weimarer Republik – viele weitere revolutionäre Aufstände und Unruhen aber begleiteten die Anfangsjahre der jungen Demokratie. Ein Überblick.

Die revolutionären Aufstände in Berlin und dem restlichen Land kochten immer wieder erneut auf, so wie etwa bei den sogenannten Weihnachtskämpfen im Dezember 1918. Das Bild zeigt eine Kundgebung vor Marinekorps am Berliner Marstall.Die revolutionären Aufstände in Berlin und dem restlichen Land kochten immer wieder erneut auf, so wie etwa bei den sogenannten Weihnachtskämpfen im Dezember 1918. Das Bild zeigt eine Kundgebung vor Marinekorps am Berliner Marstall. (© Bundesarchiv, BildY 1-316-19731)

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Kurz zusammengefasst

  • Das Ende des Weltkrieges mündete in Deutschland in revolutionären Aufständen, überall im Reich gründeten sich Arbeiter- und Soldatenräte
  • Mit der sogenannten Novemberrevolution wurde der Grundstein der Weimarer Republik gelegt.
  • Die Anfangsjahre der jungen Republik waren immer wieder von teils sehr gewaltsamen Aufständen und Protesten begleitet – von links und von rechts.

Rückblick und Vorbedingungen

Die bei Ende des Ersten Weltkrieges durch konservative Militärs in die Welt gesetzte "Dolchstoßthese", der zufolge die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg wesentlich durch eine unzuverlässige und revoltierende "Heimatfront" herbeigeführt worden sei, war von Anfang an bewusst eingesetzte Propaganda. Bei Lichte betrachtet waren die deutschen Truppen mit anhaltender Kriegsdauer den materiellen und personellen Ressourcen der Entente-Mächte unterlegen. So wenig also die deutsche Revolution von 1918/19 die Niederlage verursacht hatte, so war sie doch untrennbar mit dem Krieg verbunden: Sie zielte zunächst auf Frieden, eine bessere Ernährungslage und die Abschaffung autoritärer Befehlsstrukturen. Ab dem Jahr 1916 kündigten Hungerrevolten, die im Januar 1918 bei Massenprotesten ihren Höhepunkt erreichten, eine Systemkrise der monarchischen Ordnung an. Die Enttäuschung und Frustration gegenüber den Repräsentanten des Kaiserreichs waren Ende September 1918 umso größer, als die Oberste Heeresleitung – nach dem Friedensschluss von Brest-Litowsk mit Sowjetrussland – mit der Westoffensive im Sommer 1918 nochmals die Siegeserwartungen innerhalb der Gesellschaft genährt hatte. Vor diesem Hintergrund war der Schock der Niederlage besonders groß.

Vom gemeinschaftsstiftenden nationalen Aufbruch des Jahres 1914 ("Augusterlebnis", "Geist von 1914") war vier Jahre später im deutlichen Angesicht der Niederlage ab dem Spätsommer 1918 kaum noch etwas zu spüren. Der Druck auf den Monarchen und die im Verlauf des Krieges zunehmend dominante Militärführung Paul von Hindenburgs und Erich Ludendorffs wuchs nicht nur von innen angesichts offen ausbrechender sozialer Spannungen und neuer Partizipationsansprüche, sondern auch von außen. Insbesondere US-Präsident Woodrow Wilson war nicht länger bereit, mit einem autokratischen Herrscher und autoritären Militärs über Waffenstillstand und Frieden zu verhandeln. Er verlangte eine demokratisch legitimierte Regierung als Gegenüber.

Reform statt Revolution?

Anfang Oktober 1918 kam es zur Umbildung der Reichsregierung, die nun vom liberal gestimmten, gleichwohl dem monarchischen Prinzip verhafteten Prinz Max von Baden angeführt wurde und an der die Mehrheitsfraktionen des Deutschen Reichstags (die liberale Fortschrittliche Volkspartei, das katholische Zentrum und nicht zuletzt die SPD) mitwirkten. Diese Mehrheitsfraktionen hatten sich bereits ab Juli 1917 in einem interfraktionellen Ausschuss zusammengefunden und ihre Politik koordiniert. Für einiges Aufsehen sorgte die "Friedensresolution" für einen Verständigungsfrieden, die der Ausschuss entworfen hatte und die vom Reichstag am 19. Juli 1917 mehrheitlich befürwortet wurde.

