Dossier Frauenbewegung

9.1.2009 | Von:
Dr. Susanne Hertrampf

Helge Pross

In Zusammenarbeit mit der Zeitschrift BRIGITTE, für die sie regelmäßig Kolumnen schrieb, erschien 1973 ihre zweite große Studie zur Benachteiligung von Frauen unter dem Titel "Gleichberechtigung im Beruf? Eine Untersuchung mit 7000 Arbeitnehmerinnen in der EWG". In dieser Studie dokumentierte Helge Pross, wie sich die soziale Ungleichheit im Berufsleben bzw. in der "außerhäuslichen Arbeit" von Frauen fortsetzte: Ansiedelung auf den unteren Positionen, weniger Fortbildungschancen, geringeres Einkommen, Doppelbelastung und Brüche in der Erwerbstätigkeit aufgrund der Familienarbeit, Teilzeitarbeit, geringere Aufstiegsmöglichkeiten, Abdrängung in so genannte "weibliche" Branchen.

Hinzukam, dass die meisten Frauen ihren Lebensentwurf schon früh an den zu erwartenden Familienpflichten ausrichteten. Somit konnte Helge Pross die im Titel gestellte Frage klar mit nein beantworten. Mit ihrem vergleichenden Ansatz machte sie zudem deutlich, dass die geschlechtsspezifische Ungleichheit kein westdeutsches, sondern ein europäisches Phänomen ist.

Aus ihrer Studie zog Helge Pross ferner den Schluss, dass die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, d.h. der Mann als Brotverdiener, die Frau als Fürsorgerin der Familie, ein zentraler Baustein des gegenwärtigen Wirtschaftssystems sei: "In keinem Land besteht ein manifestes Interesse an einer eingreifenden Veränderung der alten Arbeitsteilung. Anscheinend erfüllt die Familie in ihrer vorherrschenden Form mit besonderer Beanspruchung der Frauen die ihr zugewiesenen Funktionen der Kinderversorgung und -erziehung sowie des emotionalen Ausgleichs in einer für das Funktionieren des Industriesystems ausreichenden Manier." (Gleichberechtigung im Beruf?, 1973, S. 166)

Die ökonomischen Strukturen und die Dominanz traditioneller Vorstellungen vom Wesen der Frau führten dazu, dass eine Bewusstseinsveränderung nur schwerlich erreicht werden könne und folglich die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an außerhäuslichen Tätigkeiten noch in ferner Zukunft liegen würde.

Buchcover: Die Wirklichkeit der Hausfrau von Helge ProssBuchcover: Die Wirklichkeit der Hausfrau von Helge Pross
In ihrer dritten Studie von 1975 wandte sich Helge Pross den "Nur-Hausfrauen" zu. Wieder in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift BRIGITTE stellte sie in Bezug auf 1.200 nichterwerbstätige Ehefrauen folgende Fragen: Wie leben sie? Wie denken sie? Wie sehen sie sich selbst? Damit gab sie einer der größten Frauengruppen in Westdeutschland eine Stimme, und zwar zu einer Zeit, in der Hausarbeit mit Geringschätzung betrachtet wurde und Trägerinnen der Neuen Frauenbewegung die Erwerbstätigkeit der Frau mit Emanzipation gleichsetzten. Demgegenüber stellte Helge Pross in ihrer Einleitung sachlich fest: "Die Hausfrauen erfüllen Zuliefererdienste für die Erwerbsgesellschaft. (...) Ihr Arbeitsaufwand (...) ist annähernd so groß wie der Arbeitsaufwand in der Erwerbswirtschaft. Wie immer man die häuslichen Verrichtungen bewertet, Arbeit sind sie in jedem Fall. Trotzdem werden sie sozial nicht honoriert, weil sie keine Erwerbsleistung sind." (Die Wirklichkeit der Hausfrau, 1975, S. 14)

Anhand der Selbsteinschätzungen der Hausfrauen attestierte Helge Pross ihnen eine subjektive Zufriedenheit, die allerdings von der objektiven Benachteiligung und der finanziellen Abhängigkeit kontrastiert werde. Zudem gab sie zu bedenken, dass in Zukunft aus dem Gefühl der Zufriedenheit durchaus ein Gefühl der Unzufriedenheit werden könne, da jüngere Frauen in der Regel besser ausgebildet seien als ältere und Erwerbstätigkeit für sie selbstverständlicher sei.

