Dossier Frauenbewegung

9.1.2009 | Von:
Dr. Susanne Hertrampf

Gertrud Scholtz-Klink

Die Akzeptanz des Dienens sah Gertrud Scholtz-Klink da gefährdet, wo Frauen sich mit emanzipatorischen Weiblichkeitsentwürfen der bürgerlichen Frauenbewegung identifizierten. Deshalb präsentierte sie diese als Sackgasse. Den Frauenrechtlerinnen warf sie vor, das "Frauentum" verraten zu haben, in dem sie die Frauen in die Parlamente geschickt hätten.

Dies sei eine falsche Gleichmacherei gewesen, die nur dazu geführt hätte, die Frau von sich selbst zu befreien. Folglich müssten es sich sowohl alte als auch neue Frauenführerinnen zur Aufgabe machen, "das ureigenste Selbst" der Frau – so wie es von den Nationalsozialisten verstanden wurde – zu fördern.

Gertrud Scholtz-Klink während der Frauenkundgebung auf dem Reichsparteitag der Arbeit 1937.Gertrud Scholtz-Klink während der Frauenkundgebung auf dem Reichsparteitag der Arbeit 1937.Bildnachweis (© AddF (Bild 25))
Gertrud Scholtz-Klink propagierte die nationalsozialistischen Weiblichkeitsentwürfe sowohl in zahlreichen Reden – vor einem Massenpublikum, aber auch in kleinen Kreisen wie bei ihren Auslandsreisen z.B. nach Italien, Schweden, Norwegen Finnland und England – als auch in ebenso zahlreichen Schriften, vor allem in der NS-Frauen-Warte, der Zeitschrift der NSF. Neben diesen Reden erfolgte auch eine praktische Unterweisung hinsichtlich der geschlechtsspezifischen Aufgaben der Frauen. So wurden in 150 Schulen der NSF Kurse über Hauswirtschaft, Hygiene, Kinderpflege, Erziehung und "nationalsozialistische Kultur" organisiert, um tausende von Frauen zur "nationalsozialistischen Mutter" auszubilden.

Die "kulturelle" Unterweisung orientierte sich an der nationalsozialistischen Deutung von dem was "erbgesund" und "rassenrein" sein sollte. Damit vermittelten Gertrud Scholtz-Klink und ihre Mitarbeiterinnen den Kursteilnehmerinnen, wer zur Volkgemeinschaft dazugehörte und wer ausgegrenzt werden müsse.

In der Retrospektive bewertete sie die Tätigkeit der NS-Frauenschaft wie folgt: "Unsere Aufgabe, die wir mit Bravour erfüllt haben, bestand darin, die nationalsozialistischen Ideale in das Leben aller Frauen – auch im kleinsten Dorf – hineinzutragen. " (Interview, in: Koonz, S. 47) Das Zahlenwort "alle" bezog sich auf Gesellschaftsschichten, nicht auf alle Frauen. Dass die NSF auch Frauen aus Randgebieten und Haushalten mit geringem Einkommen im Blick hatte, sah Gertrud Scholtz-Klink als soziale Leistung.

Mit diesem "sozialen" Engagement grenzte sie die nationalsozialistische Frauenbewegung auch gerne von der alten Frauenbewegung ab: "Keine Frauenbewegung war in solch arme Gebiete gekommen, um in nennenswertem Ausmaß schwesterlich Liebe, Herz und Wissen zu bringen. " (Die Frau im Dritten Reich, 1978, S. 155) Spätestens nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde deutlich, dass das "soziale" Engagement eine Krieg vorbereitende Maßnahme war.

Maßgeschneiderte Weiblichkeitskonzepte für die "Ruhe im Hinterland"

Dem dualistischen Geschlechterkonzept der Nationalsozialisten wurde im Zweiten Weltkrieg ein neues Begriffspaar zugefügt: die "Front" für den Mann und die "Heimatfront" für die Frau. Der Krieg machte es notwendig, dass die "deutsch/arische" Frau ihren "ureigensten" Bereich – die Familie – verließ. Als Bäuerin, Arbeiterin, Schaffnerin oder Wehrmachtsgehilfin sollte sie die Familie ernähren, die Ordnung in den Städten und Dörfern aufrecht halten und für gefüllte Munitionslager sorgen.

So konnte sich der Mann als Soldat ganz auf seine Pflichterfüllung an der Front konzentrieren. Gertrud Scholtz-Klinks Aufgabe war es, diesen Bruch mit den bisher propagierten Weiblichkeitsentwürfen plausibel zu machen. Schließlich sollten die "deutsch/arischen" Frauen jetzt "gegen ihre Natur" handeln.

