Grenzstadt Görlitz

10.2.2009 | Von:
Matthias Kneip

Polnische Literatur und deutsch-polnische Literaturbeziehungen

Nach der Niederschlagung des Novemberaufstandes 1831 durch russische Besatzungstruppen emigrierten polnische Aufständische nach Deutschland, Frankreich und in die Schweiz. Es entstanden Hunderte von so genannten Polenliedern deutscher Dichter, die mit den polnischen Aufständischen sympathisierten und diese vor dem Hintergrund der eigenen Unfähigkeit zur Revolution idealisierten. Neben den deutschen Dichtern hat auch Gottfried Keller dieses Thema in seiner Novelle "Kleider machen Leute" aufgegriffen. Denn die Hochachtung, die die Bürger Goldachs dem vermeintlichen polnischen Grafen Wenzel Strapinski in der Novelle entgegenbringen, steht historisch unmittelbar im Zusammenhang mit der – fast möchte man sagen blinden – Verehrung der polnischen Aufständischen im damaligen deutschen Bund. Dass diese Novelle ohne Kenntnisse über die damalige historische Lage in Polen kaum oder nur teilweise zu entschlüsseln ist, zeigt auch die biografische Situation Kellers. Als Staatsschreiber und zugleich Sekretär des Provisorischen Komitees zur Unterstützung der Polen in den Jahren 1863/64 hatte sich Keller in dieser Funktion unmittelbar mit dem Schicksal von polnischen Flüchtlingen, ihrer Unterbringung und Versorgung, aber auch mit Betrügern, die diese Situation auszunutzen versuchten, zu befassen. So untersuchte er u.a. den Fall eines gewissen Julius Schramm, der aus Preußen stammte, als russischer Agent tätig war und sich als polnischer Freiheitskämpfer ausgab.

Es würde zu weit führen, hier die mehr als ein Dutzend expliziten Bezüge der Novelle zur polnischen Geschichte im Einzelnen auszuleuchten. Aber schon allein der Name Strapinski und die Kleidung der Hauptfigur geben deutliche Hinweise darauf, unter welchen historischen Umständen eine solche Verwechslung überhaupt nur möglich war. Die spezifisch polnische Kleidung Strapinskis offenbart den Illusionshunger des Schneidergesellen und sein Bedürfnis, eine gleichförmige, bürgerliche Wirklichkeit romantisch aufzuheben. Die erwähnte polnische Pelzmütze – eine mit Pelz verbrämte viereckige Kopfbedeckung, auch Rogatywka genannt – wurde erstmals in den patriotischen Befreiungskriegen getragen, in denen der polnische Nationalheld Tadeusz Kościuszko (1746–1817) bei Dubienka 1792 über die zaristischen Truppen siegte. Sie wurde zum Zeichen eines idealisierten, nationalen polnischen Bewusstseins. Der Leser ahnt, dass das Polnische deshalb bei Keller imitiert wird, weil es Ideale verkörpert, die sowohl vom Schneidergesellen, als auch von den Schweizer Bürgern erstrebt wurden und die in unmittelbarem historischem (also realistischem!) Zusammenhang mit den Ereignissen seiner Zeit stehen. Die Idealisierung und Bewunderung Strapinskis durch die Goldacher offenbart zugleich deren eigene, biedere Wirklichkeit.

Nach der Niederschlagung auch des Januaraufstandes von 1863 entwickelte sich in Polen als Gegenströmung zur Romantik der polnische Positivismus, der von Autoren wie Eliza Orzeszkowa (1841-1910) und Bolesław Prus (1847-1912) vertreten wurde. Diese Autoren wandten sich gegen die Aufstandsmentalität und riefen dazu auf, die Wiedergeburt Polens durch staatliche Selbstorganisation voranzubringen. Eine erneute Richtungsänderung brachten die Autoren des Jungen Polen, die letztendlich der polnischen Literatur um die Jahrhundertwende den Weg in die Moderne ebneten und aus deren Gemeinschaft sich später verschiedene literarische Strömungen wie die Avantgarde, der Futurismus oder der Expressionismus herausbildeten. Am Anfang dieser Bewegung stand als ihr programmatischer Initiator und Vorreiter Stanisław Przybyszewski, der viele Jahre in Deutschland lebte und enge Verbindung zur Berliner Boheme, insbesondere zu Richard Dehmel pflegte. Auch wenn Przybyszewskis literarisches Werk weitgehend in Vergessenheit geraten ist, hatten seine revolutionären Ideen und Tabubrüche, ähnlich wie die antinaturalistischen Manifeste eines Hermann Bahr in Deutschland, großen Einfluss auf den weiteren Verlauf der polnischen Literaturgeschichte.