Dies waren klare Anzeichen für einen Parlamentarismus, der stetig weiter Einfluss einforderte und hinzugewann. Am 28. Oktober wurde schließlich eine Verfassungsrevision vollzogen, die einen politischen Systemwechsel von der konstitutionellen hin zu einer parlamentarischen Monarchie markierte ("Oktoberreformen") und die in der Tradition einer während des Kaiserreichs schrittweisen evolutionären Modernisierung stand. So grundlegend dieser Wandel der Staatsform sich nämlich ausnahm, erfolgte er doch im Rahmen der geltenden Verfassungsordnung. Er war daher in staatsrechtlicher Hinsicht keine Revolution. Ein Bruch mit der Staats- und Rechtsordnung des Kaiserreichs blieb aus. Gleichwohl wurde die Stellung des Monarchen darin stark abgewandelt. Der Kaiser blieb zwar das Staatsoberhaupt, er verlor aber viel von seiner machtvollen Position: Fortan konnte nicht mehr er, sondern nur noch der Reichstag Reichskanzler und Regierung entlassen. Bei ihr lag zudem künftig der Oberbefehl über die Armee.

In den Augen der ebenso erschöpften wie erbosten Arbeiterinnen, Arbeiter und Soldaten vermittelte dieser Schritt, ein legaler Verfassungswandel in Papierform, keine Durch- und Aufbruchsstimmung. So gelang es durch diese Verfassungsreformen nicht, eine revolutionäre Massenbewegung von unten zu verhindern, die damals weder im Interesse der alten Eliten des Kaiserreichs noch der staats-, ordnungs- und reformorientierten Sozialdemokratie unter Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann lag.

Ereignisse und Ergebnisse

In vielen Hafenstädten folgten die Marineeinheiten dem Beispiel der Kieler Matrosen, so wie hier im Hamburger Hafen: Mitglieder der Marine posieren auf den Marine-Kriegsschiffen.In vielen Hafenstädten folgten die Marineeinheiten dem Beispiel der Kieler Matrosen, so wie hier im Hamburger Hafen: Mitglieder der Marine posieren auf den Marine-Kriegsschiffen. (© Bundesarchiv, BildY 1-6C423-2074-67)
Ein militärischer Befehl zum Auslaufen der Flotte zu einer letzten, selbstmörderischen Schlacht in die Nordsee gegen die Royal Navy war der Funke ins Pulverfass, der zum Ausbruch der Revolution als einer von Soldaten und Arbeiterinnen und Arbeitern getragenen Massenbewegung führte. Sie wollten diesen selbstmörderischen Akt, der wesentlich durch Ehrvorstellungen der Seekriegsleitung motiviert war, nicht vollziehen. Es kam zu Befehlsverweigerungen von Matrosen auf den Kriegsschiffen der in Wilhelmshaven konzentrierten deutschen Hochseeflotte. Als diese daraufhin auseinandergezogen wurde, gelangte der Protest der Matrosen nach Kiel und verband sich dort mit einer streikbereiten Arbeiterschaft. Die Revolution begann somit als Matrosenaufstand und Militärstreik und verlief doch anfangs fast unblutig, was angesichts des Ausgangspunkts von diesen bewaffneten Kräften her erstaunlich ist. Die wenigen tödlichen Auseinandersetzungen zwischen Mannschaften und Offizieren Anfang November 1918 in Kiel führten nicht zu einer Eskalation der Gewalt. Das Entfernen von Rangabzeichen und Kokarden, das Schwenken roter Tücher und das Hissen roter Fahnen genügten den Aufständischen, um so das Ende alter Befehlsstrukturen und den lange herbeigesehnten Frieden zu demonstrieren.