Dieser Prognose stellte sie eine Vision entgegen, die ihrem Demokratieverständnis entsprach: "Erstrebenswert scheint ein Zustand, in dem Frauen und Männer mehr Möglichkeiten haben, ihre Daseinsweise oder die Formen der Verteilung von häuslichen und außerhäuslichen Pflichten freier zu wählen." (Gleichberechtigung im Beruf?, 1973, S. 172) Dafür definierte sie folgende gesellschaftspolitische Aufgaben: Eine "Entlastung der Frauen von Familienaufgaben durch familienergänzende außerhäusliche Einrichtungen ebenso wie durch umfassendere Hilfen der Männer; auf der anderen Seite die breitere und differenzierte Öffnung des Ausbildungs- und des Berufsbereichs. Bessere Möglichkeiten für Fort- und Anschlussausbildungen und ein vielfältigeres Angebot an qualifizierten Teilzeitstellen. " (Die Wirklichkeit der Hausfrau, 1975, S. 253f.) Was in ihrem Maßnahmenkatalog für "Neuerungen" fehlte, war ein flexibleres Arbeitszeitmodel für beide Geschlechter.

Frauenfragen betreffen die Gesellschaft und damit auch die Männer

1976 nahm Helge Pross die Berufung auf den Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Siegen an. In den kommenden Jahren erweiterte sie ihre wissenschaftliche Perspektive, indem sie – erneut in Kooperation mit der Zeitschrift BRIGITTE – "Selbstbilder" von Männern und deren Bilder von Frauen untersuchte. In dieser Studie, die 1978 unter dem Titel "Die Männer" erschien, machte sie deutlich, dass Frauenfragen in Beziehung zu Männerfragen stehen. Da die von der Frauenemanzipation hervorgerufenen Veränderungen die Strukturen der Familie berührten, berührten sie auch die Lebenssituation der Männer.

Zwar räumten die von Helge Pross befragten Männer den Frauen gleiche Rechte ein, aber die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung wurde von ihnen in keiner Weise in Frage gestellt. Einhellig würden sie die Meinung vertreten, Frauen sollten sich den Bedürfnissen der Familie unterordnen. In ihrem traditionellen Verständnis von "Männlichkeit" war Familienarbeit nicht vorgesehen und Vater zu sein spielte nur eine Nebenrolle. Die Erwerbstätigkeit war für sie das Synonym ihrer "Männlichkeit". Warum sollten sie die Geschlechterhierarchie ändern, so die Frage von Helge Pross, wenn die gegenwärtige Ordnung ihren Bedürfnissen entsprach? In den "Männerfragen" lag also ein Schlüssel, um die Zählebigkeit solcher Strukturen zu erklären, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen zum Problem machte.

Ihre Männerstudien konnte Helge Pross nicht mehr vertiefen, erlag sie doch 1984 – im Alter von nur 57 Jahren – einem Krebsleiden. Mit ihren Studien belegte sie eindrucksvoll, dass Frauen und Mädchen – im Unterschied zu Männern und Jungen– nach wie vor mit strukturellen Benachteiligungen zu kämpfen hatten, und zwar trotz gleicher Rechte. Gründe dafür fand sie in den traditionellen Konstruktionen von "Weiblichkeit" und "Männlichkeit". Die daraus abgeleiteten Verhaltensregeln und Erwartungen hätte die Mehrheit der Frauen und Männer derart verinnerlicht, dass ein Aufbrechen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung noch in weiter Ferne läge. Die ungleichen Wahl- und Handlungsmöglichkeiten hätten zur Folge, dass ein der Demokratie verpflichtetes Gemeinwesen – wie die BRD – die individuellen Neigungen und Fähigkeiten der Frauen nicht ausschöpfen könne.

Mit ihrem Forschungsinteresse an Frauen- und Männerfragen und den daraus resultierenden Erkenntnissen erscheint es nahe liegend, dass Helge Pross in direktem Kontakt zur alten und – mehr noch – zur neuen Frauenbewegung gestanden hätte. Tatsächlich hielt sie sich von beiden erstaunlich fern, wobei sie als Journalistin gelegentlich die politischen Aktionen der neuen Feministinnen kritisierte. Ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse flossen in die feministischen Debatten der 1970er und 1980er Jahre ein, ohne dass sich Helge Pross daran direkt beteiligte. Auch verließ die herausragende Soziologin die wissenschaftliche Institution nicht, um den Kampf für Chancengleichheit und neue Strukturen auf der Straße sowie der politischen Bühne fortzusetzen. Das übernahmen andere Frauen.

Literatur

Pross, Helge, Über die Bildungschancen von Mädchen in der Bundesrepublik. Frankfurt am Main 1969.

Dies., Gleichberechtigung im Beruf? Eine Untersuchung mit 7000 Arbeitnehmerinnen in der EWG. Frankfurt am Main 1973.

Dies., Die Wirklichkeit der Hausfrau. Die erste repräsentative Untersuchung über nichterwerbstätige Ehefrauen. Reinbek 1975.

Tegeler, Evelyn, Frauenfragen sind Männerfragen. Helge Pross als Vorreiterin des Gender- Mainstreaming. Opladen 2003.

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