Przybyszewskis Skandale und Saufgelage machten ihn im Berlin der Jahrhundertwende zu einer der schillerndsten und bekanntesten Persönlichkeiten der Boheme, neben Gesinnungsgenossen wie Strindberg, Munch, oder Richard Dehmel.

Die Dichter des Jungen Polen, wie Kazimierz Przerwa-Tetmajer (1865–1940), Jan Kasprowicz (1860–1926) oder Stanisław Wyspiański (1869–1907) schufen auch die Grundlage für die spätere Entstehung der absurden und grotesken Werke von Stanisław Witkiewicz (1885–1939), Witold Gombrowicz (1904–1969) und Bruno Schulz (1892–1942), die das sog. groteske Dreigestirn der Zwischenkriegszeit prägten. Alle drei Autoren zählen durch ihre Dramen und Prosawerken zu den bedeutendsten Vertretern der polnischen Avantgarde und neben den Lyrikern Julian Przyboś (1901–1970) und Julian Tuwim (1894–1953) zu den bedeutendsten Schriftstellern ihrer Zeit. Insbesondere das literarische, aber auch das grafische Werk von Bruno Schulz, der häufig als polnischer Kafka bezeichnet wird, erlebt heute eine Renaissance.

Der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen und anschließend dem sowjetischen Überfall auf Polen bewirkte eine neuerliche Hinwendung zur romantischen Tradition. Junge Poeten wie Krzysztof Kamil Baczyński (1921–1944) oder Tadeusz Gajcy (1922-1944) publizierten ihre Gedichte in Untergrundzeitschriften, wobei viele Autoren dieser Generation im Warschauer Aufstand von 1944 fielen. Der opferreiche Widerstand gegen das NS-Regime trug dabei mitunter Züge romantischen Heldentums. Auch Günter Grass spielt in der Blechtrommel bei der Beschreibung der polnischen Kampftruppen bissig-ironisch auf diesen polnischen Heldenmut an. Diese Passage war unter anderem eine Ursache dafür, dass die Blechtrommel in Polen lange Zeit verboten war und ihrem Autor erst seit den 80er-Jahren große Anerkennung zuteil wurde. Tausende Polen und Juden kamen beim Aufstand im Warschauer Getto 1943 und beim Warschauer Aufstand 1944 ums Leben.

Ähnlich wie in Deutschland Günter Eich, der nach dem Krieg Inventur machte, stellten sich auch polnische Autoren wie Czesław Miłosz (1911–2004) oder Tadeusz Różewicz (*1921) die Frage, was nach all den schrecklichen Erfahrungen und Erlebnissen übrig geblieben ist, was gerettet wurde. Vor allem Tadeusz Różewicz wurde zum Sprecher einer Generation, deren physische und moralische Welt zusammengebrochen war und der versuchte, eine adäquate Sprache für eine Literatur nach Auschwitz zu schaffen. Er debütierte im Jahr 1947 mit dem Gedichtband "Unruhe", der einer literarischen Revolution gleichkam und Różewicz zum Schöpfer einer neuen poetischen Sprache in der polnischen Literatur machte. Różewicz wurde zum "Dichter der gewürgten Gurgel", zur repräsentativen Stimme der polnischen Nachkriegsliteratur, der über seine Dichtung sagte:

"Ich kann nicht begreifen, dass eine Poesie fortbesteht, obwohl der Mensch, der diese Poesie – als Zeichensprache, die das Unsagbare aussagen soll – ins Leben rief, tot ist. Grund und Antrieb für meine Dichtung ist auch der Hass gegen die Poesie. Ich rebellierte dagegen, dass sie das "Ende der Welt" überlebt hat, als wäre nichts geschehen. Unerschütterlich in ihren Gesetzen, Gebrauchsanweisungen und Praktiken. Meine eigenen Gedichte betrachte ich mit Misstrauen. Ich habe sie aus dem Rest der übrig gebliebenen, geretteten Worte gefügt, aus uninteressanten Worten, aus Worten vom großen Müllhaufen, vom großen Friedhof. Ich bildete mir ein, ich sei der erste Mensch, der sagt: "Guten Tag", "Wasser", "die Sonne geht auf" ... Ich schuf Poesie für Entsetzte. Für dem Gemetzel Preisgegebene. Für Überlebende. Wir lernten das Sprechen von Anfang an. Sie und ich. Nur ein verzweifelter oder infantiler Mensch kann mit Hilfe ausgesuchter Bilder "die Schönheit" beschreiben, wo vor unseren Augen die Wahrheit stirbt." [5]