Soldatenräte in BerlinSoldatenräte in Berlin (© picture-alliance/akg)
Manche dieser Symbole wie auch die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten deuteten in östliche Richtung und folgten – der äußeren Form nach – dem groben Muster der russischen Oktoberrevolution von 1917. Der Wunsch nach Übernahme einer bolschewistischen Ordnung war damit in den allermeisten Fällen nicht verbunden. Der Großteil der Räte, die sich als ordnungsstiftende Organe einer Übergangszeit verstanden, sympathisierte mit der Sozialdemokratie. In den Folgetagen breitete sich der Aufstand durch reisende Matrosen und Mundpropaganda von der Küste in weitere Teile des Landes aus. Ein Fürstentum nach dem anderen fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen, ganz ohne Gegenwehr. Am 7. November 1918 stürzte die Monarchie in Bayern und der Unabhängige Sozialdemokrat (USPD) Kurt Eisner rief die bayerische Republik aus. Am 9. November schließlich ergriff die Revolution Besitz von Berlin. Die revolutionäre Dynamik war dabei so spontan und rasant, dass die Planungen mancher revolutionärer Akteure selbst mit diesem Tempo nicht Schritt halten konnten.

Politische Spannungen und Grundentscheidungen

Nicht zuletzt die tonangebende und am stärksten organisierte Kraft der Arbeiterbewegung, die Sozialdemokratie, war in jenen Tagen von Sorge erfüllt: über drohende chaotische Zustände voller Gewalt, über "russische Verhältnisse", wie es in zeitgenössischen Texten regelmäßig hieß. Die Furcht vor dem Bolschewismus war ausgeprägt und überstieg dessen reales Gefährdungspotenzial bei weitem. Doch auch eine falsche oder verzerrte Wahrnehmung kann, zumal wenn sie emotional aufgeladen ist, das Handeln der Akteure und somit die Zeitläufte beeinflussen.

Die führende Sozialdemokratie strebte nach Kontrolle und politischer Führung. Um die Stimmung der aufgebrachten Massen zu beruhigen, forderte sie ultimativ die Abdankung Kaiser Wilhelms II. Am geschichtsträchtigen 9. November 1918 erklärte Prinz Max von Baden – ohne die Autorisierung des Kaisers – öffentlich dessen Abdankung. Außerdem legte der Regierungschef aus dem Hause Baden an jenem Tag seine Reichskanzlerschaft in die Hände des SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. Allein dieser Akt der Übertragung war in staatsrechtlicher Hinsicht revolutionär, spielte er sich doch außerhalb der geltenden Verfassungsordnung ab. Am Nachmittag des 9. November proklamierte Scheidemann als wortmächtiges Regierungsmitglied von einem Balkon des Reichstagsgebäudes aus die Republik. So sehr diese Szene, wie wir mittlerweile wissen, erst Jahre später geschichtspolitisch aufbereitet und überhöht wurde, brachte sie doch symbolisch den Führungsanspruch der Sozialdemokratie im weiteren Verlauf der Revolution zum Ausdruck; einer Revolution, die in den Augen der Parteispitze mit der Einführung einer republikanischen Ordnung im Grunde bereits ihr Ziel erreicht hatte. Die radikale Gegenposition zu dieser Republiks-Proklamation tat wenige Stunden nach Scheidemann der "Spartakist" Karl Liebknecht in einer Rede vor dem Berliner Stadtschloss kund, als er die "freie sozialistische Republik Deutschland" als Zwischenschritt auf dem Weg zur Weltrevolution ausrief.
Nicht nur in Berlin wurde in diesen Novembertagen die Republik ausgerufen, sondern ebenfalls in vielen anderen Teilen des Reiches. So etwa auch in Wilhelmshaven - am 10. November feierte die Marine mit einem Feuerwerk die Ausrufung der Republik Oldenburg/Ostfriesland.Nicht nur in Berlin wurde in diesen Novembertagen die Republik ausgerufen, sondern ebenfalls in vielen anderen Teilen des Reiches. So etwa auch in Wilhelmshaven - am 10. November feierte die Marine mit einem Feuerwerk die Ausrufung der Republik Oldenburg/Ostfriesland. (© Bundesarchiv, BildY 1-6C428-26624b)

