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Selbst in der Autoindustrie findet man heute Arbeitsweisen der Open Source-Entwicklung. Denn die hat gezeigt: Langfristig kann Zusammenarbeit erfolgreicher sein als Wettbewerb.

Sandra Braman

In einem Satz: Was ist Open Source?

Es meint Dinge, die so veröffentlicht werden, dass jeder Zugang zu ihnen haben kann, ohne dafür zu bezahlen. Es meint auch, dass alles, was man herstellt, tatsächlich da draußen erhältlich ist. Denn neben Geld gibt es noch andere Gründe, warum Dinge für uns manchmal nicht zugänglich sind.

Wenn man sich die Produzenten von Open Source-Software anschaut: Was treibt sie an, etwas kostenlos wegzugeben? Was haben sie davon?

Wenigstens dreierlei. Zum einen ist es der Versuch, Dinge geschehen zu lassen, die nicht geschehen werden, wenn wir nicht zusammenarbeiten, miteinander Informationen teilen.

Manchmal ist es sehr idealistisch. Man will einfach sein Wissen oder eine gute Sache mit anderen teilen.

Außerdem ist es eine langfristige Sichtweise statt einer kurzfristigen. Kurzfristig mag man keine direkte Entlohnung erhalten, aber auf lange Sicht können sich die Dinge für einen so weiterentwickeln, dass sie in der Tat sicherstellen, dass man langfristig versorgt ist. Auf lange Sicht ermöglicht es einem, einen Job zu bekommen oder Teil einer Organisation zu werden, die einen langfristig trägt.

Warum sollte ich als Konsument Open-Source-Produkte wählen, wenn ich proprietäre Produkte habe, die für mich gut funktionieren?

Das führt uns zurück zur Frage, warum es besser sein könnte, wenn wir zusammenarbeiten. Denken wir an das Beispiel Software: Ein Unternehmen hat sein eigenes Interesse und bestimmt seine eigenen Regeln, was hergestellt wird. Und der Markt, die Nutzer, die Konsumenten mögen das Produkt völlig inakzeptabel finden, aber es gibt keinen Weg, mit den Menschen zu reden, die es hergestellt haben. Wir sitzen also fest. Wenn man Open-Source-Software nimmt, hat man Scharen von Nutzern, die in der Lage sind, Frustrationen oder Bedürfnisse in Reparaturen zu übersetzen und die Software so viel besser zu machen. Die erste Sache ist also: Man bekommt bessere Software. Probleme werden gelöst.

Zweitens wird das Geld of fairer verteilt, das aus der Entwicklung von Produkten kommt. Wir haben gerade [auf einem Panel von Wizards of OS] eine wunderbare Geschichte über ein Modell für Musikdistribution gehört, das sicherstellt, dass die tatsächlichen Musiker Geld verdienen – und nicht die Plattenfirmen. Und das gleiche geschieht mit freier Software und anderen Dingen. Wenn man Open Source-Software oder vergleichbare Güter und Dienstleistungen kauft, werden die Menschen, die sie tatsächlich herstellen, mehr bekommen, statt dass das Geld nur an die Unternehmen und Anteilseigner fließt.

Ein dritter Wert für mich als Kunden ist, dass ich mit Dingen, die ich als Open Source gekauft habe, alle möglichen Sachen anstellen kann. Wenn ich Software von einer Firma kaufe, die die Software kontrolliert, bin ich an die Möglichkeiten gebunden, die sie mir gibt. Aber wenn ich mir die Software als Open Source hole, kann ich sie maßschneidern, sodass sie genau das tut, was ich will. Und das macht mich zugleich zu einem Produzenten.

Das Open-Source-Modell wird derzeit ausschließlich für Software und Kulturgüter verwendet. Lässt es sich auch auf andere Güter und Dienstleistungen ausweiten? Wo wäre die Grenze?

