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Dossier Frauenbewegung

13.1.2009 | Von:
Dr. Mechthilde Vahsen

Louise Dittmar

Auf diese Positionen reagierte die religiöse Reformbewegung, wie sie sich z. B. in den deutschkatholischen Gemeinden organisierte, mit Lob und Anerkennung. Auch die politische Opposition meldete sich bei der mutigen Autorin und Philosophin und lud sie zum Vortrag nach Mannheim ein. Dort stellte Louise Dittmar 1847 ihre Anschauungen einem interessierten Publikum vor. Die Vorträge wurden später unter dem Titel "Vier Zeitfragen. Beantwortet in einer Versammlung des Mannheimer Montag-Vereins" veröffentlicht.

Auch hier wieder präsentierte die Denkerin ihr radikales Gesellschaftskonzept, das den Menschen als Gestalter der Gesellschaft definierte. Sie kritisierte Kapitalismus und Zensur als Zerstörer der Menschenwürde. Dabei wies sie der Französischen Revolution die Rolle zu, die Idee der Freiheit geboren zu haben, die nun umgesetzt werden müsse.

Dass sie als Frau öffentlich auftrat, galt ihr bereits als politisches Handeln. "Ich betrachte mein heutiges Erscheinen in diesem Kreise, so unbedeutend es auch in diesem Augenblick sein mag, als eine That. – Zum Erstenmal spricht eine Frau sich öffentlich über das aus, was sie unter Gewissensfreiheit versteht; sie geht mit einem Beispiel voran, das ihr die Anfeindung engherziger und gleißnerischer Naturen zuziehn wird. – Doch ich gestehe mir meines moralischen Werthes zu deutlich bewußt zu sein, um solche fromme Hornissen zu fürchten."Skizzen und Briefe, S. 127f.

Ein Bekenntnis zur revolutionären Aktion, zur radikalen Umgestaltung der gesellschaftlichen Zustände, das sie allerdings 1848 nur begrenzt umsetzte und weiterhin in dem von ihr gewählten Medium der Publizistik verbreitete. Dem schlossen sich im gleichen Jahr zwei Bände mit politischen Gedichten an. Schließlich überlegte die mittlerweile sehr bekannte Autorin, eine Zeitschrift zu verlegen. Der Plan glückte und im Januar 1849 erschien die "Die sociale Reform", musste aber bereits nach vier Ausgaben wieder eingestellt werden. Autorinnen und Autoren waren u. a. Louise Otto, Johanna Küstner, Karl Fröbel, Claire von Glümer, Malwida von Meysenbug, was auch auf die vielfältigen Kontakte der Herausgeberin verweist.

Im gleichen Jahr erschien das wohl bedeutendste Buch Dittmars, das bereits in ihrer Zeitschrift "Die sociale Reform" abgedruckt worden war: "Das Wesen der Ehe. Nebst einigen Aufsätzen über die soziale Reform der Frauen". Darin heißt es in einem Brief: "Ich lebe nur in dem Gedanken der Freiheit, der Vervollkommnung und es ist vielleicht diese fast leidenschaftliche Begeisterung für die allseitige Erhebung des Menschen, die mich meine Kräfte zersplittern läßt". Hier formulierte Dittmar erneut ihre Ideen, Vorstellungen, Überzeugungen, Forderungen für eine andere, bessere, soziale, demokratische, gleichberechtigte Gesellschaft. Der ebenfalls bereits in der Zeitschrift veröffentlichte Essay über die Revolutionärin Charlotte Corday war auch hier mit dabei. Der Rekurs auf die "Vorgängerin" lässt sich als Versuch lesen, sich mit der eigenen Person als historisches Subjekt in eine bestimmte Traditionslinie zu stellen, die Dittmar gleichzeitig mitgestaltet. Die aktuellen revolutionären Ereignisse wertete sie daher im Kontext dieses Verständnisses als Übersetzung der Idee in die Tat. Damit überschritt sie die Grenzen des vorherrschenden Geschlechtermodells, das solche eigenmächtigen Taten nicht für Frauen vorsah. Ihre Darstellung zog ihr den Unmut mehrerer Mitstreiterinnen zu, die zwar Beiträge für die Zeitschrift lieferten, aber sich an anderer Stelle von den radikalen Ideen Dittmars distanzierten.

Nach 1850 wurde es still um Louise Dittmar, sie veröffentlichte nicht mehr und lebte zurückgezogen in Darmstadt. Vier Jahre vor ihrem Tod zog sie, krank und finanziell erschöpft, nach Bessungen zu ihren zwei Nichten, wo sie am 11. Juli 1884 starb.

Literatur

Gabriele Käfer-Dittmar: Louise Dittmar (1807-1884). Unerhörte Zeugnisse. Justus von Liebig Verlag Darmstadt 1992.

Christine Nagel: "In der Seele das Ringen nach Freiheit" – Louise Dittmar. Helmer Verlag 2005.

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