Schon seit mehr als zwei Jahrzehnten rangen verschiedene Kräfte innerhalb der Sozialdemokratie um den richtigen politischen Kurs. Revolutionäre standen reformerischen Strömungen gegenüber ("Revisionismusstreit") – mit vielen Mischformen und Schattierungen dazwischen. Der Weltkrieg samt der Bewilligung der Kriegskredite ("Burgfriedenpolitik") sorgte für weitere Spannungen innerhalb der Partei. Im Jahr 1916 spaltete sich die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft von der SPD-Fraktion im Reichstag ab, aus der im April 1917 die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) hervorging. Ihr schloss sich auch die "Spartakusgruppe" um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht an, bevor sie gemeinsam mit weiteren linksradikalen Gruppierungen an der Jahreswende 1918/19 in der neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) aufging.

Diese Postkarte aus dem Spätherbst 1918 zeigt die Mitglieder des Rates der Volksbeauftragten.Diese Postkarte aus dem Spätherbst 1918 zeigt die Mitglieder des Rates der Volksbeauftragten. (© Bundesarchiv, BildY 1-6C45-16476)
Die innerlinken Spannungen waren schon von Anfang der Republik an groß. Zunächst aber taten sich Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) und Unabhängige zusammen und bildeten schon am 10. November die Regierungsorgane der Revolution: an vorderster Stelle den Rat der Volksbeauftragten, quasi als Exekutive und zugleich zur Beaufsichtigung der durch Staatssekretäre verwalteten Ministerressorts der Reichsregierung. Dem von Friedrich Ebert faktisch geleiteten Rat gehörten neben ihm für die MSPD Otto Landsberg und Phillip Scheidemann an, für die USPD Emil Barth, Wilhelm Dittmann und Hugo Haase.

Der Rat brachte schon am 12. November eine Reihe von politischen und sozialen Reformen auf den Weg, die in einem Aufruf "An das deutsche Volk!" – für Dittmann die "Magna Charta der Revolution" – verkündet wurden. Dazu zählten die Meinungs- und Versammlungsfreiheit, die Aufhebung der Zensur ebenso wie der Gesindeordnung und die Einführung des Wahlrechts für Männer und erstmals auch für Frauen ab dem 20. Lebensjahr. Wenige Tage darauf schrieb das zwischen Gewerkschafts- und Industrievertretern geschlossene Stinnes-Legien-Abkommen, benannt nach den beiden Verhandlungsführern Hugo Stinnes und Carl Legien, am 15. November den Achtstundentag, die Bildung von Arbeiterausschüssen und den Gedanken der Sozialpartnerschaft fest. Darüber hinaus war die Übergangsregierung in den letzten beiden Monaten des Jahres 1918 wesentlich damit beschäftigt, die Rückführung des Feldheeres in die Heimat zu koordinieren sowie für ausreichend Nahrung und Wohnraum zu sorgen. Der Druck, der auf den Schultern dieser unerfahrenen Regierung lastete, war gewaltig.

Die Frage, wie und wo weitere Grundentscheidungen der politisch-sozialen Transformation getroffen werden sollten, sorgte für Streit. Die federführenden Sozialdemokraten unter Eberts Ägide favorisierten die Bildung einer demokratisch gewählten verfassunggebenden Nationalversammlung, die über die weitere Gestaltung von Staat und Gesellschaft zu bestimmen hätte. Andere Vertreter der Arbeiterbewegung wollten eine Verstetigung und Ausweitung des Rätemodells, der linke USPD-Politiker Ernst Däumig sogar ein "reines Rätesystem". Einen entsprechenden Beschlussantrag stellte er, letztlich ohne Erfolg, auf dem Reichrätekongress, der vom 16. bis zum 21. Dezember in Berlin tagte. Die MSPD setzte sich auf dieser zentralen Delegiertenversammlung der Arbeiter- und Soldatenräte mit überwältigender Mehrheit durch, und es fiel die Entscheidung für die Wahl der verfassungsgebenden Nationalversammlung am 19. Januar 1919.
Bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 waren erstmalig auch Frauen zur Wahl zugelassen.Bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 waren erstmalig auch Frauen zur Wahl zugelassen. (© Bundesarchiv, BildY 1-335-206-92)

