Auf einem Notebook ist die Startseite der deutschen Wikipedia vor einem Bücherregal zu sehen

10.10.2012 | Von:
Matthias Ballod

Wikipedia im Schulunterricht

Vermittlung von Informationskompetenz?

Recherchieren und Bewerten

Eine Informationsbewertung muss immer zwei Aspekte berücksichtigen: 1.) Die Qualitätsbewertung, die sich auf die Information selbst bezieht. Hierbei geht es unter anderem um die Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit der Informationsquelle. 2.) Die Relevanzbewertung, die sich auf das aktuelle Informationsbedürfnis und das eigene Rechercheziel bezieht. Eine zutreffende Einschätzung der Kategorien "Qualität" und "Relevanz" setzt Vor- und Orientierungswissen bereits voraus. Denn erstens muss immer der Rückbezug zur Ausgangssituation (Suchziel, Suchstrategie) erfolgen und zweitens kann dieselbe Information für eine Person relevant, für eine andere nutzlos oder bekannt sein. Generell eignen sich sowohl wissenschaftliche als auch journalistische Standardroutinen zur ersten Einschätzung:
  • Welche Quellen werden wie verwendet und zitiert?
  • Sind alle Quellenbelege ausgewiesen?
  • Wie verständlich, aktuell, neutral ist der Artikel verfasst?
  • Gibt es offenkundige 'Leerstellen‘?
  • Welche weiterführenden Informationen finden sich?
Auch die bekannten W-Fragen helfen weit: Wer, was, wem, wie, wann, wo, womit, wozu? Aktualität, Autorenschaft, Zielgruppe, Textsorte und Aufbereitung bieten wichtige Anhaltspunkte einer Bewertung. Wer sind die Autoren? Wann wurde der Artikel zuletzt bearbeitet, von wem?

Wichtig ist es, auf dieser Ebene nicht stehen zu bleiben, sondern erneut hinter die Kulissen von Wikipedia zu schauen. Insbesondere der Button Diskussion ist ein geeignetes Fenster, um mehr über die Entstehung und den damit verbundenen Kontroversen zu erfahren. Hier zeigt sich deutlich, dass mitnichten immer eine 'Wirklichkeit‘ oder gar 'Wahrheit‘ publiziert wird, sondern Texte von Menschen gemacht sind und somit immer auf Weltbildern und Theorien basieren sowie Anschauungen und Meinungen transportieren.

Schüler sollen sich daher aktiv in den Meinungsaustausch einbringen und Artikel kommentieren. Sie können auch unmittelbaren Kontakt mit Administratoren suchen,. indem sie die Autoren oder Administratoren interviewen oder sich direkt mit Fragen an die Redaktionen) wenden. Bereits die Profile der Wikipedianer erlauben interessante Einblicke in die innere (Macht-)Struktur, Funktions- und Konfliktbereiche der Online-Enzyklopädie. Besonders Wettbewerbe eignen sich zur methodischen Umsetzung:

Verschiedene Gruppen treten gegeneinander an, wobei Quellen und Recherchewege vorgegeben und die Ergebnisse anschließend im Plenum verglichen werden. Welche Befunde liefert Wikipedia, welche andere Online- oder Offline-Quellen? Auch WebQuests lassen sich mit Wikipedia sehr gut durchführen. Oder: Einzelne Gruppe müssen von Wikipedia ausgehend recherchieren, andere auf Wikipedia ganz verzichten. Oder: Schüler sollen bis die bei Wikipedia ausgewiesenen Belegen, Quellen und Literaturangaben recherchieren, bis hin zu gedruckten Originaltexten.

Vergleichen

Neben dem oben erwähnten Medien- und Werkvergleich ist Wikipedia für eine Vielzahl weiterer Vergleichsuntersuchungen sehr gut geeignet. Insbesondere interkulturelle und sprachliche Synopsen bieten sich an: Unterscheiden sich die Texte in Aufbau, Wortwahl und gewählten Beispielen? Welche Bilder werden verwendet? Welche Artikel fehlen in bestimmten Sprachen? Wie unterscheidet sich die Beschreibung bestimmte Ereignisse in unterschiedlichen Kulturräumen oder Sprachgemeinschaften?

Screenshot der Wikipedia-Seite 'Prosit'Screenshot der deutschen Wikipedia-Seite 'Prosit' Lizenz: cc by-sa/3.0/de (de.wikipedia.org)



Screenshot der englischsprachigen Wikipedia-Seite 'Toast'Und zum Vergleich: Screenshot der englischsprachigen Wikipedia-Seite 'Toast' Lizenz: cc by-sa/3.0/de (en.wikipedia.org)



Mit Bezug auf den fremdsprachlichen Unterricht lassen sich diese Vergleiche beliebig erweitern und mit einem Tastendruck ist eine neue Sprache linken Bildschirmrand gewählt. Der Phantasie von Lehrkräften und Dozenten, wie dieses "Multifunktions-Sprachwerkzeug" im Unterricht zu nutzen ist, sind kaum Grenzen gesetzt. Zahlreiche Gegenüberstellungen funktionieren aber auch innerhalb der deutschen Wikipedia:
  • Zu welchen Themen gibt es eigene Portale, die Artikelzusammenstellungen bieten?
  • Welche Schlagwörter fehlen ganz, welche Themengebiete sind nur dünn besetzt?
  • Wie differenziert werden einzelne Themenbereiche behandelt und wie tiefgehend – im Vergleich zu anderen Medienangeboten?
Insbesondere der Kategorienbaum ist hierbei nützlich, da mit dieser Funktion jeweilige Ober- und Unterbegriffe (bzw. Kategorien) von Stichwörtern angezeigt werden. Schüler, aber auch Lehrer können sich hierdurch einen Überblick zu vorhandenen Stichwörter verschaffen und einzelne Artikel leichter in begrifflich-thematischen Zusammenhängen einordnen.