Letzte Frage zuerst: Natürlich kennen wir die Grenze nicht. Ein anderes Gebiet, das derzeit den Übergang zu Open Source sehr schnell vollzieht, ist die Welt der wissenschaftlichen Produktion. Das ist zwar auch nichts Greifbares, aber wir sind an der Schwelle zu einem wesentlich offeneren Zugang zu wissenschaftlichen Information für alle Menschen auf der Welt. Und das wird wieder zu jedermanns Vorteil sein: Je mehr Menschen man hat, die über schwierige Probleme nachdenken, desto wahrscheinlicher wird man Antworten für sie finden.

Was Gegenstände angeht, nun: Zwischen der Welt der traditionellen Ökonomie, kurzfristigen Transaktionen und "es muss immer Geld im Spiel sein" auf der einen Seite und dem Open Source-Ideal auf der anderen, in seiner utopischen Formulierung – zwischen diesen beiden haben wir konkrete ökonomische Theorie, die darüber spricht, was die digitale Welt, in der wir leben, unterscheidet von der industriellen oder landwirschaftlichen Ökonomie.

Es gibt verschiedene Arten, über "die Informationswirtschaft" zu sprechen, aber die Art, die die Welt, in der wir leben, am genauesten wiederspiegelt, und die zugleich die nützlichste Art ist für diejenigen, die ökonomische Aktivitäten planen, selbst für Manager von Unternehmen –, die beste Art also scheint zu sein, dass wir einen wirklichen Wandel in der Weise annehmen, wie die Wirtschaft funktioniert. Es geht nicht darum, dass es mehr Informationsgüter gibt als früher – es geht darum, dass die Dinge anders funktionieren.

Im klassischen ökonomischen Modell lag der Schwerpunkt stets auf Wettbewerb. Ich bin nur dann besser, wenn du schlechter bist, und wir messen kurzfristig, ob ich mehr Geld mache als du. In der Informationswirtschaft sind Zusammenarbeit und die Koordination unserer Handlungen langfristig genauso erfolgreich oder sogar erfolgreicher als Wettbewerb.

Also sehen wir die Anfänge neuer Praktiken sogar in solchen Unternehmen, die sehr traditionell wirken – wenn es darum geht, wie sie Dinge zu teilen bereit sind, was ihre Angestellten mit anderen Organisationen tun dürfen, wie sie Ressourcen teilen, wie sie Wissen teilen; es muss nicht immer ein Vertrag sein, es kann einfach eine Zusammenarbeit sein. Das ist ein Problem für das Kartellrecht, für das Wettbewerbsrecht, denn Dinge, die laut Wettbewerbsrecht illegal sind, müssen jetzt neu überdacht werden. Aber so, wie sich dieser Trend fortsetzt, werden wir meiner Ansicht nach viele Dinge sehen, die sehr traditionell wirkten – Autoproduktion und ähnliches – und nun mehr und mehr die Eigenschaften einer Open-Source-Welt annehmen. Wie weit das gehen wird, wissen wir noch nicht.

Sie würden also sagen, dass wesentliche Marktmechanismen wie die Koordination von Angebot und Nachfrage oder effiziente Arbeitsorganisation auch in einem kollaborativen Modell funktionieren?

Das ist eine gute Art, die Frage zu formulieren. Ja, ich glaube, das entdecken wir gerade. Was gerade geschieht, ist, dass wir neue Wege kennen lernen, Angestellte zu effizientem Arbeiten zu motivieren und den Markt zu koordinieren. Die Abstimmung von Produktion und Konsum ist ein sehr gutes Beispiel: Es gibt alle möglichen Leute, die durch soziale Netzwerke und das Internet ziehen, um herauszufinden, was für die Menschen wirklich von Interesse ist. Reale menschliche Wesen geben also Input in die Gestaltung der Dinge, die hergestellt werden, und das viel früher im Herstellungsprozess als zuvor.

Können Menschen mit Open-Source-Produkten ihren Lebensunterhalt verdienen? Wird das Modell nicht immer auf eine klassische Marktwirtschaft im Hintergrund angewiesen bleiben, oder auf Fördergelder?