Bei diesen Wahlen, an denen erstmals in der deutschen Geschichte Frauen wählen und gewählt werden durften, errang die MSPD 37,9 Prozent der Stimmen vor dem Zentrum mit 19,7 und der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) mit 18,5 Prozent. Mit einer Dreiviertelmehrheit begründeten diese drei Parteien die sogenannte Weimarer Koalition. Die Verfassungsentwicklung kam rasch voran: Die Weimarer Reichsverfassung, wesentlich vom liberalen Staatsrechtslehrer Hugo Preuß erarbeitet, trat bereits Mitte August 1919 in Kraft. Verfassungswerk und Regierungsbildung unterstrichen den Grundcharakter der Republikgründung: als Basiskonsens zwischen gemäßigt-sozialdemokratischen und liberal-bürgerlichen Kräften.

Von der gewaltlosen zur gewaltsamen Revolution

Schon im Dezember 1918 und verstärkt ab Januar 1919 zeigte sich indes deutlich, wie groß die Konflikte innerhalb des linken politischen Milieus waren. Das von Anfang an wenig herzliche, aber für einige Zeit funktionstüchtige Bündnis aus MSPD und USPD im Rat der Volksbeauftragten zerbrach nach den "Weihnachtskämpfen" des Jahreswechsels 1918/19. Am 29. Dezember verließen die USPD-Vertreter den Rat der Volksbeauftragten, dem stattdessen fortan die MSPD-Politiker Gustav Noske und Rudolf Wissell angehören sollten. Bei den Weihnachtsunruhen kam es in Berlin zu militärischen Auseinandersetzungen. Die "Volksmarinedivision", eine im Zuge der Revolution und ursprünglich zum Schutz der Übergangsregierung gebildete militärische Formation, hatte sich aus Protest gegen eine ausgebliebene Soldzahlung im Berliner Stadtschloss verschanzt und bald darauf den sozialdemokratischen Berliner Stadtkommandanten Otto Wels gefangengesetzt. Ebert, der lange vor dem Einsatz gewaltsamer Mittel zurückschreckte, fürchtete um Wels’ Leben und ordnete daraufhin den Einsatz von Regierungstruppen an. Die herbeigerufenen Soldaten konnten sich am Ende nicht gegen die von der "Sicherheitswehr" des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD) unterstützte "Volksmarinedivision" durchsetzen. Bei den Kämpfen starben 56 Regierungssoldaten, 11 Matrosen und einige Zivilisten.

Ungeachtet dieses Ausgangs und der vorübergehenden Beruhigung der Weihnachtskrise auf dem Verhandlungswege hatte der Einsatz von Regierungssoldaten fatale Wirkungen, schien er doch den Beweis für ein Bündnis der Regierung mit gegenrevolutionären Kräften zu erbringen. In diesem Zusammenhang wird auch häufig das Ebert-Groener-Abkommen erwähnt: Bereits am 10. November 1918 hatte Ebert mit dem Ersten Generalquartiermeister Wilhelm Groener als neuer Führungsfigur der Obersten Heeresleitung telefonisch eine Absprache über die Loyalität des Militärs gegenüber der neuen Regierung getroffen. Die USPD jedenfalls nahm die Weihnachtsunruhen zum Anlass, um das Bündnis mit der Regierung aufzukündigen. Differenzen zwischen USPD und MSPD über die Durchsetzung einer Militärreform (u.a. zur Bildung einer "Volkswehr"), über das Ausmaß – bislang ausgebliebener – Sozialisierungsmaßnahmen und über die Einführungen von Rätestrukturen in der Politik erwiesen sich als unüberbrückbar.