Besonders interessant ist es, die Genese von Artikeln zu verfolgen, beispielsweise indem verschiedene Überarbeitungsstadien betrachtet werden. Anhand der "Entstehungsgeschichte" lassen sich Schritt für Schritt Änderungen an Artikeln nachvollziehen oder auch aufzeigen, welcher Nutzer wann und in welcher Form kleine oder große Veränderungen vorgenommen hat. Diese Wiki-Funktion verweist auf den Kern des Projekts, nämlich, dass viele Nutzer gemeinsam Wissen 'konstruieren‘ und damit auch 'konstituieren‘.

Screenshot der Versionsseite des Wikipediaeintrags von 'Prosit'Auf der Versionsseite des Wikipediaeintrags von 'Prosit' lassen sich die verschiedenen Überarbeitungsschritte nachvollziehen. Was erschien den Autoren bearbeitungswürdig? Lizenz: cc by-sa/3.0/de (de.wikipedia.org)



Zur wahren Fundgrube und Experimentierkiste wird die erweitere Funktion ‚Gewählte Versionen vergleichen‘, da hier eine echte Synopse nach frei wählbaren Kriterien (Autor, Zeit…) erstellt werden kann. Gerade bei besonderen Ereignissen, wie Lebensmittel-Skandalen (Gammelfleisch), Pandemien (Vogelgrippe) oder Katastrophen (Fukushima) lassen sich in zugehörigen Textgruppen quasi seismographische Änderungen nachzeichnen. Ebenfalls interessant ist es, sich der Funktion Links auf diese Seite zu bedienen, um Vernetzungen und Anschlussfähigkeiten des Artikels sichtbar zu machen.

Screenshot der Versionsvergleichseite des Eintrags 'Vogelgrippe'Mittels der Versionsvergleichseite lassen sich editierte Fassungen gegenüberstellen: Aktuelle Ereignisse wie hier die 'Vogelgrippe' werden so rasch verändert und bspw. durch neue Erkenntnisse angereichert. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (de.wikipedia.org)

Produzieren und Redigieren

Von besonderer Bedeutung ist das aktive und selbsttätige Beteiligen an der Entstehung und Ausgestaltung von Texten für die Wikipedia, also die Funktionen Bearbeiten und Diskussion. Hier ergibt sich erneut eine Vielzahl unterrichtsspezifischer Möglichkeiten: Kommentare können gemeinsam oder in Gruppenarbeit diskutiert und weitergeführt werden. Um dies angemessen zu tun, empfiehlt sich die Lektüre weiterführender Literatur oder das Rekurrieren auf vertieftes Schulwissen. Gezielt können Schülergruppen Artikeln annehmen, die mit dem Verweis ‚Artikel bedarf der Überarbeitung‘ gekennzeichnet sind, um diese zu verbessern. Aber auch gute und gängige Artikel können Schüler durch passende Beispiele oder geeignete Bilder aufwerten. Dabei werden Urheberrechtsfragen, lizenz- datenschutz- und nutzungsrechtliche Bestimmungen, plötzlich für die Schüler selbst bedeutungsvoll. Anlass für weitere Recherchen und Diskussionen bieten anknüpfende Themen wie Plagiate, Macht oder Zensur.

Durch das Formulieren, Gestalten und technische Erstellen der Texte lernen sie den ideellen, intellektuellen und zeitlichen Aufwand kennen, der ihnen ein Gespür für Autorenschaft vermittelt. Außerdem lernen sie eine Menge über Gutes Schreiben im Sinne der Wikipedia und die Anforderungen beim Verfassen und Formulieren anspruchsvoller Texte. Ganz praktische Fragen schließen sich an.
  • Welche Links sollten gesetzt werden?
  • Wie sind Quellen auszuweisen?
  • Was ist für das Verständnis wichtig?
  • Was kann wegfallen?
  • Wie schreibe ich korrekt, anspruchsvoll und verständlich zugleich?
Das Autorenportal stellt verständlich und übersichtlich Aktuelles, Erklärendes an und bietet Hilfestellung für Novizen. Schüler können nun eigene Artikel oder Ergänzungen zu für sie interessanten Themen verfassen: zu eigenen Hobbys, neuer Musik, aktueller Mode, dem Heimatort, Vereinen und Ehrenämtern oder zur eigenen Schule.

Bevor die Schüler mit dem Schreiben beginnen, müssen sie die obigen Schritte bei Wikipedia, im Netz oder auf alternativen Wegen durchlaufen. Sie kommen somit weg von der reinen Konsum- und 'Copy & Paste‘-Mentalität hin zu eigenen Texten, zur aktiven Teilnahme an gesellschaftlichen oder fachlichen Diskursen. In besonderer Weise bietet es sich an, kleine Schülergruppen über einen gewissen Zeitraum (geleitet oder frei) kontinuierlich an tagesaktuellen Themen mitschreiben oder Veränderungen beobachten zu lassen. Schüler 'erleben‘ Zeitgeschichte und 'schreiben‘ Geschichte. Auch die Startseite eignet sich hervorragend für vielfältige Gesprächsanlässe im Unterricht: Wikipedia aktuell, In den Nachrichten, Artikel des Tages oder Was geschah am?

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Matthias Ballod für bpb.de

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