Eine leuchtende grüne Ampel neben einer roten, die mit dem Wort 'GO' beschriftet ist.

5.1.2007 | Von:
Rishab Aiyer Ghosh

Die große Welt der vielen Kleinen

Sie sprachen schon von Textbüchern als einem anderen Open-Source-Modell. Derzeit wird es ausschließlich für Software und Kulturgüter verwendet. Lässt es sich auch auf andere Güter und Dienstleistungen ausweiten? Wo wäre die Grenze?

Ich sehe zwei Grenzen. Die eine ist eine Art "harter" Grenze, die mit der Natur der Güter und Dienstleistungen zu tun hat. Die andere ist eine "weiche" Grenze, die sich verändert und mit der Nachhaltigkeit der Anreize zu tun hat. Die harte Grenze ist möglicherweise der materielle Aspekt. Das ganze Modell der Freiheit und freien Produktion beruht auf der Tatsache, dass man den ganzen Topf kopieren kann. Für Autos wird es also nich funktionieren. Ich kann niemals eine Auto in meiner eigenen Garage herstellen; selbst wenn ich es könnte, wird es immer noch sehr viel Geld kosten, ich stelle nur ein Auto her, und ein weiteres Auto herzustellen, wird mehr kosten, als ein Auto herzustellen. Zehn Artikel, zehn Kopien desselben Artikels dagegen kosten nicht mehr als neun Kopien. Das wird also eine Grenze sein.

Nichtsdestotrotz kann es natürlich Open-Source-Blaupausen für Autos geben, bei denen Menschen ihre Auto-Entwürfe austauschen, und das gibt es bereits in bestimmten Bereichn der Sportausrüstung, wo Intensiv-Nutzer Veränderungen an ihrer Ausrüstung vornehmen – etwa im Surfen, Rollschuhfahren oder Skifahren. Es gibt eine Open Hardware-Bewegung, die versucht, Blaupausen für Computer zu veröffentlichen. Aber es gibt eine Grenze, an der das alles nicht länger offen ist, weil man den Gegenstand am Ende eben tatsächlich herstellen muss.

Die zweite Grenze hängt mehr mit Anreizen und deren Nachhaltigkeit zusammen. 1999 schien es noch, dass Open Source in technischen Bereichen eher funktionierte, wo Intensivnutzer und Entwickler die gleichen Menschen waren, und weniger in Bereichen, wo die Konsumenten sich sehr von den Entwicklern unterschieden. Aber das Spektrum der Anreize hat sich ausgeweitet, und so gibt es heute "OpenOffice", das genau so gut funktioniert wie "Microsoft Office". Es richtet sich ausschliesslich an Endnutzer – Entwickler erstellen nicht ständig grosse Dokumente oder Präsentationen, es gibt also nicht sehr viele Überschneidungen. Aber es funktioniert, weil es jetzt eine andere Infrastruktur gibt: es gibt Unternehmen die dafür bezahlen. Und es gibt Menchen, die diese Software nur deshalb entwickeln, um bekannt zu warden.

Es gibt also viele verschiedene Anreize, und ich denke, die Anreize unterscheiden sich von Fall zu Fall. In der Kunst hängt es davon ab, von welcher Kunstform man spricht. In der Musik gibt es ein altes Modell, das immer schon existierte und der Idee "Verbreite die Software kostenlos und mache Geld mit den Dienstleistungen" sehr ähnelt: "Verbreite die Musik kostenlos und mache Geld mit Auftritten". Und das ist tatsächlich immer noch der Hauptweg, auf dem Menschen mit Musik Geld verdienen.

In meiner Zeitschrift "First Monday" haben wir vor einigen Jahren einen Aufsatz veröffentlicht, der herausfand, dass es in Deutschland weniger als 1.500 Menschen gibt, die ihren Lebensunterhalt mit den Lizenzgebühren ihrer Musik verdienen, die mit dem Verkauf ihrer Musik mehr als 15.000 Euro im Jahr verdienen. Jeder andere Musiker muss sich seinen Lebensunterhalt entweder mit etwas anderem verdienen, oder mit Auftritten.

Vor zehn Jahren erschien ein sehr gut geschriebener Aufsatz über die Ökonomie der Musik von Courtney Love, der Partnerin von Kurt Cobain von "Nirvana", der besagte, dass sogar sie ihr Geld nicht mit den Platten verdienen, sondern mit den Auftritten, sodas es für sie Sinn machen würde, ihre Platten kostenlos zu verteilen, so dass mehr Leute kommen würden, um ihren Auftritten zuzuhören.

Ich weiss nicht, ob dieselben Anreize für andere Dinge wie etwa Malerei funktionieren. Bei Textbüchern können diese Anreize funktionieren, denn dort sind es Lehrer, die am besten in der Lage sind, Inhalte zu produzieren und verändern, und es gibt wirklich keinen Grund, warum Lehrer das nicht tun sollten. Dass ein ehemaliger Lehrer ein Textbuch schreibt, mit dem dann ein Verlag viel Geld verdient – dafür gibt es heute keinen wirklichen Grund mehr. Es ist absolut machbar, dass Tausende, Zehntausende Lehrer in ihren Klassenzimmern zusammenarbeiten, ihr Material untereinander austauschen und so verändern, wie es für ihr Klassenzimmer am besten passt.



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