Nach dem – gerade im Schatten des mörderischen Weltkriegs – nahezu gewaltfreien November und auch Dezember der Revolution (abgesehen von einem nicht ganz aufgeklärten Massaker mit 16 Toten am 6. Dezember in Berlin, als Soldaten des Garde-Füsilier-Regiments, die für die Sicherung des Regierungsviertels zuständig waren, während tumultartiger Zustände auf einen Demonstrationszug von "Spartakus"-Anhängern und -Sympathisanten an der Kreuzung Invaliden- und Chausseestraße schossen), begann das Jahr 1919 blutig. Die Entlassung Eichhorns als Berliner Polizeipräsident und dessen Weigerung, das Amt niederzulegen, entfachten neue Massenproteste in Berlin. Die Proklamation eines Generalstreiks, vom Berliner USPD-Vorstand und Teilen der KPD-Führung sowie der Revolutionären Obleute verfasst, forderte dazu auf, die Ebert-Scheidemann-Regierung zu stürzen und wollte deren Repräsentanten auf dem "Schaffott" oder wenigstens im "Zuchthaus" sehen. Der Verbalradikalismus, wie ihn Parteizeitungen wie die kommunistische "Rote Fahne", aber auch der sozialdemokratische "Vorwärts" probten, heizte die Stimmung zusätzlich an.
Nach dem Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht kam es vielerorts zu Demonstrationen, so wie hier in München auf der Theresienwiese.Nach dem Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht kam es vielerorts zu Demonstrationen, so wie hier in München auf der Theresienwiese. (© Bundesarchiv, Bild 146-1969-054-36 )

Die geschürten Ängste und ideologischen Gegensätze entluden sich während gewaltsamer Straßenkämpfe zwischen dem 5. und 12. Januar ("Spartakusaufstand") in Berlin. Die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts am 15. Januar durch Angehörige der Garde-Kavallerie-Schützen-Division unter der Leitung Hauptmann Waldemar Pabsts wurde auch schon zeitgenössisch als eine Zäsur wahrgenommen und galt schnell als Sinnbild für den Ausbruch eines brutalen Gewaltniveaus, das fortan zu dieser bis dahin besonnenen Revolution zählen sollte. Außerdem verfestigte sich dadurch der nun unversöhnliche Gegensatz innerhalb der politischen Linken. In Berlin eskalierte die Gewalt während der Berliner Märzkämpfe weiter, als der neue Reichswehrminister Gustav Noske den Ausnahmezustand samt Schießbefehl verhängte und Regierungstruppen mit schwerer Artillerie zur Niederwerfung von Aufständen einsetzte. Schon am Beginn der Januaraufstände hatte er als der für Wehrfragen zuständige Volksbeauftragte gesagt: "Meinetwegen! Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht!" Die Zahl der Getöteten wird mit rund 1.200 beziffert. Im Zuge der Beendigung der "Baierischen" Räterepublik durch Regierungstruppen und Freikorps kam es Ende April/Anfang Mai 1919 zu ähnlich hohen Opferzahlen ("weißer Terror").

Für einige Autorinnen und Autoren markiert das Abebben der Gewalt ab dem Sommer 1919 das Ende der Revolution. Als weiteres Argument für dieses zeitliche Ende der Revolution wird oftmals hinzugezogen: die Verabschiedung der – wenn man so will – äußeren und inneren Grundgesetze der Weimarer Republik zwischen Juni und August 1919 mit dem Versailller Friedensvertrag und der Weimarer Reichsverfassung. Mit Blick auf die Periodisierung des Umbruchs am Ende des Ersten Weltkriegs besteht weitgehende Einigkeit darüber, diesen nicht länger als "Novemberrevolution" zeitlich eng zu fassen und ihn stattdessen als "deutsche Revolution 1918/19" zu bezeichnen oder ihn sogar bis zum Ende des konterrevolutionären Kapp-Putsches und der Ruhraufstände bis ins Jahr 1920 hinein auszudehnen. Manche Autorinnen und Autoren plädieren sogar dafür, die politisch-gesellschaftliche Transformationsphase noch weiter zu strecken und zwischen 1916 und 1923 anzusiedeln oder sogar Zeitschichten bis zur Jahrhundertwende zurück zu berücksichtigen und die Revolution wie die Weimarer Republik überhaupt als Teil einer krisenhaften Moderne zu interpretieren.

