Dossier Frauenbewegung

3.2.2009 | Von:

Christa Wolf

Mit der so genannten Biermann-Affäre änderte sich das Leben der Familie Wolf. Wolf Biermann wurde während einer Reise in die BRD 1976 aus der DDR ausgebürgert. Christa und Gerhard Wolf und viele andere Künstlerinnen und Künstler der DDR protestierten gegen diese Ausbürgerung. Gerhard Wolf wurde aus der SED ausgeschlossen, Christa Wolf wurde gerügt, die seit 1965 stattfindende Überwachung der Familie drastisch verstärkt. Ein Jahr später verließ die resignierte Autorin den Vorstand des Schriftstellerverbandes der DDR.

Dieser Bruch wirkte lange nach und führte Christa Wolf in ihrem Schreiben zurück in die Geschichte, zuerst zum "Projektionsraum Romantik", dann weiter in die antiken Mythen und zu zentralen Frauengestalten der Antike wie Kassandra und Medea. In dem Essayband "Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht. Projektionsraum Romantik" aus dem Jahr 1985 erklärt sie die Gründe für diese Suche:

"Wo hat sie eigentlich angefangen, diese entsetzliche Gespaltenheit der Menschen und der Gesellschaft? (...) Gleichzeitig wird damit auch das weibliche Element aus der Gesellschaft herausgedrängt; das ist ein Prozeß, der aber schon viel früher angefangen hat. (...) Dieses ins Extrem getriebene Zum-Außenseiter-gemacht-Werden, das, was ich an mir existentiell erfuhr: das wollte ich befragen, natürlich auch, um mich davon distanzieren zu können." (Böthig, Christa Wolf – Eine Biographie in Bildern und Texten, 2004, S. 112)

Diese intensive Arbeit an gesellschaftlichen Fragestellungen mündete in mehrere Romane und Essaybände, die Christa Wolf endgültig als bedeutende Autorin etablierten. "Kein Ort. Nirgends" (1979), "Karoline von Günderrode. Der Schatten eines Traumes" (1979), "Kassandra" (1983), "Die Dimension des Autors" (1986) und als Nachklang "Medea" (1996) lösten Diskussionen aus und erfuhren eine breite internationale Rezeption. Zahlreiche Lesereisen, die wichtigsten Literaturpreise, Mitgliedschaften in den Akademien folgten, es blieb kaum Zeit für private Dinge. 1989 kam der nächste radikale Einschnitt: Mit dem Ende der DDR und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten änderte sich erneut alles. Christa Wolf reagierte wieder mit einem Buch und veröffentlichte "Was bleibt", bereits 1979 geschrieben. Darin geht es um eine Schriftstellerin, die der Überwachung durch die Staatssicherheit ausgesetzt ist. In den westdeutschen Medien wurde sie daraufhin zum Exempel gemacht für eine DDR-Literatur, mit der nun – nach dem Scheitern des Sozialismus – abgerechnet wurde. Dies überschnitt sich mit der Information, dass Christa Wolf von 1959 bis 1962 als "IM Margarete" bei der Staatssicherheit vermerkt war. Die Autorin reagierte, indem sie ihre Akte als Buch herausgab, was jedoch kaum zur Kenntnis genommen wurde. Die Angriffe gegen sie in diesem so genannten "Literaturstreit" erwiesen sich als haltlos und gerieten zur Polemik gegen das Staatssystem DDR und alles, was diesen Staat ausgemacht hatte: seine Geschichte und Geschichtsdeutung, Kunst und Literatur.

Christa Wolf ließ sich dadurch nicht entmutigen. Sie schrieb weiter, mischte sich politisch ein und natürlich veröffentlichte sie auch weiterhin, u. a. die Briefwechsel mit Anna Seghers, Brigitte Reimann und Franz Fühmann. Ein wichtiges Buch wurde "Ein Tag im Jahr. 1960-2000" (2003), außerdem Essays und Reden der 1990er Jahre, sowie die Erzählung "Leibhaftig" (2002). Christa Wolf starb am 1. Dezember 2011 in Berlin.

"Wenn ich spüre, daß das Schreiben blockiert ist, weiß ich aus Erfahrung, daß ich nicht genügend an mich herangegangen bin. Daß ich nicht genügend offen zu mir selber bin. Daß ich diese Widerstände zu sehr respektiere und zu wenig dagegen angehe. " (Koelbl, Im Schreiben zu Haus, 1998, S. 241)

Literatur

Herlinde Koelbl: Im Schreiben zu Haus. Wie Schriftsteller zu Werke gehen. Fotografien und Gespräche. München, Knesebeck 1998.

Peter Böthig (Hg.): Christa Wolf – Eine Biographie in Bildern und Texten. München, Luchterhand 2004.

Jörg Magenau: Christa Wolf – Eine Biographie. Berlin, Kindler 2002.

Sonja Hilzinger: Christa Wolf. Leben, Werk, Wirkung. Frankfurt/Main, Suhrkamp 2007.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 2.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Freigabe der Anti-Baby-Pille, gleicher Lohn für gleiche Arbeit und Abschaffung des Paragraphen 218: Die Forderungen der Neuen Frauenbewegung waren vielfältig. Doch zunächst mussten Frauen innerhalb der Protestbewegung selbst gegen machohaftes Verhalten und männliche Machtstrukturen kämpfen.

Mehr lesen

Online-Angebot

Nigel Coles Sozialkomödie erinnert an den Streik in Dagenham 1968, als erstmals in der britischen Geschichte Frauen für ihre Rechte kämpften. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

Mehr lesen auf kinofenster.de