Dossier Frauenbewegung

8.9.2008 | Von:
Dr. Mechthilde Vahsen

Wie alles begann – Frauen um 1800

Die Politisierung der Frauen

Damit waren die Politisierung und das gesellschaftskritische Engagement von Frauen nicht mehr aufzuhalten. Frauen engagierten sich in (religiösen) Vereinen oder der Reformbewegung zur Kindererziehung, arbeiteten als Autorin, Lehrerin oder Journalistin und setzten sich vehement für die Verbesserung der sozialen und politischen Stellung der Frauen ein. In ihren Romanen und Erzählungen thematisierten Ida Hahn-Hahn, Luise Dittmar, Fanny Lewald oder Louise Aston detailliert die Benachteiligungen ihres Geschlechts und die bürgerliche Doppelmoral. Sie entwarfen demokratische und gerechte Gesellschaftsmodelle, in denen die strikte Trennung der Geschlechter aufgehoben war. Viele dieser Frauen – sie waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht überregional vernetzt, sondern wirkten regional – bezogen sich auf die Tradition der Frauen-Geschichte und schrieben Biografien über andere Frauen, wie zum Beispiel über Protagonistinnen der Französischen Revolution oder Vertreterinnen des Egalitätsansatzes. Die so genannte Frauenfrage wurde zu einem wichtigen gesellschaftlichen Thema.

Louise Otto-Peters (1819 – 1895), 1848er Revolutionärin und Mitgründerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins.Louise Otto-Peters (1819 – 1895), 1848er Revolutionärin und Mitgründerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins. Bildnachweis (© AddF)
1843 wagte eine Frau den mutigen Schritt in die politische Öffentlichkeit: Louise Otto-Peters. Sie antwortete auf die in den Sächsischen Vaterlandsblättern gestellte Frage, wie die politische Stellung der Frau aussehen könne, mit folgendem Satz: "Die Teilnahme der Frau an den Interessen des Staates ist nicht ein Recht, sondern eine Pflicht." Damit gab sie die Linie für die von ihr initiierte erste deutsche (bürgerliche) Frauenbewegung vor.

In den Jahren bis zum Ausbruch der Revolution in Deutschland meldeten sich weitere Frauen zu Wort. Louise Dittmar kritisierte die christlichen Religionen und setzte gegen die bürgerliche Ideologie frühsozialistische Ideen (für sie war die Frauenfrage eine Frage von Freiheit und Menschenrecht). Kathinka Zitz war in Mainz aktiv und setzte sich, auch aufgrund eigener Erfahrungen in einer unglücklichen Ehe, für die Rechte von Frauen ein. Louise Aston hingegen, die aufgrund ihres Verhaltens – sie trug Männerkleidung – aus Berlin ausgewiesen wurde, schrieb zu ihrer Verteidigung ein Buch, in dem sie die Gleichheit der Geschlechter forderte.

Die Revolution von 1848/49

Im Jahr 1848 erreichten die Proteste in Deutschland einen Höhepunkt: Auf Massenkundgebungen und mit Hilfe von Petitionen wurden die Abschaffung der Zensur, Presse- und Versammlungsfreiheit, eine neue Verfassung und ein einheitlicher Bundesstaat gefordert. Auch die sozialen Probleme (Verarmung weiter Teile der Bevölkerung) standen auf der politischen Agenda. Tatsächlich wurde ein so genanntes Vorparlament gebildet, das die Frankfurter Nationalversammlung vorbereiten sollte. Doch die politischen Meinungen waren zu unterschiedlich: Einige forderten ein Kaiserreich, andere wiederum wollten eine Republik als Staatsform. Die Republikaner konnten sich nicht durchsetzen und aktivierten daraufhin Aufstände, die jedoch scheiterten. Auch an diesen Aufständen waren in großer Zahl Frauen beteiligt, sie kämpften auf den Barrikaden und bildeten eigene Korps.

Arbeiterinnen demonstrierten und demokratische Frauenvereine wurden gegründet. Einige Frauen, die bereits vor 1848 politisch aktiv waren, mischten sich vehement ein: Kathinka Zitz, Johanna Kinkel, Elise Blenker, Mathilde Franziska Anneke, Amalie Struve, Emma Herwegh, Louise Aston, Louise Otto-Peters. Viele von ihnen kamen nach dem Scheitern der Revolution ins Gefängnis oder flüchteten ins Exil. Trotzdem ließen sie sich nicht den Mund verbieten, sondern verarbeiteten diese aufregende Zeit literarisch und journalistisch, um ihre politische Überzeugung weiter zu verbreiten. Denn obwohl die Organisationen der Frauen zunächst aufgelöst waren, blieben ihnen die Erfahrungen und Erlebnisse.

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