Für diesen Zweck konstruierte sie das Bild der Frau als "Kämpferin" für die Nation und sprach von einer "höheren Verpflichtung": "Aus der Pflicht entwickelt sich auch für die Frau die höhere Verpflichtung und mit der höheren Verpflichtung die höhere Leistung und Einsatzbereitschaft. (...) Die von den Frauen erzogenen und für die Wehrmacht bereitgestellten Frauen sollen nicht nur tippen und arbeiten, sondern auch Soldaten des Führers sein". (Scholtz-Klink, 1943, zitiert in Wagner, S. 149)

Auch die Universitäten wurden wieder für Frauen geöffnet, solange sie, wie es Gertrud Scholtz-Klink 1937 ausdrückte, "die Ehre, den Stolz, die Haltung und das Ansehen Deutschlands so würdig verkörperten, wie die Nation es verlangen kann". (aus "Der schwedische und deutsche Mensch", 1937, zitiert in Livi, S. 178)

Diente ihr die bürgerliche Frauenbewegung am Anfang ihrer Amtszeit als negatives Beispiel, instrumentalisierte sie diese ab 1936 für ihr politisches Anliegen. So wurde Helene Lange (1848-1930), die sich vor allem für eine bessere Mädchenbildung eingesetzt hatte, von Gertrud Scholtz-Klink zur "großen Vorkämpferin für die Entfaltung und den Einsatz fraulicher Kräfte innerhalb der Gesamtaufgabe der Nation" (aus "Helene Lange", zitiert in Berger, S. 45) stilisiert.

Auch Verdrehungen scheute sie nicht: Das liberale Engagement von Louise Otto Peters (1819-1895) im Vormärz 1948/49 stellte sie als Engagement für ein "großdeutsches Reich" im Sinne der Nationalsozialisten dar. (aus "Die nationalen und sozialen Grundkräfte im Lebenswerk von Luise Otto-Peters", 1939, siehe Berger, S. 46)

Die Mobilisierung von Frauen für den Dienst an der Heimatfront hatte zur Folge, dass sich Gertrud Scholtz-Klink – neben Schulungen für Mütter und Hausfrauen – Anfang der 1940er Jahre auch für Gesetze zum Schutz erwerbstätiger Mütter einsetzte.

Dass sich die nationalsozialistischen Weiblichkeitsentwürfe als wandelbar erwiesen, d.h. sich an die entsprechenden politischen Erfordernissen anpassten, entlarvt, so die Pädagogikprofessorin Leonie Wagner, die "von den Nationalsozialistinnen behauptete "Natur" als Konstrukt". (Wagner, S. 149)

In den letzten Kriegstagen tauchte Gertrud Scholtz-Klink gemeinsam mit ihrem Mann August Heißmeyer unter falschen Namen unter. Erst 1948 wurden sie verhaftet und vom französischen Militärgericht für das führen falscher Pässe zu 18 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Erst im Januar 1949 wurde sie von der Tübinger Spruchkammer bezüglich ihrer politischen Tätigkeiten als "Reichsfrauenführerin" verhört.

Nachdem es zu Protesten gegen das milde Urteil aus dem Prozess im November 1949 kam, wurde über ihre Tätigkeit im Mai 1950 erneut verhandelt. Anstatt zwei Jahre erhielt Gertrud Scholtz-Klink diesmal drei Jahre Gefängnis. Ihr Gnadengesuch bewirkte, dass sie 1951 entlassen wurde.

Nach 1945: Präsentation der eigenen Biographie als in sich schlüssig

Bis zu ihrem Tod im Jahre 1999 lebte Gertrud Scholtz-Klink fast unbehelligt von der Öffentlichkeit. In Erinnerung brachte sie sich, als sie 1974 an einer Gesprächsrunde teilnahm, deren Inhalt in der Zeitschrift "Das III. Reich", herausgegeben von Christian Zenter, abgedruckt wurde. Sie selbst veröffentlichte 1978 alte Propagandatexte unter dem Titel "Die Frau im Dritten Reich".

In dem Buch "Mütter im Vaterland" der amerikanische Historikerin Claudia Koonz erschien 1981 ein Interview, dass die ehemalige "Reichsfrauenführerin" der Autorin gegeben hatte. In diesen Veröffentlichungen wird deutlich, dass sich in der Wahrnehmung und den Vorstellungen von Gertrud Scholtz-Klink – trotz der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen in der Zeit nach 1945 – nichts geändert hatte.

Sie, die das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück mit eigenen Augen gesehen hatte und als "Reichsfrauenführerin" regelmäßig mit führenden Männern der NSDAP zusammengetroffen war, wich allen Fragen bezüglich des Holocaust und des Terrors des nationalsozialistischen Systems aus. Rigoros blendete sie aus, dass Ausgrenzung und Terror auch deshalb möglich waren, weil sie mit der Nationalsozialistischen Frauenfront für die "Ruhe im Hinderland" gesorgt hatte.

Literatur

Berger, Christiane, "Reichsfrauenführerin" Gertrud Scholtz-Klink. Eine nationalsozialistische Frauenkarriere in Verlauf, Retrospektive und Gegenwart. Saarbrücken 2007.

Koonz, Claudia, Mütter im Vaterland – Frauen im Dritten Reich. Reinbek 1994.

Livi, Massimiliano, Gertrud Scholtz-Klink. Die Reichsfrauenführerin. Münster 2005. Scholtz-Klink, Gertrud, Die Frau im Dritten Reich. Tübingen 1978.

Wagner, Leonie, Nationalsozialistische Frauenansichten – Vorstellungen von Weiblichkeit und Politik führender Frauen im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1996.

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