Selbst in der industriellen Wirtschaft haben wir eine wirkliche Veränderung in der Vorstellung sehen können, wo das Geld sitzen muss, um die Wirtschaft anzutreiben. Das geschah in den späten 1930ern. Bis dahin meinte jeder, um die Wirtschaft in Gang zu halten, müssten die Reichsten viel Geld haben, und das würde dann hinuntersickern und so alles antreiben. In den 1930ern gab es dann einen Wandel in der Theorie, der in Regierungspolitik übersetzt wurde und da lautete: Nein, wenn die Wirtschaft arbeiten soll, muss jeder Geld haben, um sich Sachen zu kaufen und am Leben zu halten. Das war ein wirklich bedeutsamer Wandel, und ich denke, ein solcher Wandel steht uns heute auch offen.

Wir haben eine Reihe möglicher Lösungen. Es gibt jetzt schon zahlreiche Menschen, die in regulären Vollzeitjobs an Open-Source-Software arbeiten. Eine andere Variante ist die Entwicklung völlig neuer Modelle dafür, woher die Ressourcen kommen. Wegen dieser neuen Modelle habe ich die 1930er erwähnt: Vielleicht investieren Menschen, die etwas direkt nutzen wollen, statt auf seine Entwicklung und Vermarktung zu warten, die nötigen Ressourcen noch früher als bisher.

Tatsächlich gibt es dafür schon Modelle, Künstler zum Beispiel, die sagen: "Ich würde gerne dieses neue Projekt machen, und ich bringe es auf eine Art Aktienmarkt und du kannst 40 Prozent meines Projekts kaufen. So-und-so-viel Geld werde ich dafür wahrscheinlich brauchen. Und wenn ich es zusammen habe, mache ich mein Projekt, und wenn es dann jemand tatsächlich kauft, bekommst du deinen Prozentanteil zurück." Das ist eine völlig andere Weise, ein Kunstsammler zu sein, zum Beispiel. Ich glaube, es wird eine Kombination aus beiden sein: Mehr und mehr Menschen werden [mit Open-Source-Projekten] auf klassischem Wege ihren Lebensunterhalt verdienen, und wir werden neue ökonomische Modelle sehen.

Haben sie ein Beispiel für Menschen, die erst kostenlos gemeinsam an etwas arbeiten und dafür später entlohnt werden, den Profit gleichmäßig aufteilen?

Natürlich findet man auch Fehlschläge, aber ich denke, YouTube ist ein Beispiel. Es gibt sicher Fälle, wo Menschen etwas kostenlos getan haben, weil sie es gerne tun, und am Ende die Organisation oder Webseite oder den Prozess, die sie entwickelt haben, für gigantische Summen verkaufen. Wir können auch beobachten, dass ein langsameres Wachstum, als es in einem unternehmerischen Umfeld üblich wäre, mehr und mehr ökonomisch tragfähig wird.

Aber wie überbrückt man die Zeitspanne bis zu dem Punkt, an dem man das kostenlos Hergestellte verkauft?

Ich bin kein neoklassischer Mikroökonom, aber um in ihre Rolle zu schlüpfen – sie würden sagen: Jeder Unternehmer geht ein Risiko ein. In einem klassischen ökonomischen Modell setzt sich der Unternehmer selbst einem Risiko aus und sagt: Ich werde die nächsten Jahre keinen wirklichen Urlaub nehmen, um so mein neues Geschäft in Gang zu bekommen. Und ich denke, es ist nur legitim zu sagen: Wenn es fair ist, dass in einer Marktwirtschaft zu erwarten, dann ist es auch fair in einer Open-Source-Wirtschaft.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Sebastian Deterding

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Als Geschäftsführer einer Agentur für Open Source ist Markus Beckedahl natürlich begeistert von freier Software. Sie ist günstiger, sicherer, vielfältiger – und trotzdem lukrativ für viele.

Sandra Braman ist Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Universität Wisconsin-Milwaukee. Seit den 1980ern erforscht sie die sozialen und politischen Dimensionen neuer Informationstechnik. Ihr jüngstes Buch "Change of State. Information, Policy, and Power" erschien 2006 bei MIT Press.