Deutungen und Perspektiven

Mit Periodisierungsfragen sind immer auch verschiedene Deutungsmöglichkeiten verbunden. Wer sich beispielsweise auf die letzten drei Monate des Jahres 1918 konzentriert, wird die Gewaltfreiheit der Revolution und die politischen Grundentscheidungen für eine parlamentarisch-demokratische Ordnung hervorheben, die eine erhebliche formgebende Kraft für die weitere Entwicklung der Weimarer Republik besaßen. Dann passt die Revolution in ein vorrangig demokratiegeschichtliches Narrativ. Wer hingegen die Phase der Gewalt und Radikalisierung ab der Jahreswende 1918/19 ins Zentrum der Betrachtung stellt und eine ausgebliebene oder zumindest ungenügende Militärreform als wesentliches Versäumnis der Revolution herausstellt, wird schon am Beginn der neuen Republik Ansätze für ihre spätere autoritäre Wende oder sogar einen "Inkubationsraum für das Dritte Reich" (Mark Jones) erkennen. Diese Sichtweise fügt sich in ein diktaturgeschichtliches Narrativ ein, das – mit anderen Argumenten – auch jene Autorinnen und Autoren bevorzugen, die Herausforderungen durch Feinde der Republik an den rechten wie linken Rändern ab der Frühphase der Weimarer Demokratie betonen.

Diese Interpretationen konstruieren unterschiedliche Kontinuitätsannahmen zur Einordnung der Revolution von 1918/19 in den weiteren Gang der deutschen Geschichte. Solche Zusammenhänge deuten an, weshalb die zwischenzeitlich "vergessene Revolution" über Jahrzehnte hinweg das Zeug dazu hatte und weiter hat, ein historisches Streitthema erster Güte zu sein.

Frühzeitig sah sich die Revolution von 1918/19, sahen sich vor allem die Sozialdemokraten um Ebert, welche die Revolution mit einem Wort des Zeitgenossen Ernst Troeltschs "adoptiert" hatten, dem Vorwurf des Verrats ausgesetzt. Und dies in gleich zweifacher Weise: Von links wurden sie als "Arbeiterverräter" geschmäht, die lieber mit den alten Eliten bis hin zum Militär paktierten und kein Interesse an einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Umwälzung und sozialen Revolution zeigten. Rechten Gegnern galten sie hingegen – wie schon seit den Zeiten des Kaiserreichs – als "Vaterlandsverräter", die für die Kriegsniederlage verantwortlich seien ("Dolchstoßlegende") und das Deutsche Reich in Form des demokratischen "Systems" auch von innen geschwächt hätten. Weder die weit linken noch die weit rechten Kritiker lehnten dabei eine Revolution an sich ab. Die einen wollten sie in der Zukunft erst noch fortsetzen und vollenden, die anderen eine rechte oder "konservative" Revolution in Gang setzen. Gänzlich getilgt werden sollte die Revolution von 1918/19 durch die "nationale Revolution" der Nationalsozialisten von 1933, die sie gleichsam als Antithese zum Werk der von ihnen geschmähten "Novemberverbrecher" definierten.