In der deutschen Literaturwissenschaft hat man, wie mir scheint, bislang noch zu wenig erkannt, wie ähnlich die literaturhistorischen Gegebenheiten in Deutschland und in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg waren. Ohne hier diese meines Erachtens hochinteressante Thematik weiter vertiefen zu können, sei doch dem poetischen Ansatz von Różewicz das poetische Manifest eines Wolfgang Borcherts gegenübergestellt, das ebenfalls im Jahr 1947 erschien, als der Gedichtband "Unruhe" von Róźewicz in Polen veröffentlicht wurde:

"Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns Geduld. Wir brauchen die mit dem heißen heiser geschluchzten Gefühl. Die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und ja sagen und nein sagen: laut und deutlich und dreifach und ohne Konjunktiv. Für Semikolons haben wir keine Zeit und Harmonien machen uns weich und die Stillleben überwältigen uns: Denn lila sind nachts unsere Himmel. Und das Lila gibt keine Zeit für Grammatik, das Lila ist schrill und ununterbrochen und toll. Über den Schornsteinen, über den Dächern: die Welt: lila. Über unseren hingeworfenen Leibern die schattigen Mulden: die blau beschneiten Augenhöhlen der Toten im Eissturm, die violettwütigen Schlünde der Kanonen." [6]

Ich denke, die Ähnlichkeiten dieser beiden sprachpoetologischen Ansätze sind durchaus auch für Schülerinnen und Schüler evident und nachvollziehbar. Noch heute zählt Tadeusz Różewicz neben den Nobelpreisträgern Czesław Miłosz und Wisława Szymborska (*1927) zu den wichtigsten und bedeutendsten Autoren seines Landes. Dabei ist es nicht verwunderlich, dass die letzten Nobelpreise für Polen an Lyriker gingen, zumal das Land vor allem in dieser literarischen Gattung in den vergangenen Jahrzehnten Weltliteratur hervorgebracht hat.

Der demokratische Umbruch in Polen im Jahr 1989 öffnete nicht nur die Tore für die Rückkehr Polens in die politische Gemeinschaft Europas, sondern er ermöglichte den polnischen Autoren auch die Auseinandersetzung mit bislang tabuisierten Themen ohne Rücksicht auf nationale oder politische Empfindlichkeiten. Jüngere Autoren wie Paweł Huelle (*1957), Stefan Chwin (*1949), Andrzej Stasiuk (*1960), Natasza Goerke (*1960) oder Olga Tokarczuk (*1962) sind seitdem zu Wortführern einer neuen Generation geworden, die allmählich den Platz der großen, zum Teil noch lebenden Klassiker einzunehmen beginnt.

Die zunehmende literarische Auseinandersetzung mit Themen aus der deutsch-polnischen Vergangenheit sowohl bei jüngeren deutschen, als auch bei jüngeren polnischen Autoren zeigt, dass das aktuelle literarische Schaffen beider Länder nach und nach aufeinander zugeht, Berührungsängste von einst schwinden und eine gegenseitige Rezeption stattfindet. Der weltweit beachtete Auftritt der neuen polnischen Autorengeneration auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2000 war ein beeindruckendes Zeichen dafür, dass die polnische Literatur aus dem politischen Käfig ihrer nationalen Enklave längst herausgetreten ist, hinaus auf den freien Markt der Weltliteratur, und sich frei gemacht hat von den Fesseln einstiger Zensur und thematischer Unfreiheit. Doch während die Polen allein schon durch die weitaus besseren Sprachkenntnisse der deutschen Literatur offen und neugierig gegenübertreten, müssen insbesondere junge Menschen motiviert werden, in die schönen Augen des Nachbarn zu blicken. Und wer den Blick in die Augen der polnischen Poesie wagt, wendet ihn meist nicht mehr von ihr ab.

Literatur:

Kneip, Matthias/Mack, Manfred: Polnische Literatur und deutsch-polnische Literaturbeziehungen. Materialien und Kopiervorlagen für den Deutschunterricht. 10.-13. Schuljahr. Berlin 2003.

Dedecius, Karl: Polnische Bibliothek. Begründet von Karl Dedecius. Frankfurt am Main 1982-2000. Die Übersetzungen aller hier in deutscher Sprache zitierten polnischen Gedichte stammen von Karl Dedecius.

Dedecius, Karl: Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts. 5 Abteilungen in 7 Bänden. Deutsches Polen-Institut Darmstadt. Zürich 1996-2000.

Fußnoten

5.
Różewicz, Tadeusz: Poesie für Entsetzte. Aus: Theorie der modernen Lyrik. Dokumente zur Poetik I. Hamburg 1966. S. 416ff.
6.
Borchert, Wolfgang: Das ist unser Manifest. Aus: Das Gesamtwerk. Hamburg 1959.
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