Dies stellte die stärkste geschichtspolitische Überformung der Revolution von 1918/19 dar. Aber auch in anderen Lesarten der Revolution ist ein jeweiliges Gegenwartsinteresse zu erkennen. In der DDR etwa diente die "Novemberrevolution" der Legitimation der Kaderpartei SED. Eine schlagkräftige Organisation wie die SED habe 1918/19 gefehlt, ansonsten hätte sie schon damals der "proletarischen" und nicht nur der "bürgerlichen" Revolution zum Durchbruch verholfen. Wenngleich frei von staatlicher Steuerung, schwangen in westdeutschen Geschichtsdeutungen doch ebenfalls Einflüsse des Zeitgeists mit. Karl Dietrich Erdmanns These von 1955 etwa, es habe 1918/19 eine Entscheidungssituation zwischen "östlichem Bolschewismus" und "westlicher Demokratie" bestanden, lässt die polarisierte Stimmungslage während der Hochzeit des Kalten Krieges erkennen. Auch die vermehrte Aufmerksamkeit für Rätemodelle und die Interpretation der Revolution als Suche nach "dritten Wegen" zwischen Kommunismus und Kapitalismus ab den 1960er Jahren ist ohne Reflexe eines gewandelten Meinungsklimas kaum angemessen zu verstehen.

Erst in den vergangenen Jahren ist die Forschung zur Revolution – im Zeichen des Hundertjahresjubiläums – wieder in Gang gekommen. Neben Erörterungen der Politik- und Arbeiterbewegungsgeschichte, zuletzt vorrangig von unzureichend genutzten Handlungsspielräumen und einem nicht ausgeschöpften Demokratisierungspotenzial bestimmt, treten Fragestellungen der Kultur-, Medien-, Alltags- und Mentalitätsgeschichte, ohne dass eine neue "Meistererzählung" erkennbar wäre. Eine solche ist wohl auch nur schwer zu formulieren, ein geschichtskulturelles Leitparadigma von dieser Revolution nicht leicht abzuleiten. Sie präsentiert sich im Ganzen als ein schwer zu entschlüsselnder, von Widersprüchen geprägter Novemberkomplex und ist weder zur Abschreckung noch als Lernbeispiel innerhalb der deutschen Demokratiegeschichte umstandslos geeignet. Statt aber den Mangel an Eindeutigkeit zu beklagen, bietet es sich an, diese aufregende Transformationsperiode zwischen Krieg, Frieden, Revolution und Nachkrieg als vielfältige Erfahrungsgeschichte der Zeitgenossen weiter zu rekonstruieren. Sie befanden sich mitten in einer zukunftsoffenen Orientierungskrise, auf die sie mit ganz unterschiedlichen Gegenwartsdiagnosen und Kommentaren reagierten. Die darin von ihnen aufgezeigten Möglichkeitsräume haben – statt Belehrungen über versäumte Chancen und bessere Alternativen – unsere Aufmerksamkeit verdient.

Ausgewählte Literatur

  • Gallus, Alexander (Hrsg.), Die vergessene Revolution von 1918/19, Göttingen 2010.
  • Gerwarth, Robert, Die größte aller Revolutionen. November 1918 und der Aufbruch in eine neue Zeit, München 2018.
  • Jones, Mark, Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik, Berlin 2017.
  • Käppner, Joachim, 1918 – Aufstand für die Freiheit. Die Revolution der Besonnenen, München 2017.
  • Keil, Lars-Broder/Sven Felix Kellerhoff, Lob der Revolution. Die Geburt der Demokratie in Deutschland, Darmstadt 2018.
  • Machtan, Lothar, Der Endzeitkanzler. Prinz Max von Baden und das Ende des Kaiserreichs, Darmstadt 2018.
  • Machtan, Lothar, Kaisersturz. Vom Scheitern im Herzen der Macht, Darmstadt 2018.
  • Niess, Wolfgang, Die Revolution von 1918/19. Der wahre Beginn unserer Demokratie, Berlin 2017.
  • Niess, Wolfgang, Die Revolution von 1918/19 in der deutschen Geschichtsschreibung. Deutungen von der Weimarer Republik bis ins 21. Jahrhundert, Berlin 2013.
  • Schönpflug, Daniel, Kometenjahre. 1918: Die Welt im Aufbruch, Frankfurt am Main 2017.
  • Ullrich, Volker, Die Revolution von 1918/19, München 2009.
  • Weinhauer, Klaus/McElligott, Anthony/Heinsohn, Kirsten (Hrsg.), Germany 1916–23. A Revolution in Context, Bielefeld 2015.

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Autor: Alexander Gallus für bpb.de
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